Das lan­ge War­ten auf die St­un­de null

Im Irak sind die Vor­be­rei­tun­gen für die Be­frei­ung der Stadt Mos­sul vom IS ab­ge­schlos­sen. Die Her­aus­for­de­rung ist kei­ne mi­li­tä­ri­sche al­lein, es muss auf zahl­rei­che eth­ni­sche In­ter­es­sen und Ängs­te der Be­völ­ke­rung Rück­sicht ge­nom­men wer­den.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON AL­F­RED HACKENSBERGER

Sie sind schon seit fünf Uhr mor­gens un­ter­wegs. Ih­re Haa­re sind zer­zaust und ver­staubt. Die Au­gen wir­ken mü­de. „Nein, nein, wir sind top­fit“, wie­gelt ein Sol­dat in schwar­zer Uni­form ab. „Wir sind aus Stahl“, be­haup­tet er und zeigt stolz auf das ro­te Wap­pen mit dem gel­ben Ad­ler­kopf, das er am rech­ten Ober­arm trägt. Es ist das Zei­chen der Gol­de­nen Di­vi­si­on, der be­rühmt-be­rüch­tig­ten Eli­te­trup­pe der ira­ki­schen Ar­mee. Sie kommt nur zum Ein­satz, wenn ei­ne Schlacht be­son­ders schwie­rig und wich­tig ist. „Wir wer­den Mos­sul be­frei­en und so vie­le IS-Ter­ro­ris­ten wie mög­lich tö­ten!“, ruft der Eli­te­kämp­fer sie­ges­si­cher. Der 24-Jäh­ri­ge, der aus Bag­dad stammt, ist ei­ner von 1500 Mann der Spe­zi­al­ein­heit, die ge­ra­de an der Mi­li­tär­ba­sis von Mach­mur in der au­to­no­men Kur­den­re­gi­on (KRG) an­ge­kom­men sind. Ent­lang der Stra­ße ste­hen weit über Hun­dert ih­rer schwe­ren Last­wa­gen mit ge­pan­zer­ten Fahr­zeu­gen und Ar­til­le­rie auf den La­de­flä­chen. Der Kon­voi war­tet auf die Wei­ter­fahrt an die Front.

Seit Mo­na­ten ist der An­griff auf die letz­te Hoch­burg der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) im Irak an­ge­kün­digt. Nun soll es end­lich so weit sein. „Al­le Vor­be­rei­tun­gen für die Of­fen­si­ve auf Mos­sul sind ab­ge­schlos­sen“, ver­si­chert Oberst Fa­ras Sa­b­ri in sei­nem Bü­ro­con­tai­ner im Haupt­quar­tier von Mach­mur. Er ist der of­fi­zi­el­le Spre­cher der Mos­su­lOpe­ra­ti­on. „Al­le Trup­pen ste­hen be­reit und war­ten nur auf die St­un­de null, die von Pre­mier­mi­nis­ter Hai­dar al-Aba­di in Bag­dad be­stimmt wird.“Das kön­ne schon mor­gen, aber auch erst in ei­ner oder zwei Wo­chen sein, meint der Oberst und lä­chelt ge­heim­nis­voll.

Für die ira­ki­sche Ar­mee wird es die bis­her größ­te und kom­pli­zier­tes­te Schlacht ge­gen den IS. Denn Mos­sul ist nicht nur als zweit­größ­te Stadt des Irak ei­ne stra­te­gisch und lo­gis­ti­sche Her­aus­for­de­rung. Das wohl größ­te Pro­blem ist der bunt zu­sam­men­ge­misch­te Hau­fen von Ar­me­en und Mi­li­zen, die an der Of­fen­si­ve teil­neh­men. Sie ha­ben meist völ­lig di­ver­gie­ren­de In­ter­es­sen, und es kann sehr leicht zu be­waff­ne­ten Kon­flik­ten zwi­schen ih­nen kom­men. Der An­griff auf Mos­sul soll ei­gent­lich die Ver­nich­tung des IS im Irak be­sie­geln. Aber die Of­fen­si­ve könn­te auch in ei­nem De­sas­ter en­den. Be­son­ders be­droht sind da­bei die rund 1,5 Mil­lio­nen Be­woh­ner von Mos­sul. Sie kön­nen zwi­schen die Fron­ten ge­ra­ten und vom IS als mensch­li­che Schutz­schil­de ein­ge­setzt wer­den. Aber selbst wenn sie recht­zei­tig flie­hen soll­ten, kei­ne der Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ist auf ei­ne so gro­ße Zahl vor­be­rei­tet. Da­mit droht ei­ne hu­ma­ni­tä­re Flücht­lings­ka­ta­stro­phe, wie es sie seit dem Ge­no­zid in Ruan­da 1994 nicht mehr ge­ge­ben hat.

