»So er­schließt sich euch ei­ne gan­ze Welt«

Das An­ti­qua­ri­at Burg­ver­lag ist das schöns­te und äl­tes­te sei­ner Art in Ös­ter­reich. Sein In­ha­ber, Ro­bert Schoi­sen­gei­er, herrscht an der Ring­stra­ße über Kost­ba­res und Ku­rio­ses, über gro­ße Ge­schich­te und klei­ne Ge­schich­ten.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON KARL GAULHOFER

Wer am Burg­ring 1 an der Klin­gel läu­tet, ver­lässt den Herr­schafts­be­reich der Ge­gen­wart. Nur ei­ne Tür­schwel­le trennt den hek­ti­schen All­tag und to­sen­den Ver­kehr der Ring­stra­ße von ei­nem Hort der Ru­he, in dem das Pen­del der Zeit nicht still­steht, aber ge­las­se­ner schwingt. Im vo­ri­gen Jahr kam ein jun­ger ka­na­di­scher Zahn­arzt vor­bei. Schon als Stu­dent, zehn Jah­re frü­her, hat­te ihn hier ein his­to­ri­sches Heil­buch zur Zahn­heil­kun­de fas­zi­niert, das für ihn da­mals un­er­schwing­lich war. Ob es wo­mög­lich noch la­gernd sei? Ro­bert Schoi­sen­gei­er wuss­te so­gleich Be­scheid: Ja, es war noch da. Der Arzt woll­te kei­nen Nach­lass. So stolz war er dar­auf, sich end­lich ein Buch leis­ten zu kön­nen, das er nie ver­ges­sen hat – an ei­nem Ort, den man nicht so leicht ver­gisst.

Das An­ti­qua­ri­at Burg­ver­lag wur­de 1920 ge­grün­det und er­strahlt heu­te wie­der im Glanz der al­ten Zeit. Es fin­det sich im Bild­band „Die schöns­ten Buch­hand­lun­gen Eu­ro­pas“, in ei­ner il­lus­tren Aus­wahl von nur 20 Lä­den. Es fin­det sich in vie­len Wi­en-Rei­se­füh­rern, was neu­gie­ri­ge Tou­ris­ten vor al­lem aus Fer­n­ost an­lockt. Hier ging Kom­mis­sar Rex auf Mör­der­jagd, hier schaut in Kür­ze wie­der ein ORF-Ka­me­ra­team vor­bei. Für In­ha­ber Schoi­sen­gei­er aber ist sein La­den kei­ne Ku­lis­se, son­dern Wir­kungs­stät­te: Der Wie­ner ist hier Herr über 20.000 Bü­cher, als An­ti­quar aus le­bens­lan­ger Lei­den­schaft. Ein Le­ben für Bü­cher. „Ich woll­te schon als Gym­na­si­ast Buch­händ­ler wer­den, an et­was an­de­res hab’ ich gar nicht ge­dacht“, er­in­nert sich der heu­te 53-Jäh­ri­ge. Zu­fäl­lig lan­de­te er als Lehr­ling in ei­nem An­ti­qua­ri­at. So­fort war er an­ge­tan, vor al­lem vom Ge­ruch, ge­mischt aus „al­tem Pa­pier, Kaf­fee und Ta­bak“. Frei­lich: Drei Jah­re Leh­re „rei­chen nur für die Sor­ti­ments­buch­hand­lung. Als An­ti­quar braucht man zehn Jah­re, bis man zu­min­dest ei­ne bes­se­re Ah­nung hat“. Spä­ter ar­bei­te­te Schoi­sen­gei­er als An­ge­stell­ter. 1996 ent­deck­te er den da­mals völ­lig de­so­la­ten Burg­ver­lag (der in sei­ner An­fangs­zeit tat­säch­lich ein klei­ner Ver­lag war). Er mach­te sich selbst­stän­dig, er­warb Miet­recht und In­ven­tar und re­no­vier­te be­hut­sam.

Schon das Pa­lais, das heu­te zum Wla­schek-Im­mo­bi­li­en­im­pe­ri­um ge­hört, at­met Li­te­ra­tur­ge­schich­te: In der Bel­eta­ge ver­brach­te Ar­thur Schnitz­ler sei­ne Ju­gend. Prunk­stück im Ver­kaufs­raum ist ei­ne sil­ber­ne Ju­gend­stil-Re­gis­trier­kas­se. Die „Schel­ling-Va­ri­an­te“steht dis­kret im Eck. An­sons­ten deu­ten nur Über­wa­chungs­ka­me­ra und Brand­mel­der auf die Ge­gen­wart hin. Doch an­ti­quiert sind in die­sem Bu­si­ness nur die Bü­cher und der – sel­ten ge­wor­de­ne – La­den: „Un­se­re Bran­che hat als ei­ner der ers­ten die Chan­cen des In­ter­net er­kannt.“Schnell lan­de­ten Kataloge und Nach­schla­ge­wer­ke, „un­ser gan­zer Stolz“, für al­le ein­seh­bar im Netz. Frü­her ging der bi­blio­phi­le Tüft­ler zwei­mal in der Wo­che in die Na­tio­nal­bi­blio­thek, um zu re­cher­chie­ren, heu­te nur noch ein­mal im Mo­nat. Die La­den­ge­schäf­te schwin­den: 22 gibt es noch in Ös­ter­reich, da­von 15 in Wi­en. Die Mehr­zahl der Kol­le­gen, näm­lich 25, bie­ten nur noch im vir­tu­el­len Raum an. Aber auch vier Fünf­tel vom Ge­schäft des Burg­ver­lags läuft jetzt on­li­ne. Der Ver­sand geht über Ama­zon und neun wei­te­re Platt­for­men. Muss­ten die Kun­den frü­her der „Ge­heim­wis­sen­schaft“der An­ti­qua­re ver­trau­en, kön­nen sie heu­te im Netz „viel leich­ter Prei­se ver­glei­chen“, was die Mar­gen drückt. Aber wich­ti­ger ist: Aus lo­ka­len Märk­ten wur­de ein glo­ba­ler, mit Kun­den aus al­ler Welt, Mes­sen und On­li­ne­auk­tio­nen. „Mein Um­satz steigt.“Den­noch macht sich Schoi­sen­gei­er lei­se Zu­kunfts­sor­gen. Die Samm­ler sind meist zwi­schen 60 und 80, „ein Fünf­zig­jäh­ri­ger gilt bei uns schon als jung“. Wenn ein­mal wirk­lich Jun­ge an­klop­fen, „wer­den sie um­wor­ben, mit Teil­zah­lung und Nach­lass“.

