»Ren­nen, nur um auf der Stel­le zu tre­ten«

Der deut­sche So­zio­lo­ge Hart­mut Ro­sa er­hält für sein neu­es Buch, »Re­so­nanz«, den Trac­ta­tus-Preis des Phi­lo­so­phi­cums Lech. Ein ge­glück­tes Le­ben hängt von ei­ner ge­lun­ge­nen Welt­be­zie­hung ab, sagt er. Was das ist, wes­halb er den Au­to­no­mie­ge­dan­ken in der mo­dern

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON JU­DITH HECHT

Wenn Be­schleu­ni­gung das Pro­blem ist, dann ist Re­so­nanz viel­leicht die Lö­sung, schreiben Sie in Ih­rem jüngs­ten Buch, „Re­so­nanz: Ei­ne So­zio­lo­gie der Welt­be­zie­hung“. Was mei­nen Sie da­mit? Hart­mut Ro­sa: Ich hat­te nach mei­nem Buch „Be­schleu­ni­gung und Ent­frem­dung“das Ge­fühl, dass ich mit der Be­schrei­bung der Be­schleu­ni­gungsphä­no­me­ne weit­ge­hend fer­tig war. Mein Schlüs­sel­be­griff für die Ana­ly­se der ge­gen­wär­ti­gen Be­din­gun­gen lau­tet „dy­na­mi­sche Sta­bi­li­sie­rung“. Die mo­der­ne Ge­sell­schaft kann sich nur durch Stei­ge­rung er­hal­ten. Das se­he ich als Grund­pro­blem. Ich hat­te al­ler­dings kei­ne Ant­wort, wie wir als Ge­sell­schaft mit der Be­schleu­ni­gung um­ge­hen kön­nen. Tat­säch­lich wur­de ich von vie­len falsch ver­stan­den. Sie mein­ten, ich plä­die­re für Ent­schleu­ni­gung und da­für, mal et­was lang­sa­mer zu wer­den. Das woll­te ich aber nicht. Viel­mehr hat­te ich kei­ne Ant­wort, das hat mich selbst be­un­ru­higt. Kon­struk­ti­ver ist es frei­lich, ein Pro­blem nicht nur auf­zu­zei­gen, son­dern auch ei­ne Lö­sung an­zu­bie­ten. Ich se­he mich ja in der Theo­rie­tra­di­ti­on der kri­ti­schen Theo­rie. Aber in ei­ner ge­wis­sen Dif­fe­renz zu der kri­ti­schen Theo­rie, wie sie et­wa Theo­dor Ador­no ver­tre­ten hat, reicht es mir nicht, ein­fach nur ne­ga­tiv oder gar zy­nisch auf die Ver­hält­nis­se zu bli­cken. Ich den­ke, das ist lang­wei­lig. Dass wir Pro­ble­me ha­ben, wis­sen wir doch al­le. Und ich bin über­zeugt, dass in den Ver­hält­nis­sen selbst An­satz­punk­te zu fin­den sind, wie man sie bes­ser ma­chen kann. Ihr Buch ver­steht sich als „Gr­und­do­ku­ment des gu­ten Le­bens“. Dem­nach hängt ein gu­tes Le­ben da­von ab, ob die ei­ge­ne Be­zie­hung zur Welt re­so­nant, al­so ge­glückt, ist? So ist es. Der Be­griff „Be­zie­hun­gen“passt für mich im Ver­hält­nis zu Men­schen oder zu Tie­ren, ich ver­ste­he aber nicht, wie ei­ne Be­zie­hung gleich zur gan­zen Welt aus­se­hen soll. „Welt“ist für mich ein Sam­mel­be­griff für al­les, was uns be­geg­nen kann. Da­zu ge­hö­ren Men­schen, Din­ge, Si­tua­tio­nen, die Na­tur, aber auch Ide­en. Und ob wir das, was uns da ge­gen­über­steht, als et­was Pein­li­ches, Be­droh­li­ches oder In­ter­es­san­tes und Her­aus­for­dern­des er­le­ben, hängt von un­se­rer Welt­be­zie­hung ab. Men­schen sa­gen ja auch manch­mal, sie wol­len in die Na­tur. Sie ha­ben dann das Ge­fühl, sie ste­hen der Na­tu­ra als Ge­samt­heit ge­gen­über. Auch die Kunst hat die­se Funk­ti­on, uns mit dem Le­ben in Ver­bin­dung zu set­zen. Aber Be­zie­hung ist – auch in Ih­rer Dik­ti­on – im­mer et­was Zwei­sei­ti­ges. Wenn ich ei­ne al­te Va­se vor mir se­he, kann ich ei­ne Be­zie­hung zu ihr ent­wi­ckeln. Aber wel­che Be­zie­hung hat die Va­se denn zu mir? Das ist ein heik­ler Punkt, über den ich im­mer wie­der nach­den­ke. Viel­leicht bin ich da­mit auch noch gar nicht fer­tig. Aber blei­ben wir bei der Va­se: Viel­leicht ist es ei­ne Va­se Ih­rer Groß­mut­ter, Sie ver­wen­den sie und mer­ken, sie ist ganz fein ge­baut oder hat ei­nen klei­nen Sprung. Da­mit ist die Va­se auch für Sie nicht mehr die glei­che Va­se, die Ih­nen da be­geg­net. Was Ih­nen be­geg­net, hat sich und auch Sie ver­än­dert. Denn da, wo Re­so­nanz ein­tritt, ver­än­dert man sich. Man be­nutzt ei­nen Men­schen, ein Ding oder ei­ne Idee nicht nur, son­dern man wird da­von so be­rührt, dass man sich ten­den­zi­ell ver­än­dert. Und zwar in ei­ne Rich­tung, die man vor­her nicht vor­her­sa­gen kann. Re­so­nanz auf Knopf­druck gibt es dem­nach nicht, zu­mal ja zwei Sai­ten ins Klin­gen kom­men müs­sen. Rich­tig?