„Seit Wo­chen ste­hen der Plan und die Ein­hei­ten, die dar­an teil­neh­men, fest“, er­klärt Oberst Sa­b­ri. „Und dar­an wird sich kaum noch et­was än­dern“, hält der Ar­mee­spre­cher fest, der hin­ter sich an die Me­tall­wand ei­ni­ge sei­ner mi­li­tä­ri­schen Di­plo­me auf­ge­hängt hat. Die An­griff­s­trup­pe set­ze sich aus der ira­ki­schen Ar­mee, Po­li­zei­ein­hei­ten, An­ti­ter­ror­kräf­ten so­wie den kur­di­schen Pe­schmer­ga­trup­pen und Mi­li­zen sun­ni­ti­scher Stäm­me zu­sam­men. Sie wür­den Mos­sul von vier oder fünf Sei­ten gleich­zei­tig an­grei­fen. Al­le ent­schei­den­den Punk­te der Of­fen­si­ve sei­en längst ge­klärt, be­tont der Oberst wei­ter und schlägt da­bei mit der Hand auf den Tisch. „Die Pe­schmer­ga kämp­fen nur au­ßer­halb der Stadt, eben­so wie die schii­ti­schen Mi­li­zen, falls sie tat­säch­lich noch da­zu­sto­ßen soll­ten.“In Mos­sul selbst wür­den nur die ira­ki­sche Ar­mee und sun­ni­ti­sche Stäm­me vor­drin­gen.

Mit die­ser Rol­len­ver­tei­lung will man eth­ni­sche Kon­flik­te ver­hin­dern. Mo­na­te­lang hat die ira­ki­sche Re­gie­rung den Plan mit al­len Ak­teu­ren aus­ge­han­delt, um das Ri­si­ko ei­nes Blut­bads zu mi­ni­mie­ren. Denn die in Mo­sul ver­blie­be­ne sun­ni­ti­sche Be­völ­ke­rung könn­te sich ge­gen ih­re Be­frei­er rich­ten, soll­ten sie Schii­ten oder Kur­den sein. Seit dem Fall von Dik­ta­tor Sad­dam Hus­sein 2003 füh­len sich Sun­ni­ten von den schii­ti­schen Re­gie­run­gen in Bag­dad un­ter­drückt und mar­gi­na­li­siert. Die In­va­si­on der IS-Ter­ror­mi­liz war nur durch die Un­ter­stüt­zung der sun­ni­ti­schen Min­der­heit mög­lich, die sich bei Bag­dad für er­lit­te­nes Un­recht re­van­chie­ren woll­te. Al­lein die Prä­senz von schii­ti­schen Mi­li­zen dürf­te in Mos­sul Pa­nik aus­lö­sen, da sie für Fol­ter und Mord an Sun­ni­ten be­kannt sind. Zu­letzt ha­ben die­se Mi­li­zen bei der Be­frei­ung der Städ­te Ra­ma­di und Fal­lud­scha schreck­li­che Men­schen­rechts­ver­stö­ße be­gan­gen. „Ob sie teil­neh­men oder nicht, ist noch of­fen und wird in Bag­dad ent­schie­den,“sagt Sa­b­ri, der Ar­mee­spre­cher. Die kur­di­schen Pe­schmer­ga sind in Mos­sul ge­nau­so we­nig will­kom­men. Sie wer­den dort als Usur­pa­to­ren be­trach­tet, die sich nur mehr Land an­eig­nen wol­len und da­für die ara­bi­sche Be­völ­ke­rung ver­trei­ben.

