Da­vid Cay Johnston

Seit drei Jahr­zehn­ten be­ob­ach­tet der In­ves­ti­ga­tiv­re­por­ter den re­pu­bli­ka­ni­schen Prä­si­den­ten­kan­di­da­ten. Trump bie­ge sich die Rea­li­tät zu­recht – und ha­be au­to­ri­tä­re Zü­ge, warnt er im Ge­spräch mit der »Pres­se am Sonn­tag«.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON OLI­VER GRIMM

Kön­nen Sie sich noch an das ers­te Mal er­in­nern, als Sie Do­nald Trump tra­fen? Da­vid Cay Johnston: Na­tür­lich. Das war kurz, nach­dem ich in At­lan­tic Ci­ty an­ge­kom­men war, im Ju­ni 1988. Ich er­kann­te so­fort, dass er ein be­gna­de­ter Ver­käu­fer ist. Er er­in­ner­te mich an den Schau­stel­ler P. T. Bar­num, der um die Jahr­hun­dert­wen­de al­ler­lei Ku­rio­si­tä­ten und Fäl­schun­gen prä­sen­tier­te. Man kennt das: „Her­ein­spa­ziert! Se­hen Sie die welt­be­rühm­te Meer­jung­frau!“Ge­nau­so ei­ner war Trump. Er war da­mals die wich­tigs­te Fi­gur in At­lan­tic Ci­ty, und mir wur­de bald klar, dass er auf Dau­er ei­ne be­deut­sa­me kul­tu­rel­le Fi­gur in Ame­ri­ka sein wür­de. Wie kann man ihn be­schrei­ben? Do­nalds Le­bens­zweck ist, Ih­nen al­les zu ver­kau­fen, was er im je­wei­li­gen Mo­ment ver­kau­fen will – ob es die Idee ist, er sei der mo­der­ne Mi­das oder der gro­ße Don Juan des 20. Jahr­hun­derts, oder um Prä­si­dent zu wer­den. Wenn man ihm et­was sagt, das nicht wahr ist, baut er die­se Falsch­heit in sei­ne Ant­wort ein – wie Wahr­sa­ger oder Trick­be­trü­ger. Ich ge­be Ih­nen ein Bei­spiel. Sei­ne Kon­kur­ren­ten und so­gar ei­ni­ge sei­ner Mit­ar­bei­ter hat­ten mir sei­ner­zeit er­zählt, dass Trump kei­nen blas­sen Schim­mer vom Ca­si­no­ge­schäft ha­be – ja, dass er nicht ein­mal die Re­geln der Glücks­spie­le ken­ne, wie Quo­ten funk­tio­nie­ren oder wie man Kun­den ma­nagt. Ich war skep­tisch. Al­so sag­te ich bei ei­nem un­se­rer ers­ten Tref­fen be­wusst et­was Fal­sches über das Wür­fel­spiel Craps. Und er fügt mei­ne fal­sche An­ga­be so­fort in sei­ne Ant­wort ein. Ich wie­der­hol­te das drei­mal, je­des­mal mit dem­sel­ben Er­geb­nis. Das zeig­te mir, dass er das Ca­si­no­ge­schäft wirk­lich nicht ver­stand – und dass er tief in sei­nem Her­zen ein Trick­be­trü­ger ist: Er wird stets das sa­gen, von dem er denkt, dass es Sie da­zu brin­gen wird, das zu tun, was er will. Er schafft sei­ne ei­ge­ne Rea­li­tät, er er­fin­det Sa­chen, und er leug­net do­ku­men­tier­te Fak­ten. Das tut er auch jetzt im Wahl­kampf. Wie­so ist Ra­che so ein be­herr­schen­des Ele­ment sei­ner Per­sön­lich­keit? Wenn man, wie Trump, kei­ne Em­pa­thie für an­de­re Men­schen hat, wenn man sie nicht als Men­schen an­sieht, son­dern bloß als Ob­jek­te, dann sieht man es als sei­ne Pflicht an, Leu­te zu zer­stö­ren, die ei­nem ei­nen Ge­fal­len ver­wei­gern oder auf sons­ti­ge Wei­se in die Que­re kom­men. Trump sel­ber schreibt, wel­che Freu­de es ihm be­rei­tet, das Le­ben von Men­schen zu rui­nie­ren, an de­nen er Ver­gel­tung üben zu müs­sen glaubt. Sei­ne Politik der Ra­che ist in di­rek­tem Ge­gen­satz zu den Leh­ren von Je­sus Chris­tus, doch er be­haup­tet stets, dass nie­mand die Bi­bel so eif­rig liest wie er, wo­für es kei­ne An­halts­punk­te gibt. Er sagt: Wer die an­de­re Wan­ge hin­hält, wie Chris­tus es in der Berg­pre­digt be­fiehlt, ist ein Dumm­kopf, ein „Schmuck“. Auf Jid­disch heißt „Schmuck“„Pe­nis“. Er nennt sol­che Men­schen al­so Schwän­ze. Hat er Freun­de? Nie­mand, der über Trump ge­schrie­ben hat, konn­te je­man­den aus­fin­dig ma­chen, der sein per­sön­li­cher Freund wä­re. Er nennt Leu­te „Freun­de“, aber das sind bloß Ge­schäfts­part­ner. Sein Sohn Bar­ron, der jetzt zehn Jah­re alt ist, hat im Trump To­wer ein gan­zes Stock­werk für sich – aber da sind nie an­de­re Kin­der, und bei sei­ner Toch­ter Tif­fa­ny war das auch so. Als er sich von sei­ner ers­ten Frau Iva­na schei­den ließ, ga­ben ih­re ge­mein­sa­men Kin­der Do­nald Jr., Eric und Ivan­ka an, dass sie von ih­rem Va­ter ent­frem­det sei­en und nichts mit ihm zu tun ha­ben woll­ten. Als sie je­doch er­wach­sen wur­den und ein­sa­hen, dass ih­nen die Ver­söh­nung mit Pa­pi ei­nen wun­der­vol­len Le­bens­stil be­sche­ren wür­de, nä­her­ten sie sich ihm wie­der an. Er­in­nern Sie sich üb­ri­gens dar­an, was er im Wahl­kampf über sei­ne En­kel sag­te? „Ich kann bes­ten­falls neun Se­kun­den über sie re­den.“Er nimmt an ih­rem Le­ben kei­nen An­teil. Men­schen sind für Do­nald Trump

