Mit links und rechts ver­scherzt

Bis jetzt woll­te es Chris­ti­an Kern al­len recht ma­chen. In der heik­len Flücht­lings­fra­ge ge­lang ihm das bis­her so­gar. Die Ent­schei­dung zu Ce­ta bringt ihn nun aber erst­mals in Kon­flikt mit der ei­ge­nen Par­tei. Wer­ner Fay­mann lässt aus der Fer­ne grü­ßen.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON OLI­VER PINK

Am Frei­tag­nach­mit­tag spiel­te es sich ab, auf der Face­boo­kSei­te von Chris­ti­an Kern. „Ver­rä­ter! Ju­das!“stand da, „RIP SPÖ. Tschüss ba­ba“, „Al­le Hoff­nun­gen ent­täuscht“, „Wenn Sie das un­ter­schrei­ben, tre­te ich aus“, oder – als wohl ul­ti­ma­ti­ve Form der Be­lei­di­gung – „Lang­sam wünsch ich mir den Fay­mann wie­der zu­rück“.

Es war ein an­sehn­li­ches Pot­pour­ri des ös­ter­rei­chi­schen Link­s­po­pu­lis­mus – dar­un­ter vie­le Pos­ter mit Van-derBel­len-Sti­cker am Pro­fil­bild –, die da ih­rem Är­ger über die Ent­schei­dung der SPÖ zu Ce­ta auf der Kanz­ler-Sei­te Luft mach­ten. Zu­vor hat­te Chris­ti­an Kern mehr oder we­ni­ger im Al­lein­gang die Hal­tung zu Ce­ta be­stimmt: Die SPÖ wer­de zu­stim­men. Ei­ne Ab­stim­mung gab es nicht.

Der SPÖ-Vor­sit­zen­de hat als Kanz­ler ent­schie­den. Man kann das durch­aus mu­tig nen­nen. Denn Kern hat sich da­mit nun auch Geg­ner – je­den­falls in der Cau­sa Ce­ta – auf­ge­halst, die schon an­de­ren Par­tei­chefs wie Wer­ner Fay­mann oder Al­f­red Gu­sen­bau­er das Le­ben schwer ge­macht ha­ben: die Ge­werk­schaf­ter von der FSG, die Ju­sos von der So­zia­lis­ti­schen Ju­gend und den ro­ten Stu­den­ten­ver­tre­tern und nicht zu­letzt Tei­le der SPÖ-Ba­sis. Der Wi­der­stand ge­gen Ce­ta war ins­be­son­de­re von den SPÖ-Lan­des­grup­pen ge­tra­gen wor­den. Und es war ein SPÖBür­ger­meis­ter, Her­bert Thump­ser aus Trai­sen, der ein Volks­be­geh­ren ge­gen Frei­han­dels­ab­kom­men in­iti­ier­te, das im Jän­ner zur Un­ter­schrift auf­liegt.

Doch nicht nur von links ge­riet Chris­ti­an Kern un­ter Druck, auch von rechts zog in die­ser Wo­che Un­ge­mach her­auf. Der Wie­ner Stadt­rat Micha­el Lud­wig, An­füh­rer der Rea­lo-Frak­ti­on in der Wie­ner SPÖ, trat – für ihn eher un­ge­wöhn­lich – pol­ternd an die Öf­fent­lich­keit und be­klag­te, dass er als Mit­glied der Fin­dungs­kom­mis­si­on aus den Me­di­en er­fah­ren müs­se, wen der Kanz­ler zur neu­en Lei­te­rin des Kar­lRen­ner-In­sti­tuts, der Par­tei­aka­de­mie, zu ma­chen ge­den­ke. Auch das scheint Kern im Al­lein­gang ent­schie­den zu ha­ben. Ma­ria Malt­sch­nig wird die­sen Pos­ten be­kom­men, Kerns bis­he­ri­ge Ka­bi­netts­che­fin, die schon bei den ÖBB sei­ne Vor­stands­as­sis­ten­tin war. Für Lud­wig, so hieß es, sei Malt­sch­nig, de­ren Schwes­ter die kri­ti­sche Sek­ti­on 8 lei­tet, zu links. Und nicht nur für ihn. Öf­fent­li­che Un­ter­stüt­zung be­kam Lud­wig vom ehe­ma­li­gen Wie­ner SPÖ-Lan­des­par­tei­se­kre­tär Chris­ti­an Deutsch.

