Der Trau­ring aus dem Ge­wer­be­ge­biet

Am Hoch­zeits­tag den­ken die we­nigs­ten an In­zers­dorf – auch wenn die Ehe­rin­ge von je­dem drit­ten ös­ter­rei­chi­schen Paar am Süd­rand Wi­ens ent­ste­hen. Ein Be­such in der Ring­ma­nu­fak­tur der Fa­mi­lie Ru­esch.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON AN­TO­NIA LÖFF­LER

Im In­zers­dor­fer Ge­wer­be­ge­biet, mit Nach­barn wie dem Lo­gis­ti­k­la­ger der Han­dels­ket­te Rewe und dem TÜV-Prüf­zen­trum, ist Ro­man­tik fehl am Platz. Wer vor dem schmuck­lo­sen Ge­wer­be­bau in der Heiz­werk­stra­ße steht, wür­de aber auch nie­mals auf den Ge­dan­ken kom­men, dass die auf dem Klin­gel­schild aus­ge­wie­se­ne Fir­ma Collec­tion Ru­esch ir­gend­et­was pro­du­ziert, was ent­fernt mit Ro­man­tik zu tun hat. Oder dass an die­ser Adres­se ge­ne­rell ei­ne Fir­ma mit Na­men Ru­esch re­si­diert – kei­ne Fah­ne vor dem Tor, kein Lo­go, kein Schild wei­sen auf das hin, was sich im In­ne­ren des Ge­bäu­des ab­spielt. Le­dig­lich das de­zen­te Klin­gel­schild lotst die Orts­un­kun­din­gen.

Die An­ony­mi­tät wahrt man aus gu­tem Grund. Der 1881 ge­grün­de­te Fa­mi­li­en­be­trieb ist der größ­te Pro­du­zent von Ehe-, Ver­lo­bungs- und Part­ner­rin­gen Ös­ter­reichs. Cor­ne­lia Gru­ber-Ru­esch lei­tet ihn in fünf­ter Ge­ne­ra­ti­on. Und sie kön­ne, merkt die 34-Jäh­ri­ge di­plo­ma­tisch an, auf un­an­ge­kün­dig­ten Be­such gut ver­zich­ten. Hat der Be­such sich aber an­ge­kün­digt und es durch die Si­cher­heits­schleu­sen ge­schafft, wird er auf der Su­che nach Ro­man­tik auch im In­ne­ren des Pro­duk­ti­ons­stand­orts ten­den­zi­ell ent­täuscht wer­den. Ven­ti­le, Ösen oder Rin­ge? Die Ma­nu­fak­tur von Trau­rin­gen ist in Zei­ten der Hoch­tech­no­lo­gie nüch­tern ge­wor­den. CNC-Frä­se- und Dreh­ma­schi­nen do­mi­nie­ren die Pro­duk­ti­ons­hal­le. Ob hier Ehe­rin­ge, Schlauch­ven­ti­le oder Me­tall­ösen her­ge­stellt wer­den, lässt sich auf den ers­ten Blick schwer fest­stel­len. „Von der ar­chai­schen Gold­schmie­de sind wir weit ent­fernt“, sagt Ber­nard Zieg­ler, Gold­schmie­de­meis­ter und Pro­duk­ti­ons­lei­ter des Hau­ses, wäh­rend er den Be­such an den Ar­beits­sta­tio­nen ent­lang­führt. In sei­ner Stim­me schwin­gen Stolz auf die hy­per­mo­der­nen Ge­rät­schaf­ten und ein Hauch Be­dau­ern mit. Er, fügt Zieg­ler hin­zu, ha­be den Be­ruf noch zu ei­ner Zeit er­lernt, als es Ju­we­len­schlei­fer gab. Den ver­klär­ten Vor­stel­lun­gen vom Gold­schmie­den wür­den die Werk­stät­ten der Ein­zel­kämp­fer in der Bran­che na­tür­lich nä­her­kom­men. Stellt sich die Fra­ge, wel­chen Preis man für die­se Art der Nost­al­gie be­reit ist zu zah­len.

Für ei­ne Fir­ma wie die der Fa­mi­lie Ru­esch, die am Süd­rand Wi­ens rund 40 Po­li­teu­re, Gold­schmie­de, De­si­gner, und Edel­stein­fas­ser be­schäf­tigt und an Spit­zen­ta­gen 700 Rin­ge ver­sen­det, ist der Rück­griff auf ver­al­te­te Ar­beits­me­tho­den kei­ne Op­ti­on. Je­der drit­te Trau­ring in Ös­ter­reich stammt aus dem In­zers­dor­fer Ge­wer­be­ge­biet. Ih­ren Trä­gern ist das in den sel­tens­ten Fäl­len be­wusst. Die Ma­nu­fak­tur be­lie­fert nur die Ju­we­lie­re, nie­mals die End­kun­den, mit ih­ren maß­ge­fer­tig­ten Rin­gen. Auch ei­ne wirk­sa­me Stra­te­gie, um trotz der Fir­men­grö­ße an­onym zu blei­ben.

