»Wohl­fühl­oa­se? Das ist eh nicht das Rich­ti­ge«

Te­am­chef Mar­cel Kol­ler (55) hat mit der Eu­ro ge­dank­lich ab­ge­schlos­sen, nur die er­fun­de­ne Tel­ler­wurf­ge­schich­te är­gert ihn im­mer noch. Der Schwei­zer schwört auf das in­tak­te Mann­schafts­kli­ma und ver­tei­digt Da­vid Ala­ba. Von Ga­reth Ba­le schwärmt er.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON CHRIS­TOPH GASTINGER

Nein, über die Eu­ro­pa­meis­ter­schaft möch­te Mar­cel Kol­ler nicht mehr spre­chen. Es sei al­les ge­sagt, die zahl­rei­chen Grün­de für die Ent­täu­schung in Frank­reich wur­den öf­fent­lich be­reits dar­ge­legt. „Die Eu­ro ist vor­bei“, sagt Kol­ler und nippt an sei­nem Kaf­fee. Hier, im 23. Stock der ÖBB-Un­ter­neh­mens­zen­tra­le, der Sky Lounge, hat man ei­nen au­ßer­ge­wöhn­li­chen Blick über Wi­en. In der Fer­ne ist auch das ge­wal­ti­ge Oval des Ernst-Hap­pel-Sta­di­ons zu er­spä­hen. Dort ha­ben Mar­cel Kol­ler und sei­ne Spie­ler vor bald ei­nem Jahr, am 12. Ok­to­ber 2015, zu­sam­men mit 48.500 von pu­rer Eu­pho­rie er­fass­ter Men­schen die er­folg­rei­che EM-Qua­li­fi­ka­ti­on ge­fei­ert. Der Te­am­chef wur­de kur­zer­hand zum Na­tio­nal­hei­li­gen er­klärt, die Sym­pa­thie­wer­te von Da­vid Ala­ba, Mar­ko Arn­au­to­vic´ und Co. er­reich­ten völ­lig neue Sphä­ren. Das klei­ne Ös­ter­reich wähn­te sich für kur­ze Zeit ei­ne Fuß­ball­groß­macht, so­gar die Fifa-Welt­rang­lis­te gab An­lass zu die­ser Mei­nung. Platz zehn, ein Mei­len­stein. Doch wer hoch fliegt, der kann tief fal­len. Schon die Test­spie­le vor der Eu­ro ver­hie­ßen nichts Gu­tes, in Frank­reich nahm das Un­glück sei­nen Lauf. Die Leis­tun­gen ir­ri­tier­ten, die Mann­schaft ent­täusch­te im Kol­lek­tiv. Ei­ne hei­mi­sche Bou­le­vard­zei­tung such­te spä­ter nach stich­hal­ti­gen Grün­den und mein­te ei­nen sol­chen in ei­nem flie­gen­den Sup­pen­tel­ler ge­fun­den zu ha­ben. Die Wohl­fühl­oa­se Na­tio­nal­team soll in Frank­reich al­so nach­hal­ti­gen Scha­den ge­nom­men ha­ben. An die­ser Stel­le hakt Mar­cel Kol­ler beim Ter­min mit der „Pres­se am Sonn­tag“doch ein. „Wer sagt, dass die Stim­mung im Team bei der Eu­ro nicht mehr so wie da­vor ge­we­sen ist?“Der Schwei­zer wirkt emo­tio­na­li­siert, das The­ma scheint ihm ein per­sön­li­ches An­lie­gen zu sein. „Die­se gan­zen Ge­schich­ten sind frei er­fun­den, es ist nichts pas­siert, nur will das nie­mand glau­ben. Du musst stän­dig Re­chen­schaft ab­le­gen.“

Der Wind, der um das ös­ter­rei­chi­sche Fuß­ball­na­tio­nal­team weht, ist et­was rau­er ge­wor­den. Spie­ler ste­hen ge­gen­über den ent­täusch­ten Fans in der Bring­schuld, auch der Te­am­chef ist in den Au­gen ei­ni­ger Be­ob­ach­ter seit der EM nicht mehr ma­kel­los. Kol­ler ver­si­chert, dass es team­in­tern „kei­ne zwi­schen­mensch­li­chen Ker­ben“gä­be. „Es hat sich nichts sicht­bar ver­än­dert.“Ala­ba, Arn­au­to­vic´ und Dra­go­vic´ sei­en al­so im­mer noch selbst er­nann­te „Brü­der“, das Mann­schafts­kli­ma sehr gut, wenn­gleich der 55-Jäh­ri­ge ein­räumt: „Dass nicht je­der mit je­dem ein Bier trinkt, ist auch nor­mal.“Ge­nau die­sen Ein­druck aber hat das Team in der Ver­gan­gen­heit ge­weckt, die Idee der „Elf Freun­de müsst ihr sein“rich­tig­ge­hend ge­lebt. Das En­de der Wohl­fühl­oa­se. Die­sem Ge­dan­ken ent­sprang dann ir­gend­wann auch die Be­zeich­nung Wohl­fühl­oa­se. Ein Na­tio­nal­team als Wohl­fühl­oa­se al­so, ei­ne schö­ne Vor­stel­lung. So­lan­ge der sport­li­che Er­folg sich im­mer wie­der aufs Neue ein­stellt, spricht ei­gent­lich nichts da­ge­gen, nach der miss­glück­ten EM aber wirkt sie de­plat­ziert. „Ei­ne Wohl­fühl­oa­se“, sagt Mar­cel Kol­ler, „ist eh nicht das Rich­ti­ge.“Das klän­ge so, als wür­den sei­ne Spie­ler „nur rum­hän­gen und es sich gut ge­hen las­sen“. „Aber das wol­len wir nicht, das sind wir nicht.“

