Ein Fuß­ball­tor ne­ben Prinz Eu­gen

Sie war und ist nicht nur Zen­trum po­li­ti­scher Macht, die Hof­burg. Dass sie viel mehr Ge­schich­te(n) ver­mit­teln kann, zeigt ei­ne ak­tu­el­le Frei­luft-Aus­stel­lung mit 20 In­stal­la­tio­nen auf dem Are­al.

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON MIR­JAM MARITS

Mit­ten auf dem Hel­den­platz, auf der Wie­se ne­ben dem Prinz-Eu­genDenk­mal steht es – und passt so gar nicht hier­her: ein Fuß­ball­tor, das ein Trans­pa­rent mit ei­nem Fo­to Her­bert Pro­has­kas ziert. Fuß­ball, das hat hier doch nichts ver­lo­ren, auf dem rie­si­gen Are­al der Hof­burg, die zu­al­ler­erst mit Herr­schafts­ge­schich­ten ver­bun­den wird, frü­her mit den Habs­bur­gern, nun als Sitz des Bun­des­prä­si­den­ten.

An­hand der Hof­burg lässt sich aber nicht nur die Ge­schich­te der Mäch­ti­gen nach­er­zäh­len, son­dern, sagt Ma­ria Wel­zig, „auf dem Are­al hat sich die Ge­schich­te un­se­res gan­zen Lan­des ab­ge­spielt“, hier lässt sich auch ein gro­ßes Stück All­tags­ge­schich­te auf­spü­ren. Nur: Die­se Ge­schich­ten wer­den fast gar nicht er­zählt, drin­nen in den Mu­se­en (Kai­se­rap­par­te­ments etc.) nicht und drau­ßen im Frei­en schon gar nicht. Da­her hat die Burg­haupt­mann­schaft als Ver­wal­te­rin des mäch­ti­gen Are­als Wel­zig und Ko-Ku­ra­to­rin In­grid Holz­schuh be­auf­tragt, die­se an­de­ren Sei­ten der Hof­burg sicht­bar zu ma­chen – die bei­den tun dies an­hand von 20 In­stal­la­tio- nen, die über das Are­al ver­teilt be­sucht wer­den kön­nen.

Die Tex­te der In­stal­la­tio­nen sind grif­fig und kurz, man woll­te die Be­su­cher im öf­fent­li­chen Raum nicht mit ei­ner Da­ten­men­ge über­for­dern. Oft pas­sen Zi­ta­te und Bil­der zeit­lich nicht zu­sam­men, er­gän­zen ein­an­der aber. Wie das ein­gangs er­wähn­te Trans­pa­rent im Fuß­ball­tor, auf dem Pro­has­ka vor der Hof­burg zu se­hen ist, 1978, kurz nach Cordo­ba.´ Da­ne­ben ist ei­ne Art Be­schwer­de­be­richt („Um­trie­be und Un­zu­kömm­lich­kei­ten“) zu le­sen, in dem be­klagt wird, dass im­mer wie­der Bu­ben auf dem Hel­den­platz Fuß­ball spie­len. Der Be­richt stammt aus dem Jahr 1906 und ist trotz­dem „mehr denn je“ak­tu­ell, sagt Wel­zig. „Denn die Be­nut­zung des öf­fent­li­chen Raums hat enorm an Be­deu­tung zu­ge­nom­men.“Die In­stal­la­ti­on spielt al­so auch mit der Fra­ge, wem der öf­fent­li­che Raum – ge­ra­de auch an ei­nem so ge­schichts­träch­ti­gen Ort – heu­te ei­gent­lich ge­hört.

Leich­ter zu über­se­hen ist je­ner Schlüs­sel, der in ei­ner klei­nen Glas­vi­tri­ne ge­zeigt wird: Steht er doch sym­bo­lisch für die Zeit der Be­sat­zung, in der Tei­le der Hof­burg von der So­wjet­ar­mee als „Haus der Of­fi­zie­re“(„dom ofi­ce­rov“) ge­nutzt wur­den. (Die Ame­ri­ka­ner brach­ten im heu­ti­gen MQ das Bas­ket­ball­spiel un­ter die Wie­ner, auch da­zu gibt es ei­ne Sta­ti­on.) Da­zu er­zäh­len klei­ne Ta­feln die Ge­schich­te von Ru­dolf No­vak, der kaum aus der rus­si­schen Ge­fan­gen­schaft ent­flo­hen, als Tisch­ler in der Hof­burg wie­der mit den Rus­sen zu tun hat­te, die die Tü­ren zur Burg stets ver­sperrt hiel­ten (da­her der Schlüs­sel): No­vak muss­te durchs Fens­ter zu sei­nem Ar­beits­platz klet­tern – er wohn­te so­gar in der Hof­burg. Wi­ens Nach­kriegs­ge­schich­te wird in die­ser In­stal­la­ti­on al­so mit No­vaks Le­bens­ge­schich­te ver­wo­ben.

Sehr per­sön­lich ist auch der Zu­gang zu ei­nem dunk­len Ka­pi­tel: Die NS-Zeit wird an­hand ei­nes Ro­mans des ehe­ma­li­gen Jo­sef­stadt-Di­rek­tors Ernst Lothar the­ma­ti­siert. In ei­ner (wet­ter­fes­ten) Aus­ga­be kann man Tei­le des Ro­mans nach­le­sen, in­dem ein Bub, be­geis­ter­tes Mit­glied der Hit­ler­ju­gend, mit ei­nem al­ten Ju­den ins Ge­spräch kommt – und sich so der Bru­ta­li­tät des NS-Re­gimes be­wusst wird.

Der Ro­man liegt ex­akt auf je­ner Bank vor den Flie­der­bü­schen auf, auf der die bei­den Prot­ago­nis­ten im Ro­man mit­ein­an­der re­den. Schaut man nach links, hat man je­nen Bal­kon im Blick, auf dem Hit­ler einst sei­ne An­schluss­re­de ge­hal­ten hat.

„Ge­schich­ten-Ort Hof­burg“: Bis 26. Ok­to­ber. Füh­run­gen (7 €) am Fr., 14. 10. (17 Uhr) und am Mi, 26. 10. (15 Uhr). An­mel­dung: ge­schich­ten­ort@gmx.net. In­fos: www.ge­schich­ten­ort.eu

Cle­mens Fa­b­ry

„Schlüs­sel zur Hof­burg“. Ku­ra­to­rin Ma­ria Wel­zig ne­ben ei­ner von 20 In­stal­la­tio­nen auf dem Are­al der Hof­burg.

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