Aber das sind nicht die ein­zi­gen Pro­ble­me: Die sun­ni­ti­schen Stäm­me, die ih­re Stadt er­obern wol­len, sind un­ter­ein­an­der zer­strit­ten. Ein Teil steht un­ter der Kon­trol­le von Bag­dad, ein an­de­rer hält es mit der Tür­kei. Erst in der ver­gan­ge­nen Wo­che hat­te der tür­ki­sche Prä­si­dent, Re­cep Tay­yip Er­do­gan,˘ den An­spruch er­ho­ben, sein Land müs­se in Mos­sul mit von der Par­tie sein. Er­do­gan˘ hat­te da­bei den ira­ki­schen Pre­mier­mi­nis­ter, Hai­der al-Aba­di, hef­tig be­lei­digt. „Sie sind nicht auf mei­nem Ni­veau“und „Sie soll­ten Ih­ren Platz bes­ser ken­nen“, sag­te Er­do­gan˘ öf­fent­lich über alAba­di, nach­dem die­ser den Ein­satz tür­ki­scher Trup­pen ab­ge­lehnt hat­te. Ein­fluss der Tür­kei. „Für die Tür­kei geht es bei Mo­sul um na­tio­na­le In­ter­es­sen“, sagt Azil al-Nud­sch­ei­fi, der vor­ma­li­ge Gou­ver­neur der Stadt. Sei­ne 4500 Mann star­ke Sun­ni­ten­mi­liz wird von der Tür­kei trai­niert und fi­nan­ziert. „An­ka­ra hat­te vor dem IS in Mo­sul sehr viel Ein­fluss“, er­läu­tert al-Nud­sch­ei­fi. „Dort le­ben vie­le Turk­me­nen, und es gab auch ein gro­ßes tür­ki­sches Kon­su­lat. Die Tür­kei möch­te das al­les nicht ver­lo­ren wis­sen.“Hin­zu kä­me, dass auch die PKK an der Of­fen­si­ve teil­näh­me. Die Be­tei­li­gung der Mi­liz der kur­di­schen Ar­bei­ter­par­tei wer­de in An­ka­ra als Be­dro­hung der na­tio­na­len Si­cher­heit ge­wer­tet, so al-Nud­sch­ei­fi. Tat­säch­lich nimmt die je­si­di­sche YBS-Mi­liz am An­griff teil und ist der PKK an­ge­schlos­sen. Ne­ben den Je­si­den als re­li­giö­ser Min­der­heit ge­hö­ren auch noch die Chris­ten zum mul­ti­kul­tu­rel­len Rei­gen der Mos­sul-Ope­ra­ti­on. Sie stel­len zwei Mi­li­zen, die sich un­ter­ein­an­der ideo­lo­gisch eben­falls nicht ganz ko­scher sind.

Für den Ex-Gou­ver­neur Mos­suls ent­schei­det sich bei der be­vor­ste­hen­den Schlacht nicht nur das Schick­sal sei­ner Stadt. „Es geht um die Zu­kunft

Es droht ei­ne Flucht­wel­le, wie es sie seit dem Ge­no­zid in Ruan­da 1994 nicht mehr gab. Ein mi­li­tä­ri­sches De­sas­ter wä­re die Ge­burts­stun­de für ei­nen neu­en, er­stark­ten IS.

des ge­sam­ten Iraks“, glaubt al-Nud­sch­ei­fi. Soll­te die Of­fen­si­ve schief­ge­hen und Mos­sul zer­stört wer­den, hät­ten sun­ni­ti­sche Ara­ber ih­re letz­te Heim­stät­te ver­lo­ren. Von ei­nem Blut­bad, das die Be­frei­er un­ter der Be­völ­ke­rung an­rich­ten könn­ten, will der Po­li­ti­ker gar nicht spre­chen. „Soll­ten wir un­se­re Uni­ver­si­tä­ten, Märk­te und Wohn­häu­ser, al­so un­se­re ge­sam­te Kul­tur dort ver­lie­ren und zu Flücht­lin­gen wer­den, ist nie­mand mehr im Irak si­cher.“Sei­ner Mei­nung nach wä­re ein sol­ches De­sas­ter gleich­be­deu­tend mit der Neu­ge­burt des IS oder ei­ner an­de­ren, nicht min­der ra­di­ka­len is­la­mis­ti­schen Grup­pe.

Reu­ters

In die Mil­lio­nen­stadt Mos­sul selbst sol­len nur die ira­ki­sche Ar­mee und sun­ni­ti­sche Kämp­fer (Bild) vor­drin­gen.

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