Was Wi­en von Berlin ler­nen kann

Die ei­ne ist strikt ver­wal­tet, die an­de­re lässt Din­ge ein­fach ge­sche­hen – Wi­en und Berlin, zwei Städ­te zwi­schen den Grund­stim­mun­gen »Das geht nicht« und »Al­les ist mög­lich«.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON ERICH KO­CI­NA

Wi­en ist die am bes­ten ver­wal­te­te Stadt der Welt. Die Be­haup­tung ist genau­so über­trie­ben wie die, dass Berlin die am schlech­tes­ten ver­wal­te­te ist. Gut, die deut­sche Haupt­stadt hat ih­re Pro­ble­me. Dass es Wo­chen oder Mo­na­te dau­ern kann, ehe man ei­nen Ter­min am Bür­ger­amt be­kommt. Dass Schu­len so ma­ro­de sind, dass Schü­ler mit Ge­rüs­ten vor her­ab­fal­len­den Tei­len ge­schützt wer­den. Dass die Stra­ßen im Win­ter kaum ge­räumt wer­den und man über Eis­plat­ten ba­lan­cie­ren muss. Dass die Stadt seit Jah­ren plei­te ist. Und dann hat man auch noch den Flug­ha­fen, der dank Pla­nungs­feh­lern nicht und nicht fer­tig wer­den will. Es wä­re al­so ein Leich­tes, von Wi­en aus hä­misch auf Berlin zu schau­en.

Hier kann man sich ei­nen Rei­se­pass in­ner­halb we­ni­ger St­un­den aus­stel­len las­sen. Die Schu­len sind bau­lich halb­wegs im Griff. Im Win­ter sind die Stra­ßen weit­ge­hend ge­räumt. Ja, die Stadt hat Schul­den, aber auch fet­te Ein­nah­men, die ei­nen gro­ßen Ap­pa­rat fi­nan­zie­ren. Und das mit dem Sky­lin­kSkan­dal ist schon lang her – Haupt­sa­che, der Flug­ha­fen ist in Be­trieb.

Und doch könn­te Wi­en von Berlin et­was ler­nen. Müss­te man die Grund­ein­stel­lung ei­ner Stadt in ei­nem Satz zu­sam­men­fas­sen, wä­re das in Wi­en ein „Das geht nicht“. Ge­lernt in der Mon­ar­chie, ge­pflegt und kul­ti­viert bis heu­te. Im ge­ne­ti­schen Co­de der Stadt ist die Bü­ro­kra­tie fest ver­an­kert. Ab­wei­chun­gen müs­sen oft müh­sam er­kämpft wer­den. Berlin hat ei­ne an­de­re Grund­ein­stel­lung, ei­ne po­si­ti­ve. „Al­les ist mög­lich.“Selbst, wenn noch nicht ganz klar ist, wie man es ma­chen wird – man macht es. Ei­ne Hal­tung, die auch aus der Zeit des ge­teil­ten Berlin stammt. Ein­fach pro­bie­ren, im­pro­vi­sie­ren, dann wird schon et­was da­bei her­aus­schau­en.

Da­zu kommt, dass auch die Re­geln recht weit ge­fasst sind. Das Ber­li­ner La­den­öff­nungs­ge­setz sieht vor, dass Ver­kaufs­stel­len von Mon­tag bis Sams­tag von 0 bis 24 Uhr ge­öff­net ha­ben dür­fen. Und das ha­ben sie oft auch. Der ge­lern­te Wie­ner schaut un­gläu­big – hier­zu­lan­de gilt von Mon­tag bis Frei­tag 6 bis 21 Uhr, am Sams­tag von 6 bis 18 Uhr – die „ma­xi­ma­le Ge­samtof­fen­hal­te­zeit“be­trägt 72 St­un­den. Noch neid­vol­ler soll­te Wi­en auf die Ber­li­ner Nacht­stun­den bli­cken – in de­nen bie­ten Spät­kauf­lä­den, die so­ge­nann­ten Spä­tis, al­les an, was man so auf die Schnel­le brau­chen kann, und das nur un­we­sent­lich teu­rer als im Su­per­markt. Zahn­pas­ta, Sü­ßig­kei­ten, klei­ne Im­bis­se, Ge­trän­ke – und na­tür­lich Bier. Das ge­hört in Berlin auch zum Stadt­bild – dass ab ei­ner ge­wis­sen Uhr­zeit fast je­der Pas­sant mit ei­ner Fla­sche in der Hand her­um­spa­ziert. In Wi­en bleibt dann oft nur mehr der Weg zu ei­ner Tank­stel­le, ei­nem (teu­ren) Würs­tel­stand oder zu Bä­cke­rei­en und Shops, die dank Gastro­li­zenz län­ger of­fen­hal­ten dür­fen.

