»Was ist ein Le­ben oh­ne Träu­me?«

Die meis­ten Freun­de hiel­ten mich für ver­rückt oder na­iv: Im Som­mer ging ich als Hel­fe­rin in ein Flücht­lings­la­ger im Li­ba­non. In den sechs Wo­chen traf ich Kin­der, die noch träum­ten, und Er­wach­se­ne, die al­le Hoff­nung ver­lo­ren hat­ten. Der Ab­schied fiel mir s

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON DIE­TRUN SCHALK

Ich kann we­der vor noch zu­rück, ver­stehst du?“Mo­ham­med zün­det sich ei­ne Zi­ga­ret­te an. Wir sit­zen in ei­nem klei­nen, ver­rauch­ten Ca­fe´ in Beirut. Im Hin­ter­grund sind lei­se die me­lan­cho­li­schen Lie­der der li­ba­ne­si­schen Sän­ge­rin Fairuz zu hö­ren. Um uns her­um sit­zen Män­ner, die Was­ser­pfei­fe paf­fen, und Stu­den­ten, die in ih­re Lap­tops ver­tieft sind. Ei­ni­ge Wo­chen liegt es zu­rück, dass ich Mo­ham­med das ers­te Mal traf. Ich spür­te so­fort ei­ne be­son­de­re Ver­traut­heit zwi­schen uns. Seit­dem tref­fen wir uns oft, trin­ken ara­bi­schen Kaf­fee. Mo­ham­med er­zählt auch an die­sem Tag von sei­nem Le­ben in Sy­ri­en und von sei­ner Flucht in den Li­ba­non. Es wird lang­sam dun­kel in den Stra­ßen Bei­ruts, als plötz­lich ein Fer­ra­ri mit dö­sen­dem Lärm durch die Ham­ra Street braust.

Das ist der Li­ba­non. Ein Land der Tau­send Rea­li­tä­ten. Ein Land, das voll ist von Ge­schich­ten und Er­zäh­lun­gen. Ein Land, in dem die Wun­den der Bür­ger­krie­ge im­mer noch sicht­bar sind und die Men­schen das Le­ben trotz­dem mit je­der Fa­ser ih­res Kör­pers lie­ben und ge­nie­ßen. Ein Land, in dem Stu­den­ten der Ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tät mit Guc­ci-Ta­schen durch die Ein­kaufs­stra­ßen Bei­ruts schlen­dern und nur ein paar Me­ter ent­fernt sy­ri­sche Flücht­lings­kin­der in den über­füll­ten Müll­ton­nen nach Ver­wert­ba­rem su­chen.

Als ich die­se Rei­se Mit­te Ju­li an­tre­te, weiß ich nicht, was mich er­war­ten wird. Sechs Wo­chen als Frei­wil­li­ge in ei­nem Flücht­lings­la­ger in der Be­k­aa-Ho­ch­ebe­ne war­ten auf mich, nur fünf Ki­lo­me­ter ent­fernt von der sy­ri­schen Gren­ze. Kurz vor dem Ab­flug in Wi­en kom­men mir wie­der die War­nun­gen des Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums in den Sinn: „Ent­füh­run­gen sind im Li­ba­non ei­ne weit­ver­brei­te­te Pra­xis“und „Im ge­sam­ten Land muss mit Ter­ror­an­schlä­gen ge­rech­net wer­den“. Aus­ge­rüs­tet mit ei­nem Ara­bi­schLehr­buch für Dum­mies und ei­nem Wör­ter­buch ge­he ich an Bord. Der ak­tu­ells­te Rei­se­füh­rer, den ich über den Li­ba­non fin­de, er­schien An­fang 2011.

Zur sel­ben Zeit gab es im Nach­bar­land Sy­ri­en ers­te fried­li­che Pro­tes­te ge­gen Prä­si­dent Bas­har al-As­sad. Bald dar­auf kam der Krieg, die ers­ten Men­schen ver­lie­ßen das Land und such­ten in den Nach­bar­staa­ten Jor­da­ni­en, Tür­kei und Li­ba­non Zuflucht. In mei­nem Rei­se­füh­rer ist noch nichts von den Mil­lio­nen ver­trie­be­ner Sy­rer, den vie­len To­ten, der un­vor­stell­ba­ren Zer­stö­rung und ei­ner ge­sam­ten ver­lo­re­nen Ge­ne­ra­ti­on zu le­sen, die die­ser Bür­ger­krieg be­reits zur Fol­ge hat.

Es ist nicht mei­ne ers­te Rei­se in den Na­hen Os­ten, auch nicht mein ers­ter län­ge­rer Aus­lands­auf­ent­halt. Trotz­dem ist mir die­ses Mal et­was flau im Ma­gen. Die meis­ten Freun­de hal­ten mich ent­we­der für hoff­nungs­los na­iv oder ein­fach nur ver­rückt und kön­nen beim bes­ten Wil­len nicht nach­voll­zie­hen, war­um ich frei­wil­lig in ei­ne so kri­sen­ge­beu­tel­te Re­gi­on rei­sen will. „Ich hat­te so viel vor im Le­ben.“Ei­ni­ge Wo­chen spä­ter sit­ze ich Mo­ham­med in sei­nem Lieb­lings­lo­kal ge­gen­über. Ich ha­be das Ge­fühl, dass es vie­le Par­al­le­len in un­se­rem Le­ben gibt. Wir wur­den im sel­ben Mo­nat und Jahr ge­bo­ren, ge­nau wie ich stu­dier­te auch Mo­ham­med Rechts­wis­sen­schaf­ten – bis zu dem Tag, als Sol­da­ten von As­sads Ar­mee vor sei­nem Haus stan­den. Sie frag­ten nach ihm, sie woll­ten ihn ein­be­ru­fen. In die­sem Mo­ment wuss­te Mo­ham­med, dass er kei­ne an­de­re Mög­lich­keit hat, als zu ge­hen. Er be­zahl­te ei­nem Schmugg­ler um­ge­rech­net 200 Dol­lar, um ihn über die Gren­ze in den Li­ba­non zu brin­gen. Seit­dem wohnt er ge­mein­sam mit zwei an­de­ren sy­ri­schen Flücht­lin­gen in ei­nem klei­nen Zim­mer in ei­nem Rand­be­zirk von Beirut. „Ich kann we­der vor noch zu­rück“, wie­der­holt Mo­ham­med.

