Pu­tin oh­ne Out­put

Au­ßen­po­li­tisch steht der Kreml-Chef sei­nen Mann. Zu Hau­se aber nützt er sei­ne Be­liebt­heit nicht, um das Land mit Re­for­men vor ei­ner Ka­ta­stro­phe zu be­wah­ren. Das hat Kal­kül.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON EDU­ARD ST­EI­NER

Wer un­ter Russ­lands Mil­li­ar­dä­ren und Po­li­ti­kern ei­nen nüch­ter­nen Rech­ner und Ana­lys­ten zur La­ge der Na­ti­on sucht, wird bald bei Ser­gej Pe­trov lan­den. Schließ­lich hat der 62-jäh­ri­ge Ex-So­wjet­dis­si­dent und Ex-Mi­li­tär sein Geld nicht im sim­plen Roh­stoff­sek­tor, son­dern in der kon­kur­renz­rei­che­ren Au­to­bran­che ge­macht. Spä­ter ist er da­durch auf­ge­fal­len, dass er als ei­ner von nur vier Ab­ge­ord­ne­ten nicht für die Anne­xi­on der Krim ge­stimmt hat.

Was er aber die­ser Tage im In­ter­view mit der rus­si­schen Zei­tung „We­do­mos­ti“sag­te, hat es rich­tig in sich. Und soll­te er auch nur an­satz­wei­se recht ha­ben, steht Russ­land vor dem Ab­grund. „Ich weiß, dass wir ei­nen Weg ein­ge­schla­gen ha­ben, aus dem es ziem­lich si­cher kei­nen evo­lu­tio­nä­ren Aus­weg mehr gibt“, sag­te er da. „Wir ha­ben den Po­int of no Re­turn fast über­schrit­ten, und das Sys­tem wird wahr­schein­lich – wie je­de un­fle­xi­ble Struk­tur – mit ei­nem gro­ßen Krach fal­len.“Schlim­mer noch: „Ich bin ziem­lich über­zeugt da­von, dass Russ­land in sei­nen jet­zi­gen Gren­zen nicht bis zum Jahr 2020 be­ste­hen wird.“

Kei­ne vier Jah­re mehr und ein Crash? Das schlägt sich mit dem Image des star­ken Man­nes, das der au­to­ri­tä­re Lang­zeit­herr­scher Wla­di­mir Pu­tin au­ßen­po­li­tisch ab­gibt. Ge­nau der Mann, der sich mit den USA an­legt, soll sein Land nicht im Griff ha­ben? Und ge­nau der Mann, der in sei­ner ers­ten Amts­zeit wich­ti­ge Re­for­men durch­box­te, soll nun trotz un­gleich grö­ße­rer Macht nicht die nö­ti­gen Be­din­gun­gen schaf­fen kön­nen, dass es bei­zei­ten doch auf­blüht?

In der Tat de­cken sich die au­ßen­po­li­ti­schen Er­fol­ge mit den in­nen- und wirt­schafts­po­li­ti­schen nicht. Und auch wenn der Kreml-Chef ei­ne haus­ho­he Zu­stim­mungs­ra­te von 82 Pro­zent im Volk hat, so greift er doch je­ne hei­ßen Ei­sen nicht an, die das Land auf dem Weg in die Zu­kunft be­hin­dern. „Pu­tin will kei­ne Re­for­men“, hält Jew­ge­ni Gont­ma­cher, Öko­nom am Mos­kau­er In­sti­tut für mo­der­ne Ent­wick­lung, la­pi­dar fest. Wachs­tums­mo­del­le. Als Be­weis für den Still­stand kann nicht nur die De­ge­ne­ra­ti­on staat­li­cher In­sti­tu­tio­nen, son­dern auch die Ma­kro­öko­no­mie selbst her­hal­ten. Seit zwei Jah­ren steckt Russ­land in ei­ner schwe­ren Re­zes­si­on. Auch wenn sich ei­ne Sta­bi­li­sie­rung ab­zeich­net, wer­de doch ei­ne Sta­gna­ti­on fol­gen, die Jah­re dau­ern kön­ne, so Wirt­schafts­mi­nis­ter Ale­xej Ul­juka­jew kürz­lich.

Ge­wiss, für den Ver­fall des Öl­prei­ses seit 2014 kann Pu­tin nichts. Für die Ver­wer­fun­gen mit dem Wes­ten in­fol­ge der Ukrai­ne-Aben­teu­er sehr wohl. Letzt­lich aber ha­ben die­se bei­den Mo­men­te oh­ne­hin nur die struk­tu­rel­le Kri­se ver­schärft, die sich 2012 ab­zeich­ne­te.

Im We­sent­li­chen be­steht sie dar­in, dass das vor­he­ri­ge Wachs­tums­mo­dell, das auf dem ho­hen Öl­preis so­wie ex­zes­si­vem Pri­vat­kon­sum ba­siert und Wachs­tums­ra­ten von über sie­ben Pro­zent ge­ne­riert hat, ab spä­tes­tens 2013 aus­ge­dient hat. 2013 schaff­te Russ­land trotz des da­mals noch ho­hen Öl­prei­ses nur mehr ein Wachs­tum von 1,3 Pro­zent, das sich 2014 hal­bier­te. Man hät­te die Ent­wick­lung kom­men se­hen kön­nen, so Wla­di­mir Mau, Rek­tor der staat­li­chen Aka­de­mie für Volks­wirt­schaf­ten: Doch in der Boom­zeit ha­be man nur auf so­zi­al­po­li­ti­sche Sta­bi­li­tät ab­ge­zielt, auf das In­ves­ti­ti­ons­kli­ma sei nicht ge­ach­tet wor­den. Da­bei sind sich Ex­per­ten ei­nig, dass der Auf­schwung nur von In­ves­ti­tio­nen ge­tra­gen wer­den kann.

