Ein hun­gern­des, zer­stör­tes Land, das die Zu­ver­sicht be­hält

2016 ist viel von Kri­se, Not­s­tŻn©, Un­si­cher­heit ©ie Re©e. Es ist nur zwei Ge­nerŻ­tio­nen her, 70 JŻh­re, Żls ©ie Ös­ter­rei­cher, ©ie ©en Krieg üãer­leãt hŻt­ten, ei­nen heu­te schwer vor­stel­lãŻ­ren, grŻusŻ­men KŻmpf ums Üãer­leãen führ­ten. Un­se­re Sor­gen w´ren ©er Bev

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON GÜN­THER HAL­LER

Ihr habt kei­ne Freu­de ge­habt, in der Fül­le der Din­ge“ist im Al­ten Tes­ta­ment der Haupt­vor­wurf ge­gen das Volk Is­ra­el. Man kann, Erich Fromm fol­gend, die­se An­kla­ge auch ge­gen die mo­der­ne Wohl­stands­ge­sell­schaft er­he­ben. Den meis­ten Bür­gern in Eu­ro­pa geht es ge­mes­sen an an­de­ren Welt­re­gio­nen sehr gut, sie ha­ben ei­ne ho­he Le­bens­er­war­tung und le­ben frei von Krieg und Hun­ger. Bli­cken wir nur sieb­zig Jah­re zu­rück: Tod, Ver­ge­wal­ti­gung, Hun­ger, Trau­ma­ti­sie­rung, Ver­schlep­pung, Ban­de­n­un­we­sen, Kriegs­ge­fan­gen­schaft, Ob­dach- und Hei­mat­lo­sig­keit be­stim­men als Wun­den des vor­her­ge­hen­den Kriegs 1946 noch im­mer das Le­ben der Ös­ter­rei­cher. „Zit­tern­de mensch­li­che We­sen.“Welt­weit pras­seln die Hi­obs­bot­schaf­ten auf die Men­schen her­un­ter, von Tro­cken­heit, Über­schwem­mun­gen, klir­ren­dem Frost. Phi­lo­so­phen mei­nen, die Na­tur hät­te sich ge­gen die Men­schen ver­schwo­ren, um ih­nen die gan­ze Schwe­re ih­rer Schuld im letz­ten Krieg zum Be­wusst­sein zu brin­gen. Die Ver­ein­ten Na­tio­nen ru­fen bei ih­rer ers­ten Ta­gung al­le Völ­ker auf, beim Ver­brauch von Le­bens­mit­teln äu­ßerst spar­sam zu sein. Die vom Schre­cken ver­schon­ten Staa­ten sol­len den vom Krieg ver­wüs­te­ten zu Hil­fe kom­men. Das ge­schieht auch, die Ar­gen­ti­ni­er le­gen ei­nen fleisch­lo­sen Tag ein, um das hun­gern­de Eu­ro­pa mit Le­bens­mit­teln be­lie­fern zu kön­nen, Aus­tra­li­en lie­fert Wei­zen an Staa­ten in Asi­en.

