»Je­dem Ab­bruch geht ein gro­ßes Dra­ma vor­aus«

An­ne Zoh­ra Ber­ra­ched, Re­gis­seu­rin des Films „24 Wo­chen“, spricht über die Zwick­müh­le, in der sich El­tern be­fin­den, wenn sie wäh­rend der Schwan­ger­schaft von ei­ner mög­li­chen Er­kran­kung ih­res Kin­des er­fah­ren.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON KÖKSAL BALTACI

„Ich ha­be ein­fach ge­wusst, dass es gut ge­hen wird. Ich hät­te ihn nicht tot auf die Welt brin­gen kön­nen“, sagt sie. Heu­te ist Ja­kob 16 Jah­re alt und lebt ein nor­ma­les Le­ben.

Als Kon­se­quenz aus ih­rer Ge­schich­te grün­de­te Al­ten­dor­fer den Ver­ein Herz­kin­der, der mitt­ler­wei­le 4000 Fa­mi­li­en im Jahr be­treut. Be­ra­ten wer­den El­tern in je­der Si­tua­ti­on – vor der Ge­burt und da­nach, egal, ob das Kind herz­krank auf die Welt kommt oder sich die El­tern für ei­ne Ab­trei­bung ent­schei­den. Nur ei­nes kann der Ver­ein nicht: den El­tern die Ent­schei­dung ab­neh­men. „Die­se muss man selbst tref­fen. Weil man auch selbst mit den Kon­se­quen­zen le­ben muss“, sagt Al­ten­dor­fer. Zwar ge­hen die meis­ten Herz­ope­ra­tio­nen gut aus, „aber es gibt kei­ne Ga­ran­tie“. Je­de Ent­schei­dung hat Fol­gen. Sie kennt auch El­tern, die die Ab­trei­bung be­reut ha­ben. „Ge­ra­de wenn sie Kin­der se­hen, die im glei­chen Al­ter sind, fra­gen sich vie­le: Was wä­re, wenn die Ope­ra­ti­on doch gut ge­gan­gen wä­re?“700 bis 800 Kin­der wer­den jähr­lich mit Herz­feh­lern ge­bo­ren. Es ist die häu­figs­te Fehl­bil­dung über­haupt. Wie vie­le El­tern tat­säch­lich ab­trei­ben, weiß man nicht.

„Die Prä­na­tal­dia­gnos­tik ist Fluch und Se­gen zu­gleich“, sagt Al­ten­dor­fer. Fluch, weil sie El­tern in die wo­mög­lich schlimms­te Si­tua­ti­on über­haupt bringt – über Le­ben und Tod ih­res un­ge­bo­re­nen Kin­des zu ent­schei­den. Und Se­gen, weil erst durch die Prä­na­tal­dia­gnos­tik herz­kran­ke Kin­der ei­ne Chan­ce zum Über­le­ben ha­ben. „Bei der Ge­burt sieht man ja meis­tens nicht, dass das Kind ei­nen Herz­feh­ler hat“, sagt sie. Ihr Sohn wä­re wohl ge­stor­ben, hät­ten die Ärz­te die Si­tua­ti­on nicht ge­kannt. Gleich­zei­tig ist auch die Prä­na­tal­dia­gnos­tik nicht feh­ler­frei. Al­ten­dor­fer kennt Fäl­le, wo ei­ne Schwerst­be­hin­de­rung dia­gnos­ti­ziert wur­de, dann ha­be das Kind aber nur ei­nen klei­nen Herz­feh­ler ge­habt. Um­ge­kehrt gibt es auch Fäl­le, in de­nen mit der Prä­na­tal­dia­gnos­tik nichts er­kannt wird und das Kind dann doch mit ei­ner Fehl­bil­dung auf die Welt kommt.

