Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KUL­TUR­KAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHA­EL PRÜLLER

Po­la­ri­sie­rer. Der Wir­bel um ei­ne »Heu­te«Nach­richt zeigt: Het­ze kommt nicht nur von rechts. Und dass Bou­le­vard­jour­na­lis­tin­nen nicht die ge­nau­es­ten sind, aber manch­mal ziem­lich tap­fer.

Am Di­ens­tag be­rich­te­te die Gra­tiszei­tung „Heu­te“, dass ein Al­ge­ri­er (18) die Sän­ge­rin Al­ison Le­wis in der Künst­ler­gar­de­ro­be des Clubs Grel­le Fo­rel­le in Wi­en be­stoh­len ha­be, wäh­rend ih­res Auf­tritts. Ei­ne Ba­ga­tel­le, die nie­mand sonst be­rich­tet hat. Aber dann mel­de­te sich die Grel­le Fo­rel­le via Face­book: Man ken­ne kei­ne Al­ison Le­wis, man las­se erst Leu­te ab 21 hin­ein, au­ßer­dem ha­be der Club seit zehn Wo­chen ge­schlos­sen.

We­gen der kon­se­quen­ten Nen­nung der Na­tio­na­li­tät von Tä­tern gilt „Heu­te“vie­len als frem­den­feind­lich, ob­wohl sie auch po­si­tiv über Aus­län­der und Min­der­hei­ten be­rich­tet. So war die En­te will­kom­me­ner An­lass für ei­ne La­wi­ne des Hohns. Die Ver­bal­in­ju­ri­en ge­gen „Heu­te“un­ter dem 5000-mal ge­teil­ten Ein­trag der Grel­len Fo­rel­le rei­chen von „Schmier­fin­ken“über „Eu­re Le­ser sind zum Kot­zen“bis zu „Scheiß Hetz­blatt“. Ein Shits­torm eben.

„Heu­te“pos­te­te ei­ne Ent­schul­di­gung und klär­te die Sa­che auf: Man ha­be das Lo­kal ver­wech­selt: nicht die Grel­le Fo­rel­le, son­dern das Werk gleich da­ne­ben. Al­les an­de­re stim­me. Das än­der­te aber nichts. „jetzt ver­pisst euch von un­se­rer sei­te“, schrieb die Grel­le Fo­rel­le, und der Shit stürm­te wei­ter. Was macht da „Heu­te“-Re­dak­teu­rin Chris­ti­ne Pav­lik, von der bis da­hin nie­mand wuss­te, dass sie die Au­to­rin war? Sie zieht nicht den Kopf ein, son­dern mel­det sich zu Wort, mit vol­ler Preis­ga­be ih­rer Iden­ti­tät: Ich ha­be das ver­fasst. Ich bin für die Ver­wechs­lung ver­ant­wort­lich. Das Gan­ze tut mir sehr leid. Aber er­fun­den ha­be ich nichts.

Das ist Cou­ra­ge. Im­mer­hin be­kam sie dann Din­ge zu le­sen wie: „Du sitzt auf dei­nem fet­ten Hin­tern im Bü­ro?“, „ge­lo­gen, dass sich die Bal­ken bie­gen“, „in Sa­chen Re­cher­che und Sach­lich­keit lei­der so gar kei­ne Ah­nung“, „Ein Ar­sch­loch ist ein Ar­sch­loch und bleibt ein Ar­sch­loch; denn es kommt Schei­ße raus“, „Sie sind ein­fach nur ei­ne dum­me Het­ze­rin“.

Ich hof­fe, dass Chris­ti­ne Pav­lik durch die­se Het­ze nicht trau­ma­ti­siert wird, son­dern sen­si­bi­li­siert – und dass sie ih­ren Mut ein­setzt, um et­wa in der Redaktionskonferenz den Stil der Kri­mi­nal­be­richt­er­stat­tung zu the­ma­ti­sie­ren. Oder da­für, dass man Tra­di­tio­nen des Qua­li­täts­jour­na­lis­mus wie Ge­gen­check der Fak­ten oder „Au­dia­tur et al­te­ra pars“erns­ter nimmt.

Ich neh­me ja an, dass die, die sich da aus­ge­kotzt ha­ben, nicht ty­pisch sind für die Zi­vil­ge­sell­schaft, die doch für sich be­an­sprucht, der Ge­gen­pol zu Het­ze, Rück­sichts­lo­sig­keit und Men­schen­ver­ach­tung zu sein. Aber wer das Bru­ta­le bis­her nur auf ei­ner Sei­te un­se­rer po­la­ri­sier­ten Ge­sell­schaft ent­de­cken konn­te, hat je­den­falls Stoff zum Nach­den­ken. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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