Al­les ver­lo­ren, aber rei­cher denn je

Hen­ning Man­kells post­hum auf Deutsch er­schie­ne­ner wun­der­ba­rer Ro­man »Die schwe­di­schen Gum­mi­stie­fel« zeigt, dass es nie zu spät ist, doch noch al­les rich­tig zu ma­chen.

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - VON DO­RIS KRAUS

Fre­drik We­lin wird ei­nes Nachts durch glei­ßen­des Licht in sei­nem Schlaf­zim­mer ge­weckt. Als er ver­wirrt die Au­gen auf­schlägt, stellt er fest, dass das Zim­mer lich­ter­loh brennt. Und nicht nur das Zim­mer. Das al­te Holz­haus sei­ner Groß­el­tern auf ei­ner ein­sa­men In­sel im schwe­di­schen Schä­ren­gar­ten wird in­ner­halb we­ni­ger St­un­den ein Raub der Flam­men. We­lin flüch­tet im Py­ja­ma, mit zwei un­glei­chen Gum­mi­stie­feln an den Fü­ßen. In de­nen steht er vor den rau­chen­den Trüm­mern sei­ner Exis­tenz, frie­rend und ver­lo­ren: Er ist 70 Jah­re alt, ein ehe­ma­li­ger Chir­urg, der nach ei­nem Kunst­feh­ler sei­nen Be­ruf an den Na­gel häng­te, ein ein­sa­mer Gries­gram mit mi­ni­ma­len mensch­li­chen Be­zie­hun­gen und ei­nem leich­ten Hang zur Bös­ar­tig­keit.

Kei­ne gu­te Aus­gangs­la­ge für ei­nen Ro­man­hel­den. Doch was der vor ziem­lich ge­nau ei­nem Jahr ver­stor­be­ne schwe­di­sche Er­folgs­au­tor Hen­ning Man­kell in „Die schwe­di­schen Gum­mi­stie­fel“aus die­sen arm­se­li­gen An­fän­gen macht, ge­hört wohl zum Feins­ten die­ses Le­se­herbsts: viel­schich­ti­ge Per­so­nen­bil­der, ei­ne durch­aus span­nen­de Hand­lung und pro­fun­de Ein­sich­ten, was im Le­ben wich­tig sein könn­te. Man­kell er­zählt die Ge­schich­te schwie­ri­ger, ein­sa­mer Men­schen vor dem Hintergrund ei­ner zu­neh­mend ver­las­se­nen Land­schaft. Al­len hier auf den Schä­ren ent­glei­tet die Ver­gan­gen­heit, oh­ne dass sich ei­ne Zu­kunft am Ho­ri­zont ab­zeich­nen wür­de. Sehr per­sön­li­che Klän­ge. „Die schwe­di­schen Gum­mi­stie­fel“ist die Fort­set­zung von „Die ita­lie­ni­schen Schu­he“, kann aber pro­blem­los für sich al­lein ge­le­sen wer­den. Es ist auch ein ganz be­son­de­res Buch, der letz­te Ro­man, der vor Man­kells Tod in sei­ner Hei­mat, Schwe­den, er­schie­nen ist. Zu die­sem Zeit­punkt wuss­te der Au­tor be­reits, dass er Krebs hat­te. In ei­ner klei­nen, fast un­be­deu­ten­den Er­in­ne­rung Fre­drik We­lins an sei­ne Zeit als Arzt taucht ein jun­ger Mann auf, dem We­lin ei­ne fa­ta­le Dia­gno­se über­brin­gen muss: Des­sen hart­nä­ckig stei­fer Na­cken hat ei­ne dra­ma­ti­sche Ur­sa­che, Lun­gen­krebs mit ei­ner Me­ta­sta­se in den Hals­wir­beln. Das war auch Man­kells Dia­gno­se.

Frank Sie­mers

Wie lernt man zu ster­ben? Ei­ne der Fra­gen, die Man­kell in sei­nem letz­ten Ro­man stellt.

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