Das 100-Mil­lio­nen-Wun­der von Wa­les

Ga­reth Ba­le ist ei­ner der be­rühm­tes­ten Wa­li­ser al­ler Zei­ten und der Schlüs­sel­spie­ler beim ÖFB-Geg­ner. Al­lü­ren sind dem Su­per­s­tar fremd, bei den Kö­nig­li­chen in Ma­drid ist er der Ge­gen­part zu Cris­tia­no Ro­nal­do.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON JO­SEF EB­NER

be­kräf­tigt der ge­bür­ti­ge Zürcher, „hat so vie­le gu­te Din­ge im Na­tio­nal­team ge­zeigt. Wir ha­ben die EM-Qua­li­fi­ka­ti­on mit ihm ge­schafft, ha­ben zu­vor in der WM-Qua­li­fi­ka­ti­on nur knapp das Play-off ver­passt. Ich ver­ste­he nicht, war­um al­le her­um­schrei­en.“

Ob er den An­satz ei­ner Er­klä­rung für die an­hal­ten­de Kri­tik ha­be? Kol­ler über­legt, sagt dann: „Die Er­war­tungs­hal­tung ist im­mer hoch, die Leu­te wol­len im­mer mehr, aber Da­vid ist ge­ra­de 24 Jah­re alt ge­wor­den. Er ist bei den Bay­ern noch kein Füh­rungs­spie­ler wie Oli­ver Kahn, Phil­ipp Lahm oder Tho­mas Mül­ler. In die­se Rol­le muss er erst rein­wach­sen.“ Und wer stoppt Ba­le? Es wird auch von Da­vid Ala­bas Vor­stel­lung ab­hän­gen, ob Ös­ter­reichs Na­tio­nal­mann­schaft in der WM-Qua­li­fi­ka­ti­on am Don­ners­tag ge­gen Wa­les und drei Ta­ge spä­ter in Bel­grad ge­gen Ser­bi­en (je­weils 20.45 Uhr, live in ORF eins) re­üs­siert. Der Auf­takt in Ge­or­gi­en (2:1) ist ge­glückt, der Weg zur End­run­de nach Russ­land al­ler­dings noch end­los weit. Mit EM-Halb­fi­na­list Wa­les gas­tiert ei­ne Mann­schaft im Wie­ner Pra­ter, de­ren Su­per­s­tar dop­pelt so wert­voll ist wie Ala­ba. Ga­reth Ba­le ist ei­ne der ge­gen­wär­tig schil­lernds­ten und ver­meint­lich die schnells­te Fi­gur im Welt­fuß­ball (sie­he Ar­ti­kel oben). Um das zu er­ken­nen, be­darf es kei­nes auf­wen­di­gen Vi­deo­stu­di­ums, Mar­cel Kol­ler hat frei­lich den­noch eif­rig re­cher­chiert. „Wenn Ba­le Fahrt auf­nimmt, denkst du dir manch­mal: Das gibt es doch nicht, die an­de­ren kön­nen doch nicht so lang­sam sein.“

Da­bei sind die an­de­ren meist gar nicht so lang­sam, son­dern Ba­le so schnell. Kol­ler er­in­nert an ei­ne Sze­ne, als der 27-jäh­ri­ge Rechts­au­ßen noch bei Tot­ten­ham Hot­spur geig­te und ge­gen In­ter Mai­land auf­fäl­lig wur­de. „Er ist von der Mit­tel­li­nie los­ge­zo­gen und hat drei Ita­lie­ner wie klei­ne Jungs ste­hen ge­las­sen.“Weil Ös­ter­reich kei­nen Ba­le hat, kann die Sprint­ra­ke­te aus Car­diff in sei­nem Wir­kungs­be­reich nur im Ver­bund et­was ein­ge­bremst wer­den. „Ent­schei­dend wird sein, ihn rasch zu stö­ren, so­bald er in Ball­be­sitz ist.“Denn in ei­nem Punkt gibt sich Kol­ler kei­nen Il­lu­sio­nen hin. „Ba­le ist es egal, ob Da­vid Ala­ba oder Mar­kus Sutt­ner sein Ge­gen­spie­ler ist.“

