Drei Hil­fe­ru­fe aus der Kriegs­höl­le

Die nord­sy­ri­sche Me­tro­po­le Aleppo gleicht ei­nem Schlacht­haus. Drei Be­woh­ner be­rich­ten von Kin­der­lei­chen, dre­cki­gem Was­ser und pau­sen­lo­sen De­to­na­tio­nen der Bom­ben.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON CED­RIC REH­MANN

Die Waf­fen­ru­he in Sy­ri­en ist ge­schei­tert. Die nord­sy­ri­sche Me­tro­po­le Aleppo er­lebt die hef­tigs­ten An­grif­fe durch die sy­ri­sche und rus­si­sche Luft­waf­fe seit Kriegs­be­ginn. Der Be­la­ge­rungs­ring um die Stadt ist ge­schlos­sen und die Was­ser­ver­sor­gung ge­kappt. Für Jour­na­lis­ten ist es der­zeit so gut wie un­mög­lich, nach Aleppo zu rei­sen. Ein Arzt, ein Ret­tungs­hel­fer und ein Fa­mi­li­en­va­ter be­rich­ten des­halb über Sky­pe und WhatsApp von der La­ge in der um­kämpf­ten Stadt. Wir Ärz­te ar­bei­ten rund um die Uhr, seit­dem das Re­gime und die Rus­sen die Bom­bar­die­run­gen wie­der auf­ge­nom­men ha­ben. Wir ha­ben kei­ne Mög­lich­keit, län­ge­re Pau­sen zu ma­chen. Es kom­men ja stän­dig neue Ver­wun­de­te. Die Fäl­le glei­chen ein­an­der. Ich den­ke an ein acht­jäh­ri­ges Mäd­chen, das ich be­han­delt ha­be. Sie heißt La­ra. Die Hel­fer ha­ben sie un­ter ei­nem Leich­nam ge­bor­gen, un­ter dem sie stun­den­lang ge­le­gen ist. So sieht ein nor­ma­ler Tag für mich aus. Wir ver­lie­ren täg­lich Pa­ti­en­ten, weil wir sie nicht an­ge­mes­sen be­han­deln kön­nen. Ope­rie­ren in Rui­nen. Un­ser Ge­sund­heits­we­sen in Sy­ri­en war nicht schlecht vor dem Krieg. Die Kli­ni­ken in Aleppo wa­ren mo­dern aus­ge­rüs­tet. Jetzt gibt es nur noch we­ni­ge Kli­ni­ken, die halb­wegs funk­ti­ons­tüch­tig sind. Sie kön­nen nur mit hal­ber Ka­pa­zi­tät ar­bei­ten, weil auch sie be­schä­digt sind. Wir ar­bei­ten in Rui­nen. Die Fens­ter ha­ben kein Glas, Staub und Rauch zie­hen durch die Gän­ge, wenn in der Nä­he bom­bar­diert wird. Es herrscht Cha­os. Die Ver­wun­de­ten lie­gen auf dem Bo­den mit of­fe­nen Wun­den, und wir wa­ten durch das Blut. Der Kli­nik­be­trieb hängt von un­se­ren Treib­stoff­vor­rä­ten ab. Nur dank der Ge­ne­ra­to­ren lau­fen die Lam­pen wäh­rend der Ope­ra­tio­nen. Wenn ich das In­ter­net nut­ze wie jetzt, ver­brau­che ich et­was von un­se­ren kost­ba­ren Re­ser­ven. Sind un­se­re Vor­rä­te auf­ge­braucht, müs­sen wir die Kli­ni­ken schlie­ßen. Aber was wür­de dann? Krank­heit, die das Fleisch auf­frisst. Ne­ben der un­si­che­ren Strom­ver­sor­gung ist Was­ser un­se­re gro­ße Sor­ge. Aus den Lei­tun­gen fließt nichts mehr. Gott sei Dank ha­ben wir ei­nen ei­ge­nen Brun­nen. Aber sau­ber ist das Was­ser nicht. Wir müs­sen es aber un­se­ren Pa­ti­en­ten zu trin­ken ge­ben und un­se­re In­stru­men­te da­mit rei­ni­gen. Vie­le wer­den von dem Was­ser krank. Wenn wir da­mit Wun­den rei­ni­gen, wer­den häu­fig Er­re­ger über­tra­gen. Vie­le Pa­ti­en­ten lei­den an Leish­ma­nio­se. Das ist ei­ne von Mü­cken über­tra­ge­ne Krank­heit, die das Fleisch auf­frisst. Die Mü­cken ver­meh­ren sich, weil das Was­ser aus den ka­put­ten Roh­ren aus­ge­lau­fen ist und über­all fau­li­ge Tüm­pel ge­bil­det hat. Salz­lö­sun­gen für Brand­wun­den. Die größ­ten Pro­ble­me be­rei­ten uns die Brand­wun­den. Seit­dem so vie­le Brand­bom­ben ab­ge­wor­fen wer­den, ha­ben wir im­mer mehr Pa­ti­en­ten mit schwe­ren Ver­bren­nun­gen. Wir ver­su­chen, die Wun­den mit ei­ner Salz­lö­sung zu des­in­fi­zie­ren, aber es ist schwie­rig, sie ste­ril zu hal­ten. Un­se­re Vor­rä­te an Schmerz- und Nar­ko­se­mit­teln sind be­grenzt. Aber bis­her muss­te ich noch nicht oh­ne Anäs­the­sie ope­rie­ren.

