Mer­kel droht der Lie­bes­ent­zug

Wenn am Sonn­tag auch die Berlin-Wahl schlecht für die Union aus­geht, könn­te in der Par­tei ein of­fe­ner Auf­stand ge­gen Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel aus­bre­chen. Im Mo­ment sieht es ganz da­nach aus.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON THO­MAS PRI­OR (BERLIN)

So oft be­kom­men die Deut­schen ih­re Kanz­le­rin dann doch nicht live zu se­hen. Als An­ge­la Mer­kel am Mitt­woch die­ser Wo­che ei­ne Büh­ne in Ste­glitz-Zeh­len­dorf, dem bür­ger­li­chen Süd­wes­ten Ber­lins, be­tritt, greift das Pu­bli­kum fast ge­schlos­sen zum Han­dy. Man will ei­nen Fo­to- oder Vi­deo­be­weis ha­ben, soll­te ihn je­mand ein­for­dern. Und der Bu­schauf­feur, der ge­ra­de an der Kreu­zung ne­ben der Büh­ne hal­ten muss, schaut so an­ge- strengt durchs Sei­ten­fens­ter, als könn­te er nicht glau­ben, dass das jetzt wirk­lich die Kanz­le­rin ist, die da steht.

Aber sie ist es. Und es gibt gu­te Grün­de für An­ge­la Mer­kel, heu­te hier zu sein. In Berlin wird das Ab­ge­ord­ne­ten­haus neu ge­wählt, und wenn die Pro­gno­sen stim­men, dann sieht es für Mer­kels Par­tei nicht so gut aus. Die CDU droht un­ter 20 Pro­zent zu fal­len und wo­mög­lich so­gar auf Platz drei zu­rück. Schon wie­der. Die­ses Mal al­ler- dings nicht hin­ter die AfD wie vor zwei Wo­chen in Meck­len­burg-Vorpommern. Son­dern hin­ter die Grü­nen. Wo­bei die Rechts­po­pu­lis­ten wohl auch im tra­di­tio­nell links­li­be­ra­len Berlin 15 Pro­zent ho­len und je­den­falls ins zehn­te Lan­des­par­la­ment ein­zie­hen wer­den.

Es geht am Sonn­tag aber nicht nur um die Ber­li­ner Union und ih­ren ziem­lich blas­sen Spit­zen­kan­di­da­ten, Frank Hen­kel, son­dern auch um die be­ruf­li­che Zu­kunft von An­ge­la Mer­kel. Die Kanz­le­rin scheint ent­schlos­sen, bei der Bun­des­tags­wahl in ei­nem Jahr er­neut zu kan­di­die­ren. Aber in ih­rer Par­tei wach­sen die Zwei­fel, ob das wirk­lich ei­ne gu­te Idee ist. Noch gibt es, aus Rück­sicht auf den Kol­le­gen Hen­kel, kei­nen Auf­stand ge­gen die Che­fin, aber am Mon­tag könn­te sich das än­dern. Die Me­di­en spie­len be­reits den Mer­kelBlues: Der Herbst ih­rer Macht ha­be be­gon­nen. Ist es wirk­lich schon so weit?

Glaubt man dem bay­ri­schen Teil der Union, dann ja. CSU-Chef Horst See­ho­fer wirft Mer­kel vor, die AfD mit ih­rer li­be­ra­len Flücht­lings­po­li­tik groß ge­macht zu ha­ben. Er ver­langt jetzt ei­nen Rechts­ruck der Union und hat ei­ne Ober­gren­ze von 200.000 Flücht­lin­gen pro Jahr zur Be­din­gung er­klärt. Sein Fo­kus liegt da­bei auf der bay­ri­schen Land­tags­wahl 2018, bei der die CSU ih­re ab­so­lu­te Mehr­heit ver­tei­di­gen will.

Mit Kon­tin­gen­ten in der EU könn­ten bei­de ihr Ge­sicht wah­ren: Mer­kel und See­ho­fer.

