»Wi­en hat die Angst er­fun­den«

Ed­mund de Waal, Best­sel­ler­au­tor und Ke­ra­mik­künst­ler, er­zähl­te der »Pres­se am Sonn­tag«, was er von Kri­ti­kern hält. Und war­um sein »Ha­se« als Ta­lis­man über sei­ne KHM-Aus­stel­lung wacht.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON AL­MUTH SPIEG­LER

Sie sind zur­zeit sehr prä­sent in Ös­ter­reich, ha­ben ge­ra­de Ihr neu­es Buch, „Die wei­ße Stra­ße“, prä­sen­tiert, Ih­re Aus­stel­lung im Kunst­his­to­ri­schen Mu­se­um er­öff­net in zehn Ta­gen, im Gra­zer Kunst­haus stel­len Sie ge­mein­sam Ke­ra­mik­kunst, auch his­to­ri­sche, mit Ai Wei­wei aus. Sie sind so un­ter­schied­lich wie An­ti­the­sen zu­ein­an­der! Ed­mund de Waal: Die Aus­stel­lung ist ei­ne pro­vo­ka­ti­ve Kon­ver­sa­ti­on mit Ai Wei­wei dar­über, was Ke­ra­mik mei­nen könn­te, was sie uns über­haupt an­geht. Die Zu­sam­men­ar­beit war, als spie­le man Po­ker. Und Po­ker­spie­len mit Ai Wei­wei ist ei­ne kom­pli­zier­te Sa­che, weil er wirk­lich gut spielt. Man legt ei­ne Kar­te hin, Pi­cas­so, Mi­ro, Meissen usw., er kon­tert mit an­ti­ken chi­ne­si­schen Ge­fä­ßen usw. Manch­mal ver­gisst man dann, wel­che Kar­ten von wem sind, und al­les wird neu ge­mischt. Und wer hat Ih­rer Mei­nung nach bei die­ser Po­ker­aus­stel­lung ge­won­nen? Es war ein ge­mein­sa­mer Pro­zess, kein Wett­be­werb, wahr­schein­lich ist Po­ker nicht das rich­ti­ge Bild da­für. Wir ha­ben schnell her­aus­ge­fun­den, dass es uns um die­sel­ben Din­ge geht, näm­lich um Anfänge, um das Be­gin­nen an sich. Chi­ne­si­sche Ke­ra­mik et­wa ist das Herz der chi­ne­si­schen Kul­tur, Ai Wei­wei be­gann als Töp­fer. Für mich ist Ke­ra­mik über­haupt der Be­ginn von dem, was es be­deu­tet, ein Mensch zu sein. Durch die Kom­bi­na­ti­on mit Ai Wei­wei wird auch be­tont, was man oft ver­gisst, aber auch we­sent­lich in Ih­rem Buch ist: Por­zel­lan war im­mer schon po­li­tisch, Be­hält­nis für Pro­pa­gan­da, als di­plo­ma­ti­sches Gast­ge­schenk et­wa, aber auch un­ter den Na­zis, spe­zi­ell un­ter Himm­ler, der in Dach­au die Ke­ra­mik­fa­bri­ka­ti­on Al­lach be­trieb, wie Sie schrei­ben. Mei­ne Be­geg­nung mit dem wei­ßen Por­zel­lan-Bam­bi in Dach­au ist ein sehr pro­vo­ka­ti­ves Bild: ein Ob­jekt des to­ta­len Kit­sches, ge­schaf­fen um den Preis der­ar­ti­gen Leids und Tods. Nichts passt in die­ser Ge­schich­te die­ser Por­zel­lan­ma­nu­fak­tur, sie ist sehr kom­pli­ziert und schickt mich fast am En­de des Buchs wie­der zu mei­ner Aus­gangs­fra­ge