Wort der Wo­che

BE­GRIF­FE DER WIS­SEN­SCHAFT

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VO N MAR­TIN KUG­LER

Ei­ne Wie­ner Öko­no­min hat ei­ne Ethik des Da­ten­sam­melns ver­fasst. Ih­re Ana­ly­se des Sta­tus quo brach­te ein ver­nich­ten­des Er­geb­nis.

Ich be­ken­ne: Ich nut­ze Goog­le, Face­book und Co. aus­gie­big – und mir ist be­wusst, dass die Fir­men mit den ge­sam­mel­ten In­for­ma­tio­nen über mich und mein Ver­hal­ten viel Geld ver­die­nen. Ich ha­be ak­zep­tiert, dass mir Wer­bung für Pro­duk­te auf­ge­drängt wird, von de­nen ir­gend­wer glaubt, dass sie zu mir pas­sen. Stut­zig macht mich, dass aus den Da­ten mei­ne Ge­fühls­la­ge eru­iert wer­den kann (u. a. aus dem Tem­po des Tas­ten­an­schlags auf der Tas­ta­tur), oder dass man­che Fir­men aus dem per­sön­li­chen Pro­fil ei­nen in­di­vi­du­el­len Preis für ihr Pro­dukt be­rech­nen („per­so­na­li­zed pri­cing“): Man zahlt bis­wei­len mehr, wenn man aus ei­ner bes­se­ren Ge­gend kommt oder ei­nen Com­pu­ter mit Ap­fel-Sym­bol be­nutzt. Rich­tig zor­nig wer­de ich, wenn mit­hil­fe ge­sam­mel­ter Da­ten über Ver­si­che­run­gen, Kre­di­te oder Jobs ent­schie­den wird.

Ir­gend­et­was im tiefs­ten In­ne­ren sagt uns, dass das ab­so­lut nicht in Ord­nung ist. Aber was? Und war­um? Die Öko­no­min Sa­rah Spie­ker­mann (WU Wi­en) ver­such­te ei­ne Ant­wort: In der ge­mein­sam mit dem Netz­ak­ti­vis­ten Wol­fie Christl er­stell­ten Stu­die „Net­works of Con­trol“(Fa­cul­tas) un­ter­zog sie die Sam­mel­wut der Da­ten­kon­zer­ne ei­ner ethi­schen Be­wer­tung. Das Er­geb­nis ist ver­nich­tend.

Ei­ne uti­li­ta­ris­ti­sche Ana­ly­se er­gab, dass der Nut­zen für den Kon­su­men­ten in kei­nem Ver­hält­nis zu der ein­sei­ti­gen Ver­tei­lung der Ge­win­ne und der In­for­ma­ti­ons- und Machta­sym­me­trie zu­guns­ten der Da­ten­samm­ler steht. Aus der Per­spek­ti­ve ei­ner Pflichte­thik ist das Er­geb­nis um nichts bes­ser: Da dem Kon­su­men­ten kei­ne freie und au­to­no­me Ent­schei­dung ge­las­sen wer­de, ob er dem Da­ten­sam­meln zu­stimmt (oh­ne dass er gleich den Zu­gang zu den Sys­te­men ver­liert), ist Kants ka­te­go­ri­scher Im­pe­ra­tiv in jeg­li­cher Hin­sicht ver­letzt. Ne­ga­tiv en­det wei­ters ein Blick durch die Bril­le der Tu­gen­de­thik: Hier schlägt v. a. durch, dass ein „Exit“aus den Sys­te­men kaum mög­lich ist und man sich in der Fol­ge ge­nö­tigt fühlt, sich selbst zu kom­mer­zia­li­sie­ren.

Spie­ker­manns Suk­kus: Nur wenn nie­mand ge­zwun­gen wür­de, sei­ne Da­ten her­zu­ge­ben, wenn Kon­su­men­ten ih­re Zu­stim­mung da­zu je­der­zeit oh­ne ne­ga­ti­ve Kon­se­quen­zen zu­rück­zie­hen könn­ten und wenn vol­le Trans­pa­renz über die ge­sam­mel­ten Da­ten und die dar­aus ge­zo­ge­nen Schlüs­se herr­schen wür­de, könn­ten die Da­ten­samm­ler „ein we­nig et­hi­sche Le­gi­ti­mi­tät“er­hal­ten.

Die­se Ana­ly­se än­dert zwar nichts am Zorn über den Da­ten­miss­brauch. Aber nun weiß ich we­nigs­ten, wor­über ich mich wirk­lich är­gern kann. Und wo wir Kon­su­men­ten mit un­se­rer Macht an­set­zen kön­nen und müs­sen. Der Au­tor lei­te­te das For­schungs­res­sort der „Pres­se“und ist Chef­re­dak­teur des „Uni­ver­sum Ma­ga­zins“.

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