Wei­ßes Haus in Frau­en­hand

Do­nald Trump könn­te mit sei­nem vul­gä­ren Sex­tratsch vier Wo­chen vor der US-Wahl 2016 sei­ner Geg­ne­rin Hil­la­ry Cl­in­ton den Sieg ge­schenkt ha­ben. Denn sein oh­ne­hin schwa­cher Rück­halt bei Frau­en bricht auf ei­nen Re­kord­tiefst­stand ein.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON OLI­VER GRIMM

Alei­dra Al­len ist ei­ne je­ner jun­gen Frau­en aus der Ge­ne­ra­ti­on Y, von de­nen es gut ein Jahr lang hieß, dass Hil­la­ry Cl­in­ton bei ih­nen kei­ne Chan­ce ha­be. Die 27-jäh­ri­ge Afro­ame­ri­ka­ne­rin lei­tet das Pro­gramm für mul­ti­kul­tu­rel­le Bil­dung an der Saint Lou­is Uni­ver­si­ty, und sie nimmt es der frü­he­ren First La­dy, Se­na­to­rin und Au­ßen­mi­nis­te­rin noch im­mer übel, in den 1990er-Jah­ren die har­te Jus­tiz­po­li­tik ih­res Gat­ten Bill Cl­in­ton un­ter­stützt zu ha­ben. Da­mit hät­ten die Cl­in­tons zur un­ge­recht­fer­tig­ten mas­sen­haf­ten Kri­mi­na­li­sie­rung jun­ger Schwar­zer bei­ge­tra­gen, sagt Al­len im Ge­spräch mit der „Pres­se am Sonn­tag“. Doch dann wischt Al­len die grund­le­gen­den Be­den­ken ge­gen die Kan­di­da­tin Cl­in­ton mit ei­nem Ver­weis auf de­ren Kon­kur­ren­ten bei­sei­te: „Was soll’s, das war 1996. Men­schen wach­sen und ler­nen. Ich wer­de für sie stim­men, denn ich könn­te nie­mals recht­fer­ti­gen, Do­nald Trump mei­ne Stim­me zu ge­ben. Sei­ne Kom­men­ta­re wer­den im­mer schlim­mer, er hört nicht auf, al­ler­lei Grup­pen zu be­lei­di­gen und aus­zu­gren­zen.“

Cl­in­ton ge­gen Trump, das ist die Wahl zwi­schen den bei­den un­be­lieb­tes­ten Kan­di­da­ten um die ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent­schaft seit lan­ger Zeit. Doch der Um­stand, dass bei Mei­nungs­um­fra­gen je­weils rund zwei Drit­tel der Teil­neh­mer er­klä­ren, kei­nen der bei­den ver­trau­ens­wür­dig zu fin­den, tritt mit dem Nä­her­rü­cken des Wahl­ta­ges zü­gig in den Hin­ter­grund. Denn mit je­dem Tag tre­ten die cha­rak­ter­li­chen Pro­fi­le der bei­den An­wär­ter auf das Wei­ße Haus deut­li­cher zu Ta­ge. Cl­in­ton wird zwar täg­lich mit neu­en, bis­wei­len recht pein­li­chen Ein­bli­cken in das Ge­trie­be ih­rer Wahl­kam­pa­gne kon­fron­tiert, in­dem die Ent­hül­lungs­platt­form Wi­kiLeaks von rus­si­schen Ha­ckern gestoh­le­ne E-Mails ih­res Wahl­kampf­lei­ters John Po­des­ta ver­öf­fent­licht. Cl­in­ton mei­len­weit vor Oba­ma. Doch die „Po­des­ta Mails“ver­blas­sen in ih­rer Skan­dal­träch­tig­keit an­ge­sichts der sich täg­lich meh­ren­den Zahl von Frau­en, die Trump se­xu­el­ler Nö­ti­gun­gen bis zu­rück in die spä­ten 1970er-Jah­re be­schul­di­gen, und an­ge­sichts der zu­se­hends ent­hemm­ten Wu­t­aus­brü­che Trumps. Die­se fan­den am Frei­tag ih­ren bis­he­ri­gen Tief­punkt dar­in, dass der Re­pu­bli­ka­ner bei ei­ner Kund­ge­bung in North Ca­ro­li­na er­klär­te, die­se Frau­en wür­den sich da­mit, dass sie sich als an­geb­li­che Op­fer sei­ner se­xu­el­len Be­läs­ti­gun­gen prä­sen­tier­ten, bloß kurz­fris­ti­ge Me­di­en­auf­merk­sam­keit si­chern.

