»Die Phy­sik, die ist wirk­lich spe­ku­la­tiv«

Der Wie­ner Ma­the­ma­ti­ker Ru­dolf Ta­sch­ner hat ein grenz­über­schrei­ten­des Buch ge­schrie­ben: »Woran glau­ben. 10 An­ge­bo­te für auf­ge­klär­te Men­schen«. Im In­ter­view spricht er über Un­schär­fen in Na­tur­wis­sen­schaf­ten, die hei­te­ren Aspek­te des Aber­glau­bens und das Tr

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON NOR­BERT MAY­ER

Was ma­chen Sie, wenn Sie in den Him­mel schau­en? Zäh­len Sie dann die Ster­ne, oder er­greift Sie ein Ge­fühl der Tran­szen­denz? Ru­dolf Ta­sch­ner: Wenn ich die Ster­ne se­he, packt mich schon die Ehr­furcht. Man sieht zwar nur ein paar Tau­send, und bei uns durch die vie­len Lich­ter der Stadt ist selbst das kaum mög­lich, aber das Ge­fühl ent­steht, es hand­le sich da­bei um ei­ne Un­men­ge. Und so­fort sieht man Stern­bil­der. Was be­deu­ten sie? Vor al­lem, dass ich den Him­mel in mei­nem Kopf neu ent­wer­fe. Sol­che Ge­dan­ken las­sen auch die Fra­ge zu: War­um schreibt ein Ma­the­ma­ti­ker ein Buch mit dem Ti­tel „Woran glau­ben“? Wenn ich je­man­den sehr gut ken­ne, fällt es mir leicht, über den Glau­ben zu re­den. Aber im öf­fent­li­chen Raum ist das nicht so leicht. Da zer­fal­len mir die Wor­te wie mo­d­ri­ge Pil­ze auf der Zun­ge, wie Hu­go von Hof­manns­thal in sei­nem Chan­dos-Brief schreibt. Des­halb ha­be ich mich ge­fragt, was für Mög­lich­kei­ten es über­haupt gibt, sich im Glau­ben zu­recht­zu­fin­den. Ich ha­be ver­schie­dens­te Ar­ten da­von be­han­delt, nicht als Ge­bo­te, son­dern als An­ge­bo­te. Das ers­te Ka­pi­tel er­ör­tert den Aber­glau­ben, das ab­schlie­ßen­de zehn­te „Ich und Du“– ein Buch­ti­tel des gro­ßen jü­di­schen Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phen Mar­tin Bu­ber. Ist es Zu­fall, dass die Zehn an den De­ka­log er­in­nert? Die Zehn ist nicht nur in der he­bräi­schen Bi­bel, son­dern auch bei Pytha­go­ras wich­tig, die Zahl der All­voll­kom­men­heit, die auch in sei­ner Mu­sik­theo­rie ei­ne we­sent­li­che Rol­le spielt. Die Glau­bens­ar­ten sind sehr dif­fe­rent. Mit wel­cher tun Sie sich denn am schwers­ten? Über den Aber­glau­ben war recht leicht zu schrei­ben, dem ste­he ich mit ei­ner ge­wis­sen Hei­ter­keit ge­gen­über. Wun­der­bar ist et­wa die An­ek­do­te mit dem Phy­si­ker Niels Bohr, über des­sen Haus­ein­gang ein Huf­ei­sen hing. Dar­auf an­ge­spro­chen, wie das mit sei­ner Skep­sis zu ver­ein­ba­ren sei, er­wi­der­te Bohr, er ha­be sich sa­gen las­sen, es wir­ke auch bei Men­schen, die nicht dar­an glau­ben. Die meis­ten Pro­ble­me hat­te ich bei dem Ka­pi­tel, in dem es um den Glau­ben an die Na­tur geht. Dar­an hal­ten heu­te vie­le Men­schen fest. Das macht mich be­son­ders skep­tisch. Wel­ches der zehn Ge­bie­te, die Sie beim Ver­fas­sen Ih­res Bu­ches durch­quert ha­ben, war Ih­nen am we­nigs­ten ver­traut? Bei der Lek­tü­re der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten fand ich viel Neu­es. Im Grun­de hat aber Ernst Mach al­les vor­weg­ge­nom­men, als er mein­te, das Ich sei un­rett­bar. Par­al­lel gab es da­mals den Im­pres­sio­nis­mus in Kunst und Li­te­ra­tur. Ich glau­be, dass die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten der Phi­lo­so­phie nicht das ge­ben wer­den, was sie be­haup­ten. Das gilt im Üb­ri­gen auch für die Phy­sik. Das Schö­ne an der Phi­lo­so­phie ist, dass man in ihr die Al­ten noch le­sen kann. Pla­ton bleibt auch nach 2400 Jah­ren ak­tu­ell. Von wie vie­len 50 Jah­re al­ten Bü­chern der Ge­ne­tik kann man das be­haup­ten? Was be­deu­tet für Sie Agnos­ti­zis­mus? Der nor­ma­le Agnos­ti­ker lässt das Pro­blem, ob es Gott gibt, of­fen, weil es für ihn nicht lös­bar ist. Er legt es zur Sei­te. Ich le­ge es nicht zur Sei­te, weil ich ein Be­dürf­nis ha­be, zu dem, den ich nicht ken­ne, trotz­dem in ei­ne Be­zie­hung zu tre­ten. Durch das Ge­bet. Got­tes­be­wei­se sind doch un­in­ter­es­sant, so wie die Idee, er sei bloß ei­ne Er­fin­dung. Es kommt auf die Be­geg­nung an. Got­tes­fer­ne ist noch schlim­mer als die Be­haup­tung, Gott sei tot. Das war doch ein exis­ten­zi­el­ler Ret­tungs­ver­such des Phi­lo­so­phen Fried­rich Nietz­sche. Na­tür­lich