Da­vid Cay Johnston

(* 1948) ist ein ame­ri­ka­ni­scher In­ves­ti­ga­ti­vjour­na­list. 1988 zog er für den „Phil­adel­phia In­qui­rer“nach At­lan­tic Ci­ty, um die dor­ti­ge Ca­si­no­wirt­schaft zu re­cher­chie­ren. Seit da­mals kennt er Do­nald Trump. 2001 er­hielt er den Pu­lit­zerp­reis für sei­ne Ent­hül­lung von Steu­er­pri­vi­le­gi­en für US-Kon­zer­ne. Sein neu­es Buch „The Ma­king of Do­nald Trump“(Mel­vil­le Hou­se) ist nun auf Deutsch als „Die Ak­te Trump“im Eco­winVer­lag er­schie­nen. bloß Ob­jek­te, die ent­we­der da­zu die­nen, ihn zu ver­herr­li­chen, oder aber er hat ein Wort für sie: Lo­ser. Trump hat vie­le Leu­te um ihr Geld ge­bracht. War­um hat sich nie je­mand an ihm ge­rächt? Es mag Leu­te ge­ben, die ihm Din­ge an­ge­tan ha­ben, von de­nen wir nichts wis­sen. Was sehr wohl be­kannt ist: Vie­le Leu­te wei­gern sich, Ge­schäf­te mit ihm zu ma­chen. Ame­ri­ka­ni­sche Ban­ken lei­hen ihm kein Geld mehr, weil er sei­ne Schul­den nicht be­gleicht. Er prahlt so­gar da­mit: „Ich lieh mir Geld im Wis­sen, dass ich es nicht zu­rück­zah­len wür­de.“Er hält sei­ne Ver­trä­ge nicht ein. Und dar­um gab es be­reits mehr als 4000 Ge­richts­kla­gen ge­gen ihn. Sei­ne Art zu spre­chen ist er­staun­lich. Wenn man sei­ne Re­den mit dem Les­bar­keits­in­dex nach Flesch und Kin­caid ana­ly­siert, er­gibt sich, dass er sprach­lich auf dem Ni­veau ei­nes Neun­jäh­ri­gen ist. Ist das Ab­sicht, um mög­lichst vie­le Men­schen zu er­rei­chen? Das kann ich aus per­sön­li­cher Er­fah­rung sa­gen: Do­nalds emo­tio­na­le Ent­wick­lung hat un­ge­fähr im Al­ter von zwölf oder 13 Jah­ren ge­en­det – al­so zu dem Zeit­punkt, als ihn sein Va­ter in ei­ne Mi­li­tär­aka­de­mie schick­te, weil er so schlimm war. Den­ken Sie an all die be­rühm­ten Frau­en, von de­nen er fan­ta­siert und mit de­nen er Af­fä­ren her­bei­fa­bu­liert: So et­was macht ein 13-Jäh­ri­ger, der am Schul­hof da­mit an- gibt, was er an­geb­lich mit Sal­ly im Ki­no in der hin­ters­ten Rei­he an­ge­stellt hat. Trump hat kei­ne rei­fe Per­sön­lich­keit. Kein ver­nünf­ti­ger Er­wach­se­ner wür­de sa­gen, er lie­ße als Prä­si­dent das Feu­er auf ein ira­ni­sches Schnell­boot er­öff­nen und da­mit ei­nen Krieg aus­lö­sen, bloß weil die ira­ni­schen Ma­tro­sen ei­nem Pa­trouil­len­boot der US-Ma­ri­ne den Mit­tel­fin­ger ge­zeigt ha­ben. Nur ein Schul­bub sagt so ei­nen Blöd­sinn. Will er über­haupt wirk­lich Prä­si­dent wer­den – oder geht es ihm nur dar­um, sei­nen Mar­ken­wert zu stei­gern? Oh, er