Co­rio­lan in der Fal­le des Po­pu­lis­mus

Im Aka­de­mie­thea­ter stellt Re­gis­seu­rin Ca­ro­lin Pi­en­kos für ein in­ten­si­ves Kam­mer­spiel der spä­ten Tra­gö­die Wil­li­am Sha­ke­speares ein bril­lan­tes En­sem­ble zur Ver­fü­gung. Die­ses hät­te manch mo­di­sches Bei­werk gar nicht nö­tig ge­habt.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON NOR­BERT MAY­ER

Die Büh­ne des Aka­de­mie­thea­ters wird von zwei Säu­len ge­säumt, die ei­nes Im­pe­ri­ums wür­dig wä­ren. Ein leich­ter Vor­hang da­zwi­schen dient als Lein­wand. Auf ihm wogt zu Be­ginn ein Korn­feld, das an Hol­ly­woods „Gla­dia­tor“er­in­nert. Ein Mann in ei­nem Mi­li­tär­man­tel quert die Büh­ne und flüs­tert: „Me­men­to mo­ri!“Es ist der rö­mi­sche Kriegs­held Cai­us Mar­ti­us, der To­des­sehn­sucht be­schwört. Spä­ter wird man ihm den Eh­ren­na­men Co­rio­lan ge­ben, nach­dem er al­lein, nur mit dem Kurz­schwert, ei­ne Vols­ker-Stadt er­obert hat.

Wir be­fin­den uns in Sha­ke­speares sper­ri­gem Ide­en­dra­ma „Co­rio­lan“, für das Ca­ro­lin Pi­en­kos in ih­rer Ins­ze­nie­rung (Pre­mie­re war am Frei­tag) zeit­ge­mä­ße An­spie­lun­gen – et­wa ei­ne auf Brief­wahl­ku­verts – ge­fun­den hat. Die­se pas­sen zum Plot, so wie die Wir­ren der Stuart-Zeit, die im­pe­ria­len In­ter­pre­ta­tio­nen von Li­vi­us und Plut­arch, Roms Früh­ge­schich­te. Ver­han­delt wird, wie ein Staat funk­tio­nie­ren soll, Volk und Füh­rung sich ar­ran­gie­ren. Das ist stets ak­tu­ell. Rom vor 2500 Jah­ren, der Stadt­staat auf Ex­pan­si­on. Die Pa­tri­zi­er sind gro­ße Ge­win­ner, das Volk darbt.

So könn­te es ge­we­sen sein. Oder auch: Die ei­nen kämp­fen für hö­he­re Eh­ren, an­de­re nut­zen die Wan­kel­mü­tig­keit des Vol­kes. Des­sen Tri­bu­nen pro­ben mit den Ple­be­jern den Auf­stand. Der un­ge­rech­te Kö­nig wur­de ver­trie­ben, nun geht es um die Macht, Macht­er­halt, noch mehr Macht. Co­rio­lan ist ein per­fek­ter Sol­dat. Er soll zum Kon­sul auf­stei­gen. Die Mut­ter will das, dem Adel ist es recht. Doch im Klün­geln sind an­de­re ge­schick­ter als er. Das Ver­track­te an Sha­ke­speares Sprach­kunst: Man könn­te je­dem recht ge­ben.

Was al­so hat Pi­en­kos aus die­ser Ver­suchs­an­la­ge von Staat und Re­vo­lu­ti­on ge­macht? Ein in­ten­si­ves, drei­stün­di­ges Kam­mer­spiel, das von groß­ar­ti­gen Schau­spie­lern lebt, vor al­lem in der Ver­dich­tung nach der Pau­se. Am An­fang näm­lich, und das ist der ein­zi­ge gro­ße Ein­wand, gibt es all­zu viel Ablen­kung. Da tan­zen im dunk­len, schlich- ten Büh­nen­bild von Wal­ter Vo­gel­wei­der die Sol­da­ten in mo­der­nen Kampf­an­zü­gen bei der Ero­be­rung von Städ­ten Bal­lett, als ob sie Pop­kö­nig Micha­el Jack­son imi­tie­ren, da herrscht ein Sound wie in der Dis­co, als ob man der Kraft des Wor­tes nicht ver­trau­te.