Ne­ben der Furcht vor Hun­ger und Krank­heit ist für vie­le Men­schen 1946 die Vor­stel­lung, dass es wie­der zu ei­nem gro­ßen Krieg, dies­mal zwi­schen den al­li­ier­ten Sie­ger­mäch­ten, kom­men könn­te, das größ­te Schreck­ge­spenst. Vie­le zwei­feln, ob sie es noch er­le­ben wer­den, dass all die Rui­nen be­sei­tigt sind, die Wirt­schaft wie­der auf­ge­baut wird. Wie so oft fin­det Wins­ton Chur­chill im Sep­tem­ber 1946 die ein­dring­lichs­ten Wor­te für die­se Ängs­te, er bringt da­mit die Ge­füh­le von Mil­lio­nen Men­schen zum Aus­druck: „Und wel­ches ist der Zu­stand, in den Eu­ro­pa ge­bracht wor­den ist? Zwar ha­ben sich ei­ni­ge der klei­ne­ren Staa­ten gut er­holt, aber in wei­ten Ge­bie­ten star­ren un­ge­heu­re Mas­sen zit­tern­der mensch­li­cher We­sen ge­quält, hung­rig, ver­zwei­felt auf die Rui­nen ih­rer Städ­te und Be­hau­sun­gen und su­chen den düs­te­ren Ho­ri­zont an­ge­strengt nach dem Auf­tau­chen ei­ner neu­en Ge­fahr, ei­ner neu­en Ty­ran­nei oder ei­nes neu­en Schre­ckens ab. Un­ter den Sie­gern herrscht ein ba­by­lo­ni­sches Stim­men­ge­wirr, un­ter den Be­sieg­ten das trot­zi­ge Schwei­gen der Ver­zweif­lung.“

Die ei­ge­nen Kräf­te rei­chen nicht aus in Ös­ter­reich, oh­ne Hil­fe aus dem Aus­land, vor al­lem aus den USA, scheint das Über­le­ben über­haupt un­denk­bar. Doch all­mäh­lich, Schritt für Schritt, ge­lingt es wie­der, sich in ei­ner Art All­tag ein­zu­rich­ten, das All­täg­li­che kommt wie­der zu Eh­ren, weil es Zeug­nis von Si­cher­heit ist. Wie gut, dass das Le­ben jetzt wie­der all­täg­lich ge­wor­den ist, sa­gen man­che.

Von nun an steht fest: Die­ses Land zeigt in­mit­ten al­ler Wid­rig­kei­ten enor­me Stär­ke, Selbst­be­haup­tungs­wil­len und Über­le­bens­kraft, der Wie­der­auf­bau ist kei­ne Il­lu­si­on, er kann mit der Hil­fe von au­ßen ge­lin­gen. Wir ken­nen die Er­zäh­lun­gen von der gro­ßen Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der ös­ter­rei­chi­sche Po­li­ti­ker im Rin­gen mit den Be­sat­zungs­mäch­ten um die Un­ab­hän­gig­keit kämpf­ten, noch war der Staats­ver­trag ja in wei­ter Fer­ne. Dann vom he­roi­schen Kampf ge­gen Hun­ger, Krank­hei­ten und Not, „Trüm­mer­frau­en“und halb ver­hun­ger­ten al­ten Män­nern, die die Schutt­ber­ge be­sei­ti­gen, ein stän­di­ger Über­le­bens­kampf, was da­zu führt, dass we­nig Res­sour­cen für ei­nen „geis­ti­gen

Wür©en ©ie zer­stör­ten Geã´u©e Wi­ens je wie©er ©ie Żl­ten FŻs­sŻ©en hŻãen?

Wie­der­auf­bau“vor­han­den sind und der ei­ge­ne An­teil an den Ver­bre­chen des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­drängt, Ver­bre­chen nicht be­straft und auf die Ent­schä­di­gung der Op­fer ver­ges­sen wird. Sie er­zäh­len auch von ge­lun­ge­ner Re­in­te­gra­ti­on der trau­ma­ti­sier­ten Heim­keh­rer und vom Rück­zug in ein po­li­ti­sches Neo-Bie­der­mei­er. Noch kön­nen sich die Men­schen nicht vor­stel­len, dass die schwer­be­schä­dig­ten Ge­bäu­de Wi­ens je wie­der die al­ten Fas­sa­den er­hal­ten wür­den. Es soll­te noch fast ein Jahr­zehnt dau­ern, bis man die er­sehn­te Frei­heit er­rei­chen wür­de, aber die Hoff­nung, die Plä­ne und Ent­schlüs­se da­zu, sie zei­gen sich be­reits.

1946 war ein Jahr, in dem trotz al­ler Sor­gen und

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