Im Fuß­ball gin­ge es schließ­lich um et­was ganz an­de­res. „Die Spie­ler sol­len zum Na­tio­nal­team kom­men, um Leis­tung zu zei­gen und nicht, um sich den Bauch mit gu­tem Es­sen voll­zu­schla­gen, biss­chen rum­zu­hän­gen und Wi­en zu se­hen.“Nach­satz: „Das Spiel ist das Wich­tigs­te. Da­für gilt es, al­les zu tun, al­les raus­zu­ho­len.“

Wenn Kol­ler am Mon­tag al­le 23 Spie­ler um sich ver­sam­melt hat, dann wird er mit un­ter­schied­li­chen Cha­rak­te­ren und Stim­mungs­la­gen Ein­zel­ner kon­fron­tiert wer­den. Das ist per se nichts Neu­es, je­doch ist der Ab­wärts­trend ei­ni­ger Ak­teu­re in die­ser Form dann doch be­son­ders und et­was be­sorg­nis­er­re­gend. Bei­na­he ein Dut­zend Spie­ler zählt beim je­wei­li­gen Ar­beit­ge­ber nicht zum Stamm­per­so­nal oder plag­te sich zu­letzt mit Ver­let­zun­gen. Ei­nen auf­fäl­lig schwe­ren Stand ha­ben ak­tu­ell ÖFB-Ka­pi­tän Ju­li­an Baum­gart­lin­ger und Ab­wehr­chef Aleksan­dar Dra­go­vic´ bei Bay­er Le­ver­ku­sen, sie zäh­len bei Ex-Salz­burg-Trai­ner Ro­ger Schmidt nicht zur ers­ten Gar­de.

Bei Kol­ler wer­den sie das trotz­dem sein, er wird mit den Be­trof­fe­nen Ge­sprä­che füh­ren, sie men­tal auf­rich­ten. „Da­für brauchst du ein paar Ta­ge.“Doch wel­che Rol­le spielt die per­sön­li­che Si­tua­ti­on ei­nes Spie­lers bei sei­nem Klub für das Na­tio­nal­team ei­gent­lich? Und wie wich­tig sind Sie­ge und Selbst­ver­trau­en wirk­lich? Na­tür­lich wür­de sich der Te­am­chef wün­schen, je­der sei­ner Spie­ler wür­de aus­schließ­lich Er­folgs­er­leb­nis­se fei­ern, denn „wenn du ver­lierst, fehlt dir das Selbst­ver­trau­en, dann zö­gerst du“. Trotz­dem ist der Check-in beim Na­tio­nal­team in ge­wis­ser Form auch im­mer ein Ta­pe­ten­wech­sel, „man bringt schon ei­ne ei- De­ni Alar er­setzt Mar­tin Har­nik Der Han­no­ver­Le­gio­när fällt we­gen Wa­den­pro­ble­men für das Län­der­spielDop­pel aus. Für ihn wur­de erst­mals Sturm-An­grei­fer Alar ein­be­ru­fen. ge­ne Men­ta­li­tät rein, das zeigt sich schon im Trai­ning“. Noch wich­ti­ger als Spiel­pra­xis und Sie­ge sei aber oh­ne­hin die Tat­sa­che, dass Kol­lers Man­nen die nö­ti­ge Qua­li­tät mit­brin­gen. „Und das tun sie. Es gilt nur, sie ab­zu­ru­fen.“ Ala­bas Wäch­ter. Über be­son­ders viel Qua­li­tät ver­fügt zwei­fels­frei Da­vid Ala­ba. Der 24-Jäh­ri­ge ist seit ge­rau­mer Zeit das Ge­sicht des hei­mi­schen Fuß­balls, au­ßer­dem mit ei­nem Markt­wert von 45 Mil­lio­nen Eu­ro der wert­volls­te Links­ver­tei­di­ger der Welt. Die Eu­ro­pa­meis­ter­schaft aber hat auch Ala­ba, den Al­les­kön­ner, vor ei­ne un­lös­ba­re Auf­ga­be ge­stellt. Er wirk­te spie­le­risch ge­hemmt, manch­mal so­gar auf dem Platz ver­lo­ren und mü­de von ei­ner oh­ne­hin schon lan­gen Sai­son.

In der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung hat Ala­ba, von Kol­ler seit sei­nem Amts­an­tritt kon­se­quent im zen­tra­len Mit­tel­feld auf­ge­bo­ten, nicht erst in Frank­reich ent­täuscht. Viel zu sel­ten hät­te der Bay­ern-Le­gio­när ge­nia­le Mo­men­te in sei­nem Spiel, die­ses sei au­ßer­dem zu feh­ler­an­fäl­lig. Und über­haupt wä­re Ala­ba doch ein Links­ver­tei­di­ger, kein Spiel­ge­stal­ter. Kol­ler konn­te die Kri­tik an Ala­bas Per­son noch nie nach­voll­zie­hen, er stell­te sich stets schüt­zend vor sei­nen Star, auch nach of­fen­sicht­lich mä­ßi­gen Leis­tun­gen. „Da­vid“,

»Die­se gan­zen Ge­schich­ten sind frei er­fun­den, nur will das nie­mand glau­ben.«

APA

Die Ge­dan­ken­gän­ge des Te­am­chefs sind nicht im­mer für al­le nach­voll­zieh­bar. Spe­zi­ell in der Cau­sa Ala­ba ge­hen die Mei­nun­gen weit aus­ein­an­der.

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