1965

wur­de Hart­mut Ro­sa in Lör­rach ge­bo­ren. Er stu­dier­te Ger­ma­nis­tik, Po­li­tik­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie an der Al­bert-Lud­wigs­U­ni­ver­si­tät in Frei­burg.

2004

ha­bi­li­tier­te er an der Uni­ver­si­tät Je­na mit der Stu­die „So­zia­le Be­schleu­ni­gung. Die Ve­rän­de­rung der Zeit­struk­tu­ren in der Mo­der­ne für So­zio­lo­gie und Po­li­tik­wis­sen­schaft“.

Seit 2005

ist Hart­mut Ro­sa Pro­fes­sor für All­ge­mei­ne und Theo­re­ti­sche So­zio­lo­gie an der Fried­rich-Schil­lerU­ni­ver­si­tät Je­na. Im sel­ben Jahr schrieb er das Buch „Be­schleu­ni­gung“.

2016

pu­bli­zier­te er das Buch „Re­so­nanz“, wo­für er bei dem Phi­lo­so­phi­cum Lech 2016 den Es­say­is­tenP­reis „Trac­ta­tus“er­hält. Ja, Re­so­nan­zer­fah­rung kann man nicht in­stru­men­tell her­bei­füh­ren, aber man kann Vor­aus­set­zun­gen schaf­fen. Wie wir ge­gen­über dem, was uns be­geg­net, ge­stimmt sind, dar­an kön­nen wir zum ei­nen ar­bei­ten. Ein Not­arzt soll­te in ei­ner Stress­si­tua­ti­on vor al­lem schnell und ef­fi­zi­ent sein und sich von der Tra­gik des Ge­sche­hens nicht be­ein­dru­cken las­sen. Er darf ge­ra­de nicht Em­pa­thie emp­fin­den, wür­den wir je­den­falls hof­fen. In ei­nem Kon­zert ist der­sel­be Not­arzt dann eher auf Re­so­nanz ge­stimmt. Da will er sich be­rüh­ren und be­we­gen las­sen. Und ab­ge­se­hen von der ei­ge­nen Hal­tung kann man sich zwei­tens auch Re­so­nan­zach­sen schaf­fen. Der ei­ne emp­fin­det am Berg, der an­de­re in ei­ner Aus­stel­lung oder in der Kir­che Re­so­nanz. Die­se Ach­sen soll­te man pfle­gen, wenn­gleich Re­so­nanz­of­fen­heit auch im­mer mit Ver­letz­bar­keit ein­her­geht. Re­so­nanz ge­fähr­det dem­nach mei­ne Au­to­no­mie. Wenn ich mich ver­lie­be, ist nach­her nichts mehr so wie vor­her. Nicht je­der ist wil­lens, sich auf die­ses Wag­nis ein­zu­las­sen. Ein Teil der Pro­ble­me der Mo­der­ne ruht da­her, dass wir den Au­to­no­mie­ge­dan­ken zu sehr be­tont ha­ben. Die Idee der Selbst­be­stim­mung und des In-Kon­trol­le-Seins ver­hin­dert das Er­le­ben von Re­so­nanz. Doch je­ne Er­fah­run­gen, die für uns die größ­ten und wich­tigs­ten wa­ren, ha­ben im­mer auch ein Mo­ment des Au­to­no­mie­ver­lusts mit sich ge­bracht. Wenn wir uns ver­lie­ben, än­dern wir un­se­re Plä­ne, wir sa­gen: Ich konn­te doch gar nicht mehr an­ders, weil ich über­wäl­tigt war. War­um geht uns Au­to­no­mie heu­te über al­les, so­gar über die ei­ge­nen Ge­füh­le? Das ist ein Grund­cha­rak­te­ris­ti­kum der