Mit sol­chen Meldungen ver­brennt Trump sei­ne Chan­cen bei der wich­tigs­ten Wäh­ler­grup­pe, die er ei­gent­lich für sich ge­win­nen müss­te, um Cl­in­ton zu schla­gen: wei­ße Frau­en mit Hoch­schul­ab­schluss.

Bei­spiel Penn­syl­va­nia: In den vier Wahl­be­zir­ken rund um Phil­adel­phia, in de­nen 22 Pro­zent al­ler Wäh­ler (und vie­le ge­bil­de­te Frau­en) die­ses Schlüs­sel­staa­tes le­ben, schlägt Cl­in­ton Trump bei al­len Frau­en laut neu­er Um­fra­ge von Bloom­berg News mit 67 zu 24 Pro­zent. Die­ses re­kord­ver­däch­ti­ge Ab­schnei­den Cl­in­tons bei ih­ren Ge­schlechts­ge­nos­sin­nen er­klärt, wie­so sie in die­sen wich­ti­gen vor­städ­ti­schen Be­zir­ken in Sum­me 28 Pro­zent­punk­te vor Trump liegt – ein Vor­sprung, der der­zeit um 18 Punk­te grö­ßer ist als das dor­ti­ge Er­geb­nis von Prä­si­dent Oba­ma bei sei­nem Wahl­sieg in Penn­syl­va­nia vor vier Jah­ren.

Nächs­tes Bei­spiel: Mi­chi­gan. In die­sem von der Ab­wan­de­rung in­dus­tri­el­ler Un­ter­neh­men ge­plag­ten Staat hoff­te Trump, mit sei­ner Bot­schaft ei­nes pro­tek­tio­nis­ti­schen „Ame­ri­ka zu­erst“-Na­tio­na­lis­mus punk­ten zu kön­nen. Doch Cl­in­ton liegt im Durch­schnitt der jüngs­ten Um­fra­gen 10,7 Punk­te vor ihm, und an­hand ei­ner die­ser Er­he­bun­gen, je­ner im Auf­trag der „De­troit News“, lässt sich sein Pro­blem ver­an­schau­li­chen. Hier liegt Trump in Sum­me mit elf, bei Frau­en je­doch mit 23,4 Pro­zent­punk­ten hin­ter Cl­in­ton. Ein Ne­ga­tiv­re­kord, der auch re­pu­bli­ka­ni­sche Kan­di­da­ten für den Kon­gress nach un­ten zie­hen könn­te, sagt Richard Czu­ba von der Glen­ga­riff Group, dem für die­se Er­he­bung zu­stän­di­gen Um­fra­ge­insti­tut. „Do­nald Trump macht es für Frau­en zu­se­hends schwer, sich als Re­pu­bli­ka­ne­rin­nen zu se­hen.“

