Ei­ne Tracht für al­le Fäl­le

Die Trach­ten­de­si­gne­rin Son­ja Fell­ner kre­iert Cou­ture-Dirndln und Dirndlklei­der mit ei­nem Hauch von Ro­ko­ko-Chic. Mit ih­ren Ent­wür­fen ver­bin­det sie mo­der­ne Trends und Tra­di­ti­on.

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld - VON ELI­SA­BETH HO­FER

Ein blau­es Ze­bra mit Hirsch­ge­weih – Trach­ten­de­si­gne­rin Son­ja Fell­ner hat sich das ei­gen­ar­tig an­mu­ten­de We­sen nicht oh­ne Grund zum Lo­go ge­macht: Das Tier steht für das Au­ßer­ge­wöhn­li­che und In­di­vi­du­el­le und ver­kör­pert die Vi­si­on, die hin­ter Fell­ners Klei­dern steckt. Sie möch­te Mo­de ent­wer­fen, die tra­di­tio­nel­le Wer­te wie Hei­mat, Kul­tur und Hand­werks­kunst mit Äs­t­he­tik, Qua­li­tät und vor al­lem auch mo­der­nen Trends ver­bin­det.

Vor vier Jah­ren grün­de­te die ge­bür­ti­ge Stei­re­rin ihr ei­ge­nes La­bel. Zu­vor hat­te sie in den De­si­gnab­tei­lun­gen nam­haf­ter Mo­de­häu­ser ge­ar­bei­tet und „von Un­ter­ho­sen bis zu Män­teln al­les Mög­li­che ent­wor­fen“. Dass sie sich da­nach aus­ge­rech­net mit dem Kre­ieren von Trach­ten­mo­de selbst­stän­dig ge­macht hat, ver­dankt sie ih­rer Mut­ter. „Schon als wir noch Kin­der wa­ren, hat sie für mei­ne Ge­schwis­ter und mich Trach­ten ge­näht, die wir dann an den Fei­er­ta­gen an­zie­hen durf­ten“, er­zählt Fell­ner. Sie selbst ha­be schon im­mer ein Ge­spür für Far­ben und ei­ne Lei­den­schaft fürs Zeich­nen ge­habt. Ih­re El­tern er­kann­ten das Ta­lent ih­rer Toch­ter und mel­de­ten sie zu­nächst an der Mo­de­schu­le in Graz an. Für Fell­ner be­deu­te­te das, schon re­la­tiv früh ih­ren Hei­mat­ort zu ver­las­sen. Spä­ter ab­sol­vier­te sie ei­ne Meis­ter­klas­se in Wi­en, wo sie heu­te lebt und ar­bei­tet. Im Dirndl ins Bü­ro. Im vier­ten Be­zirk, fast di­rekt ne­ben dem Nasch­markt, teilt sie sich ein Ate­lier mit ei­ner an­de­ren De­si­gne­rin. Eng ne­ben­ein­an­der hän­gen an den Klei­der­stän­dern ih­re un­ter­schied­li­chen Krea­tio­nen. Sie al­le sind mit Schil­dern ver­se­hen. Deb­by, Do­rit, De­si­ree, Cla­ra, Eli­sa­beth – je­des Mo­dell hat ei­nen ei­ge­nen Na­men, und je­des Mo­dell ist un­ter­schied­lich. Vom All­tags­dirndl aus Lei­nen bis zum mit Strass be­stick­ten Hoch­zeits­dirndl kann für al­le denk­ba­ren An­läs­se ein Out­fit ge­fun­den wer­den. Es sei näm­lich so, er­klärt die De­si­gne­rin: Man müs­se zwi­schen Dirndl und Dirndlkleid un­ter­schei­den. Das tra­di­tio­nel­le Klei­dungs­stück mit Schür­ze und Blu­se wird als Dirndl be­zeich­net. Ein Dirndlkleid wie­der­um ist ein Klei­dungs­stück, das von der Tracht zwar in­spi­riert wur­de, aber nicht mit Schür­ze und Blu­se kom­bi­niert wer­den muss und auch gut und gern ins Bü­ro oder als Cock­tail­kleid an­ge­zo­gen wer­den kann.

