Von Hes­se bis Ril­ke: Die Jah­res­zeit des Ab­schieds

Der Herbst in­spi­rier­te Dich­ter. Für Kin­der und ewi­ge Kin­der bie­tet er vor dem Win­ter er­qui­cken­de Bü­cher über Eich­hörn­chen und Wald.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BAR­BA­RA PETSCH

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich kei­nes mehr“, die­ser Satz aus Rai­ner Ma­ria Ril­kes „Herbst­tag“ist vie­len ge­läu­fig. Ein trau­ri­ges Ge­dicht? Nicht nur. Es be­ginnt so: „Herr, es ist Zeit. Der Som­mer war sehr groß. Leg dei­nen Schat­ten auf die Son­nen­uh­ren und auf den Flu­ren lass die Win­de los.“Ril­ke hat das Po­em 1902 in Pa­ris ge­schrie­ben.

1930 war ei­ne schwe­re Zeit, Bör­sen­krach, Wirt­schafts­kri­se, Kriegs­dro­hung, Her­mann Hes­se leb­te im Tes­sin und wid­me­te sich dem Herbst: „Selt­sam, im Ne­bel zu wan­dern! Ein­sam ist je­der Busch und St­ein, kein Baum sieht den an­dern, je­der ist al­lein.“La­ko­nisch wie ein ja­pa­ni­sches Hai­ku klingt die­ses Ge­dicht. Bas­ho,¯ be­deu­ten­der Meis­ter des Hai­ku aus dem 17. Jahr­hun­dert, schrieb: „Auf blatt­lo­sem Ast sitzt al­lein ei­ne Krä­he, herbst­li­cher Abend.“Ein Kurz­ge­dicht, bei dem man die Sze­ne vor sich sieht wie auf ei­nem Ge­mäl­de. Hes­se in­ter­es­sier­te sich üb­ri­gens sehr für asia­ti­sche Kul­tur. Er war nicht nur Schrift­stel­ler, er mal­te – und lieb­te es, im Gar­ten zu ar­bei­ten. Ab­schied. „Trotz der drü­cken­den Wär­me die­ser Ta­ge bin ich viel drau­ßen. Ich weiß all­zu gut, wie flüch­tig die­se Schön­heit ist, wie schnell sie Ab­schied nimmt, wie plötz­lich ih­re sü­ße Rei­fe sich zu Tod und Wel­ke wan­deln kann . . .“, notiert der 53-jäh­ri­ge, spä­te­re Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger (In­sel-Ver­lag). Auch an­de­re be­deu­ten­de Dich­ter ha­ben über den Herbst ge­schrie­ben, et­wa Fried­rich Heb­bel, Ni­ko­laus Lenau, Joa­chim Rin­gel­natz, Ge­org Trakl. Oft steht der Herbst für das En­de, das Ster­ben. Sym­bol­haft nann­te Ga­b­ri­el Garc´ıa Mar­quez,´ eben­falls No­bel­preis­trä­ger, 1975 sei­nen Ro­man über ei­nen üb­len la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Staats­mann „Der Herbst des Pa­tri­ar­chen“. Bas­teln, Vor­rä­te sam­meln. Aber es gibt auch viel leich­te und hei­te­re Li­te­ra­tur über den Herbst, vor al­lem Kin­der­bü­cher mit Ba­s­tel­tipps für Kas­ta­ni­en­tie­re und Vö­gel aus ro­ten und gel­ben Blät­tern, mit Ge­dich­ten über Igel und Ge­schich­ten über das Dra­chen­stei­gen. Die Eich­hörn­chen Matz, Fratz und Li­sett­chen wer­den in „So schön ist der Herbst!“von Ro­se Pflock und Ka­zuo Iwa­mu­ra (Nor­dSüd) von ih­ren El­tern ani­miert, im Wald Vor­rä­te zu sam­meln.

Der Herbst ist ei­ne Haupt­sai­son für Bü­cher, ei­ne der wich­tigs­ten Ver­an­stal­tun­gen ist die Frank­fur­ter Buch­mes­se (19. bis 23. Ok­to­ber), die sich heu­er spe­zi­ell Flan­dern und den Nie­der­lan­den wid­met. Be­vor die Na­tur für den Win­ter dicht­macht, boo­men noch ein­mal die Gar­ten- und Koch­bü­cher, Letz­te­re mit Re­zep­ten für Kür­bis, Wild oder Mar­me­la­de. Steckt in uns evo­lu­ti­ons­be­dingt der Drang, sich, wenn der Win­ter naht, mit Nah­rungs­mit­teln ein­zu­de­cken?

Pe­ter Wohl­le­ben, Förs­ter, Au­tor, hat ein al­tes The­ma wis­sen­schaft­lich wie­der­be­lebt: „Das ge­hei­me Le­ben der Bäu­me“und „Das See­len­le­ben der Tie­re“hei­ßen sei­ne Bü­cher. Wenn drau­ßen al­les kahl ist, mag man sich an Bil­der­bü­chern für Er­wach­se­ne freu­en, zum Bei­spiel „Eng­li­sches Gar­ten­glück das gan­ze Jahr“(In­sel) oder an dem „Bil­de­r­at­las der Som­mer-und Herbst­blu­men“(DVA).

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