Katz und Maus - und Whis­key

So düs­ter wie Eu­ge­ne O’Neill, so mys­tisch wie Thorn­ton Wil­der, oft bö­se und manch­mal ab­grund­tief wit­zig: Der US-Dra­ma­ti­ker Ed­ward Al­bee starb mit 88 Jah­ren in Mon­tauk.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON BAR­BA­RA PETSCH

Ich er­schaf­fe kei­ne Fi­gu­ren, son­dern Men­schen“, kor­ri­gier­te Ed­ward Al­bee die In­ter­viewe­rin, mit der er im Ma­ga­zin „The Be­lie­ver“ein Lieb­lings­spiel sei­ner Büh­nen­cha­rak­te­re spiel­te: Katz und Maus. Er ent­larvt ihr Un­wis­sen, gibt Fra­gen zu­rück und son­dert Bon­mots ab. Ei­nes geht un­ge­fähr so: Die Leu­te sol­len lie­ber nicht über sich selbst schreiben, denn nie­mand weiß et­was über sich selbst.

Da­mit ist schon viel über Al­bee ge­sagt, kein um­gäng­li­cher Mann, ein küh­ler Durch­schau­er. In sei­nen Stü­cken ste­hen oft Rand­fi­gu­ren im Mit­tel­punkt, das Kind in „Wer hat Angst vor Vir­gi­nia Woolf?“, sei­nem be­kann­tes­ten Werk, oder die Zie­ge in „Wer ist Syl­via?“, ei­nem Spät­werk, das Andrea Breth im Aka­de­mie­thea­ter meis­ter­lich in­sze­nier­te: Peter Si­mo­ni­schek spiel­te den Ar­chi­tek­ten, der sich tie­risch ver­liebt, sei­ne Frau (Co­rin­na Kirch­hoff ) kann es nicht fas­sen. Und wäh­rend die zwei ih­re Woh­nung und ih­re Ehe zer­le­gen, träl­lert fröh­lich Schu­berts Ge­sang „An Syl­via“– der Text ist üb­ri­gens von Sha­ke­speare, dem Spe­zia­lis­ten für Ver­zau­be­rung und Ver­wir­rung schlecht­hin.

Al­bee, ge­bo­ren 1928 in Wa­shing­ton, wur­de kurz nach sei­ner Ge­burt vom Be­trei­ber ei­nes Vau­de­vil­le-Thea­ters ad­op­tiert. Der Zwei­te Welt­krieg präg­te ihn. Er ver­such­te sich an Ro­ma­nen, bis Thorn­ton Wil­der, mit dem er ei­nen Hang zum Mys­ti­schen teil­te, ihm riet, sich dem Thea­ter zu­zu­wen­den. Da war Al­bee schon 30 Jah­re alt. Be­kannt wur- de er mit der von Sa­mu­el Be­ckett in­spi­rier­ten „Zoo­ge­schich­te“: Der bür­ger­li­che Peter und der de­so­la­te Jer­ry kom­men auf ei­ner Bank im Cen­tral Park ins Ge­spräch. Jer­ry at­ta­ckiert Peter, zieht plötz­lich ein Mes­ser. Das Werk wird dem ab­sur­den Thea­ter zu­ge­ord­net.

Al­ler­dings hat­te Al­bee auch ei­ni­ges von Eu­ge­ne O’Neill, das Düs­te­re und das Wüh­len, O’Neills Grimm al­ler­dings fehl­te ihm. Al­bee schien im­mer mit dis­tan­zier­tem La­bor­blick auf sei­ne Cha­rak­te­re zu schau­en. 1962 be­scher­te ihm „Wer hat Angst vor Vir­gi­nia Woolf?“den Durch­bruch. Ex­em­pla­risch ist die Ver­fil­mung mit Liz Tay­lor und Richard Bur­ton, auch im wirk­li­chen Le­ben ein Paar a` la St­rind­berg.