zu­rück, was Por­zel­lan be­deu­tet und wel­ches Leid es ver­ur­sa­chen kann. Mei­ne gan­ze Rei­se auf den Spu­ren des „Wei­ßen“ist ei­ne Ab­fol­ge grau­en­haf­ter Men­schen, von chi­ne­si­schen Kai­sern zu Sta­lin zu Mao zu Himm­ler. Ke­ra­mik hat­te ein­fach im­mer die­se sym­bo­li­sche Kraft, je­man­den zu be­ein­dru­cken. Es ist ei­nes der här­tes­ten Ma­te­ria­len in der Welt, es zeigt die Macht, die man über die Welt und die Men­schen hat. Sie ge­hen in Ih­rer ei­ge­nen Ke­ra­mik den ge­gen­sätz­li­chen Weg, Ih­re Ge­fä­ße sind klein, fra­gil, nicht per­fekt. Das ist Wi­der­stand! Be­har­ren und Wi­der­stand. Der Wi­der­stand ist, im­mer und im­mer wie­der zu be­gin­nen, nur um et­was aus die­sem un­mög­li­chen Ma­te­ri­al zu ma­chen, was mensch­lich ist: ein klei­nes Por­zel­lan­ge­fäß, das kei­ne Kon­se­quen­zen ha­ben muss, das zu zer­bre­chen, zu ver­lie­ren, zu ver­ges­sen ist, und man macht es, weil es ge­ra­de nicht per­fekt ist, weil es dar­um geht, ge­nau jetzt ein Mensch zu sein. Dann bringt man meh­re­re die­ser Ge­fä­ße für ei­ne In­stal­la­ti­on zu­sam­men, ei­ne Aus­stel­lung, um da­mit, in Echt­zeit, oh­ne In­ter­net, oh­ne Apps, ir­gend­et­was zu er­kun­den, et­was am Le­ben zu er­hal­ten, et­was in Er­in­ne­rung zu brin­gen, ei­nen Raum, ei­ne Per­son, ein Stück Poe­sie wie et­wa Wal­ter Ben­ja­min oder Paul Ce­lan. Ja, all die­se Stra­te­gi­en sind Wi­der­stand. Aber kein lau­ter, er schwenkt kei­ne Flag­ge. Das Schrei­ben hat schon vor Ih­rem Durch­bruch 2010 zu Ih­nen ge­hört, wie vie­le Bü­cher ha­ben Sie vor dem „Ha­sen“ge­schrie­ben? Zwei, aber nie­mand hat sie ge­le­sen, über den eng­li­schen Ke­ra­mik­künst­ler Ber­nard Leach und über Ke­ra­mik im 20. Jahr­hun­dert. Ich hat­te da­mals noch kei­ne ei­ge­ne Stim­me, ich war aka­de­misch, be­nutz­te die Stim­men an­de­rer. Ihr vier­tes, neu­es Buch be­nutzt zwar Ih­re ei­ge­ne, so char­man­te „Ha­sen“-Stim­me, aber es geht wie­der um Ke­ra­mik. Sie be­ka­men da­für in En­g­land kei­nes­wegs so eu­pho­ri­sche Kri­ti­ken wie für den „Ha­sen“. Ist das de­pri­mie­rend? Ist Ke­ra­mik zu spe­zi­ell? Wis­sen Sie, die Rea­li­tät ist: Wenn ich nur ei­nen Scheiß dar­auf ge­ben wür­de, wie Kri­ti­ker mich kri­ti­sie­ren oder aber auch be­stär­ken, wä­re ich ver­lo­ren. Ich ha­be mein gan­zes Le­ben lang ge­töp­fert und ge­schrie­ben, nie­mand hat mich ge­le­sen, nie­mand et­was ge­kauft. Seit Kur­zem ist das an­ders, das ist ent­zü­ckend, dan­ke da­für. Aber das ist

