Hy­gie­ne als obers­tes Ge­bot

Die Presse am Sonntag - - Ausland -

Ein Kran­ken­haus ist im­mer ein Auf­fang­be­cken für be­son­ders vie­le Kei­me. Für Men­schen mit ei­nem ge­sun­den Im­mun­sys­tem be­steht da­durch grund­sätz­lich kei­ne Ge­fahr, aber ge­ra­de in Kran­ken­häu­sern be­fin­den sich na­tür­lich sehr vie­le Per­so­nen mit ge­schwäch­tem Im­mun­sys­tem, und für die­se Ziel­grup­pe ist ein er­höh­tes In­fek­ti­ons­ri­si­ko ge­ge­ben. „Zum Bei­spiel ist das Im­mun­sys­tem ei­nes Pa­ti­en­ten nach ei­ner Ope­ra­ti­on ge­schwächt und die Per­son we­sent­lich an­fäl­li­ger für Kei­me als ein ge­sun­der Mensch“, er­klärt Prim. As­soc. Prof. Dr. Chris­toph Aspöck, Lei­ter der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Hy­gie­ne und Mi­kro­bio­lo­gie in St. Pöl­ten. Er ach­tet mit sei­nem Team dar­auf, dass es kla­re und gut ver­ständ­li­che Hy­gie­ne­e­mp­feh­lun­gen im Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum St. Pöl­ten gibt und steht auch der „Ar­beits­grup­pe Kran­ken­haus­hy­gie­ne“der NÖ Kli­ni­ken vor.

Mul­ti­re­sis­ten­te Bak­te­ri­en

Mi­kro­or­ga­nis­men sind all­ge­gen­wär­tig, und das ist auch gut so. Zum Bei­spiel be­sie­deln un­zäh­li­ge Bak­te­ri­en die Darm­schleim­häu­te und sor­gen für die in­tak­te Ver­dau­ung. Die ei­ge­nen Bak­te­ri­en kön­nen aber auch zum Pro­blem wer­den. „Die meis­ten da­von sind per se nicht ge­fähr­lich“, sagt Aspöck. „Bak­te­ri­en wer­den ge­fähr­lich, wenn sie an ei­ne Stel­le im Kör­per ge­lan­gen, wo sie nicht hin­ge­hö­ren. So sind zum Bei­spiel Bak­te­ri­en der ei­ge­nen Darm­flo­ra fast im­mer die Ur­sa­che ei­nes Harn­weg­sin­fek­tes.“

Laut Schät­zun­gen kommt es in Ös­ter­reich pro Jahr un­ge­fähr zu 50.000 so­ge­nann­ten Kran­ken­haus­in­fek­tio­nen, vie­le da­von durch mul­ti­re­sis­ten­te Bak­te­ri­en. „Wir be­ob­ach­ten, dass die Zahl an mul­ti­re­sis­ten­ten Er­re­gern zu­nimmt“, sagt Aspöck. Man schätzt, dass es in Ös­ter­reich jähr­lich bis zu 5000 To­des­fäl­le durch Kran­ken­haus­in­fek­tio­nen gibt. Ein nicht un­er­heb­li­cher Teil wird von mul­ti­re­sis­ten­ten Kei­men ver­ur­sacht.

Re­sis­tent be­deu­tet, die Bak­te­ri­en spre­chen auf her­kömm­li­che An­ti­bio­ti­ka nicht mehr an. „Dass ein Bak­te­ri­um re­sis­tent ist, ist noch nicht das Pro­blem“, be­tont Aspöck. „Schwie­rig wird es erst, wenn Pa­ti­en­ten ei­ne In­fek­ti­on durch ein re­sis­ten­tes Bak­te­ri­um er­lei­den und man kaum The­ra­pie­mög­lich­kei­ten hat.“Dar­um sei es wich­tig, al­les dar­an­zu­set­zen, Re­sis­ten­zen in ih­rer Ent­wick­lung zu brem­sen und die Über­tra­gungs­ra­te der ge­fähr­li­chen Kei­me so ge­ring wie mög­lich zu hal­ten.

