»Ui, dös is a Mensch«: Das Mys­te­ri­um um die Mu­mie vom Ti­sen­joch

25 Jah­re nach dem Sen­sa­ti­ons­fund des Öt­zi am Al­pen­haupt­kamm, hart an der Gren­ze zwi­schen Nord- und Süd­ti­rol, gibt der Grenz­gän­ger der Wis­sen­schaft wei­ter Rät­sel auf. Zwei­fels­frei ge­klärt ist nach an­fäng­li­chen Ri­va­li­tä­ten in­des­sen, dass es sich bei der am

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON THO­MAS VIEREGGE

Hoch oben auf dem Ti­sen­joch, in 3200 Me­tern See­hö­he, mit Blick auf das Ort­ler­mas­siv im Sü­den, wo die Luft all­mäh­lich dün­ner wird, flat­tern bun­te, ti­be­ti­sche Ge­bets­fah­nen auf ei­ner St­ein­py­ra­mi­de. Sie ha­ben in­des rein gar nichts mit dem 70 Me­ter ent­fern­ten Sen­sa­ti­ons­fund zu tun, den das Denk­mal in­mit­ten von Schnee­fel­dern und ei­ner St­ein­wüs­te am äu­ßers­ten En­de der Ötz­ta­ler Al­pen mar­kiert. Es ist zu­min­dest nicht über­lie­fert, dass in prä­his­to­ri­schen Zei­ten hier Bud­dhis­ten haus­ten. Auf der ei­nen Sei­te er­hebt sich die Si­mi­laun­spit­ze über dem schmut­zig-grau­en Glet­scher­feld, auf der an­de­ren ragt das Gip­fel­kreuz der Fin­eil­spit­ze über schrof­fe Fels­wän­de – die Ku­lis­se für ei­nen Jahr­hun­dert­fund, so der Inns­bru­cker Archäo­lo­ge Wal­ter Leit­ner.

Zwi­schen den Grenz­stei­nen 35 und 36 stie­ßen Hel­mut und Eri­ka Si­mon am 19. Sep­tem­ber 1991, um 13.30 Uhr, in ei­ner Mul­de, ei­nem Tüm­pel aus Schmelz­was­ser, auf ei­ne Glet­scher­lei­che, die als „Mann vom Haus­lab­joch“, schließ­lich als „Öt­zi“und im an­gel­säch­si­schen Raum als „Ice­man“und „Fro­zen Fritz“in die Ge­schichts­bü­cher ein­ging. Für Ita­li­en bleibt der Grenz­gän­ger zwi­schen Nord- und Süd­ti­rol, laut Wis­sen­schaft im Ei­sack­tal ge­bo­ren und im Vinsch­gau sess­haft ge­we­sen, der Si­mi­laun-Mann, wie es auf der Ge­denk­ta­fel am Ti­sen­joch of­fi­zi­ell ver­merkt ist.

Dass sei­ne männ­li­chen Vor­fah­ren, wie die For­schung her­aus­fand, zwi­schen 8000 und 10.000 vor Chris­tus aus Vor­der­asi­en, al­so wo­mög­lich aus der heu­ti­gen Tür­kei oder aus Sy­ri­en, hier­her ein­ge­wan­dert sind, ist ei­ne iro­ni­sche Po­in­te der Ge­schich­te und ein hüb­sches Aper­cu¸ zur ak­tu­el­len Flücht­lings­kri­se. Un­ge­wöhn­lich vie­le Nach­fah­ren le­ben heu­te im Üb­ri­gen auf Sar­di­ni­en und Kor­si­ka.

Wäh­rend Hir­ten ein paar hun­dert Me­ter un­ter­halb die Schaf­her­den von ih­ren Som­mer­wei­de­grün­den wie­der

Am 19. Sep­tem­ber 1991 stie­ßen Hel­mut und Eri­ka Si­mon aus

Nürnberg in den Ötz­ta­ler Al­pen auf ei­ne Glet­scher­lei­che, die als Öt­zi in die An­na­len ein­ging. Für die Archäo­lo­gen ist es der be­deu­tends­te Fund seit Tu­ten­cha­mun. Öt­zi war vor rund 5300 Jah­ren ver­mut­lich durch ei­nen Mord ums Le­ben ge­kom­men, als er aus dem Schnal­s­tal in Süd­ti­rol in Rich­tung Si­mi­laun auf­stieg und durch Eis und Schnee kon­ser­viert wor­den war. Im Ar­chäo­lo­gi­schen Mu­se­um in Bozen ist die Mu­mie aus­ge­stellt.

