Die Ver­mes­sung der Leo­pold­stadt

Mit der WŻhl­wie©er­ho­lung am heu­ti­gen Sonn­tag rückt ein Be­zirk in den Fo­kus, der die Fa­cet­ten und Wi­der­sprü­che der Stadt auf engs­tem Raum spie­gelt – vom jung-ur­ba­nen Trend­vier­tel über die Schwer­in­dus­trie bis zu grü­nen Wäl­dern.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON MAR­TIN STUHLPFARRER

Seit 1850 ist die Leo­pold­stadt bei Wi­en. Doch noch nie hat der zwei­te Be­zirk in sei­ner 166-jäh­ri­gen Ge­schich­te so viel (me­dia­le) Auf­merk­sam­keit be­kom­men wie in die­sen Ta­gen. Aus­lö­ser ist die Wie­der­ho­lung der Be­zirks­ver­tre­tungs­wahl am heu­ti­gen Sonn­tag – nach­dem das Höchst­ge­richt den Ur­nen­gang vom 11. Ok­to­ber 2015 (eben­so wie die Bun­des­prä­si­den­ten­stich­wahl) we­gen Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten auf­ge­ho­ben hat. Und dann steht die Leo­pold­stadt ös­ter­reich­weit noch ein­mal im Zen­trum der Auf­merk­sam­keit, weil dort schad­haf­te Brief­wahl­kar­ten auf­tauch­ten – wie bei der Prä­si­den­ten­stich­wahl. Im Ge­gen­satz zur Stich­wahl auf Bun­des­ebe­ne, die we­gen der Pro­ble­me auf den 4. De­zem­ber ver­scho­ben wer­den muss­te, fin­det die Wahl­wie­der­ho­lung in Wi­en am heu­ti­gen Sonn­tag wie ge­plant statt – nach­dem das Wie­ner Wahl­recht (im Ge­gen­satz zum Bund) den Aus­tausch de­fek­ter Wahl­kar­ten er­laubt.

Da­mit stellt sich am heu­ti­gen Sonn­tag die Fra­ge: Was ist das für ein Be­zirk, der (un­ge­wollt) ös­ter­reich­weit be­kannt wur­de? Die Ant­wort: Es ist kein pro­mi­nen­ter Teil von Wi­en, der es oft in die Me­di­en schafft. Es ist auch we­der der größ­te noch der kleins­te Be­zirk. Die Leo­pold­stadt ist ein klas­si­scher, durch­schnitt­li­cher Be­zirk. Und das im po­si­ti­ven Sinn: Kein an­de­ren Be­zirk der Stadt, wahr­schein­lich auch kein an­de­ren Be­zirk in Ös­ter­reich, spie­gelt das Le­ben, die Cha­rak­te­ris­tik und Viel­falt der Stadt oder des Lan­des in al­len Fa­cet­ten so wi­der, wie der zwei­te Be­zirk. Ver­lässt man den his­to­ri­schen ers­ten Be­zirk, vom Schwe­den­platz aus, zeigt die Leo­pold­stadt ihr jung-ur­ba­nes Ge­sicht. Dort, ne­ben den Hoch­häu­sern hat vor mehr als ei­nem Jahr­zehnt die Be­le­bung des Do­nau­ka­nals be­gon­nen, der bis da­hin nur ein trost­lo­ses, ver­nach­läs­sig­tes Stück Wi­en war. Bis (nach Pa­ri­ser Vor­bild) die ers­te Strand­bar mit Lie­ge­stüh­len und Sand er­öff­ne­te. Heu­te zieht sich die Par­ty- und Er­ho­lungs­mei­le im Som­mer ki­lo­me­ter­weit ent­lang des Do­nau­ka­nals und ist ein Treff­punkt von jung-ur­ba­nen Men­schen ge­wor­den. Eben­so wie lan­ge Zeit da­vor der Kar­me­li­ter­markt: Bio-Lä­den, ein ve­ga­nes Bis­tro, hip­pe Lo­ka­le. In die­sem Ge­biet, vom Do­nau­ka­nal über den Kar­me­li­ter­markt bis zum Au­gar­ten bzw. Vol­kert­markt, kann es der zwei­te Be­zirk durch­aus mit dem Trend­be­zirk Neu­bau auf­neh­men – ha­ben sich dort doch auch vie­le Wie­ner aus der Krea­tiv­sze­ne an­ge­sie­delt. Völ­lig kon­trär zu dem Vier­tel zwi­schen Do­nau­ka­nal, Kar­me­li­ter­markt und Au­gar­ten steht das Hin­der­land des Be­zirks. Dort do­mi­nie­ren gi­gan­ti­sche Krä­ne und Schleu­sen, In­dus­trie­an­la­gen und Ge­wer­be­be­trie­be. Zen­trum des wirt­schaft­li­chen Ge­sichts der Leo­pold­stadt ist der Wie­ner Ha­fen. Mit 300 Hekt­ar Flä­che, 70.000 Qua­drat­me­tern La­ger­flä­che, ei­nem jähr­li­chen Um­schlag von fast sie­ben Mil­lio­nen Ton­nen an Gü­tern und 1000 ab­ge­fer­tig­ten Schif­fen pro Jahr ist er ei­ne be­deu­ten­de Lo­gis­tik­dreh­schei­be ent­lang der ge­sam­ten Do­nau. Und mit mehr als 50 Mil­lio­nen Eu­ro Um­satz jähr­lich ein be­deu­ten­der Wirt­schafts­fak­tor.