Was im vor­vo­ri­gen Jahr­hun­dert un­ter Jo­hann No­wot­ny als klei­ne Ma­nu­fak­tur für Kin­de­rohr­ge­hän­ge be­gann, wan­del­te sich un­ter Cor­ne­lia Gru­ber-Ru­eschs Ur­groß­va­ter und Ur­groß­on­kel schnell zu ei­nem statt­li­chen Gold­schmie­de­be­trieb in Penzing. Ih­re Oma war es schließ­lich, die den Schwer­punkt auf die Trau­ring­ma­nu­fak­tur leg­te und mit dem Ex­port in den deut­schen Markt be­gann. 2011 zog man not­ge­drun­gen aus den viel zu klei­nen Fir­men­räu­men im 14. Be­zirk aus. Seit da­mals lenkt Gru­ber-Ru­esch ge­mein­sam mit ih­rem Va­ter Fried­rich, der vier­ten Ge­ne­ra­ti­on, die Ge­schi­cke des Hau­ses. Als „sehr ku­sche­lig“be­zeich­net sie die al­te Werk­statt halb im es an je­der Sta­ti­on ei­ne Per­son, um zur Not den ge­sam­ten Ring noch­mals an­zu­fer­ti­gen.

Gut, dass der Fa­mi­li­en­be­trieb Wert dar­auf legt, dass die meis­ten Frä­ser und Dre­her auch den Ofen be­die­nen, gra­vie­ren oder po­lie­ren kön­nen – und um­ge­kehrt. Die­se Be­to­nung ist dem Haus bei­na­he so wich­tig wie die, dass trotz al­ler Tech­nik gro­ßer Wert auf Hand­ar­beit ge­legt wird: et­wa beim Set­zen der wirk­lich gro­ßen Dia­man­ten in den So­li­tär-Rin­gen oder bei der End­po­li­tur.

Ob der Markt eher grö­ße­re oder klei­ne­re, di­cke­re oder dün­ne­re Rin­ge, mehr oder we­ni­ger Mus­ter nach­fragt, ge­ben die Mit­ar­bei­ter im Au­ßen­dienst an die Gold­schmie­de in In­zers­dorf wei­ter. Die tüf­teln dann mit an den neu­en Mo­del­len, fer­ti­gen Skiz­zen und Mus­ter an. Man­che Ta­ge sind ganz dem Zeich­nen neu­er Mo­del­le ge­wid­met. Bis zu fünf Kol­lek­tio­nen im Jahr brin­gen die Ru­eschs her­aus. Auch hier merkt man: Die Fir­ma wehrt sich ge­gen den Stem­pel, ein durch­wegs au­to­ma­ti­sier­ter Be­trieb zu sein. Trotz al­len tech­ni­schen Know-hows sind die Män­ner an den Fräs­ma­schi­nen nach wie vor aus­ge­bil­de­te Gold­schmie­de mit Selbst­ver­wirk­li­chungs­drang, be­tont Zieg­ler.

»Von der ar­chai­schen Gold­schmie­de sind wir weit ent­fernt.« »Ei­nen Roh­ling wür­den sie acht­los auf der Stra­ße lie­gen las­sen.«

Auch Un­ter­neh­mens­chef Fried­rich Ru­esch ist Gold­schmie­de­meis­ter. Sei­ne Toch­ter stu­dier­te hin­ge­gen Wirt­schaft. Sie er­klärt die Ent­schei­dung im­mer mit ei­ner An­ek­do­te aus ih­rer Kind­heit: Im Al­ter von zehn Jah­ren ha­be sie ih­ren Va­ter ge­fragt, was sie ler­nen müs­se, um ein­mal den Be­trieb zu über­neh­men. Der ha­be „Wirt­schaft“ge­ant­wor­tet. Der Um­weg ha­be im Rück­blick gut ge­gen die „Be­triebs­blind­heit“ge­hol­fen. Nach dem Stu­di­um ar­bei­te­te sie vier Jah­re in an­de­ren Branchen, be­vor sie in den Fa­mi­li­en­be­trieb ein­stieg. Größ­tes Ar­gu­ment für die­sen Schritt: „Ich fin­de es ein­fach scha­de, et­was aus der Hand zu ge­ben, was seit Ge­ne­ra­tio­nen in der Fa­mi­lie ist.“

Man mag an Spit­zen­ta­gen viel­leicht 700 Rin­ge pro­du­zie­ren. Das Selbst­ver­ständ­nis, ein ge­er­de­tes Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men zu sein, will man nicht auf­ge­ben. Auch da­zu hat die Che­fin ei­ne pas­sen­de An­ek­do­te pa­rat: Kürz­lich ha­be in ih­rem Bü­ro ein auf­ge­lös­ter Ju­we­lier an­ge­ru­fen. Die in letz­ter Mi­nu­te zum 25. Hoch­zeits­tag be­stell­ten Rin­ge sei­en noch nicht an­ge­kom­men. Die Kund­schaft ste­he aber im Ge­schäft – und flie­ge schon zu Mit­tag nach Ita­li­en, um ihr Ju­bi­lä­um zu fei­ern. Gru­ber-Ru­esch nahm kurz­ent­schlos­sen die ver­sand­fer­ti­gen Rin­ge, fuhr per­sön­lich nach Schwe­chat und pass­te das über­rasch­te Paar dort mit den Rin­gen ab.

Soll noch je­mand sa­gen, im In­zers­dor­fer Ge­wer­be­ge­biet ver­stün­den sie nichts von Ro­man­tik.

Akos Burg

Wenn Hoch­tech­no­lo­gie die Dreh­bank er­setzt: Cor­ne­lia Gru­ber-Ru­esch zwi­schen ih­ren CNC-Frä­se­ma­schi­nen.

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