Am Burg­thea­ter spiel­ten u. a. Klaus Ma­ria Bran­dau­er und Eli­sa­beth Tris­senaar, bei den Fest­wo­chen gas­tier­te ei­ne Auf­füh­rung vom Deut­schen Thea­ter in Berlin mit Co­rin­na Har­fouch und Ul­rich Mat­thes im Volks­thea­ter. Eben­dort be­geis­ter­ten auch Ma­ria Bill und Gün­ter Franz­mei­er. Die Ehe­schlacht ist ein Klas­si­ker, aber we­ni­ger sim­pel, als sie auf den ers­ten Blick aus­sieht: Mar­tha und Ge­or­ge aus dem Uni-Mi­lieu strei­ten, fül­len sich und ih­re Gäs­te, ein jün­ge­res Paar, mit Whis­key ab,

Ed­ward Al­bee

Ge­bo­ren 1928 in Wa­shing­ton, D.C. Sein Ad­op­tiv­va­ter be­treibt ein Vau­de­vil­leThea­ter. Die Fa­mi­lie zieht oft um.

1948

Al­bee geht nach New York. Er lebt von ei­nem Le­gat sei­ner Groß­mut­ter, schlägt sich als Ge­le­gen­heits­ar­bei­ter durch, schreibt Ro­ma­ne, Kurz­ge­schich­ten.

1958

Ei­ni­ge sei­ner Dra­men wer­den in Deutsch­land ur­auf­ge­führt, auch „Zoo­ge­schich­te“am Schil­ler­thea­ter Berlin.

1962

Urauf­füh­rung von „Wer hat Angst vor Vir­gi­nia Woolf?“in New York, die Ver­fil­mung 1966 ge­winnt meh­re­re Os­cars (ei­nen da­von Liz Tay­lor). Al­bee schreibt ca. 30 Stü­cke. doch sieht man hier auch ver­wun­sche­ne Men­schen, to­bend, wei­nend, wie in ei­nem bö­sen Traum ge­fan­gen. Was zählt der Geist auf die­ser üb­len Er­de, auf der wir dem Tod ent­ge­gen­wan­ken, fragt Al­bee in die­ser Sa­ti­re auf den Uni­ver­si­täts­be­trieb – der in den USA auch ei­ne Brut­stät­te für tol­les Thea­ter ist. Dia­gnos­ti­ker. Stets po­le­mi­sier­te Al­bee ge­gen die Kom­mer­zia­li­sie­rung der Büh­nen­kunst, die sich über den Broad­way zum Off- und Off-Off-Broad­way aus­brei­te­te. Et­wa 30 Stü­cke hat er geschrieben, vie­le wa­ren span­nend, wur­den an nam­haf­ten Thea­tern auf­ge­führt, aber kei­nes ist beim brei­ten Pu­bli­kum so be­kannt wie „Wer hat Angst vor Vir­gi­nia Woolf?“. 1987 und 1991 wur­den „Mar­ria­ge Play“(„Ehe­thea­ter“) und „Th­ree Tall Wo­men“(„Drei gro­ße Frau­en“) im Vi­en­na’s Eng­lish Thea­t­re ur­auf­ge­führt. „Th­ree Tall Wo­men“war Al­bees Abrech­nung mit sei­nen El­tern, die sei­ne Ho­mo­se­xua­li­tät miss­bil­lig­ten.

Al­bee war öf­ter in Wi­en. Er be­glei­te­te Pro­ben sei­ner Stü­cke, ach­te­te auf sein geis­ti­ges Ei­gen­tum. Er rüt­tel­te nicht nur an der Ehe, ei­ner Säu­le der US-Ge­sell­schaft, er ver­wei­ger­te auch ein Grund­prin­zip des US-En­ter­tain­ments, Ge­schich­ten um­zu­schrei­ben, um sie bes­ser ver­kau­fen zu kön­nen. Er glaub­te an Er­zie­hung durch Kunst. „Mit­hil­fe gu­ter Stü­cke kön­nen wir die Men­schen klü­ger ma­chen“, lau­te­te sei­ne Über­zeu­gung. Mit 88 ist die­ser prä­zi­se Dia­gnos­ti­ker nun ge­stor­ben.

Er kri­ti­sier­te die wach­sen­de Kom­mer­zia­li­sie­rung am Broad­way und Off-Broad­way.

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