Als sy­ri­scher Flücht­ling darf er im Li­ba­non nicht ar­bei­ten und muss ent­we­der von den ge­rin­gen Er­spar­nis­sen sei­ner Fa­mi­lie oder von in­of­fi­zi­el­len und schlecht be­zahl­ten Klein­ar­bei­ten le­ben. Staat­li­che Un­ter­stüt­zung gibt es nicht und auch kei­ne in­ter­na­tio­na­le Hil­fe. Denn dem Flücht­lings­hoch­kom­mis­sa­ri­at UNHCR wur­de An­fang 2015 vom Li­ba­non un­ter­sagt, wei­te­re Flücht­lin­ge zu re­gis­trie­ren. Neu­an­kömm­lin­ge ver­lo­ren da­durch den An­spruch auf die drin­gend be­nö­tig­te Hun­ger­hil­fe des World Food Pro­gram­me. Für ei­ne Flucht nach Eu­ro­pa, um zu stu­die­ren, hat Mo­ham­med kein Geld. Nach Sy­ri­en kann er aus Angst vor As­sads Re­gime auch nicht zu­rück. „Ich hat­te so vie­les vor im Le­ben, weißt du?“, sagt er und zieht an sei­ner Zi­ga­ret­te.

Mo­men­te wie die­ser ma­chen ei­nem das Herz un­glaub­lich schwer, sie füh­len sich wie ei­ne Ohr­fei­ge mit­ten ins Ge­sicht an und ho­len mich, die jun­ge Ös­ter­rei­che­rin, die im­mer al­le Mög­lich­kei­ten im Le­ben hat­te, blitz­schnell auf den Bo­den der li­ba­ne­si­schen Rea­li­tät zu­rück. Und trotz al­ler An­stren­gun­gen und Be­mü­hun­gen steht man ge­wis­sen Schick­sa­len macht­los ge­gen­über. Ein schreck­li­ches Ge­fühl. Li­ba­non platzt aus al­len Näh­ten. Nach fünf Jah­ren Bür­ger­krieg im Nach­bar­land be­her­bergt der Li­ba­non, frü­her als Schweiz des Ori­ents be­kannt, mitt­ler­wei­le mehr als ei­ne Mil­li­on re­gis­trier­te sy­ri­sche Flücht­lin­ge. Die Dun­kel­zif­fer liegt bei 1,5 Mil­lio­nen. Und das in ei­nem Land, das ne­ben den 4,4 Mil­lio­nen Li­ba­ne­sen auch noch ei­ner hal­ben Mil­li­on pa­läs­ti­nen­si­scher Flücht­lin­ge Platz bie­tet. Die­trun Schalk mit ih­ren Schü­le­rin­nen: „Vie­le er­zäh­len stolz, dass sie ein­mal Ärz­te, Leh­rer oder Kran­ken­schwes­tern wer­den wol­len.“

Mein ers­ter Weg ins Flücht­lings­la­ger. Je nä­her wir Sy­ri­ens Gren­ze kom­men, des­to öf­ter tau­chen Zel­te und Ba­ra­cken auf. Sie wir­ken wie merk­wür­di­ge bun­te Farb­fle­cken in der tro­cke­nen Land­schaft. Es ist Hoch­som­mer. Die Hit­ze hängt re­gel­recht in der Luft und macht das At­men schwer. Als ich mit ei­ni­gen an­de­ren Frei­wil­li­gen in dem Flücht­lings­la­ger Ma­j­del An­ger an­kom­me, ist un­ser Bus be­reits um­zin­gelt von vie­len neu­gie­ri­gen Kin­dern. Mein Blick fällt auf ein klei­nes, schwarz­haa­ri­ges Mäd­chen. Es hat gro­ße dunk­le Au­gen und zer­zaus­tes Haar. Als ein paar Bu­ben be­gin­nen, sei­ne Freun­din zu är­gern, stellt es sich ih­nen ent­schlos­sen in den Weg. Das Mäd­chen er­in­nert mich an die Prot­ago­nis­tin mei­ner Lieb­lings­kin­der­ge­schich­te, als ich selbst noch klein war: Ron­ja Räu­ber­toch­ter. As­trid Lind­gren er­zählt da­rin von ei­nem jun­gen Mäd­chen, das in­mit­ten ei­ner Räu­ber­ban­de auf­wächst und mit ih­rem Freund Birk Bor­ka­sohn vie­le Aben­teu­er er­lebt.

Die wil­de Ron­ja geht da­bei stets ih­ren ei­ge­nen Weg. Sie war für mich der In­be­griff von Frei­heit, Tap­fer­keit und Ent­schlos­sen­heit. Von mei­nem ers­ten Tag an ist die­ses Mäd­chen, das ich spä-

Vor dem Ab­flug hat­te ich ein flau­es Ge­fühl, ich dach­te auch an die Si­cher­heits­war­nun­gen.

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