Pro­fes­sor Ars`enal

Der Fran­zo­se Ars`ene Wen­ger fei­ert die­ser Tage sein 20-jäh­ri­ges Di­enst­ju­bi­lä­um als Ar­senal-Trai­ner. Über ei­ne letz­te lan­ge Lie­be­se­he im Mil­li­ar­den­ge­schäft Pre­mier Le­ague.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON JÜR­GEN STREIHAMMER

Die ge­stähl­ten Pro­fis des Ar­senal FC trau­ten ih­ren Au­gen nicht. Ray Par­lour fühl­te sich beim An­blick des neu­en Trai­ners an In­spek­tor Clou­seau aus „Der ro­sa­ro­te Pan­ther“er­in­nert. Ka­pi­tän To­ny Adams frag­te sich: „Was weiß die­ser Fran­zo­se über Fuß­ball? Er hat ei­ne Bril­le und sieht mehr wie ein Schul­leh­rer aus. Spricht er über­haupt rich­tig Eng­lisch?“Nun, der schlak­si­ge Mann vor ihm be­herrsch­te fünf Spra­chen. Aber sein zu­rück­hal­ten­des Auf­tre­ten, sein Pro­fes­so­ren-Look, sein Wirt­schafts­di­plom: Das al­les pass­te nicht ins Bild des In­sel-Trai­ners. Ein Aus­län­der als Ma­na­ger war da­mals, 1996, ei­ne Ra­ri­tät. Es gab noch kei­ne Mour­in­hos, Klopps, Guar­dio­las. „Ars`ene wer?“, wit­zel­te der „Eve­ning Stan­dard“1996 über den Un­be­kann­ten.

Mitt­ler­wei­le ha­ben sie Ars`ene Wen­ger ein Denk­mal ge­setzt. Im Wort­sinn. Der 66-Jäh­ri­ge geht im Emi­ra­tes Sta­di­um an sei­ner ei­ge­nen Bron­ze­sta­tue vor­bei. Drei Meis­ter­ti­tel er­ran­gen die Gun­ners un­ter sei­ner Re­gie: 1998, 2002 und auch 2004, als The In­vin­ci­bles um Hen­ry, Berg­kamp und Viei­ra ei­ne Sai­son oh­ne ei­ne ein­zi­ge Nie­der­la­ge hin­leg­ten. Seit­her gab es aus­nahms­los Cham­pi­ons-Le­ague-Teil­nah­men, aber eben kei­nen Li­ga­ge­winn. Und so wach­sen vor Wen­gers 20-jäh­ri­gem Di­enst­ju­bi­lä­um am 1. Ok­to­ber die Zwei­fel, ob er Ar­senal ins drit­te Jahr­zehnt füh­ren soll. Sein Ver­trag läuft zu Sai­son­en­de aus.

Ars`ene und Ar­senal: Noch ist das die letz­te Ni­be­lun­gen­treue im ent­ro­man­ti­sier­ten Mil­li­ar­den­ge­schäft Pro­fi­fuß­ball. Auf Platz zwei un­ter den am­tie­ren­den Pre­mier-Le­ague-Trai­nern mit der längs­ten Ver­eins­zu­ge­hö­rig­keit ran­giert Ed­die Ho­we. Knapp vier Jah­re be­treut er den AFC Bour­ne­mouth.

In sei­nen ers­ten Ar­senal-Jah­ren mach­te Wen­ger Re­vo­lu­ti­on. Als „lang­wei­li­ges, lang­wei­li­ges Ar­senal“wa­ren die Nord­lon­do­ner we­gen ih­rer de­fen­si­ven Spiel­wei­se ver­spot­tet wor­den. Un­ter Wen­ger gab es Spek­ta­kel. Of­fen­siv­fuß­ball wur­de Teil der Cor­po­ra­te Iden­ti­ty ei­nes sich zu­neh­mend glo­bal ver­mark­ten­den Fuß­ball­kon­zerns. 1996 mach­te Ar­senal ei­nen Um­satz von 21 Mio. Pfund. Im Vor­jahr wa­ren es – mit­ge­tra­gen vom Hö­hen­flug der Pre­mier Le­ague – 345 Mil­lio­nen. Und schon 2005 wag­te Wen­ger den Ta­bu­bruch, no­mi­nier­te ei­nen Ka­der oh­ne En­g­län­der: Es geht „um Wer­te, nicht um Rei­se­päs­se“, for­mu­lier­te er ein­mal sein Cre­do. Welt­bür­ger. Von die­sem Kos­mo­po­li­tis­mus ist der Mann aus dem El­sass be­seelt: „Ich wur­de knapp nach dem Krieg ge­bo­ren und da­zu er­zo­gen, die Deut­schen zu has­sen. Das weck­te mei­ne Neu­gier­de. Al­so fuhr ich über die Gren­ze. Die Men­schen dort wa­ren über­haupt nicht an­ders. Ich er­kann­te die ab­so­lu­te Dumm­heit dar­in, sie zu has­sen.“Auch das ver­rauch­te Bis­tro der El­tern im Hei­mat­ort Dut­tlen­heim prägt Wen­ger. Schon mit „fünf, sechs“Jah­ren sitzt er mit am Tisch, be­ob­ach­tet: „Die­se Zeit war ei­ne sehr prak­ti­sche psy­cho­lo­gi­sche Aus­bil­dung.“Wen­ger saug­te auf, was die Er­wach­se­nen zwi­schen Bier und Zi­ga­ret­te über Tak­tik aus­plau­der­ten. Als jun­ger Ki­cker ist er der Kopf auf dem Platz. In den Bei­nen ha­ben es an­de­re. Ein paar Mal darf er zwar in der Ers­ten Mann­schaft von Ra­c­ing Straß­burg aus­hel­fen. Rich­tig Kar­rie­re mach­te er erst als Trai­ner des AS Mo­na­co. Und 1995 lan­de­te er in Ja­pan. „Ein Kul­tur­schock.“Die Le­bens­wei­se in Fer­n­ost mach­te auf Wen­ger Ein­druck, dar­un­ter die ge­sun­de Er­näh­rung. In En­g­land ver­hielt sich das et­was an­ders.