Zum Ver­gleich: Usain Bolt war bei sei­nem 100-Me­ter-Welt­re­kord 2009 in Ber­lin im Schnitt 37,58 km/h schnell, Ga­reth Ba­le er­reicht auf dem Fuß­ball­platz ei­ne Top­ge­schwin­dig­keit von 36,9 km/h – mit Ball wohl­ge­merkt. Kein Welt­klas­se­spie­ler ist schnel­ler als der Rechts­au­ßen aus Wa­les. Ös­ter­reichs Links­ver­tei­di­ger Mar­kus Sutt­ner stößt bei die­sem Tem­po wohl an sei­ne Gren­zen. Ba­les Schnel­lig­keit ist aber nicht die ein­zi­ge Ge­fahr, die dem ÖFB-Team in der WMQua­li­fi­ka­ti­on am Don­ners­tag (20.45 Uhr, live ORF eins) vom wa­li­si­schen Su­per­s­tar droht. Er ver­fügt über ei­ne per­fek­te Schuss­tech­nik, ver­senkt re­gel­mä­ßig Frei­stö­ße im geg­ne­ri­schen Tor, be­herrscht den viel zi­tier­ten letz­ten Pass und hat mehr als ein­mal sei­ne enor­me Wil­lens­kraft un­ter Be­weis ge­stellt. Die hat­te Ba­le im­mer schon, oh­ne sie wä­re er kein Fuß­ball­pro­fi ge­wor­den, ge­schwei­ge denn bei Re­al Ma­drid ge­lan­det. Zu oft muss­te er sich in sei­ner Kar­rie­re durch­kämp­fen.

Als Kind war Ba­le dünn und schüch­tern, sei­ne Kno­chen wuch­sen zu schnell, stän­dig litt er an Rü­cken­schmer­zen, in Sout­hamp­ton wä­re er des­halb bei­na­he von der Aka­de­mie ge­flo­gen. Doch er gab nicht auf. Als 14-Jäh­ri­ger lief er die 100 Me­ter in 11,4 Se­kun­den, 2007 wech­sel­te der „welsh wing wi­zard“zu Tot­ten­ham. Bei sei­nen ers­ten 24 Ein­sät­zen für die Spurs ge­wann die Mann­schaft kein ein­zi­ges Mal. Das Su­per­ta­lent mit den schnel­len Bei­nen ver­letz­te sich zu­dem im­mer wie­der, Ba­le mach­te ei­nen sen­si­blen Ein­druck, sie moch­ten ihn nicht be­son­ders auf der In­sel. Ge­burts­stun­de des Su­per­stars. Bei den An­trit­ten des Wa­li­sers aber ver­stumm­ten die Rän­ge, Ab­wehr­rei­he um Ab­wehr­rei­he rann­te er mü­de. Le­gen­där ist sein Auf­tritt im Cham­pi­ons-Le­agueG­rup­pen­spiel 2010 bei In­ter Mai­land: Schon zur Pau­se lag Tot­ten­ham in Un­ter­zahl 0:4 zu­rück, in Hälf­te zwei star­te­te der da­mals 21-Jäh­ri­ge im Al­lein­gang ei­ne Auf­hol­jagd, traf drei­mal prak­tisch iden­tisch vom Straf­rau­meck. Auch ÖFB-Te­am­chef Mar­cel Kol­ler ist die­se Par­tie noch in gu­ter Er­in­ne­rung (sie­he Ar­ti­kel links). Es reich­te am En­de nur noch zum 3:4, doch weil sich Ba­le auch da­mals schon stets in den Di­enst der Mann­schaft ge­stellt hat, wur­de er am En­de der Sai­son erst­mals von den Spie­ler­kol­le­gen zu En­g­lands Fuß­bal­ler des Jah­res ge­wählt. 2013 war dann auch die kri­ti­sche eng­li­sche Sport­pres­se von sei­nen Fä­hig­kei­ten über­zeugt, die Jour­na­lis­ten kür­ten ihn zum Spie­ler der Sai­son, ein Jahr nach­dem die Ge­schich­te auf­ge­taucht war, er ha­be sich sei­ne ab­ste­hen­den Oh­ren kos­me­tisch an­le­gen las­sen.

Auch bei Re­al Ma­drid hat­te er zu Be­ginn ei­nen schwe­ren Stand. 101 Mil­lio­nen Eu­ro Ab­lö­se ha­ben die Kö­nig­li­chen 2013 für ihn hin­ge­legt, bis zum Trans­fer von Paul Pog­ba von Ju­ven­tus Tu­rin zu Man­ches­ter Uni­ted im Som­mer 2016 wur­de für kei­nen Spie­ler mehr Geld be­zahlt. Die Er­war­tungs­hal­tung war enorm. Hin­zu kam, dass Cris­tia­no Ro­nal­do der Platz­hirsch bei den Kö­nig­li­chen war und die da­ma­li­ge Re­kor­d­ab­lö­se für Ba­le als Ma­jes­täts­be­lei­di­gung wer­te­te. Bald war von Mob­bing ge­gen Ba­le die Re­de, es wur­de be­rich­tet, die Si­tua­ti­on ha­be ihn so sehr be­las­tet, dass er sich in psy­cho­lo­gi­sche Be­hand­lung be­gab. Es folg­ten Wech­sel­ge­rüch­te und mä­ßi­ge Leis­tun­gen.