Doch Mer­kel denkt nicht dar­an, die Ru­fe aus dem Lan­des­sü­den zu er­hö­ren. In Zei­ten, in de­nen Po­li­ti­ker da­für kri­ti­siert wer­den, dass sie ih­re Mei­nung än­dern, bleibt sie bei ih­rer. Ih­re An­hän­ger nen­nen das Stand­haf­tig­keit, ih­re Kri­ti­ker Starr­köp­fig­keit. Auf der Büh­ne in Ste­glitz-Zeh­len­dorf sagt sie: Die Zahl der Flücht­lin­ge sei deut­lich re­du­ziert wor­den, näm­lich durch Maß­nah­men wie das Tür­kei-Ab­kom­men oder Grenz­kon­trol­len. Was sich auch mit den Fak­ten deckt: Das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on rech­net heu­er mit 300.000 Flücht­lin­gen. Im Vor­jahr war es ei­ne Mil­li­on.

Aber in der Be­völ­ke­rung schei­nen die­se In­for­ma­tio­nen noch nicht an­ge­kom­men zu sein. Wo­mög­lich ist es da­für auch schon zu spät. In den Um­fra­gen fällt die CDU im­mer wei­ter zu­rück, zu­letzt (bei For­sa) auf 32 Pro­zent. Bei der Wahl 2013 hat­te Mer­kel noch 41,5 Pro­zent ge­holt. Die SPD wit­tert plötz­lich ih­re Chan­ce und dis­tan­ziert sich von der ge­mein­sa­men Asyl­po­li­tik. Und im Streit mit Mün­chen könn­te es dem­nächst zur Es­ka­la­ti­on kom­men. See­ho­fer droht Mer­kel mit ei­nem ei­ge­nen Spit­zen­kan­di­da­ten bei der Bun­des­tags­wahl 2017, un­ter Um­stän­den so­gar mit Horst See­ho­fer, und hat die Kanz­le­rin noch nicht zum CSU-Par­tei­tag am 4. und 5. No­vem­ber ein­ge­la­den. Lö­sung über die EU-Ban­de? In Par­tei­krei­sen heißt es, Mer­kel wol­le den Streit noch vor die­sem Ter­min bei­le­gen. Die Fra­ge ist nur: wie? Wird sie am En­de doch ein­len­ken? Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le zog im ZDF-In­ter­view am Don­ners­tag ei­ne Lö­sung über die EU-Ban­de in Be­tracht: Wenn es ge­lin­ge, ei­ne Mil­li­on Men­schen in Eu­ro­pa zu ver­tei­len, wä­re 200.000 ein nicht un­an­ge­mes­se­ner An­teil für Deutsch­land. „Eher ein biss­chen zu hoch.“An­ders ge­sagt: So könn­te See­ho­fer sei­ne Ober­gren­ze be­kom­men (die dann ver­mut­lich Kon­tin­gent hie­ße) und Mer­kel ihr Ge­sicht wah­ren. Al­ler­dings: Beim EUGip­fel am Frei­tag in Bra­tis­la­va ist man hier kei­nen Schritt wei­ter­ge­kom­men.

Im Mo­ment sieht es al­so nicht da­nach aus, als könn­te An­ge­la Mer­kel den frei­en Fall der Union stop­pen. In Ste­glitz-Zeh­len­dorf steht am Mitt­woch ein jun­ger Sy­rer im Pu­bli­kum. In den Hän­den hält er ein Schild: „I lo­ve Mer­kel“steht dar­auf geschrieben. Die Deut­schen hin­ge­gen sind ge­ra­de da­bei, sich von ih­rer Kanz­le­rin zu ent­lie­ben.

Im­a­go

An­ge­la Mer­kel be­kommt für ih­re Flücht­lings­po­li­tik der­zeit we­nig Ap­plaus in der ei­ge­nen Par­tei.

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