Rast­los un­ter­wegs auf den Plan­ken der Welt

Re­gis­seur Duˇ­san Da­vid Paˇr´ızek wag­te sich aufs »Nar­ren­schiff«, fiel nicht über Bord – aber bei­na­he.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON BAR­BA­RA PETSCH

Wi­ens Volks­thea­ter ei­fert dem deut­schen Stadt­thea­ter nach. Tei­le des Pu­bli­kums seh­nen sich eher nach ei­nem wie­ne­ri­schen Vor­stadt­thea­ter. Et­wa drei St­un­den mit Pau­se dau­er­te Frei­tag­abend die Urauf­füh­rung der sze­ni­schen Fas­sung des Ro­mans „Das Nar­ren­schiff“von der Texa­ne­rin Ka­the­ri­ne An­ne Por­ter (1890–1980).

Das Buch, ein „Zie­gel“von über 700 Sei­ten (Ma­nes­se-Ver­lag), be­ruht auf Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen der Au­to­rin wäh­rend ei­ner At­lan­tik­über­que­rung 1931 und er­schien 1962. Grob ge­sagt schil­dert der Ro­man die Ver­ro­hung der Zi­vi­li­sa­ti­on, die dem Krieg vor­an­geht. Die Fi­gu­ren, ein­ge­schlos­sen in sich und auf dem Schiff, dre­hen durch. Frau Otto Schmitt (Bet­ti­na Ernst) hat ih­ren Mann im Ers­ten Welt­krieg ver­lo­ren, es blieb ihr ein Ba­by. Sie lebt in der Er­in­ne­rung, träumt von der Be­frei­ung durch ei­ne neue „gro­ße Zeit“, das plär­ren­de Kind nervt sie. Fei­nes En­sem­ble. Sieg­fried Rie­ber (Rai­ner Gal­ke), Her­aus­ge­ber ei­ner Mo­de­zeit­schrift, ist ein Ma­cho und lu­pen­rei­ner Na­zi. Er um­wirbt die jun­ge, eben­falls in der Mo­de­bran­che tä­ti­ge Liz­zi Spöcken­kie­ker (Seyneb Sal­eh); sie wä­re ei­ne idea­le Ge­fähr­tin, auch ideo­lo­gisch, lei­der ist Rie­ber ver­hei­ra­tet. Sei­ne Si­tua­ti­on er­in­nert an ei­nen EAV-Song: „Hin­ter mir steht mei­ne Frau/sie­ben Kin­der/und a Hund/al­so ciao!“Rie­ber ist ein Mau­lauf­rei­ßer. Müss­te Gal­ke nicht ei­ne Mes­se ze­le­brie­ren, was ge­schmack­los ist, aber kei­nen auf­regt – Pro­vo­ka­ti­on funk­tio­niert heu­te ein­fach nicht mehr –, wä­re er er­neut phä­no­me­nal.