Von Ge­wer­be do­mi­niert ist das Hin­ter­land an der Gren­ze zum 20. Be­zirk. Dort geht die Leo­pold­stadt flie­ßend in den Ge­wer­be­be­zirk Bri­git­ten­au über. Und passt sich naht­los an die Dresd­ner­stra­ße (Bri­git­ten­au) mit der Bü­romei­le und dem et­was trost­los wir­ken­den Vor­stadt­flair an. Da­hin­ter, na­he der Do­nau, do­mi­niert ei­ne Rei­he von Ge­mein­de­bau­ten – das Sym­bol des Ro­ten Wi­en – das Bild.

Ver­bun­den wer­den die Ge­wer­beund die In­dus­trie­zo­ne mit dem Han­dels­kai. Die­se Bar­rie­re schnei­det mit den S-Bahn-Glei­sen den zwei­ten Be­zirk von der Do­nau ab. Al­le Ver­su­che, die Leo­pold­stadt hier nä­her an die Do­nau zu rü­cken, sind bis­her ge­schei­tert. Es ist ein Kon­trast, wie er här­ter nicht sein könn­te. Di­rekt bei der In­dus­trie­zo­ne, den häss­li­chen La­ger­hal­len und der Lo­gis­tik­dreh­schei­be beim Ha­fen, be­ginnt ei­ne an­de­re Welt: Er­ho­lung, Na­tur und Grün­raum – al­so der Grü­ne Pra­ter, ei­nes der be­lieb­tes­ten Nah­er­ho­lungs­ge­bie­te der Wie­ner: Jog­gen auf der Pra­ter Haupt­al­lee, Spa­zie­ren in Wäl­dern, in de­nen von ei­ner Stadt we- nig zu spü­ren ist, Na­tur­spiel­plät­ze für Kin­der, die sich dort aus­to­ben kön­nen.

Mit dem Pra­ter un­trenn­bar ver­bun­den ist der Wur­s­tel­pra­ter, der als äl­tes­ter Ver­gnü­gungs­park der Welt gilt. Und na­tür­lich das The­ma Fuß­ball. Im Ernst-Hap­pel-Sta­di­on, das mehr als 50.000 Zu­se­her fasst, fin­den die Heim­spie­le der Ös­ter­rei­chi­schen Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft eben­so statt wie die Eu­ro­pa­be­wer­be der Wie­ner Clubs.

In­dus­trie- und Ge­wer­be­zo­ne Grü­ne Lun­ge, Sport und Spiel Brenn­punkt Pra­ter­stern

Mit ei­nem an­de­ren Ort wur­de die Leo­pold­stadt auch ös­ter­reich­weit be­kannt; wenn auch zum Leid­we­sen der Be­woh­ner. Dro­gen­han­del, Kri­mi­na­li­tät, Ge­walt, Al­ko­ho­lis­mus, Ob­dach­lo­sig­keit – der Bahn­hof Pra­ter­stern, der erst 2008 de fac­to neu ge­baut wur­de, gilt als schwie­rigs­ter so­zia­ler Brenn­punkt Ös­ter­reichs. Täg­lich muss die Po­li­zei dort rund 17-mal zu Ein­sät­zen aus­rü­cken, selbst ei­ne stän­di­ge Vi­deo­über­wa­chung konn­te die Si­tua­ti­on nicht ent­schär­fen. Ös­ter­reich­weit in die Schlag­zei­len kam der Pra­ter­stern zu­letzt nach der Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gung ei­ner jun­gen Frau auf der Bahn­hof­stoi­let­te.

Ar­chi­tek­tur und Uni­ver­si­tät

Ei­ne in­ter­na­tio­nal be­ach­te­te Auf­wer­tung er­hielt die Leo­pold­stadt vor drei Jah­ren. Da­mals, am 1. Ok­to­ber 2013, er­öff­ne­te die neue Wirt­schafts­uni­ver­si­tät am Nor­d­rand des Pra­ters. Bes­ser ge­sagt: Der Uni­ver­si­täts­cam­pus für mehr als 20.000 Stu­den­ten und 1500 Mit­ar­bei­ter, ge­stal­tet von Ar­chi­tek­ten mit Welt­rang wie Za­ha Ha­did. Ne­ben dem Zu­zug von jun­gen Leu­ten in die Leo­pold­stadt, die das bis­he­ri­ge Rot­licht­vier­tel (Stu­wer­vier­tel) lang­sam in ein Stu­den­ten­vier­tel trans­for­mie­ren, zieht die au­ßer­ge­wöhn­li­che Ar­chi­tek­tur nun auch in­ter­na­tio­na­le Gäs­te an – Stichwort: Ar­chi­tek­tur-Tou­ris­mus.

Zen­trum des jü­di­schen Wi­ens

Vor der Macht­er­grei­fung des mör­de­ri­schen na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Re­gimes war die Leo­pold­stadt ein Zen­trum des jü­di­schen Le­bens. Das ist der Be­zirk trotz der Er­mor­dung und De­por­ta­ti­on ei­nes Groß­teils der jü­di­schen Be­völ­ke­rung ge­blie­ben – in der Leo­pold­stadt fin­den sich Sy­nago­gen, ko­sche­re Ge­schäf­te, jü­di­sche Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und Re­stau­rants.

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