Al­tern­der Kon­ti­nent der Klein­mü­ti­gen

Po­li­ti­sche Ener­gie ist in Eu­ro­pa nur noch mess­bar, wenn es dar­um geht, et­was zu ver­hin­dern, wie die Frei­han­dels­ab­kom­men mit den USA oder Ka­na­da. Im De­struk­ti­ven aber liegt kei­ne Kraft.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON CHRIS­TI­AN ULTSCH

Un­be­grün­de­ter Über­schwang und plan­lo­se Be­geis­te­rung schla­gen rasch in Ent­täu­schung um. Wer leicht­fer­tig na­iv-eu­pho­ri­sche Slo­gans ver­brei­tet, die gro­ßen Ver­spre­chen aber nicht ein­lö­sen kann, ern­tet bin­nen kür­zes­ter Zeit Miss­mut und Zorn. Ba­rack Oba­mas „Yes, we can“klingt acht Jah­re spä­ter wie ein fer­nes Echo aus ei­ner ver­sun­ke­nen Welt nach, als man noch an Heils­brin­ger glaub­te. Und die Halb­werts­zeit von An­ge­la Mer­kels „Wir schaf­fen das“war an­ge­sichts ih­res of­fen­sicht­li­chen Kon­troll­ver­lusts in der Flücht­lings­kri­se wohl noch ge­rin­ger.

Doch ganz oh­ne Zu­ver­sicht wird Eu­ro­pa sei­ne Her­aus­for­de­run­gen auch nicht meis­tern kön­nen. Der­zeit re­gie­ren Klein­mut und Ver­zagt­heit den Kon­ti­nent, nicht zu­letzt in Ös­ter­reich. Mess­ba­re po­li­ti­sche Ener­gie wird in dem ne­ga­tiv ge­pol­ten Um­feld meist nur noch dann frei­ge­setzt, wenn es dar­um geht, et­was zu ver­hin­dern. Da­vor scheint auch Ös­ter­reichs neu­er Bun­des­kanz­ler nach nur we­ni­gen Mo­na­ten im Amt nicht ge­feit. Au­ßen­po­li­tisch trat er bis­her vor­wie­gend als Blo­ckie­rer in Er­schei­nung, als Be­für­wor­ter ei­nes Ab­bruchs der EU-Ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei und als Geg­ner der EU-Frei­han­dels­ab­kom­men mit Ka­na­da (Ce­ta) und den USA (TTIP). Bei­de Po­si­tio­nen sind po­pu­lär, aber nur ei­ne ist nach­voll­zieh­bar: Ein Bei­tritt der Tür­kei wä­re für die EU in ab­seh­ba­rer Zeit nicht ver­kraft­bar, we­der po­li­tisch noch wirt­schaft­lich. Bei Ce­ta ver­hält es sich an­ders: War­um sich der Re­gie­rungs­chef ei­nes ex­port­ab­hän­gi­gen Lan­des in letz­ter Mi­nu­te nach sie­ben Jah­ren Ver­hand­lun­gen ge­gen ein Han­dels­ab­kom­men stemmt, das Wachs­tum und Ar­beits­plät­ze bringt, ent­zieht sich ei­ner ra­tio­na­len Er­klä­rung. Wä­re es nicht ver­ant­wor­tungs­vol­ler, Über­zeu­gungs­ar­beit zu leis­ten, an­statt Ängs­te zu schü­ren? Ma­ni­sche Ab­wehr. Eu­ro­pa – auch Ös­ter­reich – zeigt Sym­pto­me al­tern­der Ge­sell­schaf­ten, die sich vor tech­no­lo­gi­schem, wirt­schaft­li­chem und so­zia­lem Wan­del fürch­ten. So­wohl bei Ce­ta als auch bei TTIP ist ga­ran­tiert, dass eu­ro­päi­sche Stan­dards nicht un­ter­schrit­ten wer­den. Das än­dert trotz­dem nichts an der gera­de­zu ma­ni­schen Ab­wehr der Ab­kom­men. Auf Dau­er wer­den die­ser über­bor­den­de Be­wah­rungs­drang und die­se ab­leh­nen­de Grund­hal­tung zum Still­stand füh­ren. Ge­mein­we­sen, die im Neu­en im­mer zu­erst die Ge­fahr se­hen, sta­gnie­ren fast zwangs­läu­fig. Da müss­ten Mut­ma­cher und Er­klä­rer an der Spit­ze der Staa­ten ste­hen.

Nein, Eu­pho­ri­ker wä­ren nicht ge­fragt, sehr wohl aber Op­ti­mis­ten, die ver­nünf­ti­ge We­ge wei­sen – mit kla­ren Zie­len und de­fi­nier­ten Etap­pen. Der jüngs­te EU-Gip­fel in Bra­tis­la­va gibt dies­be­züg­lich wi­der Er­war­ten Hoff­nung. Dies­mal ver­such­ten die EU-Gran­den gar nicht erst den gro­ßen Wurf, die in­sti­tu­tio­nel­len Re­for­men nach dem Br­ex­it. Sie be­gnüg­ten sich mit kon­kre­ten Vor­ha­ben, um die EU-Au­ßen­gren­ze zu schüt­zen, die Mi­gra­ti­ons­kri­se in den Griff zu be­kom­men, die Ter­ror­ge­fahr zu sen­ken und die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit zu be­kämp­fen. Das ist ein nüch­ter­nes Pro­gramm, aber mach­bar.

Im De­struk­ti­ven liegt kei­ne Kraft. Es wä­re hilf­reich, wenn Po­li­ti­ker für das Ge­stal­ten ei­ne eben­so gro­ße Lei­den­schaft auf­bräch­ten wie für das Ver­hin­dern.

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