Ge­ra­de in Wi­en be­vor­zug­ten die Kun­den die­se mo­der­ne­re Va­ri­an­te der Tracht, wäh­rend in Mün­chen tra­di­tio­nel­le­re Mo­del­le bes­ser bei den Käu­fern an­kä­men. Über­haupt sei es viel schwie­ri­ger, sich auf dem ös­ter­rei­chi­schen Markt zu eta­blie­ren als auf dem deut­schen, er­klärt die De­si­gne­rin. Der­zeit ver­treibt sie ih­re Krea­tio­nen über ih­ren On­li­ne­shop. Auch in ei­ni­gen Ge­schäf­ten sind die Klei­der er­hält­lich. „Aber in zu we­ni­gen“, wie Fell­ner fin­det. „Das ist in Ös­ter­reich wirk­lich schwie­rig“, sagt sie. „Hier gibt es vor al­lem alt­ein­ge­ses­se­ne Ge­schäf­te, die ihr Sor­ti­ment nur un­gern um die Pro­duk­te jun­ger De­si­gner er­wei­tern.“In Bay­ern sei das ein­fa­cher, ob­wohl es viel mehr Anbieter für Trach­ten­mo­de ge­be.

In der Haupt­sai­son, von Mai bis Sep­tem­ber, herrscht trotz­dem Hoch­be­trieb in Fell­ners Ate­lier in der He­u­mühl­gas­se. Bis zu 60 St­un­den pro Wo­che ar­bei­tet sie in die­sem Zei­t­raum an Ent­wür­fen und Maß­an­fer­ti­gun­gen. Der Die meis­ten von Son­ja Fell­ners Dirndln sind hand­ge­näht und wer­den mit viel Sorg­falt be­stickt. Groß­teil ih­rer Mo­del­le wird in Hand­ar­beit ge­fer­tigt. Al­lein zum Nä­hen ei­nes Dirndls braucht Fell­ner min­des­tens zwei Tage. Der Preis des fer­ti­gen Klei­des va­ri­iert je nach Ma­te­ri­al. Ab 350 Eu­ro ist ein All­tags­dirndl aus Lei­nen zu ha­ben, auf­wen­di­ge Hoch­zeits­dirndln kos­ten bis zu 1200 Eu­ro.

Alt­ein­ge­ses­se­ne Ge­schäf­te öff­nen sich nur un­gern für jun­ge De­si­gner. Heu­te ist ein Dirndl nicht mehr zwangs­läu­fig mit Hei­mat­ge­fühl ver­bun­den.

Ge­ra­de in der stres­si­gen Zeit ist es für die De­si­gne­rin wich­tig, hin und wie­der Aus­zei­ten zu neh­men. „Die­se dau­ern zwar nie lan­ge, aber ich kann mich nicht hin­set­zen und stur auf­zeich­nen“, sagt sie. „Ich fah­re gern hin­aus aus der Stadt in die Na­tur, das in­spi­riert mich.“Au­ßer­dem kom­me die In­spi­ra­ti­on auch plötz­lich, wenn sie in der Nacht auf­wa­che – oder auch beim Fil­me­schau­en. Am liebs­ten mag Fell­ner his­to­ri­sche Fil­me – we­gen der Ko­s­tü­me, ver­steht sich. „Die­se al­ten Ge­wän­der ha­ben mich schon im­mer fas­zi­niert“, er­zählt sie. Ein Hauch von Ro­ko­ko fin­det sich da­her auch in vie­len ih­rer De­signs wie­der. Ein Kleid für je­de Frau. Wer sich von die­sem Stil be­geis­tern lässt, wird bei Fell­ner mit gro­ßer Si­cher­heit ein Dirndl fin­den, das nicht nur ge­fällt, son­dern auch sitzt. Im­mer­hin ist der größ­te Vor­teil des Dirndls, dass es bei­na­he je­der Frau passt. Egal, wel­che Grö­ße und Sta­tur – das Dirndl be­tont die Vor­zü­ge der weib­li­chen Sil­hou­et­te und ka­schiert et­wai­ge Pro­ble­me.

„Seit es auch in den Groß­städ­ten Events wie zum Bei­spiel die Wie­ner Wiesn gibt, ist das Dirndl auch nicht mehr zwangs­läu­fig mit Hei­mat­ge­fühl ver­bun­den“, sagt die De­si­gne­rin. Sie selbst be­sucht nur sel­ten Trach­tenVer­an­stal­tun­gen in der Stadt. Lie­ber fährt sie zu ih­ren El­tern in die Stei­er­mark. Und bei al­lem Re­spekt für die Ar­beit ih­rer Toch­ter: Lie­ber als im tren­di­gen Dirndlkleid sieht die Mut­ter ih­re Toch­ter heu­te noch im tra­di­tio­nel­len Dirndl mit Schür­ze und Blu­se.

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