Zwi­schen süß und herb und warm und kalt bleibt we­nig Zeit

Im Früh­ling kommt al­les erst, im Som­mer ist es ge­ra­de, und im Herbst geht es schon wie­der vor­bei. Es gibt nichts zu ver­schwen­den.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON FRIE­DE­RI­KE LEIBL

Man sitzt im Zug, ge­gen die Fahrt­rich­tung, und schaut in ei­ne Land­schaft, von der man sich ra­send schnell ent­fernt. So fühlt er sich an, der Herbst, er hat den Win­ter im Rü­cken, und er hat ein Tem­po, das ei­nen, trä­ge und durch­ge­glüht vom Som­mer, ganz schön for­dert. Denn nun pas­siert al­les auf ein­mal. Und wer fest­hal­ten will, was weg­geht, hat al­le Hän­de voll zu tun.

Was reif ist, muss so­fort ge­ern­tet wer­den. Zu­erst sind die Zwetsch­ken hart und herb, dann sind sie ge­nau rich­tig, aber nur für kur­ze Zeit. So schnell das mit den Zwetsch­ken ge­hen muss, so lan­ge dau­ert das mit dem ver­fluch­ten Germ­teig. Die bes­ten Kö­che schau­en düs­ter, wenn man sie um ein gu­tes Germ­tei­g­re­zept bit­tet. „Für Germ brauchst du Zeit“, sa­gen sie. „So schnell, schnell geht das nicht.“Ge­hen las­sen, du musst ihn ge­hen las­sen, und nicht rein­schau­en ins Reindl, ob er schon geht. Und kein Luft­zug, bit­te. Wenn er dann ge­gan­gen ist (St­un­den spä­ter) und wie Leim an den Hän­den klebt, was die Kin­der „bes­ser als Sli­mey“fin­den, hat man wie­der et­was falsch ge­macht. Gu­ter Sturm. Die Ge­duld passt nicht zum Herbst. „Wenn, dann musst du jetzt kom­men“, sagt der Winzer, den man ge­be­ten hat, Be­scheid zu ge­ben, wenn es Sturm gibt. Gu­ten Sturm, der nicht mehr pick­süß ist. Über­über­mor­gen ist er dann schon drü­ber. Sturm zu trans­por­tie­ren, das ist auch so ei­ne Idee von de­nen, die nicht los­las­sen kön­nen. Es geht nie gut. Und wenn es die letz­te Kur­ve ist, in der die Fla­sche kippt oder der schwung­vol­le Gang, mit dem man den Fla­schen­in­halt zum Über­schäu­men bringt. Ein paar Trop­fen Sturm ma­chen mehr Ge­ruch, als man sich vor­stel­len kann.

Nichts auf­schie­ben, al­les ver­brau­chen oder eben für lan­ge kon­ser­vie­ren. Mit Äp­feln geht das, mit Bir­nen auch, den Hol­ler ha­ben wir ver­passt, die Brom­beer­mar­me­la­de ver­scho­ben auf nie­mals. Das Ern­ten und Es­sen und Ko­chen, das ist das Greif­ba­re am Herbst. Ge­nau­so wie die Kas­ta­ni­en, von de­nen die al­ler­schöns­ten ge­sam­melt wer­den, nur gibt es von de­nen so vie­le. Al­les wird auf­ge­häuft und be­wahrt. Frös­teln im Dun­keln. Das üp­pi­ge, schö­ne Herbst­licht wür­de man auch gern in den Win­ter hin­über­ret­ten. Es ver­zeiht viel. Wenn die Son­ne weg ist, friert man so­fort. Die Kin­der sa­gen, wenn es dun­kel ist, ist es viel dunk­ler jetzt, als wenn es dun­kel war im Som­mer. Nüt­zen wir al­so die Ta­ge aus, hier gibt es nichts mehr zu ver­schwen­den. Ein­mal noch die Pick­nick­de­cke auf den Bo­den brei­ten, be­vor die Feuch­tig­keit durch al­le Un­ter­la­gen kriecht.

Das En­de hin­aus­schie­ben. Rie­chen kann man es schon, das Fau­le und das Mo­d­ri­ge ha­ben sich in die Sü­ße der Herbst­ern­te ge­mischt. Den Ge­ruch nach Mai­sche wür­de man sich gern er­spa­ren, ge­nau­so wie die Frucht­flie­gen, die über Nacht ge­kom­men sind und sich an der De­cke nie­der­ge­las­sen ha­ben. Wenn sie ver­schwin­den, ist auch der Herbst vor­bei. In die­ser Jah­res­zeit bleibt kei­ne Zeit für lan­ge Ver­ab­schie­dun­gen. Der Herbst ist ei­ne gro­ße Fei­er mit vie­len Leu­ten, die man mag, und wenn sie aus ist, ge­hen al­le gleich­zei­tig.

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