Heu­te sind Ro­nal­do und Ba­le noch im­mer kei­ne Freun­de, sie ar­ran­gie­ren sich aber, es heißt, sie re­spek­tie­ren ein­an­der. Frei­stö­ße schie­ßen sie nun bei­de und Ba­le über­rennt in­zwi­schen auch im Re­al-Tri­kot die Ab­wehr­rei­hen wie eh und je, schießt To­re und be­rei­tet sie vor al­lem vor, auch für Ro­nal­do. Er ist ein Er­folgs­ga­rant von Re­al, mehr noch als der Por­tu­gie­se mei­nen vie­le.

In der Ge­gen­sätz­lich­keit zu Ro­nal­do schärf­te Ba­le auch sein Pro­fil. Dra­ma und Gla­mour braucht er trotz zehn Mil­lio­nen Eu­ro Net­to­ver­dienst pro Jahr nicht, ju­beln sieht man ihn meist mit sei­nen Töch­tern, we­der ent­blößt noch go­ckel­haft po­sie­rend. Den Ver­gleich mit Ro­nal­do wird er bei Re­al wei­ter­hin er­dul­den müs­sen, vie­le aber ver­ges­sen,

Ga­reth Ba­le

wur­de am 16. Ju­li 1989 in Car­diff ge­bo­ren. Aus­ge­bil­det als Links­ver­tei­di­ger bei Sout­hamp­ton de­bü­tier­te er 2007 für Tot­ten­ham in der Pre­mier Le­ague. Ein Jahr zu­vor kam er be­reits zu sei­nem ers­ten Ein­satz im wa­li­si­schen Na­tio­nal­team. Ba­le ist bis heu­te der jüngs­te Tor­schüt­ze sei­nes Lan­des. Als Au­ßen­stür­mer wur­de Ba­le in En­g­land mehr­mals zum Spie­ler des Jah­res ge­wählt, 2013 wech­sel­te er für die da­ma­li­ge Re­kor­d­ab­lö­se­sum­me von 101 Mil­lio­nen Eu­ro zu Re­al Ma­drid. Bei der EM 2016 führ­te Ba­le die wa­li­si­sche Na­tio­nal­mann­schaft ins Halb­fi­na­le. dass Ba­le erst 27 Jah­re alt ist. Und schon jetzt scheint klar, dass er der lo­gi­sche Nach­fol­ger des 31-jäh­ri­gen Su­per­stars bei den Kö­nig­li­chen sein wird. Der Über­ra­schungs­coup. Im Na­tio­nal­team stand Ba­le wohl vor sei­ner größ­ten Her­aus­for­de­rung. Als 17-Jäh­ri­ger wur­de er zwar jüngs­ter Tor­schüt­ze sei­nes Lan­des, als Wa­li­ser sah es aber lang da­nach aus, als müss­te er das Schick­sal von gro­ßen Spie­lern wie dem Nord­iren Ge­or­ge Best, dem Schwe­den Zla­tan Ibra­hi­mo­vic´ oder sei­nem Lands­mann und Vor­bild Ryan Giggs tei­len: Mit ei­nem kon­kur­renz­fä­hi­ge­ren Na­tio­nal­team hät­ten sie wohl gro­ße Ti­tel ge­won­nen, mit ih­ren Län­der­aus­wah­len aber wa­ren sie chan­cen­los.

Doch dann qua­li­fi­zier­te sich Wa­les – Na­tio­nal­sport ist Rug­by – für die EM 2016 und da­mit für die ers­te End­run­de seit 58 Jah­ren. Auch in Frank­reich war Ba­le der Schlüs­sel­spie­ler der „Dra­chen“und schul­ter­te die ge­sam­ten Er­war­tun­gen. Te­am­chef Chris Co­le­man er­klär­te: „Er soll­te ei­ne In­spi­ra­ti­on für je­den Fuß­bal­ler in Groß­bri­tan­ni­en sein.“Die Grup­pen­pha­se meis­ter­ten die Wa­li­ser sou­ve­rän, be­sieg­ten im Ach­tel­fi­na­le im bri­ti­schen Du­ell Nord­ir­land (1:0) und im Vier­tel­fi­na­le das Star­ensem­ble aus Bel­gi­en (3:1). Das EM-Mär­chen en­de­te für Ba­le und Co. erst im Halb­fi­na­le ge­gen Por­tu­gal (0:2), aus­ge­rech­net ge­gen sei­nen Re­al-Kol­le­gen Cris­tia­no Ro­nal­do. Aber nur zwei St­un­den spä­ter gab Ba­le mit fun­keln­den Au­gen und fes­ter Stim­me ein gro­ßes Ver­spre­chen. „Das war noch lang nicht al­les. Der Kampf geht wei­ter. Un­ser Hun­ger ist grö­ßer als je zu­vor. Wir wol­len uns nun je­des Mal für ein gro­ßes Tur­nier qua­li­fi­zie­ren.“

»Von Ala­ba er­war­ten die Leu­te im­mer noch mehr, da­bei ist er erst 24 Jah­re alt.« Lang sah es da­nach aus, als müss­te Ba­le das Schick­sal von Lands­mann Ryan Giggs tei­len.

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