Schluss­end­lich, sagt Al­ten­dor­fer, wer­de die Ent­schei­dung selbst im­mer ei­ne Bauch­ent­schei­dung sein. Und man müs­se sie ge­mein­sam tref­fen. Vie­le Be­zie­hun­gen, er­zählt sie, über­stän­den die Be­las­tung nicht. Auch, weil der Weg nach der Ge­burt nicht ein­fa­cher wird. Müt­ter pla­gen Schuld­ge­füh­le. Was in die­ser Si­tua­ti­on al­le Müt­ter ge­mein­sam hät­ten, sei­en Schuld­ge­füh­le und Ge­dan­ken, für die sie sich schäm­ten: „Was ha­be ich wäh­rend der Schwan­ger­schaft falsch ge­macht? Wo­für wer­de ich be­straft? Soll das Kind le­ben oder nicht?“Auch die Fra­ge, ob sie ih­rem Sohn durch die Ope­ra­tio­nen nicht zu viel zu­mu­te, dräng­te sich bei Al­ten­dor­fer nach der Ge­burt auf. Auf sei­ner Home­page hat der Ver­ein die Ge­schich­te vie­ler herz­kran­ker Kin­der on­li­ne ge­stellt. Nicht al­le ha­ben über­lebt. Al­ten­dor­fer hat schließ­lich noch ei­ne Toch­ter be­kom­men. Auch bei ihr wur­den Lö­cher im Her­zen fest­ge­stellt. Al­ler­dings nur drei klei­ne, wie sie 60 Pro­zent al­ler Säug­lin­ge ha­ben. Sie wach­sen meist wie­der zu. Mitt­ler­wei­le ist die Toch­ter zwölf und of­fi­zi­ell herz­ge­sund. Vor ein paar Jah­ren hat ei­ne Mut­ter ih­ren Frau­en­arzt ver­klagt, weil er wäh­rend ih­rer Schwan­ger­schaft nicht er­kannt hat, dass das Kind höchst­wahr­schein­lich mit dem Down­syn­drom auf die Welt kom­men wird. Sie ar­gu­men­tier­te da­mit, dass sie bei ent­spre­chen­der Auf­klä­rung die Schwan­ger­schaft wohl ab­ge­bro­chen hät­te, und be­kam Recht. 2500 Eu­ro im Mo­nat muss seit­her die Ver­si­che­rung des Arz­tes an die Frau zah­len – so lan­ge das Kind lebt. Was hal­ten Sie von so ei­nem Ur­teil? An­ne Zoh­ra Ber­ra­ched: Es gibt ei­ni­ge ver­gleich­ba­re Fäl­le, auch in Deutsch­land. Na­tür­lich kannst du das Le­ben ei­nes Men­schen nie­mals mit Geld auf­wie­gen. Selbst dann nicht, wenn die Mut­ter ei­ne Mil­li­on Eu­ro pro Mo­nat krie­gen wür­de. Das wür­de ich nicht so un­ter­schrei­ben. Sie ra­ten da­zu, sämt­li­che Un­ter­su­chun­gen zu ma­chen, um so viel wie mög­lich über die Wahr­schein­lich­keit ei­ner Er­kran­kung zu er­fah­ren. Aber wenn es um die Ent­schei­dung ei­ner Ab­trei­bung geht, hal­ten sie sich mei­ner Er­fah­rung nach eher zu­rück. Schließ­lich sind sie es selbst, die die­se Spät­ab­trei­bun­gen durch­füh­ren müs­sen. Rund 90 Pro­zent der Frau­en ent­schei­den sich je­den­falls in so ei­nem Fall für ei­nen Schwan­ger­schafts­ab­bruch. Bei­na­he je­de Frau al­so. Den­ken Sie, dass sich die El­tern je­des Mal in ei­nem so gro­ßen Di­lem­ma be­fin­den wie das Paar bzw. die Fa­mi­lie in Ih­rem Film? Ja, ich bin über­zeugt da­von, dass je­der spä­ten Ab­trei­bung ein Di­lem­ma vor­aus­geht. Kei­ne Fa­mi­lie fällt die­se Ent­schei­dung leicht­fer­tig. Ge­ra­de nach der zwölf­ten Wo­che spürst du als Mut­ter das Kind, be­kommst sei­ne Be­we­gun­gen mit und der­glei­chen. Ich ha­be zum Bei­spiel vie­le Brie­fe von Frau­en be­kom­men, die sich ge­ra­de in so ei­nem Di­lem­ma be­fin­den und mir ih­re Ge­schich­te er­zählt ha­ben. Und das, ob­wohl der Film noch nicht ein­mal an­ge­lau­fen ist. Sie hät­ten den Film am liebs­ten so schnell wie mög­lich ge­se­hen. Egal, ob man sich für oder ge­gen das Kind ent­schei­det, es ist ei­ne Ent­schei­dung, die dich dein Le­ben lang be­glei­ten wird. Glau­ben Sie mir, da spie­len sich die größ­ten Dra­men ab. Ha­ben Sie auch ein­mal dar­an ge­dacht, ei­nen Film zu ma­chen, der nicht von ei­ner Ab­trei­bung nach dem drit­ten Mo­nat, son­dern von ei­nem Ab­bruch vor die­ser Re­gel­zeit han­delt – oh­ne die Krank­hei­ten der un­ge­bo­re­nen Kin­der? Nein, es ging mir im­mer um das The­ma ei­ner le­ga­len spä­ten Ab­trei­bung. Weil da­von die meis­ten gar nichts wis­sen. Auch ich wuss­te nicht, dass die­ses Ge­setz exis­tiert. Schon bei ei­nem Down­syn­drom kön­nen sich die meis­ten Frau­en und Fa­mi­li­en ein Le­ben mit ei­nem solch be­son­de­ren Kind nicht vor­stel­len. In „24 Wo­chen“al­ler­dings ent­schei­det sich das Paar, ge­spielt von Ju­lia Jentsch und Bjar­ne Mä­del, für das Kind mit Down­syn­drom, und spä­ter bei der – bei ei­nem Down­syn­drom so häu­fig auf­tre­ten­den – Dia­gno­se Herz­feh­ler kom­men Zwei­fel auf. Der Herz­feh­ler soll­te die Zwick­müh­le des Paa­res al­so noch schwie­ri­ger, noch nach­voll­zieh­ba­rer ma­chen? Ja, ich woll­te dra­ma­tur­gi­sche Knif­fe an­wen­den, um ei­ne Si­tua­ti­on zu ver­mei­den, in der die Zu­schau­er das Paar nicht mö­gen, weil sie über ei­ne Ab­trei­bung nach­den­ken. Je kran­ker das Ba­by wird, des­to eher will es der Va­ter be­kom­men, die Mut­ter hin­ge­gen ent­wi­ckelt im­mer mehr Zwei­fel. Sie be­we­gen sich in ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tun­gen. Das ha­be ich auch in der Rea­li­tät oft