mo­der­nen Ge­sell­schaft. Wir wol­len die Welt ver­füg­bar ma­chen und kon­trol­lie­ren. Das ist das Pro­gramm der Mo­der- ne. Mir scheint da­hin­ter ein sehr ein­sei­ti­ges Ver­ständ­nis von Re­so­nanz zu ste­hen. Na­tür­lich ist es wich­tig, sei­ne ei­ge­ne Stim­me zu hö­ren. Wir ha­ben nur da­bei über­se­hen, dass Re­so­nanz auch von der an­de­ren Sei­te ab­hängt. Wir müs­sen auch in der La­ge sein, ei­ne an­de­re Stim­me wahr­zu­neh­men, und be­reit sein, uns von ihr be­rüh­ren zu las­sen. Das ha­ben wir ver­ges­sen. Sie ver­wen­den im­mer wie­der den Be­griff des „ra­sen­den Still­stan­des“. . . . . . und mei­ne da­mit, dass wir im­mer schnel­ler ren­nen müs­sen, nur um auf der Stel­le zu tre­ten. Ir­gend­et­was ist da in der Mo­der­ne ge­kippt. Denn als die­ses gan­ze Dy­na­mi­sie­rungs­pro­gramm be­gann, war die gro­ße Ver­hei­ßung, mit mehr Pro­duk­ti­on, mehr Ar­beit und An­stren­gung wür­de auch ein bes­se­res Le­ben ein­her­ge­hen. Die Stei­ge­rung soll­te ge­ra­de da­zu die­nen, re­so­nan­te Le­bens­ver­hält­nis­se zu er­mög­li­chen, weil wir ge­ra­de nicht mehr von Hun­ger und Ar­mut ge­knech­tet wer­den. Das hat sich aber in un­se­rer Wahr­neh­mung klar ver­än­dert. Stei­ge­rung ist heu­te nicht mehr Vor­wärts­be­we­gung. Das kann man auch em­pi­risch gut nach­wei­sen. Wenn El­tern über ihr ei­ge­nes Ver­hält­nis zur Ar­beit und zu ih­ren Kin­dern spra­chen, sag­ten sie so bis zur Jahr­tau­send­wen­de: Sie ar­bei­te­ten, da­mit es die Kin­der ein­mal bes­ser ha­ben. Heu­te sa­gen sie, sie ar­bei­ten, da­mit es ih­ren Kin­dern nicht schlech­ter er­geht als ih­nen selbst. Die Tü­cke da­bei: Je mehr ich in die­sem Jahr ar­bei­te, um­so mehr muss ich im Fol­ge­jahr ra­ckern. Das al­les, nur um den Sta­tus quo zu be­wah­ren. Ei­ne we­nig reiz­vol­le Per­spek­ti­ve. In der ra­di­kals­ten Va­ri­an­te fin­det man hier so­gar ei­ne Er­klä­rung da­für, wes­halb auch im Wes­ten ei­ne der­art ab­ar­ti­ge Ideo­lo­gie wie die des Is­la­mi­schen Staa­tes ih­re An­hän­ger fin­det. Of­fen­sicht­lich ist sie auch für vie­le Men­schen, die in- . . . ob Sie Be­schei­den­heit für ein ge­glück­tes Le­ben als un­ent­behr­lich er­ach­ten? Ich will Be­schei­den­heit nicht als Le­bens­dog­ma aus­ru­fen, ganz und gar nicht. Da fin­de ich nichts Sym­pa­thi­sches dran, wenn ich sag­te: „Be­schei­det Euch! Be­schränkt Euch!