30. 3. 1953

Ru­dolf Ta­sch­ner wird in Ter­nitz ge­bo­ren. Er stu­diert an der Uni­ver­si­tät Wi­en Ma­the­ma­tik und Phy­sik, pro­mo­viert 1976 sub aus­pi­ciis und ar­bei­tet seit 1977 an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Wi­en am In­sti­tut für Ana­ly­sis u. Sci­en­ti­fic Com­pu­ting. Für math.space. wur­de er 2004 zum Wis­sen­schaft­ler des Jah­res ge­wählt. In der „Pres­se“schreibt Ta­sch­ner seit 2006 Kom­men­ta­re für die Ru­brik „Qu­er­ge­schrie­ben“.

Ab 3. 10. er­hält­lich

Ru­dolf Ta­sch­ner: „Woran glau­ben“Brandstätter Ver­lag 2016, 272 Sei­ten, ge­bun­den € 24,90, E-Book € 19,99.

13. Ok­to­ber 2016

Das Buch wird von Ver­lag und Au­tor vor­ge­stellt: Bei Frick am Gr­a­ben, 19 Uhr. be­saß er ei­ne tie­fe Gläu­big­keit, sonst hie­ße es bei ihm doch nicht, Gott müs­se tot sein, in die­ser ver­damm­ten Welt. Das klingt nicht nach Si­cher­heit. Von der Ma­the­ma­tik könn­te man na­iv glau­ben, sie sei et­was Si­che­res. Aber ist nicht auch die­se Wis­sen­schaft höchst spe­ku­la­tiv? Na­tür­lich, das hat Kurt Gö­del doch ge­zeigt. Die Ma­the­ma­tik be­ginnt mit dem ganz Si­che­ren. Wer wür­de in der Arith­me­tik leug­nen, dass sechs mal sie­ben 42 er­gibt? Aber man muss über die Arith­me­tik hin­aus­schau­en. Da er­öff­nen sich zwei We­ge. Der leich­te­re ist, dass ich Axio­me auf­stel­le, die lo­gisch gut fun­diert sind. Das hat auch Gö­del be­schrie­ben. Er zeigt aber zu­dem, dass man be­wei­sen kann, dass man nicht be­wei­sen kann, dass sie kon­sis­tent sind. Ma­the­ma­tik ist al­so gar nicht so si­cher. Der schwe­re Weg nimmt das Unend­li­che von sei­ner Be­deu­tung ernst, und dem bin ich ver­fal­len. Wie sind Sie zur Ma­the­ma­tik ge­kom­men? An­ge­fan­gen ha­be ich das Stu­di­um der Na­tur­wis­sen­schaf­ten mit der faus­ti­schen Sehn­sucht zu wis­sen, was die Welt im In­ners­ten zu­sam­men­hält. Da­mals hat­te man in der Schu­le noch den pa­ra­die­si­schen Frei­raum, über Gott und die Welt nach­zu­den­ken. Uns stan­den al­le Mög­lich­kei­ten of­fen. Für mich war Heinz Ha­ber prä­gend, der Mit­be­grün­der der Zeit­schrift „Bild der Wis­sen­schaft“. Er hat die Na­tur­wis­sen­schaf­ten im Fern­se­hen höchst an­schau­lich prä­sen­tiert, er war ein gro­ßer Ge­schich­ten­er­zäh­ler. Das hat er von Walt Dis­ney ge­lernt. Ich nahm mir vor, erst ein­mal Phy­sik und Ma­the­ma­tik zu stu­die­ren, um spä­ter zur Phi­lo­so­phie über­zu­ge­hen. Das hat Hei­sen­berg üb­ri­gens Weiz­sä­cker vor­ge­schla­gen. Ich