Ster­ben­de Chef­re­dak­teu­re, Zei­tun­gen

Der gro­ße Thea­ter­kri­ti­ker Ger­hard Sta­del­mai­er hat ei­nen Ro­man über die Bran­che ge­schrie­ben. Man kann da­rin Prot­ago­nis­ten er­ken­nen – oder ein­fach die gu­te al­te Zeit ge­nie­ßen.

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - VON NOR­BERT MAY­ER

Mehr als ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang wur­de der Groß­kri­ti­ker der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“fürs Thea­ter, des­sen Spra­che so bil­der­reich wie tref­fend ist, ver­ehrt und ge­fürch­tet. Wenn Ger­hard Sta­del­mai­er lob­te, dann mit aus­la­den­den Lie­bes­er­klä­run­gen, wenn er ta­del­te, dann im ar­gen Ver­riss, vor al­lem in der stra­fen­den Kurz­form pro­mi­nent plat­zier­ter Pe­ti­tes­se. In bei­den Ex­tre­men aber ver­fass­te er die Kri­tik treff­si­cher, das Laue lag ihm nicht.

Seit dem Vor­jahr ist Sta­del­mai­er, zu­min­dest für die „FAZ“, im Ru­he­stand. Doch was be­deu­tet das für ei­nen un­ru­hi­gen Geist? Ve­rän­de­rung. Ein Ro­man­de­büt: „Um­bruch“lau­tet der Ti­tel des ele­gan­ten Bu­ches – es geht al­so um die ge­druck­te Zei­tung, die in ih­rer Hoch­blü­te noch im Blei­satz um­bro­chen wur­de. Zugleich be­deu­tet Um­bruch, dass sich die Print­me­di­en, just seit den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten, in de­nen Sta­del­mai­er noch ak­tiv war, in Met­a­mor­pho­sen be­fin­den, die für vie­le Ver­lags­häu­ser mit dem Auf­kom­men der ra­san­ten di­gi­ta­len Al­ter­na­ti­ven exis­ten­zi­ell be­droh­lich sind. Die Kri­se. Doch im Buch, aus der Sicht ei­nes jun­gen Man­nes er­zählt, wird die­ses Phä­no­men kaum ge­streift. Bio­gra­fisch gleicht der fast noch un­schul­di­ge Be­richt­er­stat­ter Stadl­mai­er. Nach lo­ka­len Lehr­jah­ren (Schwäbisch-Gmünd) kam er als Kri­ti­ker zur Qua­li­täts­zei­tung in die Lan­des­haupt­stadt (Stutt­gart), um schließ­lich beim Welt­blatt (in Frankfurt a. M.) zu en­den. Von Letz­te­rem gibt es hier nur die An­fangs­jah­re, vor der Zei­tungs­kri­se und der Über­nah­me des Feuille­tons durch die Schi­cke­ria des Fort­schritts. Ganz frank ge­sagt: Ein mäch­ti­ger, für Kul­tu­rel­les zu­stän­di­ger, 2014 ver­stor­be­ner Her­aus­ge­ber macht hier kei­ne gu­te Fi­gur. Nicht ein­mal ei­nen Ein­spal­ter füllt er.

Das er­gibt Sinn. Denn es han­delt sich bei die­sem Ro­man um die Su­che nach der ver­gol­de­ten Zeit, und gä­be es nicht den bril­lan­ten, kom­ple­xen Stil, wür­de man nicht er­ken­nen, wer hier schreibt. Denn der frü­her un­er­bitt­li­che Rich­ter über al­les, was auf Büh­nen pas­sier­te, ist nun, wenn man die raf­fi­nier­ten Sei­ten­hie­be nicht se­hen will, al­ters­mild-gran­tig. Frü­her wa­ren Zei­tun­gen wie auch die Zei­ten doch viel bes­ser, si-

Le­on­hard Hil­zen­sau­er/ Paul Zsol­nay Ver­lag

Vom Kri­ti­ker zum Ver­fas­ser ei­nes Schlüs­sel­ro­mans: der Au­tor Ger­hard Sta­del­mai­er.

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