Wenn bom­bar­diert wird, müs­sen wir die Ar­beit un­ter­bre­chen. Wir wis­sen nicht, wann es pas­siert. Das ist ein Ri­si­ko bei Ein­grif­fen. Wir kön­nen un­se­re Pa­ti­en­ten nicht auf dem Tisch zu­rück­las­sen, um in den Kel­ler zu ge­hen. Al­so be­han­deln wir die Wun­den und hof­fen, dass es kei­nen Volltreffer gibt. Wir wis­sen auch, dass vie­le Men­schen in Aleppo uns gar nicht mehr er­rei­chen kön­nen, weil die Stra­ßen zer­stört sind.

Es gibt ei­ni­ge Feld­la­za­ret­te, aber dort kön­nen die Men­schen nur mit pri­mi­ti­ven Me­tho­den be­han­delt wer­den. Un­ter den Trüm­mern lie­gen vie­le Lei­chen, die nie­mand ber­gen kann. Über­all stinkt es nach Ver­we­sung. Seu­chen brei­ten sich aus. Im­mer mehr Pa­ti­en­ten zei­gen Zei­chen von Un­ter­ernäh­rung. Dar­an kann ich nichts än­dern. Ich bin ei­ner von 40 Ärz­ten, die es im Mo­ment noch im be­la­ger­ten Teil von Aleppo gibt. Ges­tern hat­te ich ei­nen Ein­satz in der Alt­stadt von Aleppo. Wir wa­ren schon ganz in der Nä­he, als ei­ne wei­te­re Fass­bom­be ex­plo­dier­te. Die Men­schen wa­ren ge­ra­de aus dem Schutz­raum ge­kom­men, als sie die zwei­te Bom­be traf. Wir konn­ten nur noch Lei­chen ber­gen. Fünf Kin­der, sie­ben Frau­en, dar­un­ter ei­ne Schwan­ge­re, und fünf Män­ner. Ich er­in­ne­re mich an ein Ba­by, des­sen klei­ner Kör­per in der Mit­te durch­trennt war. So et­was se­he ich seit drei Jah­ren im­mer wie­der, aber jetzt hört die Bom­bar­die­rung nicht auf. Ich ste­he mor­gens auf und ge­he zu un­se­rem Ein­satz­zen­trum. Es ist das ein­zi­ge von ins­ge­samt vier Zen­tren, das noch steht. Gr­a­ben nach Ver­schüt­te­ten. Dann schau­en wir hin­auf in den Him­mel, ob wir Flug­zeu­ge und He­li­ko­pter se­hen. Wenn mög­lich, ver­su­chen wir ih­nen zu fol­gen, da­mit wir schon in der Nä­he der zu er­war­ten­den Op­fer sind. Wenn dann die Bom­ben ex­plo­diert sind, gr­a­ben wir nach den Ver­schüt­te­ten, ber­gen sie und brin­gen sie in das nächs­te Kran­ken­haus oder Feld­la­za­rett. Je nach­dem, was in der Nä­he ist. Als wir an­fin­gen, ha­ben wir den Schutt mit blo­ßen Hän­den weg­ge­räumt. In­zwi­schen ha­ben wir dank Spen­den aus dem Aus­land et­was Aus­rüs­tung.

Schüt­zen kön­nen wir uns nicht, denn häu­fig folgt auf ei­ne Bom­bar­die­rung ei­ne wei­te­re. So ver­lie­ren wir im­mer wie­der Frei­wil­li­ge. Im Mo­ment gibt es 120 Män­ner und Frau­en beim Ci­vil De­fence Ser­vice. Vie­le nen­nen uns Weiß­hel­me, weil wir so er­kenn­bar sind für die Be­völ­ke­rung. Wir freu­en uns, dass wir mit dem al­ter­na­ti­ven No­bel­preis jetzt ei­ne in­ter­na­tio­na­le Aus­zeich­nung be­kom­men ha­ben. Aber Aus­wir­kun­gen auf un­se­re Ar­beit hat es nicht. Die Luft­waf­fe un­se­rer Re­gie­rung und die Rus­sen neh­men den­noch kei­ne Rück­sicht. Ge­wal­ti­ge rus­si­sche Bom­ben. Die He­li­ko­pter und Flug­zeu­ge des Re­gimes flie­gen so tief, dass sie uns mit un­se­ren Hel­men se­hen müss­ten. Den­noch wa­ren un­se­re Chan­cen bes­ser, Le­ben zu ret­ten und selbst am Le­ben

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