War­um nicht gleich Freun­des­krei­se im VfGH?

Ver­fas­sungs­rich­ter, die über ihr Wahl­ver­hal­ten plau­dern, Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten, die zei­gen wol­len, »was al­les mög­lich ist«: Da ist et­was faul im Staa­te Ös­ter­reich.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON R A I N E R N OWA K

Ver­fas­sungs­rich­ter Jo­han­nes Sch­ni­zer hat­te nun al­so je­ne 15 Mi­nu­ten Ruhm, die je­dem ös­ter­rei­chi­schen Wür­den­trä­ger zu­ste­hen. Ver­nünf­tig und klug ar­gu­men­tier­te er in der Öf­fent­lich­keit, war­um der Ge­richts­hof mit der Auf­he­bung der Wahl Alex­an­der Van der Bel­lens zum Prä­si­den­ten strikt bei sei­ner über Jahr­zehn­te prak­ti­zier­ten Recht­spre­chung ge­blie­ben war und kei­ne Aus­nah­me für ei­nen net­ten al­ten Herrn ma­chen konn­te.

Ge­nau das ver­ste­hen näm­lich vie­le An­hän­ger Van der Bel­lens, dar­un­ter so­gar nam­haf­te Ju­ris­ten und Jour­na­lis­ten, nicht: Ein paar Schlam­pe­rei­en kön­nen doch ernst­haft nicht Nor­bert Ho­fer im zwei­ten be­zie­hungs­wei­se drit­ten Durch­gang in die Hof­burg brin­gen! Hei­ligt der po­li­ti­sche Zweck nicht die ju­ris­ti­sche Groß­zü­gig­keit? Nein, meint Sch­ni­zer, der de fac­to von der SPÖ in den obers­ten Ge­richts­hof ent­sandt wur­de. Lei­der stopp­te er an die­ser Stel­le nicht, son­dern un­ter­stell­te der FPÖ, die Wahl­an­fech­tung von lan­ger Hand ge­plant zu ha­ben und bei den di­ver­sen un­schö­nen Sze­nen im Wahl­lo­kal und bei der Stim­men­aus­zäh­lung qua­si mit wis­sen­dem Lä­cheln weg­ge­schaut zu ha­ben. Ju­ris­ten wis­sen nor­ma­ler­wei­se, dass man bei schwer­wie­gen­den An­schul­di­gun­gen et­was ganz Ent­schei­den­des braucht: ei­nen Be­weis. Dass die Frei­heit­li­chen schon im­mer Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten bei der Brief­wahl auf Kos­ten der ei­ge­nen Kan­di­da­ten ver­mu­te­ten, ist aber kein sol­cher, son­dern nur ein In­diz.

Zum Dr­über­streu­en er­zähl­te Sch­ni­zer noch, er wäh­le Van der Bel­len. Und ver­stieß da­mit ge­gen ei­ne gu­te, al­te Spiel­re­gel in Ös­ter­reich: Ein obers­ter Rich­ter be­müht sich um Par­tei­un­ab­hän­gig­keit. Auch wenn er wie fast je­der, der in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ein öf­fent­li­ches Amt über­nahm, na­tür­lich ein Par­tei­buch hat. Sein Par­tei­freund, SPÖ-Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Tho­mas Droz­da, sprang Sch­ni­zer zur Sei­te und spricht plötz­lich von Trans­pa­renz. Die will er er­rei­chen, in­dem das Ab­stim­mungs­ver­hal­ten des VfGH öf­fent­lich wer­den soll­te, so es kei­ne Ein­stim­mig­keit (Dis­sen­ting Opi­ni­ons) gibt.

Das ist wit­zig: Da­mit kön­nen die Par­tei­se­kre­tä­re von Rot und Schwarz gleich se­hen, wie „ih­re“Rich­ter ab­ge­stimmt ha­ben. Wie groß­ar­tig die­se Trans­pa­renz ist, sieht man im ORF-Stif­tungs­rat mit den ro­ten und schwar­zen Freun­des­krei­sen, die be­kannt­lich nie nach Par­tei­rä­son ab­stim­men. Aber die Re­nais­sance der Par­tei und der da­zu­ge­hö­ri­gen Macht­po­li­tik schei­nen das de­kla­rier­te Ziel des Teams Kern zu sein. Üb­ri­gens: Wenn wir wirk­lich mehr Trans­pa­renz wol­len (und aus­hal­ten), dann ori­en­tie­ren wir uns bit­te an skan­di­na­vi­schen Län­dern: Weg mit Amts­ge­heim­nis und Ver­schwie­gen­heit, her mit der glä­ser­nen Steu­er­lis­te al­ler Bür­ger. Es reicht jetzt wie­der! Nein, be­vor wir neue Ge­set­ze und Re­geln aus dem Af­fekt be­schlie­ßen, wä­re es kurz an­ge­bracht zu klä­ren, ob die al­ten Spiel­re­geln un­se­rer Politik und da­mit auch der Ge­sell­schaft so schlecht sind und war­um sie plötz­lich nicht mehr ein­ge­hal­ten wer­den.

Der Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf brach­te den ers­ten Bruch: Nor­bert Ho­fer schwa­dro­nier­te über sei­ne prä­si­dia­len Macht­be­fug­nis­se und droh­te uns, „was al­les mög­lich“sei. Alex­an­der Van der Bel­len ließ nur we­ni­ge St­un­den nach sei­nem Kurz­zeit-Wahl­sieg ver­ge­hen, um ei­nem deut­schen Ka­me­ra­team zu ver­ra­ten, dass er auch im Fall ei­nes FPÖ-Wahl­siegs den Wäh­ler­wil­len nicht an­er­ken­nen müs­se und ei­ne FPÖ-Re­gie­rung auch nicht an­ge­lo­ben kön­ne. Bei­des ist falsch, der Prä­si­dent soll mah­nen und sich sor­gen, aber nicht re­gie­ren.

An die­ser Stel­le ei­ne ein­dring­li­che Bit­te für mehr Ge­las­sen­heit, we­ni­ger Hys­te­rie und mehr Sach­lich­keit im Land: Ver­ehr­te Ver­fas­sungs­rich­ter, lie­be Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten, es reicht jetzt wie­der. Bit­te be­neh­men Sie sich so, wie es sich für (an­ge­hen­de) Staats­die­ner ge­ziemt. Al­so zu­rück­hal­tend, prä­zi­se und vor­sich­tig in der Wort­wahl und so lan­ge nach den Spiel­re­geln, bis die Mehr­heit der Wäh­ler die­se än­dert.

Da­für be­zah­len wir Sie näm­lich, Sie ar­bei­ten für uns.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.