»Der Staat ist kein schlan­kes Reh­l­ein«

Bun­des­kanz­ler Chris­ti­an Kern ver­tei­digt sei­nen Vor­stoß für mehr staat­li­che In­ves­ti­tio­nen in Eu­ro­pa. Die ÖVP for­dert er auf, ih­re Pro­pa­gan­da ein­zu­stel­len und ei­ne in­halt­li­che Dis­kus­si­on zu füh­ren.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON RAI­NER NO­WAK UND MAR­TIN FRITZL

In ei­nem viel be­ach­te­ten Bei­trag für die „FAZ“ha­ben Sie ei­ne Ab­kehr von der Spar­po­li­tik in Eu­ro­pa ge­for­dert. Die­se Spar­po­li­tik se­hen wir ei­gent­lich nicht. Chris­ti­an Kern: Die Staa­ten, die man ge­mein­hin als ka­pi­ta­lis­tisch be­zeich­net, wie die USA und Groß­bri­tan­ni­en, ha­ben auf die Kri­se mit gro­ßen In­ves­ti­ti­ons­pro­gram­men re­agiert. Sie ha­ben ein Mo­men­tum mit­ge­nom­men, in­dem sie hö­he­res Wachs­tum ha­ben. Aber es ha­ben doch prak­tisch al­le eu­ro­päi­schen Län­der ih­re Ver­schul­dung er­höht. Das war ei­ne Kon­se­quenz der Wirt­schafts­kri­se und Ban­ken­ret­tung. Ös­ter­reich ist auf ei­nem Weg der De­fi­zit­re­duk­ti­on, da­zu be­ken­nen wir uns auch. Wir ha­ben uns auf ei­nen Pfad fest­ge­legt, der uns un­ter 80 Pro­zent führt, dar­an hal­ten wir auch fest. So­li­de Staats­fi­nan­zen sind wich­tig. Aber dar­aus das ein­zi­ge Po­li­tik­ziel zu ma­chen, ist zu kurz ge­grif­fen. Be­schäf­ti­gungs­zie­le müs­sen min­des­tens gleich wich­tig sein. Der Staat muss mit sei­nen In­ves­ti­tio­nen den An­stoß ge­ben? Mein Cre­do ist: Ver­zah­nen wir öf­fent­li­che und pri­va­te In­ves­ti­tio­nen. Der An­stoß muss vom Staat kom­men. Aber das muss man in­tel­li­gent jus­tie­ren, da­mit wir pri­va­te Fol­ge­ef­fek­te ha­ben. Die Idee war ja nie, die Staats­ver­schul­dung zu­guns­ten des Kon­sums zu er­hö­hen. Die von Ih­nen viel zi­tier­te Öko­no­min Ma­ria­na Maz­zu­ca­tu nennt Si­li­con Val­ley als Bei­spiel. Da geht es ja sehr stark um mi­li­tä­ri­sche In­ves­ti­tio­nen, die wir uns nicht leis­ten kön­nen oder wol­len. Nein, aber wir ha­ben an­de­re Sek­to­ren, wo wir uns das sehr wohl leis­ten könn­ten. Wir sind stark im Ma­schi­nen­bau oder in der Um­welt­tech­no­lo­gie. Wir soll­ten un­se­re öf­fent­li­chen An­stren- gun­gen auf die­se Sek­to­ren kon­zen­trie­ren, wo wir Stär­ken ha­ben. Dort soll­ten wir mas­siv un­se­re In­dus­trie un­ter­stüt­zen, um ih­re Po­si­ti­on auf den Ex­port­märk­ten zu ver­bes­sern. Und da fin­de ich es vul­gä­r­öko­no­misch, zu sa­gen, das ist al­les pri­vat oder al­les der Staat. Das wird aus der Sym­bio­se funk­tio­nie­ren. Die In­dus­trie ist aber ver­un­si­chert we­gen der Plä­ne für ei­ne Wert­schöp­fungs­ab­ga­be. Da gibt es viel Pro­pa­gan­da. Mei­ne Ar­gu­men­ta­ti­ons­kas­ka­de lau­tet: Ers­tens, wir dür­fen die Steu­er- und Ab­ga­ben­quo­te nicht er­hö­hen. Zwei­tens, wir müs­sen die Lohn­ne­ben­kos­ten sen­ken. Und drit­tens, wenn wir das ma­chen, müs­sen wir über­le­gen, wie wir die Lö­cher, die da­mit in un­se­ren so­zia­len Sys­te­men ent­ste­hen, wie­der