Ge­fal­le­ner Mus­ter­schü­ler

Der US-Bank­kon­zern Wells Far­go galt als Mus­ter­kind ei­ner ram­po­nier­ten Bran­che. Il­le­ga­le Ver­kaufs­prak­ti­ken brach­ten ei­ne saf­ti­ge Stra­fe und wü­ten­de An­grif­fe im Kon­gress.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON OLI­VER GRIMM

Im Jän­ner war die Welt für John Stumpf noch in Ord­nung. Die re­nom­mier­te Fi­nanz­in­for­ma­ti­ons­fir­ma Morningstar hat­te den 63-jäh­ri­gen Vor­stands­chef von Wells Far­go so­eben zum CEO of the Ye­ar er­nannt. „Er hat die Bank durch ei­ne für die Bran­che schwie­ri­ge Zeit ge­führt und da­bei ei­nen Bo­gen um Ak­ti­vi­tä­ten ge­macht, die Ge­win­ne vor die Kun­den stel­len“, lau­te­te die Be­grün­dung.

Heu­te klingt dies wie ei­ne zy­ni­sche Po­in­te. Denn Wells Far­go, im Jahr 1852 von den Ame­ri­can-Ex­press-Grün­dern Hen­ry Wells und Wil­li­am Far­go er­öff­net, steckt in ei­ner enor­men, selbst ver­schul­de­ten Kri­se. Mil­lio­nen an Buß­zah­lun­gen für be­trü­ge­ri­sche oder zu­min­dest schwer fahr­läs­si­ge Ge­schäfts­prak­ti­ken im Um­gang mit Klein­kun­den muss­te die Bank mit Sitz in San Fran­cis­co be­reits be­zah­len. Vor­stands­chef Stumpf wur­de die­ser Ta­ge in Wa­shing­ton im Se­nat und im Ab­ge­ord­ne­ten­haus stun­den­lang in die Man­gel ge­nom­men. „Ha­ben Wells-Far­go-An­ge­stell­te von ei­ner Mil­li­on oder zwei Mil­lio­nen Kun­den ge­stoh­len, ja oder nein?“, er­zürn­te sich der re­pu­bli­ka­ni­sche Kon­gress­mann Se­an Duf­fy aus Wis­con­sin am Don­ners­tag. Stumpfs be­trof­fe­ne Ant­wort: „In man­chen Fäl­len ha­ben sie das ge­tan.“ Zwei Mil­lio­nen Phan­tom­kon­ten. Doch nicht nur in man­chen Fäl­len ha­ben Wells-Far­go-Fi­li­al­an­ge­stell­te beim Ver­such, ho­he Ver­kaufs­zie­le zu er­rei­chen, um Bo­ni zu ver­die­nen, ge­gen die In­ter­es­sen ih­rer Kun­den ge­han­delt. Al­lein seit 2011 er­öff­ne­ten sie rund zwei Mil­lio­nen Kon­ten, in­dem sie heim­lich klei­ne Gut­ha­bens­be­trä­ge von Kun­den­kon­ten kurz ab­zweig­ten. Die­se Phan­tom­kon­ten be­stan­den nur so lan­ge, wie es für ih­ren Ein­trag in die fir­men­in­ter­ne Sta­tis­tik und die An­rech­nung auf die Ver­kaufs­ziel­vor­ga­ben nö­tig war. Dann floss das Geld eben­so un­be­merkt zu­rück. Man­che Fi­li­al­mit­ar­bei­ter gin­gen noch wei­ter. Sie be­stell­ten, er­neut oh­ne Wis­sen der je­wei­li­gen Kun­den, für sie Kre­dit­kar­ten, in Sum­me ei­ne hal­be Mil­li­on. US-Zei­tun­gen be­rich­te­ten von Kun­den, die plötz­lich ein hal­bes Dut­zend un­be­stell­te Zah­lungs­kar­ten im Brief­kas­ten fan­den. Ein­fach igno­rie­ren, war der Rat un­ter der Wells-Far­go-Kun­den­ruf­num­mer. Ein teu­rer Rat: Für die Kar­ten fie­len nach ei­ni­ger Zeit Ge­büh­ren an. Blie­ben sie un­be­zahlt, wur­de die For­de­rung au­to­ma­tisch an ei­ne In­kas­so­fir­ma über­wie­sen. Das wirk­te sich fa­tal auf den Cre­dit Sco­re, al­so die Bo­ni­tät, der Kun­den aus. Wenn der sich ver­schlech­tert, wer­den die mo­nat­li­chen Zins­zah­lun­gen für die Hy­po­thek oder das ge­leas­te Au­to plötz­lich teu­rer oder neu­er Kre­dit un­er­schwing­lich.