Nächs­te Wo­che

schreibt Ste­fan Kar­ner auf den „Ge­schich­te“Sei­ten, wie Sieg­mund von Her­ber­stein vor 500 Jah­ren dem Wes­ten Russ­land er­schlos­sen hat. auf die Süd­ti­ro­ler Sei­te trei­ben und Ne­bel­schwa­den aus dem Tal auf­zie­hen, schwebt ein Hub­schrau­ber mit Ge­tö­se auf dem Ti­sen­joch ein. An Bord: Eri­ka Si­mon, Wal­ter Leit­ner und Le­on­hard Falk­ner, Chef des Öt­zi­dorfs in Um­hau­sen im Ötz­tal. Zur Re­kon­struk­ti­on der his­to­ri­schen Ent­de­ckung vor 25 Jah­ren ha­ben sie ei­ne Nach­bil­dung des Öt­zi und des­sen Uten­si­li­en in ei­nem blau­en Plas­tik­sack im Ge­päck. Falk­ner zerrt die Öt­zi-Ko­pie aus dem Mu­se­ums­dorf her­aus, de­po­niert sie kopf­über vor dem mit ei­nem ro­ten Punkt ver­se­he­nen St­ein­bro­cken und bud­delt sie nach ei­ni­gem Hin und Her im Schnee ein – un­ge­fähr in je­ner Po­si­ti­on, in der die mu­mi­fi­zier­te Lei­che nach rund 5300 Jah­ren aus ih­rem Gr­ab in Schnee und Eis auf­ge­taut – und er­go auf­ge­taucht – ist. „Je­des Mal rinnt es mir da­bei kalt über den Bu­ckel“, sagt Falk­ner.

Eri­ka Si­mon, einst ei­ne pas­sio­nier­te Wan­de­re­r­in, in­zwi­schen 76 Jah­re alt und nicht mehr ganz so gut zu Fuß, hat die Ge­schich­te si­cher­lich Hun­der­te Ma­le er­zählt, wie sie und ihr Mann im Ur­laub nach dem Ab­stieg von der Fin­eil­spit­ze un­ter­halb des Haus­lab­jochs ei­ne Ab­kür­zung nah­men und ei­nen brau­nen Schä­del er­späh­ten. Die Nürn­ber­ge­rin re­agier­te ein we­nig ent­geis­tert an je­nem war­men Spät­som­mer­tag, ei­nem Don­ners­tag, wie sie im frän­ki­schen Dia­lekt schil­dert: „Ui, dös is ja a Mensch.“Als ihr Mann den Fo­to­ap­pa­rat her­vor­hol­te, um mit dem letz­ten Bild im Film ein Fo­to zu schie­ßen, das spä­ter um die Welt ge­hen soll­te, ha­be sie ihn noch ge­rügt: „Du wirst doch kein Fo­to von ei­ner Lei­che ma­chen!“

Her­nach mel­de­ten sie den To­ten – ver­mut­lich ei­nen Berg­stei­ger oder Tou-

»Bei uns ist kei­ner ab­gän­gig«, er­klär­ten die Ca­ra­bi­nie­ri in Süd­ti­rol be­stimmt.

ren­ge­her, wie sie dach­ten – in der Si­mi­laun-Hüt­te, der nächst­ge­le­ge­nen Hüt­te. Hüt­ten­wirt Mar­kus Pri­pa­mer stieg zu der Fund­stel­le auf, um sich selbst ein Bild zu ma­chen und an­schlie­ßend die zu­stän­di­gen Po­li­zei­dienst­stel­len in Ös­ter­reich und Ita­li­en zu alar­mie­ren. „Bei uns ist kei­ner ab­gän­gig“, er­klär­ten die Ca­ra­bi­nie­ri in Süd­ti­rol be­stimmt und über­lie­ßen erst ein­mal ih­ren Nord­ti­ro­ler Kol­le­gen die Ar­beit. Al­so flog An­ton Ko­ler aus Imst an­dern­tags mit dem Hub­schrau­ber hin­auf aufs Ti­sen­joch, sto­cher­te mit Pi­ckel und Press­luft­boh­rer ein we­nig im Schnee her­um, um die Lei­che frei­zu­le­gen, be­vor Schnee­fall ein­setz­te, der ihn zum Ab­bruch der Ber­gung zwang.

Am Sams­tag be­kam schließ­lich Rein­hold Mess-

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