will ab­so­lut Prä­si­dent wer­den. Trump glaubt, dass er uns al­len über­le­gen ist. Er und sein Sohn ha­ben da­von ge­re­det, dass sie ge­ne­tisch bes­ser sind. Er weiß al­ler­dings nicht, was es heißt, Prä­si­dent zu sein. Und ihn in­ter­es­siert die da­mit ver­bun­de­ne Ar­beit nicht. Er sagt stets, er wer­de al­les de­le­gie­ren. War­um will er das Amt dann über­haupt? Wie be­wer­ten Sie das Ge­rücht, Trump, Fo­xNews-Grün­der Ro­ger Ai­les und Ste­ven Ban­non, Trumps Kam­pa­gnen­chef und vor­ma­li­ger Lei­ter der ex­trem rech­ten Nach­rich­ten­platt­form Breit­bart, nutz­ten die Wahl­kam­pa­gne bloß, um ein neu­es rechts­rech­tes Me­di­um zu lan­cie­ren? Wenn er nicht ge­wählt wird, bin ich si­cher, dass sie ver­su­chen wer­den, ein neu­es Me­dien­un­ter­neh­men zu grün- den. Wenn Trump wirk­lich zehn Mil­li­ar­den Dol­lar hät­te, wie er be­haup­tet, müss­te er sich das nicht an­tun. Er müss­te nicht auf Wahl­kund­ge­bun­gen für Pro­duk­te mit sei­nem Na­men wer­ben. Ver­ges­sen Sie nicht, dass er im Zug die­ses Wahl­kamp­fes sei­ne Mar­ke be­schä­digt hat. Schau­en Sie sich die Prei­se für Ho­tel­zim­mer in Chi­ca­go an: Der Trump To­wer ist jetzt ziem­lich bil­lig, weil vie­le Un­ter­neh­men dort kei­ne Ta­gun­gen mehr ab­hal­ten. Sie wol­len näm­lich ih­re Kun­den und Mit­ar­bei­ter nicht ver­stö­ren an­ge­sichts all der ras­sis­ti­schen, aus­län­der­feind­li­chen und ver­rück­ten Mel­dun­gen Trumps. Wie reich ist er wirk­lich? Es gibt kei­nen Be­leg da­für, dass er ein Mil­li­ar­där ist. Er ist ein wohl­ha­ben­der Mann – aber nicht im An­satz so reich, wie er sagt. Wenn er die Wahl ver­liert, braucht er ei­ne Ein­nah­me­quel­le, um sei­nen Le­bens­stil auf­recht­zu­er­hal­ten. Wenn er hin­ge­gen ge­wählt wird, den­ke ich nicht, dass er ei­ne gan­ze Amts­zeit oder auch nur ein Jahr durch­steht, oh­ne ei­ne Ver­fas­sungs­kri­se aus­zu­lö­sen und vom Kon­gress des Am­tes ent­ho­ben wird. Und dann ha­ben wir Mi­ke Pence als Prä­si­den­ten, ei­nen Talkra­dio­mo­de­ra­tor aus ei­ner Kle­in­stadt in In­dia­na – was ge­nau­so de­sas­trös wä­re, denn Pence ist eben­so wie Trump völ­lig über­for­dert. Was wird Trump Ih­rer Ein­schät­zung nach tun, um die Wahl zu ge­win­nen? Er wird die Ame­ri­ka­ner da­von zu über­zeu­gen ver­su­chen, dass Hil­la­ry Cl­in­ton ei­ne Gau­ne­rin in schlech­tem Ge­sund­heits­zu­stand ist, der man nicht trau­en kann. Und er wen­det sich an je­ne wei­ßen Ame­ri­ka­ner, die kei­ne schwar­ze Frau und kei­nen his­pa­ni­schen