Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KULTURKAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHA­EL PRÜLLER

Ent­dra­ma­ti­sie­ren. Könn­te man bit­te aus der Wahl­ver­schie­bung kein Drama ma­chen! Die sich im Po­pu­lis­mus of­fen­ba­ren­de Mas­sen­frus­tra­ti­on ist ja nicht schuld an der Wahl­kar­ten­dru­cke­rei.

Wenn ei­nes un­se­rer Kin­der we­gen ei­ner klei­nen Ver­let­zung ein gro­ßes Drama ver­an­stal­ten woll­te, muss­ten wir meis­tens nur fra­gen: „Ist al­les vol­ler Blut? Liegst du im Ster­ben? Müs­sen wir so­fort die Ret­tung ru­fen?“– und das Thea­ter war vor­bei, die Wun­de bald ver­sorgt. Ent­dra­ma­ti­sie­rung – so et­was hät­te ich gern auch in der ös­ter­rei­chi­schen Po­li­tik.

Was ist da­bei, dass wir die Prä­si­den­ten­wahl we­gen feh­ler­haf­ter Ku­verts ver­schie­ben? Macht uns das arm? Be­schert es un­zu­mut­ba­re An­stren­gun­gen? Shit hap­pens – na und? Wenn nur al­les so ein­fach in Ord­nung zu brin­gen wä­re wie die Fol­gen auf­klaf­fen­der Wahl­ku­verts. Na­tür­lich lacht das Aus­land über uns, aber was da­durch be­schä­digt wird, ist nur un­se­re Ei­tel­keit. Ös­ter­reichs Er­folg hängt da­von nicht ab. Im­mer­hin ver­su­chen wir end­lich, un­se­re Wahl­gän­ge sau­ber zu hal­ten. Wenn man denkt, wie viel da frü­her fol­gen­los ge­schlampt wur­de, kann man so­gar sa­gen: Noch nie wa­ren wir so we­nig Ba­na­nen­re­pu­blik wie heu­te.

Wir ma­chen ein Drama dar­aus, dass wir et­was spä­ter wäh­len sol­len – da­bei er­le­ben wir ge­ra­de wirk­lich dra­ma­ti­sche Ver­schie­bun­gen der Wäh­ler­schaf­ten. In Meck­len­burg-Vor­pom­mern et­wa ha­ben ver­gan­ge­nen Sonn­tag die lin­ken Par­tei­en 23 Pro­zent ih­rer Wäh­ler an die AfD ver­lo­ren, Mer­kels CDU 17 Pro­zent. Um­fra­gen zei­gen aber – in Deutsch­land wie hier und an­ders­wo –, dass vie­le Men­schen, die Po­pu­lis­ten wäh­len, sie gar nicht als Re­gie­ren­de ha­ben wol­len. Sie wäh­len in ers­ter Li­nie nicht, um je­man­den in die Chef­po­si­ti­on zu he­ben, son­dern, um an­de­ren weh­zu­tun, Rech­nun­gen zu be­glei­chen, Ohr­fei­gen aus­zu­tei­len. Wie der Selbst­mör­der wis­sen sie, dass sie sich da­mit letzt­lich selbst am meis­ten scha­den, aber sie ha­ben kein an­de­res Mit­tel, ih­re Be­lei­di­ger ab­zu­stra­fen. Ein un­heim­li­cher Aus­druck von Mas­sen­frus­tra­ti­on, mit­ten in ei­ner Zeit des Mas­sen­wohl­stands!

An­ge­sichts die­ser emo­tio­na­len Straf­ex­pe­di­tio­nen an die Wahl­ur­ne ist ei­ne Ver­schie­bung we­gen ei­nes tech­ni­schen Ge­bre­chens ei­ne ge­ra­de­zu wohl­tu­en­de Ver­sach­li­chung. Na­tür­lich wä­re jetzt auch ei­ne gu­te Ge­le­gen­heit, un­ser Wahl­sys­tem zu er­neu­ern. Es gibt Sys­te­me, die den Wäh­ler­wil­len deut­lich bes­ser ab­bil­den als ei­ne Stich­wahl. Und die Wahl­kar­ten, ein brei­tes Tor für Ma­ni­pu­la­ti­on, soll­te man am bes­ten gleich ab­schaf­fen. Wir brauch­ten mehr Ent­dra­ma­ti­sie­rer. Viel­leicht könn­te man ja den Bun­des­prä­si­den­ten spe­zi­ell mit die­ser Funk­ti­on be­auf­tra­gen. Prä­si­den­ten­los, wie wir ge­ra­de sind, wä­re das al­ler­dings jetzt auch wir­kungs­los. Um Him­mels wil­len, wie soll das nur gut ge­hen!!! Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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