hat­te her­vor­ra­gen­de Leh­rer an der Uni­ver­si­tät. Die Phy­sik war mir dann zu schwer, die ist wirk­lich spe­ku­la­tiv. Den Phy­si­ker Wal­ter Thir­ring ha­be ich da­mals nicht ver­stan­den. Ich ha­be mich bei den Ma­the­ma­ti­kern mehr zu Hau­se ge­fühlt, bei Jo­hann Cig­ler et­wa und bei Ed­mund Hlaw­ka. Der hat vor dem Un­end­li­chen viel mehr Re­spekt ge­habt als die an­de­ren. Was macht ein Ma­the­ma­ti­ker den gan­zen Tag? Muss man in die­sem Job hart ar­bei­ten? Aber gar nicht! Man muss für Ma­the­ma­tik nicht so viel ler­nen, man muss sie nur ver­ste­hen. Wenn man forscht, hat man vor sich ein Pro­blem und nicht viel mehr. Die Ma­the­ma­tik sei die zweit­bil­ligs­te Wis­sen­schaft, heißt es in ei­nem Witz, man brau­che da­zu nur Pa­pier, Blei­stift und ei­nen Pa­pier­korb. Bil­li­ger ist nur die Phi­lo­so­phie. Denn die braucht kei­nen Pa­pier­korb. Was wa­ren die schö­nen in­tel­lek­tu­el­len Be­geg­nun­gen bei der Ar­beit an die­sem Buch? Ich ha­be Wal­ter Ben­ja­min zu­vor kaum ge­kannt, er ist ein höchst in­ter­es­san­ter Au­tor. Als ei­ne Il­lus­tra­ti­on ha­be ich die Zeich­nung „An­ge­lus no­vus“von Paul Klee ge­nom­men, die für Ben­ja­min so wich­tig war, er hat das Bild 1921 er­wor­ben und be­zog ei­ni­ge sei­ner Schrif­ten auf die­sen Neu­en oder Jun­gen En­gel, der aus­sieht, als wä­re er im Be­griff, sich von et­was zu ent­fer­nen. Auch Tho­mas Ma­cho be­en­det sei­ne „To­des­m­e­ta­phern“mit die­ser Fi­gur. En­gel sind uns nä­her als der un­nah­ba­re Gott. Wo war Gott am Al­ler­hei­li­gen­tag 1755, lau­tet die Fra­ge von Zweif­lern, die das ver­hee­ren­de Erd­be­ben in Lis­s­a­bon er­schüt­tert . . . Ich weiß es wirk­lich nicht. Man­che mei­nen, er schläft am sie­ben­ten Tag der Schöp­fung, denn, wenn er das al­les sä­he, wür­de er es nicht aus­hal­ten. Den Men­schen bleibt als Lö­sung, mit Gott zu ha­dern, weil sie sich ver­las­sen füh­len wie Je­sus am Kreuz. Zu er­klä­ren, es gibt ihn nicht, ist ein­fach ei­ne Aus­re­de. . . . ob Ih­nen das Unend­li­che, mit dem Sie täg­lich um­ge­hen müs­sen, auch Angst macht? Ja. Ich ha­be mehr Angst als vie­le Ma­the­ma­ti­ker, die glau­ben, es ge­zähmt zu ha­ben. Das Unend­li­che ist nicht zähm­bar. Es ist ein Grenz­be­griff. Noch stär­ker aber als die Angst be­schreibt die Ehr­furcht mei­ne Be­zie­hung zu ihm. . . . ob sich bei Ih­rem Den­ken Lo­gik und Re­li­gi­on über­haupt ver­ein­ba­ren las­sen? Die Lo­gik nä­hert sich dem Un­end­li­chen nur im Sin­ne der