Schon vor drei Jah­ren flog die­se rechts­wid­ri­ge Pra­xis auf. Doch erst nach lan­gen Ver­hand­lun­gen mit der Jus­tiz­be­hör­de Ka­li­for­ni­ens und dem Con­su­mer Fi­nan­ci­al Pro­tec­tion Bu­reau (CFPB), der US-Bun­des­be­hör­de zum Schutz der Ver­brau­cher in Fi­nanz­fra­gen, lenk­te Wells Far­go ein. In ei­ner au­ßer­ge­richt­li­chen Ei­ni­gung ak­zep­tier­te die Bank ei­ne Bu­ße von 185 Mil­lio­nen Dol­lar (165 Mio. Eu­ro) und ge­lob­te, den Scha­den ih­rer Kun­den wie­der­gut­zu­ma­chen. Rund 5300 Mit­ar­bei­ter, die an sol­chen Mal­ver­sa­tio­nen be­tei­ligt wa­ren, sind mitt­ler­wei­le ge­kün­digt oder ent­las­sen wor­den (ins­ge­samt hat Wells Far­go rund 250.000 An­ge­stell­te).

Doch ge­ges­sen ist die Sa­che da­mit für Stumpf noch lan­ge nicht. Denn of­fen ist wei­ter­hin die Schlüs­sel­fra­ge: Wie konn­ten sich mehr als 5000 ein­fa-

Mit­ar­bei­ter

wa­ren seit min­des­tens 2011 an rechts­wid­ri­gen oder zu­min­dest grenz­wer­ti­gen Prak­ti­ken zur Er­rei­chung von Ver­kaufs­zie­len be­tei­ligt.

Mil­lio­nen Dol­lar

Bu­ße muss­te Wells Far­go für die­se Miss­stän­de zah­len. che Mit­ar­bei­ter in der­sel­ben Art von Trick­se­rei er­ge­hen, oh­ne dass das Ma­nage­ment da­von Wind be­kam? Oder wur­de die­se Pra­xis still­schwei­gend von oben ab­ge­seg­net? Glanz­kar­rie­re am Tief­punkt. Stumpf ver­zich­te­te je­den­falls auf Ak­ti­en­op­tio­nen im Wert von rund 41 Mil­lio­nen Dol­lar: Das ent­spricht ei­nem Vier­tel sei­ner ge­sam­ten in 34 Jah­ren bei Wells Far­go er­ar­bei­te­ten Ein­künf­te. Car­rie Tolstedt, die für den Pri­vat­kun­den­be­reich zu­stän­di­ge Vor­stän­din, trat im Ju­li frü­her als ge­plant in den Ru­he­stand. Ih­re Ab­fer­ti­gung von 125 Mil­lio­nen Dol­lar hat­te für ei­nen Auf­schrei ge­sorgt, auch sie wur­de vor­erst um 19 Mil­lio­nen Dol­lar be­schnit­ten.

Für Stumpf, der als ei­nes von elf Bau­ern­kin­dern in ei­nem kei­ne 900 See­len zäh­len­den Wei­ler in Min­ne­so­ta zur Welt ge­kom­men war und sich bis zu sei­ner Hei­rat das Schlaf­zim­mer mit sei­nen Brü­dern tei­len muss­te, ist das ein Tief­schlag ei­ner be­mer­kens­wer­ten Lauf­bahn. Mit mehr als 250 Mil­li­ar­den Dol­lar Bör­sen­wert war Wells Far­go heu­er erst­mals das wert­volls­te Geld­in­sti­tut der USA. Die Bank, seit Mit­te 2007 von Stumpf ge­führt, kon­zen­triert sich auf das Ein­zel­kun­den­ge­schäft und hält sich von ris­kan­ten Spe­ku­la­ti­ons­spie­len an der Wall Street fern. Es ent­steht der Ein­druck, dass Stumpf nun be­son­ders hart kri­ti­siert wird, weil Wells Far­go so ein Vor­zei­ge­mo­dell für die an­ge­schla­ge­ne Bran­che ist.

Und man­cher Kon­gress­ab­ge­ord­ne­te wirkt bei nä­he­rer Be­trach­tung nicht sehr glaub­wür­dig als Kri­ti­ker ge­wis­sen­lo­ser Fi­nanz­kon­zer­ne. Se­an Duf­fy, der er­wähn­te re­pu­bli­ka­ni­sche Jung­star et­wa, agi­tiert seit Jah­ren ge­gen das CFPB. „Fi­nanz­dienst­leis­ter, die ei­nen mäch­ti­gen Om­buds­mann su­chen, ha­ben ih­ren Mann ge­fun­den“, be­ju­bel­te ihn im Sep­tem­ber vo­ri­gen Jah­res der Fi­nanz-Lob­by­ver­band IA In­sti­tu­te.

5300 Mit­ar­bei­ter muss­ten we­gen ih­rer Be­tei­li­gung an der Trick­se­rei ge­hen.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.