Spit­zen­me­di­zin ge­schul­det

No­so­ko­mia­le, al­so im Zu­sam­men­hang mit dem Kran­ken­haus­auf­ent­halt er­wor­be­ne In­fek­tio­nen, ge­hö­ren zu den be­deu­tends­ten Ri­si­ko­fak­to­ren der mo­der­nen Spit­zen­me­di­zin. Pri­mar Aspöck weist dar­auf hin: „Man darf kei­nes­falls ei­ne Kran­ken­haus­in­fek­ti­on grund­sätz­lich mit ei­nem Hy­gie­ne­feh­ler gleich­set­zen. Den grö­ße­ren Teil die­ser In­fek­tio­nen kön­nen wir nicht ver­hin­dern, sie sind die Kehr­sei­te der heu­ti­gen Spit­zen­me­di­zin.“Da­zu gilt es zu er­klä­ren: Un­se­re Le­bens­er­war­tung ist im letz­ten Jahr­hun­dert stark an­ge­stie­gen. Wir wer­den im­mer äl­ter. „In ers­ter Li­nie ver­dan­ken wir das der er­folg­rei­chen Be­kämp­fung von In­fek­tio­nen und der ste­ten Ver­bes­se­rung der Hy­gie­ne“, er­klärt der Me­di­zi­ner. „Gleich­zei­tig be­deu­tet die­ser An­stieg der Le­bens­er­war­tung aber auch, dass die Spi­tä­ler mit vie­len Schwer­kran­ken und auch sehr al­ten Pa­ti­en­ten be­legt sind, die vor die­ser Ent­wick­lung wahr­schein­lich frü­her ge­stor­ben wä­ren.“Die­se Men­schen sind na­tür­lich hoch­gra­dig ge­fähr­det, In­fek­tio­nen zu be­kom­men.

Die meis­ten Krank­heits­er­re­ger kön­nen mit mensch­li­chen Sin­nes­or­ga­nen nicht wahr­ge­nom­men wer­den. Sie ver­brei­ten sich auf un­ter­schied­li­che Wei­se, aber es gibt vor al­lem ei­ne „Haupt­stra­ße“, und das sind die Hän­de.

Über­tra­gung & Prä­ven­ti­on

„Ei­ner­seits wer­den in Kran­ken­häu­sern und im am­bu­lan­ten Be­reich Bak­te­ri­en und so­mit auch mul­ti­re­sis­ten­te Er­re­ger über die Hän­de des me­di­zi­ni­schen Per­so­nals über­tra­gen“, so Aspöck. „An­de­rer­seits kön­nen auch Kran­ken­haus­be­su­cher ei­ne Rol­le spie­len.“Da­her sind im Spi­tal an sehr vie­len Stel­len Spen­der für Hän­de­des­in­fek­ti­ons­mit­tel an­ge­bracht.

Ne­ben der Schu­lung des Kran­ken­haus­per­so­nals be­darf es auch ei­ner Sen­si­bi­li­sie­rung der Be­völ­ke­rung für das The­ma. Häu­fig ist es den Be­su­chern von Pa­ti­en­ten nicht be­wusst, dass sie mit ih­rem wert­vol­len Be­such im Kran­ken­haus zu po­ten­ti­el­len Keim­über­trä­gern wer­den kön­nen. Die NÖ Lan­des­kli­ni­ken­Hol­ding geht nun mit gu­tem Bei­spiel vor­an und macht mit der In­fo­kam­pa­gne „Nein zum Keim“dar­auf auf­merk­sam, wie wich­tig die rich­ti­ge Hän­de­hy­gie­ne ist. An al­len 27 Stand­or­ten in Nie­der­ös­ter­reich wer­den im Ein­gangs­be­reich Spen­der für Hän­de­des­in­fek­ti­ons­mit­tel auf­ge­stellt und Be­su­cher der Kli­ni­ken über die Not­wen­dig­keit der Hän­de­des­in­fek­ti­on in­for­miert. An den Spen­dern er­hält man ei­ne Bro­schü­re zu dem The­ma. Und in den Kli­nik­stand­or­ten gibt es auch das Kin­der­bil­der­buch „Leo und der Keim“, das schon die Kleins­ten an das The­ma her­an­führt.

Für die ge­sam­te Be­völ­ke­rung soll die Hän­de­des­in­fek­ti­on beim Be­tre­ten und Ver­las­sen ei­ner Ge­sund­heits­ein­rich­tung zur Selbst­ver­ständ­lich­keit wer­den, denn: Hän­de­des­in­fi­zie­ren kann Le­ben ret­ten.

FO­TOS: UNI­VER­SI­TÄTS­KLI­NI­KUM ST. PÖL­TEN

Das Hy­gie­ne­team am Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum St. Pöl­ten.

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