be­fül­len kön­nen. Da wer­den wir uns um Ein­spa­run­gen be­mü­hen müs­sen, aber auch um an­de­re Fi­nan­zie­rungs­quel­len. Ich ha­be noch kei­nen ge­trof­fen, der mir da groß wi­der­spro­chen hat. Aber der Spin von Tei­len der ÖVP geht da­von aus, dass ich in den Um­fra­gen vorn lie­ge und Wirt­schafts­kom­pe­tenz mit­brin­ge. Die­se Kom­pe­tenz ver­sucht man zu be­schä­di­gen, in­dem man holz­schnitt­ar­tig hin­ein­haut. Das ist leicht als tak­ti­sches Ma­nö­ver er­kenn­bar. Beim „FAZ“-Text hat man ge­ne­rell den Ein­druck, dass das für die So­zi­al­de­mo­kra­tie in Eu­ro­pa et­was Neu­es ist. Führt Chris­ti­an Kern jetzt die Pha­lanx an? Das Ziel muss sein, be­stimm­te In­hal­te auf die eu­ro­päi­sche Ebe­ne zu tra­gen, die wir na­tio­nal gar nicht lö­sen kön­nen. Das ist schon ei­ne be­wuss­te Stra­te­gie, dass es mehr an fort­schritt­li­cher Po­li­tik ge­ben muss. Hat Sie die Kri­tik über­rascht? In Rich­tung ÖVP muss ich sa­gen, dass man ei­ne De­bat­te an­stößt, kann ja noch nichts Un­sitt­li­ches sein. Ich hät­te mir ge­wünscht, dass man in­halt­lich dar­auf ein­geht und nicht rei­hen­wei­se Pres­se­aus­sen­dun­gen macht, in de­nen man mir Schul­den­ma­che­rei vor­wirft. Sie spre­chen auch plas­tisch über ein Wachs­tum, das wie die Ge­zei­ten im Meer al­le Boo­te hebt, nicht nur ei­ni­ge Jach­ten. Was ist da­mit ge­meint? Wir ha­ben das Phä­no­men, dass wir in fünf der letz­ten sechs Jah­re Re­al­lohn­ver­lus­te hat­ten. Das ist ei­nes der Pro­ble­me, war­um bei den Leu­ten das Ge­fühl ent­steht, sie kä­men zu kurz. Die Deut­schen ha­ben ei­nen Min­dest­lohn fest­ge­setzt. Wir ha­ben ei­ne so­zi­al­part­ner­schaft­li­che Tra­di­ti­on und un­ter­stüt­zen na­tür­lich die ge­recht­fer­tig­ten Lohn­for­de­run­gen un­se­rer Ge­werk­schafts­freun­de. Das hal­te ich zu­nächst ein­mal nicht für ein Dra­ma, denn stei­gen­de Löh­ne be­deu­ten ei­ne Stär­kung der Kauf­kraft, und das treibt das Wirt­schafts­wachs­tum. Das Pro­blem der letz­ten Jah­re ist, dass wir stei­gen­de Lohn­stück­kos­ten und sin­ken­de Re­al­lohn­ein­kom­men hat­ten. Das be­deu­tet, das Pro­blem ist un­ser Steu­er­sys­tem, und dass der Staat nicht ef­fi­zi­ent ge­nug ist. Un­ser Staat ist kein schlan­kes Reh­l­ein. Da gibt es viel Po­ten­zi­al, et­was zu tun. Sie könn­ten ein­fach die Vor­schlä­ge des Rech­nungs­hofs um­set­zen. Die­se ha­be ich auf­merk­sam ge­le­sen. Aber da ha­be ich erst Über­schrif­ten und kein um­setz­ba­res Kon­zept. Das ist Rat­ten­schwanz­po­li­tik: Wenn man et­was an­greift, muss man 20 an­de­re Din­ge auch an­grei­fen. In der Po­li­tik ana­ly­sie­ren wir oft. Aber das, was ein Un­ter-

Mich`ele Pau­ty

Bun­des­kanz­ler Kern will in New York den tür­ki­schen Prä­si­den­ten Er­do˘gan tref­fen – und hofft auf „Be­ru­hi­gung“. Aber als Po­li­ti­ker ha­ben Sie kaum Ein­fluss auf die Löh­ne. Gleich­zei­tig stei­gen die Lohn­stück­kos­ten.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.