Drit­tes Bei­spiel für den enor­men Rück­stand Trumps bei Ame­ri­kas Frau­en: Flo­ri­da, der ver­mut­lich wich­tigs­te Staat bei die­ser Wahl. Ver­liert Trump hier, ist ihm der Weg ins Wei­ße Haus prak­tisch ver­wehrt. An­fang Sep­tem­ber, al­so vor der Ver­öf­fent­li­chung der Auf­nah­men von Trumps der­bem Prah­len über sei­ne ge­schlecht­li­chen Über­grif­fe auf ver­hei­ra­te­te Frau­en, lag Cl­in­ton laut Um­fra­ge der Quin­ni­piac Uni­ver­si­ty bei ih­ren Ge­schlechts­ge­nos­sin­nen mit 56 zu 36 Pro­zent vor­an. Trumps Vor­sprung bei den Män­nern be­trug ähn­lich ho­he 58 zu 36 Pro­zent. In Sum­me er­gab die­ses Stim­mungs­bild aus dem „Sunshi­ne Sta­te“ein Patt von 47 zu 47 Pro­zent. Wenn sich Trumps Sex­tratsch und die zahl­rei­chen Be­läs­ti­gungs­an­kla­gen ge­gen ihn ähn­lich stark aus­wir­ken wie in den an­de­ren Teil­staa­ten, dann ist nicht mehr vor­stell­bar, wie er Flo­ri­da und sei­ne 26 Wahl­stim­men ge­win­nen kann. Wei­ße Ar­bei­te­rin­nen. Doch Trump fällt nicht nur bei aka­de­misch qua­li­fi­zier­ten Frau­en weit zu­rück. Auch in sei­ner Kern­grup­pe, der wei­ßen Ar­bei­ter­klas­se, ver­liert er bei den Frau­en über­ra­schend viel Rück­halt. Im Au­gust lag Trump in ei­ner Um­fra­ge von „Washington Post“und ABC News bei wei­ßen Ar­bei­te­rin­nen um zwölf Punk­te vor Cl­in­ton. Wei­ße Män­ner mit bes­ten­falls ei­nem Pflicht­schul­ab­schluss wa­ren klar in Trumps La­ger, sein Vor­sprung be­trug bei ih­nen 40 Pro­zent. Doch nach Be­kannt­wer­den von Trumps vul­gä­rem Sex­tratsch be­gann die Ein­stel­lung der wei­ßen Ar­bei­ter­schicht Ame­ri­kas ra­sant aus­ein­an­der­zu­klaf­fen. In der ers­ten Er­he­bung seit­her, durch­ge­führt vom Pu­b­lic Re­li­gi­on Re­se­arch In­sti­tu­te (PRRI) in Washington, lag Trump bei den männ­li­chen Ar­bei­tern mit 43 Pro­zent wei­ter­hin klar vor­an. Doch bei den Ar­bei­te­rin­nen hat­te Cl­in­ton mit ihm gleich­ge­zo­gen.

Die Ab­wan­de­rung der wei­ßen Ar­bei­ter­klas­se von den De­mo­kra­ten zu den Re­pu­bli­ka­nern ist in ers­ter Li­nie kul­tu­rell und ge­sell­schafts­po­li­tisch be­dingt. Ge­wiss: Die de­mo­kra­ti­schen Prä­si­den­ten Fran­klin D. Roo­se­velt und Lyn­don B. John­son hat­ten in den 1930er- und 1960er-Jah­ren enor­me so­zi­al­po­li­ti­sche Re­for­men zu ih­ren Guns­ten ein­ge­führt, von der Ein­füh­rung ei­ner staat­li­chen Grund­pen­si­on (So­ci­al Se­cu­ri­ty) bis zur Si­che­rung ei­ner Ba­sis­ge­sund­heits­ver­sor­gung (Me­di­ca­re, Me­di­caid). Doch John­sons Ein­satz für die Gleich­be­rech­ti­gung der Schwar­zen und die Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung der 1960er-Jah­re stieß vie­len tra­di­tio­nel­len wei­ßen Män­nern übel auf. John F. Ken­ne­dy im Jahr 1960 und John­son vier Jah­re spä­ter er­hiel­ten noch je­weils rund 55 Pro­zent der Stim­men wei­ßer Ar­bei­ter. In den zwei Wah­len da­nach, die Richard Ni­xon ins Wei­ße Haus brach­ten, wa­ren es nur mehr 35 Pro­zent. Ro­nald Rea­gan voll­ende­te den An­hän­g­er­wan­del: Rund 61 Pro­zent der Wei­ßen oh­ne Col­le­ge­ab­schluss stimm­ten bei den Wah­len der Jah­re 1980 und 1984 für ihn.

Dar­an hat sich seit­her ei­ni­ges ge­än­dert. Der Vor­sprung re­pu­bli­ka­ni­scher Kan­di­da­ten bei wei­ßen Ar­bei­te­rin­nen schrumpft. Mitt Rom­ney lag vor vier Jah­ren bei ih­nen noch mit 20 Pro­zent­punk­ten vor Prä­si­dent Oba­ma. Die­ser Vor­sprung war, wie ge­schil­dert, schon vor den Ent­hül­lun­gen von Trumps Um­gang mit Frau­en nur mehr halb so groß. Und soll­te sich der zi­tier­te Be­fund des PRRI am Wahl­tag be­stä­ti­gen, lä­gen Trump und Cl­in­ton bei den wei­ßen Ar­bei­te­rin­nen Kopf an Kopf.

