Oh­ne Irm­gard Griss sind die Ne­os ver­lo­ren

Kei­ne an­de­re Per­sön­lich­keit wird die­ser Ta­ge der­art in­ten­siv um­garnt wie Irm­gard Griss. Sie könn­te ent­schei­den, in wel­che Rich­tung Par­tei und Land ten­die­ren.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON R A I N E R N OWA K

Alex­an­der Van der Bel­len und Nor­bert Ho­fer sind die Pech­vö­gel der Na­ti­on. Sie könn­ten in den Ge­schichts­bü­chern der­einst als das ge­se­hen wer­den, was sie sind: die mü­den Wahl­ma­ra­thon­män­ner. Ganz an­ders dürf­te das po­li­ti­sche Schick­sal je­ner Frau sein, die für vie­le bür­ger­li­che Wäh­ler die wähl­ba­re­re Al­ter­na­ti­ve ge­we­sen wä­re: Irm­gard Griss. Die Rich­te­rin wird die­ser Ta­ge um­wor­ben wie sel­ten ei­ne Nicht­po­li­ti­ke­rin in der Po­li­tik. Se­bas­ti­an Kurz bot ihr an, zen­tra­le Fi­gur ei­ner Be­we­gung zu wer­den, die aus ÖVP und bür­ger­li­chen Grup­pen ent­ste­hen soll. Die Ne­os ver­han­deln schon lang mit ihr und ha­ben sie im Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf zu­min­dest halb­her­zig un­ter­stützt. Nun hat sich das Blatt ge­wen­det: Griss ist die letz­te ernst­haf­te Über­le­bens­chan­ce der Ne­os.

In ei­nem Drei­kampf zwi­schen Chris­ti­an Kern, Se­bas­ti­an Kurz und Heinz-Chris­ti­an Stra­che dro­hen die Ne­os un­ter­zu­ge­hen. Kern spricht die start-up-be­geis­ter­ten In­nen­städ­ter an, die ei­ne FPÖ-ge­führ­te Re­gie­rung fürch­ten. Kurz holt sich je­ne Neo­sWäh­ler zu­rück, die aus Nost­al­gie und al­ter Lie­be zur Per­len­ket­te die ÖVP noch nicht zu 100 Pro­zent auf­ge­ge­ben ha­ben.

Den Ne­os fehlt das zen­tra­le The­ma. Was un­ge­stüm und ro­man­tisch mit The­men wie Bil­dung und dem Wil­len zur Ve­rän­de­rung be­gon­nen hat, ist auf dem Weg zur Re­gie­rungs­par­tei ste­cken ge­blie­ben. Griss kennt ih­ren Markt­wert – 18,9 Pro­zent im April – ge­nau. Da­her wird für die Ne­os rei­chen, ihr ei­nen zwei­ten Lis­ten­platz oder ein wol­ki­ges Ver­spre­chen für ein Re­gie­rungs­amt an­zu­bie­ten. Mat­thi­as Strolz wird ihr den Spit­zen­platz über­las­sen müs­sen, und das wä­re gut so.

Aber selbst, wenn Strolz plötz­lich von je­ner Selbst­lo­sig­keit (oder Ver­nunft) über­mannt wird: In­halt­lich wer­den sich die Ne­os wie­der stär­ker auf den Li­be­ra­lis­mus als auf ha­b­i­tu­el­les Po­sie­ren be­sin­nen müs­sen. Sich ge­gen die FPÖ und für gleich­ge­schlecht­li­che Lie­be aus­zu­spre­chen mag am Nasch­markt für Ap­plaus sor­gen, ist aber dünn bis we­nig. Wie ernst ist es den Ne­os mit nö­ti­gen, aber schmerz­haf­ten Re­for­men?

Die zar­te An­nä­he­rung von Se­bas­ti­an Kurz wur­de nicht nur zu­rück­ge­wie­sen, weil Ne­os-On­kel Hans-Pe­ter Ha­sel­stei­ner die ÖVP fürch­tet und ver­ach­tet wie der Teu­fel das Weih­was­ser, son­dern, weil wei­te Tei­le der Ne­os-Po­li­ti­ker vor al­lem ei­nes ka­te­go­risch aus­schlie­ßen: jed­we­de Ko­ali­ti­on mit der FPÖ. Griss sieht das üb­ri­gens an­ders. Man darf ge­spannt sein, ob sie auf die Neo­sLi­nie Ein­fluss neh­men kann und wird.

Denn rein wahl­arith­me­tisch sind die Chan­cen auf ei­ne Re­gie­rungs­be­tei­li­gung oh­ne FPÖ für die Ne­os über­schau­bar. Das PR-An­häng­sel bei Rot-Schwarz ist nicht wahr­schein­lich. Und die glü­hen­de Hoff­nung auf ei­ne Am­pel­ko­ali­ti­on, wie sie Ne­os-Par­tei­aka­de­mie-Chef Jo­sef Lentsch in der „Pres­se“mit dem Ver­weis auf das Vor­bild Deutsch­land un­ter Wil­ly Brandt for­mu­liert hat („so­zi­al­li­be­ral“), ist süß, aber na­iv.

2017 will man kei­ne Träu­mer in der Po­li­tik. Wirt­schafts­li­be­ra­le Rea­lis­ten wä­ren uns lie­ber. Wi­ens ewi­ge Ne­os-Hoff­nung Bea­te Meinl-Rei­sin­ger mut­maßt, dass es Kurz bei den An­nä­he­rungs­ver­su­chen nur um das Über­le­ben der ÖVP ge­he. Rich­tig. Es geht aber vor al­lem um das Über­le­ben der Ne­os.

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