DAS FES­TI­VAL

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

den Ru­in ge­trie­ben wird, ge­nau wie kürz­lich sein Ar­beits­lo­sen­dra­ma „Der Wert des Men­schen“: als Ab­fol­ge in­ti­mer, na­tu­ra­lis­ti­scher Dia­log­sze­nen. Wie „Ja­ckie“ist „Une vie“ge­spickt mit ab­rup­ten Vor- und Rück­blen­den, doch sein zen­tra­ler Kunst­griff ist die Aus­las­sung – die Emo­ti­on liegt in der ver­lo­re­nen Zeit zwi­schen den Bil­dern.

Um ei­ne leid­ge­prüf­te Frau geht es auch in „Pa­ra­di­se“: Ei­ne Rus­sin (Julia Vy­sots­ka­ya) be­her­bergt im ok­ku­pier­ten Frank­reich jü­di­sche Kin­der und wird da­für in ein Ver­nich­tungs­la­ger de­por­tiert. Der sprö­de, sti­li­sier­te Film lässt sei­ne ty­pen­haf­ten Haupt­fi­gu­ren – dar­un­ter ein SS-Kom­man­dant – in Zwi­schen­sze­nen Auf­nah­me­ge­sprä­che fürs Jen­seits füh­ren. Als schul­meis­ter­li­ches Gleich­nis über Gut und Bö­se stößt das Drama an die Gren­zen der Ba­na­li­tät, er­reicht aber dank der ex­ak­ten Mi­se­en-sce­ne` des rus­si­schen Re­gie­ve­te­ra­nen And­rei Kont­scha­low­sky fast wie­der ei­ne Art un­schul­di­ger Er­ha­ben­heit.

Ähn­lich ver­hält es sich mit Ter­rence Malicks mo­nu­men­ta­lem Es­say­film „Voya­ge in Ti­me“. Der Ki­noP­ries­ter zeich­net da­rin mit ge­wohn­ter Schöp­fungs­ehr­furcht die Ent­ste­hung der Welt nach, vom Ur­knall übers Ur­sup­pen­ge­wu­sel bis zum frü­hen Men­schen. Lei­der wirkt das lang gä­ren­de Her­zens­pro­jekt trotz atem­be­rau­ben­der Bild­ge­walt wie ein blo­ßes Ad­den­dum zur Kos­mo­lo­gie­se­quenz aus Malicks Can­nes-Sie­ger „Tree of Li­fe“, und die Ton­spur (Klas­sik-Over­kill, Ca­teBlan­chett-Ge­bets­müh­le) stellt selbst ei­ser­ne Apo­lo­ge­ten des Re­gis­seurs auf die Pro­be. Meis­ter des lang­sa­men Er­zäh­lens. Iro­ni­scher­wei­se ist „Voya­ge in Ti­me“trotz­dem Malicks zu­gäng­lichs­tes Werk – die Imax-Aus­wer­tung ei­ner Kurz­fas­sung ist ge­plant. Auch Lav Diaz, der phil­ip­pi­ni­sche Meis­ter des lan­gen und lang­sa­men Er­zäh­lens, hat mit „The Wo­man Who Left“ei­nen „nur“knapp vier­stün­di­gen, für sei­ne Ver­hält­nis­se re­la­tiv kom­pak­ten und nah­ba­ren Film ge­macht. Die tra­gi­sche Ra­che­ge­schich­te in ste­chen­dem Chia­ros­cu­ro kann fast als Gen­re­stück be­zeich­net wer­den, spielt aber 1997 und ist wie im­mer bei Diaz auch als Kom­men­tar auf die his­to­ri­schen Ver­wer­fun­gen sei­ner Hei­mat zu ver­ste­hen. Ex­pli­zit in der so­zi­o­po­li­ti­schen Ge­gen­wart ih­rer Her­kunfts­län­der ver­an­kert wa­ren ei­gent­lich nur die la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Wett­be­werbs­bei­trä­ge, „El Cris­to cie­go“aus Chi­le – ei­ne zum Teil mit Lai­en­dar­stel­lern ge­dreh­te Pas­si­ons­ge­schich­te um ei­nen jun­gen Hin­ter­hof­pro­phe­ten in der Glau­bens­kri­se – und „La re­gi­on´ sal­va­je“, ei­ne mit Hor­ror- und Sci­fiE­le­men­ten ge­würz­te Pa­ra­bel über die re­pres­si­ve Se­xu­al­mo­ral der me­xi­ka­ni­schen Ge­sell­schaft. Nicht, dass sie das au­to­ma­tisch bes­ser macht: Na­tür­lich er­zäh­len auch His­to­ri­en­fil­me et­was über die Jetzt­zeit. „Aus­ter­litz“au­ßer Kon­kur­renz. Sel­te­ner kommt vor, dass ein Fil­me­ma­cher un­se­re ak­tu­el­le Be­zie­hung zur Ver­gan­gen­heit un­ter die Lu­pe nimmt. Eben das macht Ser­gei Loz­nitsa in sei­nem au­ßer Kon­kur­renz ge­zeig­ten Dokumentarfilm „Aus­ter­litz“: Da­rin mon­tiert er Auf­nah­men aus Ge­denk­stät­ten wie Dach­au und Sach­sen­hau­sen zu ei­nem kom­men­tar­lo­sen, sug­ges­ti­ven und zu­tiefst be­un­ru­hi­gen­den Trak­tat über den Un­ter­gang ei­ner Er­in­ne­rungs­kul­tur in Tou­ris­mus­strö­men der In­dif­fe­renz: Wenn der Sel­fie vorm Kre­ma­to­ri­um zur Selbst­ver­ständ­lich­keit wird, scheint das „En­de der Ge­schich­te“tat­säch­lich er­reicht zu sein.