Lud­wig – wie auch die Ver­tre­ter der Flä­chen­be­zir­ke in der Wie­ner Par­tei – eher der al­ten Fay­mann-Seil­schaft zu­zu­rech­nen, hät­te dem Ver­neh­men nach ei­nen an­de­ren für die Lei­tung des Ren­ner-In­sti­tuts im Au­ge ge­habt: Ger­hard Schmid, Bun­des­ge­schäfts­füh­rer der SPÖ un­ter Wer­ner Fay­mann. Ce­ta – auch Fay­manns Er­be. Wo­bei auch die Ce­ta-Sa­che ge­wis­ser­ma­ßen noch ein Er­be Wer­ner Fay­manns war: Die vor­he­ri­ge SPÖ-Füh­rung hat das The­ma Frei­han­del, das für zu­neh­men­den Un­mut an der Ba­sis sorg­te, lang lie­gen ge­las­sen, in der Hoff­nung, dass sich das Pro­blem von selbst lö­sen wer­de. Im Fal­le von TTIP war es dann auch so. Selbst die ÖVP denkt nicht mehr dar­an, das um­zu­set­zen.

Beim „sanf­te­ren“Frei­han­dels­ab­kom­men Ce­ta sah es aber an­ders aus. Und da der Be­schluss un­auf­halt­sam nä­her­rück­te, sah sich der neue Par­tei­chef Kern letzt­lich zum Han­deln ge­zwun­gen. Und ver­fiel auf die – nicht ge­ra­de glück­li­che – Idee ei­ner Mit­glie­der­be­fra­gung (in­klu­si­ve Sug­ges­tiv­fra­gen), um so den Wind aus den Se­geln zu be­kom­men.

88 Pro­zent stimm­ten ge­gen Ce­ta. Die­se wur­den dann am Frei­tag von Kern mit der Au­to­ri­tät des Kanz­lers over­ru­led. Wie­wohl er den Ge­sin­nungs­wan­del durch­aus ar­gu­men­ta­tiv un­ter­füt­ter­te: Dem Ver­hand­lungs­text sei ein „Bei­pack­zet­tel“hin­zu­ge­fügt wor­den, noch da­zu ein rechts­ver­bind­li­cher, mit dem die Be­den­ken der Kri­ti­ker noch ein­mal zer­streut wer­den. Auch die um­strit­te­nen Schieds­ge­rich­te müss­ten nun noch ei­ne Run­de durch die na­tio­na­len Par­la­men­te dre­hen.

Letzt­lich blieb je­doch der Ein­druck hän­gen, dass Kern hier die Ce­ta-Geg­ner ein­fach über­fah­ren hat. SJ-Che­fin Ju­lia Herr be­klag­te sich, dass kei­ne Ab­stim­mung im Prä­si­di­um statt­ge­fun­den ha­be. Al­ler­dings: Da­für hät­te der Par­tei­vor­stand ein­be­ru­fen wer­den müs­sen. Und der Un­mut hielt auch ges­tern an: Von der „ent­täusch­ten“FSG Salz­burg bis zu Bur­gen­lands Lan­des­haupt­mann Hans Niessl, der sich „wei­ter skep­tisch“zeig­te.

In­ner­halb ei­ner Wo­che hat es sich Chris­ti­an Kern al­so mit links und rechts in sei­ner Par­tei ver­scherzt. Da­bei war er bis­her so dar­auf be­dacht ge­we­sen, es al­len recht zu ma­chen. Und dies ge­lang ihm auch: In der heik­len Flücht­lings­fra­ge eck­te er in der Par­tei kaum an, ob­wohl er den glei­chen Kurs wie Fay­mann ver­folg­te, der nicht zu­letzt des­we­gen sei­nen Pos­ten ver­lor.

Kerns Tak­tik war bis­lang auf­ge­gan­gen: Ein biss­chen rechts blin­ken – Ja zu Ober­gren­ze und Not­ver­ord­nung, Mer­kels „Wir schaf­fen das“sei über­holt. Und ein biss­chen links blin­ken – Ma­schi­nen­steu­er, Kri­tik an Kon­zer­nen, die kei­ne Steu­ern zah­len, die For­de­rung nach ei­ner Ab­kehr vom Spar­kurs in der Eu­ro­päi­schen Uni­on.

We­gen Ce­ta ist der Ho­ney­moon zwi­schen Chris­ti­an Kern und sei­ner Par­tei nun vor­erst vor­bei.

Der SPÖ-Chef hat als Kanz­ler ent­schie­den. Man kann das durch­aus mu­tig nen­nen. »Ver­rä­ter! Ju­das!« Es spiel­te sich ab auf Chris­ti­an Kerns Face­book-Sei­te.

Reu­ters

Chris­ti­an Kern, wie er am Frei­tag­nach­mit­tag sei­ne Ent­schei­dung zu Ce­ta ver­kün­det – die da­mit auch je­ne sei­ner Par­tei wur­de.

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