Cl­in­tons wach­sen­der Vor­sprung bei den Frau­en ist um­so be­deut­sa­mer, als die Ame­ri­ka­ne­rin­nen si­gni­fi­kant ver­läss­li­cher zu den Ur­nen schrei­ten als ih­re männ­li­chen Lands­leu­te. Ei­ne Stu­die des Cen­ter for Ame­ri­can Wo­men and Po­li­tics an der Rut­gers Uni­ver­si­ty in New Jer­sey zeigt, wie sich die­ser Spalt seit ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert im­mer wei­ter öff­net. 1964 gin­gen 39,2 Mil­lio­nen Frau­en und 37,5 Mil­lio­nen Män­ner zur Wahl. 2012 wa­ren es 71,4 Mil­lio­nen Frau­en und 61,6 Mil­lio­nen Män­ner. Mehr Frau­en, die wäh­len, und un­ter ih­nen ei­ne wach­sen­de Mehr­heit für Cl­in­ton: Wie Trump die­se arith­me­ti­schen Tat­sa­chen über­win­den will, ist un­klar. Auch Jun­ge stüt­zen Cl­in­ton. Denn so oft er auch je­ne an­geb­li­che „schwei­gen­de Mehr­heit“be­schwört, die in sei­nem La­ger steht, gibt es nicht ge­nug zor­ni­ge wei­ße Män­ner oh­ne hö­he­re Aus­bil­dung in den USA, um ihm die Schlüs­sel für das Wei­ße Haus zu rei­chen. Statt­des­sen hat Trump es sich auch mit ei­ner kla­ren Mehr­heit der jun­gen Ame­ri­ka­ner ver­scherzt – je­ner Ge­ne­ra­ti­on Y, die heu­er die Ba­by­boo­mer über­holt hat und erst­mals die größ­te Al­ters­grup­pe un­ter al­len Wahl­be­rech­tig­ten stellt.

Laut Um­fra­ge von Ip­sos Pu­b­lic Af­fairs im Auf­trag der Zei­tung „USA To­day“liegt Cl­in­ton bei den 18- bis 34-Jäh­ri­gen mit 56 zu 20 Pro­zent vor Trump. Auch 72 Pro­zent der An­hän­ger des so­zia­lis­ti­schen Se­na­tors Ber­nie San­ders, der Cl­in­ton in den Vor­wah­len ge­hö­rig ein­ge­heizt hat­te, er­klä­ren nun, Cl­in­ton un­ter­stüt­zen zu wol­len. Das klingt nicht viel, aber man muss be­den­ken, dass vie­le San­ders-Wäh­ler kei­ne De­mo­kra­ten wa­ren.

Trumps rü­de Atta­cken ge­gen Aus­län­der, Mos­lems und Frau­en trei­ben Ame­ri­kas Ju­gend ins La­ger von Cl­in­ton, selbst wenn sie nicht recht von ih­rer Auf­rich­tig­keit und Prin­zi­pi­en­treue über­zeugt sind. „Ich ma­che mir we­gen des fa­na­ti­schen Ele­ments in un­se­rem Land Sor­gen, und dar­über, dass die­se Leu­te wei­ter­hin für Trump sind, un­ge­ach­tet sei­ner Dumm­heit“, sag­te die 31-jäh­ri­ge New Yor­ke­rin Eliz­a­beth Krue­ger im Rah­men der Ip­sos-Er­he­bung. „Cl­in­ton wird kei­ne per­fek­te Prä­si­den­tin sein. Aber wer wä­re das schon?“

In Schlüs­sel­staa­ten wie Mi­chi­gan und Penn­syl­va­nia flie­hen die Frau­en vor Trump. Im Jahr 2012 gin­gen um zehn Mil­lio­nen mehr Frau­en als Män­ner zur Wahl.

Ja­son Sze­nes/pic­tu­re­desk.com

Hil­la­ry Cl­in­ton ver­gan­ge­nes Jahr beim Wo­men in the World Sum­mit in New York.

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