In Ve­ne­dig

star­te­ten bei den 73. Film­fest­spie­len 20 Fil­me im Wett­be­werb.

Kon­kur­renz

macht dem Fes­ti­val das To­ron­to In­ter­na­tio­nal Film Fes­ti­val. Der Ve­ne­dig-Ab­schluss­film – An­toi­ne Fu­quas Wes­tern-Re­make „Die glor­rei­chen Sie­ben“– er­öff­ne­te heu­er das TIFF in To­ron­to.

Im Ren­nen

um den Gol­de­nen Lö­wen wa­ren dies­mal u. a. „Ja­ckie“– ein os­car­taug­li­ches Hol­ly­wood-De­büt des Chi­le­nen Pa­blo Lar­ra´ın, Ter­rence Malicks Schöp­fungs­Ver­fil­mung „Voya­ge in Ti­me“, Fran¸cois Ozons Schwarz-Wei­ßMe­lo­dram „Frantz“und „The Wo­man Who Left“des phil­ip­pi­ni­schen Re­gis­seurs Lav Diaz.

Au­ßer Kon­kur­renz

lief Ser­gei Loz­nits­as Dokumentarfilm „Aus­ter­litz“, ein be­un­ru­hi­gen­des Trak­tat über den Un­ter­gang ei­ner Er­in­ne­rungs­kul­tur und Sel­fies vor dem Kre­ma­to­ri­um.

Ter­rence Malicks »Voya­ge in Ti­me« zeich­net die Ent­ste­hung der Welt nach.

St´epha­nie Bran­chu

Natalie Port­man gibt für Pa­blo Lar­ra´ın die be­rühm­tes­te First La­dy der USA: „Ja­ckie“.

Film­fes­ti­val Ve­ne­dig

Ei­ne Pas­si­ons­ge­schich­te aus Chi­le: „El Cris­to cie­go“.

Film­fes­ti­val Ve­ne­dig

Ex­akt in­sze­niert: „Pa­ra­di­se“von A. Kont­scha­low­sky.

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