Ma­the­ma­tik. Sie ist da­für ei­ne Lei­ter. So­bald ich mich dem Un­end­li­chen im Sin­ne des Exis­ten­ti­el­len nä­he­re, wer­fe ich die­se Lei­ter weg. . . . ob Sie als Fach­mann Ver­ständ­nis für ma­the­ma­ti­sche Schwä­chen ha­ben? Na­tür­lich! Ich ha­be doch selbst sol­che Schwä­chen und bin auch kei­ne Son­der­be­ga­bung. Aber ich war zu­min­dest ein gu­ter Nach­hil­fe­leh­rer, weil ich aus ei­ge­ner Er­fah­rung weiß, wie es an­de­ren mit die­sen Schwä­chen geht. Das nimmt der Schär­fe die­ser Fra­ge doch den gan­zen Ge­halt. Sie ist wirk­lich sub­til und kann nur ge­stellt wer­den, wenn man da­von aus­geht, dass es ei­ne Nä­he oder Fer­ne Got­tes gibt. Ei­ne sim­ple Ab­we­sen­heit wä­re ab­surd. Las­sen wir die Got­tes­be­wei­se und fra­gen statt­des­sen: Gibt es En­gel? Man könn­te fra­gen, was bleibt, wenn al­les zu­sam­men­bricht, wenn zum Bei­spiel ei­ne Mut­ter sieht, dass ein Kind ge­stor­ben ist. Da hat für mich das Bild ei­nes En­gels Trost, selbst wenn es dog­ma­tisch ein völ­lig fal­sches Bild ist. Ihr Buch be­tont das Ziel­ge­rich­te­te, Li­nea­re am Glau­ben, das of­fen­bar die west­li­chen Kul­tu­ren do­mi­niert. Was be­deu­ten Ih­nen da­ge­gen zy­kli­sche, öst­li­che Denk­mus­ter? Ich ken­ne das zu we­nig. Er­win Schrö­din­ger hat sich mit der Ein­heit des Be­wusst­seins be­schäf­tigt. Die­se Art von Tran­szen­denz wur­de von ei­nem öst­li­chen Den­ker wie ein Banyam-Baum mit sei­nen vie­len Luft­wur­zeln be­schrie­ben. Das hat Schrö­din­ger über­nom­men. Ge­hen Sie gern in Kir­chen? Na­tür­lich! Am liebs­ten, wenn sie leer sind. Ich glau­be an die Au­ra ge­wis­ser Or­te. Sie ha­ben be­son­de­re Kraft. Das ver­spü­re ich so­gar in ma­chen Hör­sä­len. Ma­the­ma­ti­ker gel­ten als hart­nä­ckig, doch vie­le Rätsel sind schwer zu lö­sen. Be­steht da nicht stets Ge­fahr, ver­rückt zu wer­den? Auf je­den Fall. Für Men­schen, die die­sen fürch­ter­li­chen Ehr­geiz ent­wi­ckeln, ist das ei­ne rea­le Ge­fahr. Für die so­ge­nann­ten Pro­blem­lö­ser kann die Ma­the­ma­tik le­bens­be­droh­lich wer­den. Ich ken­ne ver­track­te Fäl­le, die zu Herz­in­fark­ten führ­ten. Es gibt wirk­lich tra­gi­sche Bei­spie­le. Gott sei Dank bin ich nicht der­ar­tig ver­an­lagt! Ich ver­su­che lie­ber, ei­ne Brü­cke zwi­schen den Wis­sen­schaf­ten zu schla­gen.

Mi­che­le Pau­ty

„Man muss für Ma­the­ma­tik nicht so viel ler­nen, man muss sie nur ver­ste­hen“, sagt Ru­dolf Ta­sch­ner.

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