Was ist die Auf­ga­be ei­nes An­ti­quars? „Ein wert­vol­les Buch zu ei­nem rä­sona­blen Preis zu fin­den“– und dann noch „die Ge­schich­te da­zu“. Denn er muss wis­sen, was es zur Ra­ri­tät macht. Da­zu soll­te er den Prä­ge­stem­pel des Fürs­ten wür­di­gen, Latein be­herr­schen, „ei­ne Ah­nung von Grie­chisch ha­ben“, Fran­zö­sisch und Ita­lie­nisch ver­ste­hen. Wie loh­nend es ist, al­te Schrif­ten le­sen zu kön­nen, hat Schoi­sen­gei­er auch sei­nen bei­den Söh­nen ein­ge­schärft: „So er­schließt sich euch ei­ne gan­ze Welt.“Sie ha­ben ihm oft ge­hol­fen, auf Mes­sen oder beim Kol­la­tio­nie­ren (dem Prü­fen auf Voll­stän­dig­keit – fehlt ei­ne Sei­te, ist ein al­tes Buch nur mehr die Hälf­te wert). Aber in sei­ne Fuß­stap­fen tre­ten sie nicht: Ei­ner ar­bei­tet als Ka­me­ra­mann in Lon­don, der zwei­te als Phy­si­ker in den USA.

Die an­ti­quier­te Ku­lis­se trügt: Die Bran­che war ein Vor­rei­ter der In­ter­net-Re­vo­lu­ti­on. Floh­märk­te kann der An­ti­quar nicht lei­den – auch wenn man dort Fun­de ma­chen kann.

Zu sei­ner Wa­re kommt der An­ti­quar oft über Auk­tio­nen oder an­de­re Händ­ler. „Floh­märk­te er­tra­ge ich nicht. Ich mag nicht um fünf Uhr auf­ste­hen und mich in Ber­gen von Ramsch mit den Zwi­schen­händ­lern her­um­schla­gen.“So ent­ge­hen ihm frei­lich in­ter­es­san­te Fun­de, die er ih­nen dann ab­kau­fen muss. „Wie das hier“: ein Mor­gens­tern-Ge­dicht­band, den Al­f­red Ku­bin ver­schenk­te und zu die­sem Zweck mit ei­ner Zeich­nung ver­zier­te. Schät­ze im Sa­fe. Fast ehr­fürch­tig zeigt Schoi­sen­gei­er sei­ne Schät­ze: ei­ne äthio­pi­sche Bi­bel mit Holz­ein­band, schwer da­tier­bar, weil sich die Bild­spra­che über Jahr­hun­der­te nicht ge­än­dert hat – „aber das ist eben das Span­nen­de an un­se­rem Be­ruf“. Ei­ne Ab­hand­lung über das „Abend­mahl“von Leo­nar­do da Vin­ci, samt Zeich­nun­gen auf feins­tem Büt­ten­pa­pier, geschrieben 1810 vom Kun­stein­käu­fer Na­po­le­ons, der den De­s­po­ten auf sei­nen Raub­zü­gen be­glei­te­te. Be­son­ders kost­bar sind die In­ku­na­beln, je­ne Bü­cher im Wie­gen­druck, die aus den ers­ten Jahr­zehn­ten nach Er­fin­dung des Buch­drucks stam­men. Sie lie­gen im Sa­fe. Das bis­her teu­ers­te Ein­zel­stück war frei­lich äl­ter: ein St­un­den­buch mit Bil­dern aus dem Jahr 1500, das vor acht Jah­ren um 90.000 Eu­ro über den La­den­tisch ging.

Nach Hau­se mit­ge­nom­men hat der Händ­ler ge­ra­de ein hand­ge­schrie­be­nes Koch­buch aus dem 16. Jahr­hun­dert, zur ku­li­na­ri­schen An­re­gung. „So­lang mir der Ver­stand bleibt“, will er mit drei An­ge­stell­ten bei sei­ner lu­kra­ti­ven Pas­si­on blei­ben. Er kennt Kol­le­gen, die mit 80 oder 90 „zu den größ­ten Wei­sen“wur­den. „Ein An­ti­quar wird wie Rot­wein im­mer bes­ser – bei gu­ter Pfle­ge“, lä­chelt Schoi­sen­gei­er und blickt um sich. Für­wahr: Ei­ne bes­se­re Pfle­ge als sei­nen Ar­beits­platz kann er sich kaum an­ge­dei­hen las­sen.

Mi­che­le Pau­ty

His­to­ri­sche Bü­cher und On­li­ne­ver­sand: Am Burg­ring spie­gelt sich das Neue im Al­ten.

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