1982

wur­de An­ne Zoh­ra Ber­ra­ched in Er­furt ge­bo­ren. Nach ih­rem Stu­di­um der So­zi­al­päd­ago­gik war sie zwei Jah­re als Thea­ter­päd­ago­gin in Lon­don tä­tig, ehe sie ein hal­bes Jahr in Ka­me­run und ein wei­te­res hal­bes Jahr in Spa­ni­en leb­te. Nach ih­rer Rück­kehr stu­dier­te sie an der Film­aka­de­mie Ba­denWürt­tem­berg in Lud­wigs­burg.

2013

ge­wann sie für ih­ren ers­ten abend­fül­len­den Spiel­film „Zwei Müt­ter“den Preis der Per­spek­ti­ve Deut­sches Ki­no der 63. Film­fest­spie­le Berlin. Ihr zwei­ter Film „24 Wo­chen“, der von Ab­trei­bung han­delt, kommt am 23. Sep­tem­ber in Ki­no. be­ob­ach­tet. Es gibt im­mer meh­re­re Grün­de für oder ge­gen ei­ne Ab­trei­bung. Bei­spiels­wei­se fühlt die Mut­ter in „24 Wo­chen“ei­ne ge­wis­se Ver­ant­wor­tung, ih­rem Kind Leid er­spa­ren und des­we­gen ab­trei­ben zu müs­sen. Groß­müt­ter wol­len wie­der­um ih­re Kin­der schüt­zen und ra­ten zum Ab­bruch. Das ist gleich­zei­tig na­tür­lich auch ei­ne ich­be­zo­ge­ne, ego­is­ti­sche Hal­tung. An­geb­lich en­det bei­na­he je­de zwei­te Schwan­ger­schaft mit ei­ner Fehl­ge­burt. Da­bei spre­chen wir nur von je­nen Schwan­ger­schaf­ten, die die El­tern über­haupt mit­be­kom­men. Wuss­ten Sie das? Nein. Ich wuss­te, dass die Quo­te hoch ist, aber nicht, dass sie so hoch ist. Die we­nigs­ten wis­sen das, ob­wohl sol­che In­for­ma­tio­nen doch ei­gent­lich zum All­ge­mein­wis­sen ge­hö­ren soll­ten. Sind Fehl­ge­bur­ten im­mer noch ein der­ar­ti­ges Ta­bu­the­ma? Ja, Fehl­ge­bur­ten wie auch Ab­trei­bun­gen sind ein ge­sell­schaft­lich ge­mie­de­nes The­ma. Des­we­gen ha­be ich den Film auch ge­macht. Da­mit mehr dar­über ge­spro­chen wird. Denn es gibt welt­weit kei­nen ver­gleich­ba­ren Film über le­ga­le Spät­ab­trei­bun­gen, der in der Ge­gen­wart spielt. Seit der Film auf Fes­ti­vals läuft, kommt stän­dig je­mand zu mir, der di­rekt oder in­di­rekt da­mit zu tun hat­te. Fast je­der ist be­trof­fen, der schon ein­mal schwan­ger war und sich Ge­dan­ken ge­macht hat, ob das Kind viel­leicht ei­ne Krank­heit ha­ben könn­te. Bei den Pu­bli­kums­ge­sprä­chen nach den Vor­füh­run­gen woll­ten die Zu­schau­er gar nicht mehr nach Hau­se ge­hen. Sie stell­ten nicht nur Fra­gen an mich, wie das sonst nach die­sen Vor­füh­run­gen üb­lich ist, son­dern woll­ten ih­re Ge­schich­te er­zäh­len. Und das The­ma wird künf­tig noch viel prä­sen­ter wer­den, denn Prä­na­tal­dia­gnos­tik wird im­mer bes­ser, und es wird im­mer leich­ter wer­den, Krank­hei­ten zu er­ken­nen und Kin­der ab­zu­trei­ben.

700 bis 800 Kin­der wer­den in Ös­ter­reich jähr­lich mit Herz­feh­lern ge­bo­ren.

Sta­nis­lav Je­nis

sind jetzt aber weit­ge­hend ge­sund. Falls ein Ba­by mit ei­ner sehr ho­hen Wahr­schein­lich­keit mit Down­syn­drom auf die Welt kom­men wür­de, ra­ten die Ärz­te ja zu ei­nem Schwan­ger­schafts­ab­bruch . . .

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