Der Som­mer bleibt lang und die Über­gangs­ja­cke im Kas­ten

Der Herbst wird im­mer wär­mer – die klas­si­sche Über­gangs­zeit von Som­mer auf Win­ter fällt aus. Oder ver­la­gert sich – in den Win­ter.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON MIR­JAM MARITS

Frü­her, so will es zu­min­dest die Er­in­ne­rung, war es mit dem Som­mer spä­tes­tens mit Schul­be­ginn, al­ler­spä­tes­tens we­ni­ge Wo­chen dar­auf, vor­bei: Die kur­zen Lei­berln wur­den ge­gen lan­ge ge­tauscht, man muss­te ei­ne Hau­be auf­set­zen oder zu­min­dest das ver­hass­te Stirn­band, und zur Si­cher­heit hat­te man auch schon die Hand­schu­he in den Ja­cken­ta­schen mit.

Für ei­ne ech­te Win­ter­ja­cke war es zwar noch zu warm. Für den Herbst, der gleich zwei of­fi­zi­el­le Be­g­inn­ta­ge hat – die Me­teo­ro­lo­gen rech­nen ab dem 1. Sep­tem­ber, der as­tro­no­mi­sche Herbst­be­ginn fällt meist auf den 22. oder 23. Sep­tem­ber –, hat­te man folg­lich die so­ge­nann­te Über­gangs­ja­cke (die Oma nann­te sie Blou­son). Die brauch­te man im Herbst: Für kur­ze Är­mel war es trotz Son­nen­scheins zu kalt, an Auf-dem-Bo­den­Sit­zen oder Oh­ne-Ja­cke-Her­um­lau­fen war nicht zu den­ken.

Heu­te, zu­min­dest hat man den Ein­druck, gibt es die­se Über­gangs­zeit nicht mehr so recht: Der Herbst fühlt sich un­glaub­lich lang nach Spät­som­mer an, bun­te Blät­ter hin, ge­schlos­se­ne Schwimm­bä­der her. Man kann noch kurz­ärm­lig im Scha­ni­gar­ten sit­zen, ja so­gar in der Wie­se – und dann ist es von ei­nem Tag auf den an­de­ren Win­ter, mit Hand­schuh­pflicht, und viel zu kalt für die Über­gangs­ja­cke.

Tat­säch­lich ist die­ser Ein­druck nicht ganz falsch, sagt der Me­teo­ro­lo­ge Jo­sef Lu­kas vom Wet­ter­dienst Ubi­met. „Seit Be­ginn des Jahr­tau- sends hat sich der Herbst ver­än­dert“, ist wär­mer ge­wor­den. „Es gibt ei­gent­lich kaum mehr kal­te Sep­tem­ber“, auch die Ok­to­ber – mit Aus­nah­me des Vor­jahrs – ver­lau­fen zu warm. Der so­eben zu En­de ge­gan­ge­ne Sep­tem­ber ist da ein be­son­ders gu­tes Bei­spiel: Meh­re­re Hochs folg­ten auf­ein­an­der, es war so som­mer­lich warm, dass Mu­ti­ge sich gar noch En­de des Mo­nats ins Was­ser wag­ten. Im gan­zen Land, sagt die Sta­tis­tik von Ubi­met, war es um 2,5 Grad zu warm, da­mit war es der dritt­wärms­te Sep­tem­ber seit 1767. Vor al­lem im Os­ten war es – mit meh­re­ren Ta­gen mit 30 Grad und mehr – so warm oder gar wär­mer als auf Mallor­ca.

Dass es dann ge­fühlt plötz­lich Win­ter wird, wie vie­le mei­nen, stimmt aber nicht, sagt Lu­kas. Denn sel­ten kühlt es von Spät­som­mer- auf ech­te Win­ter­tem­pe­ra­tu­ren ab. Wenn wir aber an ei­nem Tag bei 27 Grad in der Son­ne sa­ßen und der nächs­te Mor­gen nur zehn Grad bringt, kommt ei­nem das wie ein ex­tre­mer Tem­pe­ra­tur­sturz di­rekt in den Win­ter hin­ein vor. Tat­säch­lich sind die­se zehn Grad aber dem Herbst ent­spre­chend nor­mal. Es wird al­so nicht plötz­lich Win­ter, viel­mehr, sagt Lu­kas, zieht sich nicht nur der Som­mer, son­dern auch der Herbst – zeit­ver­setzt eben – in die Län­ge. So wie vo­ri­ges Jahr, als es im De­zem­ber al­les an­de­re als win­ter­lich war und es am Hei­li­gen Abend zwei­stel­li­ge Plus­gra­de hat­te. Weih­nach­ten im Spät­herbst al­so. Das wä­re dann wohl die Zeit für die Über­gangs­ja­cke.

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