Blai­rist ist er je­den­falls kei­ner

Ist Chris­ti­an Kerns Text in der »FAZ« die Auf­re­gung wert? Ei­ne klei­ne Ex­ege­se.

Die Presse am Sonntag - - Inland - SU­SAN­NA BAS­TA­RO­LI OLI­VER PINK

neh­men aus­zeich­net, näm­lich ei­ne Stra­te­gie bis ins letz­te De­tail her­un­ter­zu­bre­chen, das schaf­fen wir nicht. Weil der Staat viel zu kom­plex or­ga­ni­siert ist, ver­lie­ren sich die Spar­an­stren­gun­gen. Da hat un­ser Land wirk­lich ein Pro­blem. Wo müss­te man an­set­zen? Zum Bei­spiel bei ei­ner kla­ren Kom­pe­tenz­zu­ord­nung zwi­schen Bund und Län­dern. Und da geht es nicht um Zen­tra­lis­mus oder Fö­de­ra­lis­mus. Ei­nes un­se­rer ganz gro­ßen Pro­ble­me ist: Wir ken­nen un­se­ren In­put, nicht aber den Out­put. Wir wis­sen, was es uns kos­tet, aber oft nicht, was es bringt. Kurz zur In­nen­po­li­tik: War die Be­stel­lung der ORF-Di­rek­to­ren ei­ne ma­chia­vel­li­sche Re­tour­kut­sche für den Rech­nungs­hof? Alex­an­der Wra­betz hat bei sei­ner Wahl ei­ne Mehr­heit jen­seits der ÖVP ge­fun­den. Dass er bei der Aus­wahl sei­ner Di­rek­to­ren auf die Leu­te im Stif­tungs­rat Rück­sicht nimmt, die ihn ge­wählt ha­ben, kann man ihm nicht ver­den­ken. Aber ich möch­te ei­nen Punkt be­to­nen: Alex­an­der Wra­betz gilt als SPÖ-na­he, aber von den an­de­ren Di­rek­to­ren ist kei­ner SPÖ-na­he. Aber es fällt auf, dass es das zwei­te Mal we­gen sol­cher Po­si­tio­nen ei­nen Clash zwi­schen den bei­den Par­tei­en gibt. Das ist si­cher ei­ne Be­las­tung. Aber ich bin nicht so glü­hend in die ORF-Ge­schich­te in­vol­viert, denn das ist ei­ne Lo­se-lo­se-Ge­schich­te. Wenn man die Leu­te ma­chen lässt, heißt es, sie strei­ten wie die Wil­den. Mischt man sich ein und fin­det ei­ne po­li­ti­sche Lö­sung, heißt es, sie pa­ckeln. Da gibt es lei­der kei­nen Weg da­zwi­schen. Zur Au­ßen­po­li­tik: Sie flie­gen jetzt nach New York. Gibt es dort ein Tref­fen mit dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten Er­do˘gan? Mög­li­cher­wei­se. Mit wel­cher Ziel­rich­tung? Das ist der Ver­such ei­ner Be­ru­hi­gung. Las­sen wir ein­mal die gan­zen Emo­tio­nen weg. Wir wis­sen, dass wir die Tür­kei als Part­ner in der Mi­gra­ti­ons- und Si­cher­heits­po­li­tik brau­chen und die Tür­kei uns in der Wirt­schafts- und Fi­nanz­po­li­tik. Vor dem Hintergrund ha­ben wir gu­ten An­lass, mit­ein­an­der zu re­den. Wir ha­ben auch nie ge­sagt, wir woll­ten mit ihr nichts zu tun ha­ben, son­dern, ein EU-Bei­tritt sei aus ver­schie­de­nen Grün­den für uns nicht vor­stell­bar. Das zu er­klä­ren macht Sinn. Links­kol­le­gen her­aus: Er selbst sieht sich nicht als „Lin­ker“, das Wort „So­zi­al­de­mo­kra­tie“ver­mei­det er, wann im­mer es geht. Ideo­lo­gisch po­si­tio­niert sich der Pre­mier in ei­nem nicht nä­her de­fi­nier­ten „links­li­be­ra­len Zen­trum“. Von An­fang an gab er den ra­di­ka­len Er­neue­rer: Mit dem Ver­spre­chen, die „al­te Gar­de“(„Ge­werk­schaft, Alt-Lin­ke und Bü­ro­kra­ten“) zu „ver­schrot­ten“, ge­wann er vie­le Mit­te-rechts-Wäh­ler für sich. Und tat­säch­lich hat noch kei­ne rechts­kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung in Rom so vie­le markt­freund­li­che Re­for­men auf den Weg ge­bracht wie der Tur­bo-Pre­mier. Vor al­lem aber ist Ren­zi Meis­ter der Kom­mu­ni­ka­ti­on: Er ist schlag­fer­tig, wit­zig – und twit­tert pau­sen­los. Er strahlt Ju­gend­lich­keit aus, klei­det sich läs­sig, fährt Fahr­rad – und liebt den öf­fent­li­chen Auf­tritt.