Doch die­ses En­sem­ble kommt mü­he­los oh­ne solch Bei­werk aus, es bie­tet fan­tas­ti­sches Thea­ter. Als du­bio­ser Ti­tel­held stei­gert sich Cor­ne­li­us Ob­onya in un­glaub­li­che In­ten­si­tät. Wenn er mit Po­li­ti­kern re­det, ver­strömt er Un­si­cher­heit, wenn er dem Volk be­geg­net, Ag­gres­si­on. Im Krieg scheint er Er­fül­lung zu fin­den, ganz mensch­lich aber wird er bei der Be­geg­nung mit sei­ner Mut­ter, Vo­lum­nia, die von (sei­ner wirk­li­chen Mut­ter) Eli­sa­beth Orth ge­spielt wird. Vo­lum­nia, früh ver­wit­wet, hat den ein­zi­gen Sohn zum Hel­den ge­formt. Je­de Ges­te zwi­schen den bei­den ver­rät, wer hier das Sa­gen hat. Sie will ihn als Kon­sul se­hen, doch ei­nes hat die Mut­ter bei die­sem heik­len po­li­ti­schen Kal­kül nicht be­rech­net: Co­rio­lan kann nicht herr­schen, weil er so un­be­herrscht ist. We­der die Hil­fe des ge­schmei­di­gen vä­ter­li­chen Freunds Me­neni­us Agrip­pa (Mar­tin Rein­ke), noch je­ne des al­ten Kon­suls Co­mi­ni­us (Bernd Birk­hahn) ver­mö­gen die­se Schwä­che mit blen­den­der Rhe­to­rik aus­zu­glei­chen.

Die Volks­tri­bu­nen ha­ben leich­tes Spiel: Syl­vie Roh­rer bril­liert als Si­ci­nia Ve­lu­ta. Sie er­weckt Hass. Her­mann Scheid­le­der über­zeugt als Ju­ni­us Bru- tus – ein fei­ger Funk­tio­när, der Ver­ach­tung her­vor­ruft. Die­se po­pu­lis­ti­schen Spin-Dok­to­ren wol­len Co­rio­lan be­sei­ti­gen, sie fürch­ten sei­ne un­be­re­chen­ba­re Macht und drü­cken die rich­ti­gen Knöp­fe. Der Held wird zum An­ti­hel­den und muss zur Stra­fe in die Ver­ban­nung. Er schließt sich dem al­ten Feind an, dem Vols­ker Tul­lus Au­fi­di­us. Mar­kus Mey­er und Ob­onya ze­le­brie­ren die­se selt­sa­men Sze­nen ei­ner Män­ner­freund­schaft hem­mungs­los. Co­rio­lan ist im ver­trau­ten Um­feld: Krieg! Es geht ge­gen Rom. Er merkt zu spät, dass auch der neue Part­ner In­tri­gen spinnt.

Wer aber ret­tet Rom? Noch ein­mal muss die Mut­ter agie­ren, sie bit­tet um Ver­scho­nung der Stadt und ver­langt da­für ein wei­te­res Op­fer vom Sohn, das größ­te. Ih­re Kör­per­spra­che sagt, dass bei­de längst wis­sen, wel­che Un­ge­heu­er­lich­keit nun ge­sche­hen wird.

Die­ser per­fek­te Sol­dat kann nicht herr­schen, weil er so un­be­herrscht ist. Am En­de ver­langt die do­mi­nan­te Mut­ter ein wei­te­res Op­fer vom Sohn.

Rein­hard Ma­xi­mi­li­an Wer­ner

Bernd Birk­hahn (l.) als Kon­sul Co­mi­ni­us, Cor­ne­li­us Ob­onya als Co­rio­lan, Eli­sa­beth Orth als des­sen Mut­ter.

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