Mann als Chef ha­ben wol­len. Sei­ne Kam­pa­gne fußt auf Hass und Ras­sis­mus. War­um fin­den ihn so vie­le Leu­te gut? Er gibt ers­tens je­nen ei­ne Stim­me, die die Bür­ger­rechts­be­we­gung has­sen. Das ist ei­ne Min­der­heit, aber ei­ne gro­ße Min­der­heit der wei­ßen Ame­ri­ka­ner, viel­leicht 20 bis 25 Pro­zent. Und er spricht die wirt­schaft­li­chen Ängs­te vie­ler Leu­te an. Die un­te­re Hälf­te in Ame­ri­ka lebt in wirt­schaft­li­cher To­des­angst und hat kei­ne Er­spar­nis­se. Ich schrei­be seit Jah­ren dar­über, aber die Trum­pWäh­ler le­sen mei­ne Bü­cher nicht. Sie se­hen nur: Ich ar­bei­te mehr, ich ver­die­ne we­ni­ger, ich ha­be Schul­den, und ich könn­te mei­ne Stel­le je­der­zeit ver­lie­ren. Sie ha­ben mit Recht Angst. Trump nutzt sie als klas­si­scher Dem­ago­ge aus und sagt: Ich al­lein kann euch ret­ten. So funk­tio­niert je­doch kei­ne De­mo­kra­tie. So funk­tio­niert ei­ne Dik­ta­tur. Hat Trump Sie per­sön­lich un­ter Druck ge­setzt, als er er­fuhr, dass Sie ein Buch über ihn schrei­ben? Er ist da­für zu schlau. Er rief mich im April an und sag­te: Ich ver­kla­ge dich, wenn ich nicht mag, was du schreibst. Das ver­an­schau­licht Trumps au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ter. Wis­sen Sie, in den fast 50 Jah­ren mei­ner Kar­rie­re ha­be ich Po­li­ti­ker, De­mo­kra­ten wie Re­pu­bli­ka­ner, mit mei­nen Ent­hül­lun­gen vor Ge­richt und ins Ge­fäng­nis ge­bracht. Aber kei­ner hat mir je mit Kla­gen ge­droht. Ha­ben Sie Angst vor ei­ner Trump-Prä­si­dent­schaft? Ich den­ke, das wä­re schreck­lich für Ame­ri­ka und die Welt. Die Re­pu­blik wür­de über­le­ben, aber be­schä­digt. Was mich per­sön­lich be­trifft, den­ke ich, dass er mir nach­stel­len wür­de, in­dem er mich auf die Flug­ver­bots­lis­te setzt. Das wür­de mei­ne Ar­beit enorm er­schwe­ren, aber ich wür­de mich zu weh­ren wis­sen. Den­ken Sie al­ler­dings dar­an, wie er da­von spricht, dass er all die Ge­ne­rä­le aus­tau­schen wür­de. Das kennt man von Dik­ta­to­ren, bis zu­rück in die Zeit der Rö­mer: Sie er­grei­fen die Macht, in­dem sie je­ne er­fah­re­nen Mi­li­tärs, die dem Staat ge­gen­über loy­al sind, durch fei­ge nied­ri­ge Of­fi­zie­re er­set­zen, die bloß dem Füh­rer ver­pflich­tet sind. Die Ame­ri­ka­ner soll­ten sich des­halb gro­ße Sor­gen ma­chen.

Reu­ters

Das Ver­kau­fen als Le­bens­zweck: Do­nald Trump ver­hält sich als Po­li­ti­ker eben­so wie einst als Ca­si­no­be­sit­zer.

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