„Das ge­mein­sa­me Trin­ken nach dem Spiel war ein Sa­kra­ment“, sag­te To­ny Adams dem „11 Freun­de“-Ma­ga­zin. Sechs Wo­chen vor Wen­gers An­kunft wur­de der al­ko­hol­kran­ke Ab­wehr­hü­ne tro­cken. Adams: „Wenn der Schü- ler be­reit ist, er­scheint der Leh­rer.“Wen­ger stell­te die Er­näh­rung der Spie­ler ra­di­kal um, denn „die En­g­län­der es­sen zu viel Zu­cker und Fleisch und zu we­nig Ge­mü­se“. Die Trai­nings­ein­hei­ten wur­den mit der Stopp­uhr ge­tak­tet. Le Pro­fes­seur setz­te auf die Wis­sen­schaft. En­g­lands Pres­se fand rasch Ge­fal­len an dem Fran­zo­sen. Er gab im­mer ei­ne Schlag­zei­le her. Auf Pres­se­kon­fe­ren­zen phi­lo­so­phiert er geist­reich über Gott und die Welt, Ar­mut und Br­ex­it. Oder er ver­langt die Ein­füh­rung des Vi­deo­be­wei­ses. Man­ches­ter Uni­ted lä­ge dann nur in der Ta­bel­len­mit­te, mein­te er 2005 in ei­ner Spit­ze ge­gen Alex Fer­gu­son, der 27 Jah­re lang den Man­ches­ter-Club trai­nier­te. Der Fran­zo­se und der Schot­te wur­den nie Freun­de, viel­leicht auch, weil Wen­ger das ge­mein­sa­me Glas Wein nach Ab­pfiff aus­schlug.

1999 lan­de­te Wen­ger sei­nen größ­ten Trans­fer-Coup, als er den form­schwa­chen Thier­ry Hen­ry um elf Mio. Pfund nach Nord­lon­don hol­te. Hen­ry, der Re­kord­tor­jä­ger, hat nun auch ei­ne Sta­tue. Wen­ger krem­pel­te al­les um: Er schuf ein Trai­nings­zen­trum, das Maß- stä­be setzt, mach­te die Ju­gend­ab­tei­lung zu ei­nem Herz­stück des Ver­eins und or­ches­trier­te 2006 den Um­zug ins Emi­ra­tes Sta­di­um. Das al­te „High­bu­ry“hat­te zu we­nig Ge­winn ab­ge­wor­fen. Ar­senals Kon­kur­renz­fä­hig­keit stand auf dem Spiel. „Mo­ve or die“al­so. Für die nö­ti­gen Kre­di­te ver­lang­te ei­ne Bank von Wen­ger die Zu­sa­ge, fünf wei­te­re Jah­re im Amt zu blei­ben. Wen­ger hielt Wort, sag­te Real Ma­drid ab. In die­sen Jah­ren der Ent­halt­sam­keit, des Schul­den­ab­baus, schaff­te Wen­ger mit ei­nem jun­gen Team um F`ab­re­gas im­mer den Ein­zug in die Cham­pi­ons Le­ague. Viel­leicht liegt dar­in sei­ne größ­te Leis­tung.

Heu­te ist das Sta­di­on ei­ne Gold­gru­be (auch we­gen der höchs­ten Ti­cket­prei­se En­g­lands). Li­ga­ti­tel gibt es trotz­dem nicht. Wen­ger re­agiert zu­neh­mend dünn­häu­tig auf Kri­tik. Me­di­en zeich­nen ihn als stu­ren und knaus­ri­gen Idea­lis­ten, der jah­re­lang ähn­li­che Spie­ler­ty­pen ver­pflich­te­te – eher klein ge­wach­se­ne, jun­ge Edel­tech­ni­ker –, ob­wohl die Pro­blem­zo­nen im zen­tra­len Sturm und der De­fen­si­ve lie­gen. Letz­te­re wur­de nun mit Xha­ka und Musta­fi ver­stärkt.

Nach dem eher ver­hal­te­nen Li­ga­start sind die Fans wei­ter ge­spal­ten zwi­schen Wen­ger-Loya­lis­ten und dem Rest. Auch die Kri­tik von Ex­spie­lern wird lau­ter. „Ars`ene, thanks for the me­mo­ries“, stand heu­er auf ei­nem Fan­pla­kat „but it’s time to say good­bye“.

Wen­ger macht an­fangs we­nig Ein­druck auf die Spie­ler: »Er sieht aus wie ein Schul­leh­rer«

AFP

Ars`ene Wen­ger nimmt 1996 nach 18 Mo­na­ten Ab­schied von den Fans des ja­pa­ni­schen Ver­eins Na­go­ya Gram­pus Eight und Kurs auf die In­sel. Am 22. Sep­tem­ber wird er der eng­li­schen Pres­se in Lon­don vor­ge­stellt, am 1. Ok­to­ber 1996 be­ginnt sei­ne Amts­zeit als Ar­senal-Trai­ner. Und sie dau­ert bis heu­te an.

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