Ed­mund de Waal,

1964 in En­g­land ge­bo­ren, ist ein Star als Ke­ra­mik­künst­ler und Au­tor, sei­nen Durch­bruch hat­te er 2011 mit der Ge­schich­te sei­ner Fa­mi­lie Ephrus­si, die er im Buch „Der Ha­se mit den Bern­stein­au­gen“auf­ar­bei­te­te. Der „Ha­se“ist ein ja­pa­ni­sches Net­s­u­ke, das er von ei­nem On­kel ge­erbt hat­te.

Zwei Aus­stel­lun­gen

hat de Waal ge­ra­de in Ös­ter­reich, ei­ne ge­mein­sam mit Ai Wei­wei im Kunst­haus Graz (bis 19. 2.). Die an­de­re, „Du­ring the Night“, be­ginnt am 11. Ok­to­ber im KHM.

Sein neu­es Buch,

„ Die wei­ße Stra­ße“, Zsol­nay-Ver­lag, schil­dert sei­ne lan­ge Rei­se rund um die Welt auf den „Spu­ren sei­ner Lei­den­schaft“, auf der Su­che nach dem Sinn und dem Zau­ber von Por­zel­lan. schlicht nicht der Grund, war­um ich et­was ma­che. Gu­te Kri­tik bzw. Be­kannt­heit bringt al­ler­dings Mög­lich­kei­ten mit sich wie je­ne, im KHM ei­ne Aus­stel­lung ma­chen zu dür­fen. Wer hät­te das vor ei­ni­gen Jah­ren ge­dacht! Ih­re Aus­wahl aus der KHM-Samm­lung ba­siert eben­falls auf ei­nem Kunst­werk, in dem Text und Bild ver­bun­den sind, näm­lich auf ei­ner Sei­te von Al­brecht Dü­rer, auf der er ei­nen apo­ka­lyp­ti­schen Alb­traum be­schreibt und zeich­net: Die Welt geht in vom Him­mel stür­zen­den Was­ser­mas­sen un­ter. „In der Mit­te der Nacht“wacht er des­halb auf, schreibt er, was Sie als Ti­tel ver­wen­den. Es ist ein­fach so zeit­ge­nös­sisch! Die­se Idee, au­ßer Kon­trol­le, nicht si­cher zu sein. Und die­ses Ge­fühl von „mit­ten in der Nacht“, wenn sich al­les ver­schiebt. Ich woll­te wis­sen, was pas­siert, wenn ich die­ses Bild, die­se Idee neh­me und da­mit durch die Ar­chi­ve, De­pots, Samm­lun­gen des Mu­se­ums ge­he. Bald wur­de klar, es geht um Angst. Ich bin auch ein ziem­lich ängst­li­cher Mensch, und es ist ei­ne ängst­li­che Zeit und Wi­en ei­ne ängst­li­che Stadt, ich mei­ne hier wur­de die Angst er­fun­den! Mei­ne Be­zie­hung zu Wi­en und zu die­sem Mu­se­um, es war schließ­lich un­ter den Na­zis ein Zen­trum für die Zer­stö­rung der Kul­tur in Wi­en, ist ängst­lich. Mit all die­sen Din­gen im Kopf be­gann ich, Bil­der aus­zu­su­chen, in de­nen es be­stimm­te Schat­ten oder selt­sa­mes Licht gibt oder Ob­jek­te, die ge­bro­chen oder ir­gend­wie nicht ein­deu­tig sind. Ans En­de ha­ben Sie ei­ne Ih­rer schwar­zen Vi­tri­nen mit Ih­rer Ke­ra­mik ge­hängt. Ja, ich ha­be sie ei­gens ge­macht, sie heißt auch „Du­ring the Night“. Sie ist voll von schwar­zem Por­zel­lan, Zinn, Blei, zum Teil ge­fun­de­nen Ob­jek­ten aus mei­nem Ate­lier, ei­ner ehe­ma­li­gen Mu­ni­ti­ons­fa­brik. Es ist ei­ne Art per­ver­se Kunst­kam­mer, mei­ne ei­ge­ne, voll von schwie­ri­gen Din­gen. Und den be­rühm­ten Bern­stein­au­gen-Ha­sen, mit dem Ih­re Su­che nach Ih­rer Ge­schich­te und letzt­end­lich auch Ihr Er­folg be­gann, woll­ten Sie nicht in die­se Vi­tri­ne stel­len? Nein. Er steht da­vor, am Gang vor der Aus­stel­lung. Wie ei­ne Art Ta­lis­man. So, wie ich ihn ver­dammt vie­le Jah­re lang in mei­ner Ta­sche ge­tra­gen ha­be.

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