All­mäh­lich ver­blasst der Glanz. Ren­zi wird Ar­ro­ganz vor­ge­wor­fen: Er ha­be Ita­li­ens Po­li­tik zur One-ManShow ge­macht. Da der Ef­fekt der Re­for­men noch kaum spür­bar ist, da­für aber sehr wohl die Kri­se, wen­den sich vie­le eu­ro­pa­skep­ti­schen Par­tei­en zu. Durch Kri­tik an Brüs­se­ler Spar­vor­ga­ben will Ren­zi sei­ne Fans zu­rück­ge­win­nen. Ei­nen Auf­satz mit dem Ti­tel „Eu­ro­pa muss wie­der ge­rech­ter wer­den“hät­te wahr­schein­lich auch Wer­ner Fay­mann mit ein we­nig Un­ter­stüt­zung von Mar­kus Mar­ter­bau­er zu­sam­men­ge­bracht. Fay­man­nesk mu­ten auch Sät­ze an wie „Wir brau­chen mehr Wachs­tum und wie­der je­ne Art von Wachs­tum, das, wie die Ge­zei­ten am Meer, al­le Boo­te hebt und nicht nur ein paar we­ni­ge Yach­ten.“

Aber wir wol­len nicht un­ge­recht sein. Und uns den Text mit dem Ti­tel „Eu­ro­pa muss wie­der ge­rech­ter wer­den“, er­schie­nen am Mon­tag in der „FAZ“, noch ein­mal ge­nau­er an­se­hen.

Geschrieben hat ihn Chris­ti­an Kern. An­geb­lich selbst. In meh­re­ren Tran­chen. Er hat­te ei­ni­ge Tage Zeit da­für. Und im­mer wie­der, wenn es die Zeit zu­ließ, ein paar Ab­sät­ze ver­fasst. Am En­de wur­de ei­ne gan­ze groß­for­ma­ti­ge Zei­tungs­sei­te draus.

Er hat sich je­den­falls nicht der „FAZ“an­ge­dient. Er wur­de ge­fragt. Die Se­rie „Zer­fällt Eu­ro­pa?“, in de­ren Rah­men sein Es­say er­schien, läuft schon län­ger. Auch Wolf­gang Schäu­b­le, Mar­tin Schulz und Vik­tor Or­ban´ ha­ben be­reits Tex­te ge­lie­fert. „Ein Pa­n­op­ti­kum der Freud­lo­sig­keit“wie Kern in sei­nem Text üb­ri­gens schreibt.

Und der Kern-Es­say hät­te in Rou­ti­ne-Zei­ten wohl nicht je­ne Auf­re­gung aus­ge­löst, die er in­nen­po­li­tisch – mit Neu­wah­len am Ho­ri­zont – nun aus­ge­löst hat. Dass Kern die ÖVP nicht fra­gen muss, be­vor er so ei­nen Text ver­öf­fent­licht, soll­te ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit sein. Und in­halt­lich? Dass er neue Schul­den ma­chen will, da­von steht in Kerns Text kein Wort. Al­ler­dings: Man kann von Kerns For­de­rung nach neu­en In­ves­ti­tio­nen dar­auf schlie­ßen, denn von ir­gend­wo muss das Geld ja her­kom­men.

Sonst kann der Text al­ler­dings nicht all­zu sehr über­ra­schen, wenn man mit­be­denkt, dass Kern eben So­zi­al­de­mo­krat ist. Er ver­tritt hier ei­ne lin­ke Main­stream-Po­si­ti­on. Zum Ver­gleich: To­ny Blairs Drit­ter Weg war nicht lin­ker Main­stream. Kerns Weg ist es: Die Las­ten aus den Ge­win­nen der Glo­ba­li­sie­rung müss­ten ge­rech­ter ver­teilt wer­den. In­ves­ti­tio­nen der öf­fent­li­chen Hand wür­den mehr Ar­beits­plät­ze schaf­fen. Un­gleich­heit brem­se Wachs­tum. Aus­te­ri­tät scha­de. Kon­zer­ne wie App­le müss­ten mehr Steu­ern zah­len. Auf­klä­rung vs. Märk­te. Nicht ganz schlau wird man aus Sät­zen wie „Eu­ro­pa muss wie­der ein Pro­jekt der Auf­klä­rung wer­den, nicht der Märk­te.“Schön ist je­den­falls der Satz: „Ich bin der Re­gie­rungs­chef ei­nes klei­nen Lan­des, und da ist man ge­gen Mach­til­lu­sio­nen ei­ni­ger­ma­ßen im­mu­ni­siert.“

Es ist ein so­li­der Text, auch sei­ne Lieb­lings­in­put­ge­be­rin, Ma­ria­na Maz­zu­ca­to, darf nicht feh­len. Be­zeich­nend für die­sen ist al­ler­dings, dass er kei­ne in­ter­na­tio­na­len Re­ak­tio­nen nach sich ge­zo­gen hat. Nur na­tio­na­le.

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