Man möch­te fra­gen, war­um Pu­tin in 15 Jah­ren an der Macht das Wirt­schafts­mo­dell nicht ge­än­dert hat, so Gont­ma­cher. Er ant­wor­tet selbst: „Weil die Eli­te und Wla­di­mir Wla­di­mi­ro­witsch (Pu­tin) selbst of­fen­bar dach­ten, dass der Über­fluss aus dem Öl- und Gas­ver­kauf für im­mer an­hal­ten wer­de.“

Die Über­win­dung der Ab­hän­gig­keit von Roh­stof­fen ist nicht ein­fach, wie ver­gleich­ba­re Län­der zei­gen. Aber man kam auf die­sem Weg gar nicht vor­an, wird aus di­ver­sen Be­rich­ten er­sicht­lich. Der Bei­trag der Klein- und Mit­tel­un­ter­neh­men, der In­no­va­ti­ons­mo­to­ren, zum BIP be­tra­ge nur 15 Pro­zent, kon­sta­tier­te et­wa die Eu­ro­päi­sche Bank für Wie­der­auf­bau und Ent­wick­lung (EBRD) in ih­rer Ana­ly­se „Di­ver­si­fy­ing Rus­sia“vor drei Jah­ren: Fort­schrit­te bei der Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung, bei der Zu­rück­drän­gung der Staats­ein­mi­schung in die Wirt­schaft und der Eta­b­lie­rung ei­nes Rechts­staats lie­ßen zu wün­schen üb­rig. Ei­ni­ge Er­fol­ge. Pu­tin weiß nur zu ge­nau, woran es krankt, und hat in ei­nem Ukas vom Mai 2012 „Über die lang­fris­ti­ge staat­li­che Wirt­schafts­po­li­tik“An­wei­sun­gen ge­ge­ben, woran zu ar­bei­ten ist.

Stel­len­wei­se er­ziel­te er Er­fol­ge. Ist Russ­land im Ge­schäfts­kli­ma­in­dex Do­ing Bu­si­ness der Welt­bank 2012 auf Platz 112 ge­le­gen, so kam es 2014 auf Platz 62, 2015 auf Platz 51. Der Fort­schritt ist ein­deu­tig. Der Schön­heits­feh­ler: Es geht beim Ran­king haupt­säch­lich um tech­ni­sche In­di­ka­to­ren wie den Zu­gang für Fir­men zur Strom­ver­sor­gung. Zu­dem ha­be die Welt­bank 2014 die Me­tho­de zu­guns­ten der Schwel­len­län­der geän- dert, er­klärt Ser­gej Gu­riev, als ers­ter Rus­se Chef­öko­nom der EBRD, auf An­fra­ge. Struk­tur­män­gel als Sta­bi­li­sa­to­ren. Die Welt­bank gibt zu, dass sie wich­ti­ge Struk­tur­pa­ra­me­ter wie Kor­rup­ti­on, Pro­tek­tio­nis­mus oder Rechts­staat­lich­keit nicht be­wer­tet. Da­bei sind das Schlüs­se­lin­di­ka­to­ren. „Ge­nau die­se Struk­tur­re­for­men wird Pu­tin nicht durch­füh­ren, denn sie wür­den sein Re­gime be­drohen“, sagt Ale­xej Ma­kar­kin, Vi­ze­chef des Mos­kau­er Zen­trums für po­li­ti­sche Tech­no­lo­gi­en, im Ge­spräch. Die Struk­tur­män­gel sind al­so sys­tem­sta­bi­li­sie­rend? „De fac­to ja“, so Ma­kar­kin: Pri­vat­ei­gen­tum wer­de et­wa als tem­po­rär er­ach­tet. „Mit dem Da­mokles­schwert, es je­der­zeit ent­eig­nen zu kön­nen, er­hal­ten die Macht­ha­ber Loya­li­tät.“

Das sieht auch Groß­un­ter­neh­mer Pe­trov so: „Ob­wohl wir ver­ste­hen, dass es oh­ne Re­for­men künf­tig schlech­ter wird, wäh­len wir lie­ber die Ka­ta­stro­phe von mor­gen als ei­nen sanf­ten Aus­weg heu­te“, sagt er zur „Pres­se am Sonn­tag“.

Aber was ist mit je­nen dring­li­chen Maß­nah­men, oh­ne die das Land fi­nan­zi­ell aus­blu­ten wird und die von den Bür­gern Op­fer ver­lan­gen? Et­wa die viel dis­ku­tier­te An­he­bung des Pen­si­ons­an­tritts­al­ters und die Be­sei­ti­gung di­ver­ser Früh­ren­ten – Über­res­te aus der So­wjet­zeit, als man Mi­li­tärs oder Schicht­ar­bei­ter mit 45 in den Ru­he­stand ent­ließ? Pu­tin wer­de sol­che „Op­ti­mie­run­gen im Sys­tem in die Zeit nach den Prä­si­den­ten­wah­len 2018 ver­schie­ben“, so Ma­kar­kin: „Man kann nicht sa­gen, dass Pu­tin un­be­dingt feig ist. Aber sein Re­form­tem­po hat er ab­ge­bremst.“

»Mit dem Da­mokles­schwert der Ent­eig­nung er­hal­ten die Macht­ha­ber Loya­li­tät.«

Im­a­go

Wla­di­mir Pu­tins Re­form­ei­fer liegt zehn Jah­re zu­rück. Heu­te stützt sich das Re­gime gera­de­zu auf Struk­tur­män­gel.

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