“Und zwar so­wohl für die in­di­vi­du­el­le Le­bens­füh­rung als auch für die ge­sell­schaft­li­che Ori­en­tie­rung nicht. Wir brau­chen viel­mehr ei­ne Ver­hei­ßung, auf die wir zu­wol­len, und kei­nen Zei­ge­fin­ger, der mahnt, was wir al­les nicht tun dür­fen. . . . ob Re­so­nanz und Acht­sam­keit Hand in Hand ge­hen? An der Acht­sam­keits­be­we­gung stört mich, dass sie al­les dem Sub­jekt auf­er­legt und auf­bür­det. Die Be­zie­hungs­di­men­si­on wird völ­lig ver­nach­läs­sigt. Die De­vi­se: Wenn du nur rich­tig ge­stimmt bist, ist die Welt in Ord­nung, dann ist dein Le­ben okay, ir­ri­tiert mich. Die Ver­hält­nis­se und de­ren Gestal­tung spie­len gar kei­ne Rol­le. Das stört mich in ge­wis­ser Wei­se. mit­ten des de­mo­kra­ti­schen Wohl­stands auf­wach­sen, reiz­voll. Der IS ver­spricht näm­lich das Ge­gen­teil vom ra­sen­den Still­stand. Die Ideo­lo­gie ist das Ein­frie­ren der Ver­hält­nis­se, da wächst nichts und be­schleu­nigt nichts. Still­stand ist das Ide­al. Zu et­was an­de­rem: Wie wich­tig ist ma­te­ri­el­ler Wohl­stand für ein ge­glück­tes Le­ben? Er kann auf je­den Fall nicht al­les sein. Die Gleich­set­zung, Wohl­er­ge­hen hän­ge vom Ver­mö­gen ab, ist zu ein­fach. Die Fra­ge der Welt­be­zie­hung hängt nicht nur von den Res­sour­cen ab. Mit zwei Ein­schrän­kun­gen. Die ei­ne ist: Wenn ich mei­ne Grund­be­dürf­nis­se nicht de­cken kann, ist die Wel­ter­fah­rung ei­ne feind­li­che. Sie tritt mir hart und kalt ge­gen­über. Das zwei­te: Muss ich stän­dig Angst ha­ben, dass ich mor­gen nicht mehr satt wer­den könn­te, stellt sich ein ähn­li­ches Pro­blem ein. Des­halb ha­be ich po­li­tisch die Hoff­nung, dass wir über ein Grund­ein­kom­men vie­les än­dern könn­ten. Was wür­de ein Grund­ein­kom­men än­dern? Wir wür­den dann nicht auf im­mer mehr zie­len müs­sen, son­dern auf ge­nug. Wenn wir wis­sen, dass die Grund­be­dürf­nis­se ge­deckt sind, än­der­te sich un­se­re Be­zie­hung zur Welt deut­lich. Ich glau­be auch nicht, dass wir dann nicht mehr ar­bei­ten woll­ten. Denn Ar­beit ist ei­ne der wich­tigs­ten Re­so­nan­zach­sen in un­se­rem Le­ben über­haupt. So man­chen geht es aber nicht dar­um, ge­nug zu ha­ben, sie wol­len im­mer mehr. Wenn je­mand gier­ge­trie­ben ist, dann wür­de ein Grund­ein­kom­men nichts än­dern. Ist der Haupt­an­trieb aber die Angst, dann wür­de das Grund­ein­kom­men ei­nen ganz gro­ßen Un­ter­schied ma­chen. Dann näm­lich wür­de da­mit ei­ne we­sent­li­che Qu­el­le der Angst ver­schwin­den.

Ju­er­gen Bau­er

Hart­mut Ro­sa: „Heu­te ar­bei­ten El­tern nur, da­mit es ih­ren Kin­dern nicht schlech­ter geht als ih­nen selbst.“

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