Die Ber­li­ner Spä­tis neh­men es in der Re­gel auch mit den Zei­ten nicht so ge­nau. Sonn­tags kann man bei vie­len ein­kau­fen. Was von der Stadt lang to­le­riert wur­de – weil man die Über­stun­den der Be­am­ten nicht be­zah­len konn­te, aber wo­mög­lich auch, weil Spä­tis eben zum Le­bens­ge­fühl ge­hö­ren. Erst seit ei­ni­gen Mo­na­ten wird in ei­ni­gen Be­zir­ken schär­fer kon­trol­liert. Zei­chen der Ver­spie­ße­rung. Die Stadt ge­hört dir – der Spruch der Wie­ner Li­ni­en wür­de ei­gent­lich viel bes­ser als Mot­to für Berlin pas­sen. In den Neun­zi­gern zur Haupt­stadt des ver­ein­ten Deutsch­land ge­macht, herrsch­ten Frei­räu­me oh­ne En­de. Die Stadt, die im Kal­ten Krieg zwi­schen den Blö­cken da­hin­ve­ge­tier­te, wur­de neu ent­deckt. Ein fast schon an­ar­chi­sches Le­bens­ge­fühl brei­te­te sich aus. Na­tür­lich, vie­les da­von ist längst Ver­gan­gen­heit, die einst le­gen­dä­re Haus­be­set­zer­sze­ne et­wa lebt nur noch in Re­ser­va­ten ih­re ge­pfleg­te Folk­lo­re. Ja, in man­chen Be­zir­ken hat so­gar

Mil­lio­nen

Ein­woh­ner hat Wi­en und ist da­mit die zweit­größ­te deutsch­spra­chi­ge Stadt. Die Flä­che der Stadt be­trägt 414,87 Qua­drat­ki­lo­me­ter. Die Ar­beits­lo­sen­quo­te lag im Au­gust 2016 bei 13,3 Pro­zent, im Au­gust 2015 wa­ren es 13,1 ge­we­sen. Wi­en wähl­te zu­letzt 2015 sei­ne Stadt­re­gie­rung, der nächs­te Wahl­gang ist für 2020 an­ge­setzt.

Mil­lio­nen

Men­schen le­ben in Berlin, der ein­woh­ner­stärks­ten Stadt im deutsch­spra­chi­gen Raum. Sie er­streckt sich auf 891,68 Qua­drat­ki­lo­me­tern. Im Au­gust 2016 ver­zeich­ne­te die Bun­des­agen­tur für Ar­beit in Berlin ei­ne Ar­beits­lo­sen­quo­te von 9,7 Pro­zent – im Au­gust 2015 lag sie noch bei 10,7 Pro­zent. Die deut­sche Haupt­stadt wählt heu­te, Sonn­tag, ei­nen neu­en Se­nat. schon ei­ne Ver­spie­ße­rung ein­ge­setzt – in­klu­si­ve ei­ner App, mit der man Nach­barn, die ei­nen Ver­stoß be­ge­hen, an­onym beim Ord­nungs­amt mel­den kann. Und doch hat sich trotz der zu­neh­men­den Gen­tri­fi­zie­rung Ber­lins noch ei­ni­ges von der al­ten Men­ta­li­tät ge­hal­ten.

Wi­en hat­te die­se Ber­li­ner Leich­tig­keit nie. Bis in die Neun­zi­ger war die Stadt ster­bens­lang­wei­lig, ehe lang­sam so et­was wie ei­ne Lo­kal­sze­ne ent­stand. In Rich­tung Welt­stadt ging es so­wie­so erst, als in den 2000er-Jah­ren Zu­wan­de­rer, al­len vor­an Deut­sche, ein neu­es Ge­fühl der Lo­cker­heit mit­brach­ten.

In Berlin wird al­les mög­lich ge­macht – et­wa auch dank der groß­zü­gi­gen Öff­nungs­zei­ten. In Wi­en wer­den ka­put­te Stra­ßen re­pa­riert, in Berlin stellt man ein Warn­schild auf.

Wo­bei, von Ber­li­ner Zu­stän­den ist man noch weit ent­fernt. Un­ter an­de­rem auch, weil die Ver­wal­tung wie ei­ne Glu­cke über al­lem sitzt. Von der Wie­ge bis zur Bah­re, das ist der An­spruch der SP-ge­führ­ten Stadt­re­gie­rung, will man sich um die Men­schen küm­mern. Das funk­tio­niert – mit Ab­stri­chen – auch nicht schlecht. Es ist halt teu­er. Und er­zieht die Men­schen zu ei­ner Hal­tung, in der Ei­gen­ver­ant­wor­tung zum Fremd­wort ver­kommt. Wenn in Wi­en et­was nicht funk­tio­niert, wird schnell nach der Ob­rig­keit ge­ru­fen, die sich ge­fäl­ligst dar­um küm­mern soll.

Berlin ist an­ders. Aus der Ge­schich­te her­aus hat man ge­lernt, sich selbst um die Din­ge zu küm­mern, mit Initia­ti­ven im Kiez – bis hin zur selbst or­ga­ni­sier­ten Kin­der­be­treu­ung. Oder aber, man nimmt man­che Din­ge ein­fach hin. Et­wa ei­ne ka­put­te Stra­ße. In Berlin stellt man dann Schil­der auf: „Ach­tung“, warnt ein Drei­eck mit Ruf­zei­chen, „Geh­weg­schä­den“. Auf dem Kopf­stein­pflas­ter in Prenz­lau­er Berg hat das so­gar Charme. Aber zu­ge­ge­ben, prak­tisch ist es nicht. Und nicht al­les, was in Berlin vor­ge­lebt wird, muss Wi­en nach­ma­chen. Und trotz­dem, ein biss­chen von der Ber­li­ner Lo­cker­heit wür­de der Stadt nicht scha­den.

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