Ähn­li­ches gilt für Ste­fa­nie Rein­sper­ger als spa­ni­sche Aris­to­kra­tin La Con­de­sa, ei­ne po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne, die um ih­re in Me­xi­ko zu­rück­ge­blie­be­nen Kin­der weint und sich mit Ät­her be­täubt. Rein­sper­ger ist sehr laut und for­ciert dies­mal zu stark – was ihr wohl der Re­gis­seur auf­ge­tra­gen hat. Denn es sind Kunst­fi­gu­ren auf der Büh­ne. Es ist ei­ne die­ser Auf- füh­run­gen, bei de­nen man das Ge­fühl hat, Re­gie und Ak­teu­re er­ge­ben sich dem L’art pour l’art. Sie ma­chen, was ih­nen ge­ra­de ein­fällt. Manch­mal ist es sehr tref­fend, manch­mal ge­die­gen und manch­mal fürch­ter­lich. Das liegt auch an Ma­dame Por­ter, die hoch­nä­sig, vol­ler Vor­ur­tei­le (der Ame­ri­ka­ne­rin ge­gen­über Eu­ro­pa) und mit Ab­scheu auf ih­re Mann­schaft schaut: Der Deut­sche ist ein Teu­fel. Der Ju­de ein ra­bia­ter Ge­schäfts­mann. Und die Skla­ven im Un­ter­deck? Ab­schaum. Da­bei ver­meh­ren sie sich wie die Rat­ten. Es ist zu be­fürch­ten, dass Por­ters An­sich­ten heu­te bei gar nicht so we­ni­gen Leu­ten über­all in der Ge­sell­schaft Bei­fall fin­den wür­den. Bes­ti­en. Die Skla­ven, Ar­men oder Asy­lan­ten im Un­ter­deck, das sind üb­ri­gens wir, das Pu­bli­kum, das im­mer wie­der di­rekt an­ge­spro­chen wird. In brei­tem Dia­lekt, den deut­sche Schau­spie­ler un­ge­fähr so gut be­herr­schen wie Ös­ter­rei­cher Ber­li­ne­risch. Dem­ent­spre­chend doof klingt es, und das soll es wohl auch. Schlim­mer ist, dass man die Dia­lo­ge teil­wei­se nicht ver­steht. Im­mer­hin, pha­sen­wei­se wird sicht­bar, was Parˇ´ızek woll­te: Er zeigt ei­ne Ge­sell­schaft, rast­los un­ter­wegs auf den un­si­che­ren Plan­ken die­ser Welt, im­mer wie­der geht ei­ner über Bord, oder gleich ei­ne gan­ze Mas­se. Kei­ner küm­mert sich, je­der ist mit sich be­schäf­tigt, mo­no­lo­gi­siert vor sich hin und macht sich aus dem Staub, so­bald der an­de­re ant­wor­tet: Wie An­ja Her­den als Mitt­vier­zi­ge­rin Ma­ry Tre­ad­well, die sich nach Sex, Spaß, Aben­teu­er, Lie­be sehnt. Als Frau Schmitt Ma­ry ihr Leid schil­dert, drückt die­se sie kurz an die Brust und schiebt sie wie­der weg. Bei die­sen Leu­ten könn­te ein To­ter auf dem Deck lie­gen, sie wür­den mit ih­ren Bier­fla­schen an ihm vor­über­ge­hen. Be­keh­rung! In die­ser Um­ge­bung hat es der Schiffs­arzt, der den ab­we­sen­den Ka­pi­tän ver­tre­ten muss (statt Gott ein Dok­tor, wie stim­mig), schwer. Os­kar Wer­ner spiel­te in St­an­ley Kra­mers be­rühm­tem Film 1962 die Rol­le. Mit die­sem Klas­si­ker hat Parˇ´ızeks Thea­ter nichts zu tun. In­so­fern ist die Auf­füh­rung nicht schlecht, sie ist eben nicht aus Hol­ly­wood, son­dern von heu­te. Der Dok­tor ist auch hier ei­ne der mar­kan­tes­ten und be-

Stamp­fen, Schrei­en und die Pro­vo­ka­ti­on üben, die al­ler­dings heu­te ver­pufft. Die Zu­schau­er sind in der Rol­le von Skla­ven, Ar­men oder Asy­lan­ten ein­be­zo­gen.

rüh­rends­ten Fi­gu­ren, der gran­dio­se Micha­el Abend­roth spielt ihn, ein Mensch un­ter Bes­ti­en und Ego­ma­nen. Wil­helm Frey­tag (Ga­bor´ Bie­der­mann) und Ju­li­us Lö­wen­thal (Lu­kas Holz­hau­sen) wer­den an den Kat­zen­tisch ver­bannt, weil sie Ju­den sind, ob­wohl Frey­tag nur ei­ne jü­di­sche Frau hat. Kat­ha­ri­na Klar ent­zückt er­neut als an­ar­chi­sche Künst­le­rin Jen­ny Brown, die ein bi­zar­res Por­trät ih­rer selbst mit kah­lem Kopf auf die Lein­wand wirft – und als fre­cher Punk die Ers­te Klas­se heim­sucht.

„Das Nar­ren­schiff“be­ruht auf ei­ner ge­witz­ten Moral­sa­ti­re Se­bas­ti­an Brants aus dem Jahr 1494. Von et­was plat­tem Sen­dungs­be­wusst­sein ist hin­ge­gen die­se zeit­ge­nös­si­sche Mo­ri­tat durch­drun­gen. „Den Neo­na­zis wird das nicht ge­fal­len“, mein­te ein Be­su­cher. Wahr­schein­lich wer­den sie aber auch nicht hin­ein­ge­hen. Im Thea­ter sit­zen ja meist „die Gu­ten“.

Sein recht span­nen­des Kon­zept ei­nes Clus­ters, ei­nes Schwarms ent­glei­tet Parˇ´ızek im­mer wie­der, manch­mal schaut die Pro­duk­ti­on aus wie ein schwa­cher Martha­ler. Wenn das Volks­thea­ter die „Crowd“lo­cken will, muss es sich ver­mut­lich et­was an­de­res ein­fal­len las­sen als der­glei­chen brech­ti­schen Be­keh­rungs­fu­ror.

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