Auf Wie­der­se­hen, du al­te Stra­ßen­bahn

Mit dem Typ Fle­xi­ty star­tet 2018 ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on von Wi­ens Stra­ßen­bah­nen. Der Blick auf die Ge­schich­te frü­he­rer Mo­del­le ist nicht nur für Tech­ni­ker in­ter­es­sant – er of­fen­bart auch viel an Ge­schich­te und Iden­ti­tät der Stadt.

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON ERICH KOCINA

Die neue wird ei­ne Kli­ma­an­la­ge ha­ben, die ih­re Leis­tung an das Pas­sa­gier­auf­kom­men an­passt. Die neue Stra­ßen­bahn des Typs Fle­xi­ty näm­lich, die ab 2018 zum Wie­ner Stadt­bild ge­hö­ren soll. Und bald schon wird die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on wohl ganz selbst­ver­ständ­lich sein, wer­den die ULFStra­ßen­bah­nen den Ruf des al­ten Ei­sens ha­ben. Je­ne Zü­ge, die zu Be­ginn ih­res Ein­sat­zes im Li­ni­en­be­trieb 1998 noch als die gro­ße In­no­va­ti­on ge­fei­ert wur­den. So schnell kann es ge­hen.

Doch es ist mehr als nur Tech­nik, die sich än­dert. Ein Blick auf die Ge­schich­te der ein­zel­nen Mo­del­le er­zählt auch viel über die Men­schen, die mit ih­nen un­ter­wegs wa­ren. Und über die po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on in der da­ma­li­gen Zeit. Im Wie­ner Ver­kehrs­mu­se­um Re­mi­se in Erd­berg ste­hen vie­le von ih­nen. Die Ty­pe Z, zum Bei­spiel, Ame­ri­ka­ner ge­nannt. „Sie wa­ren sym­bo­lisch wich­tig“, sagt Jo­hann Hödl, Lei­ter der kauf­män­ni­schen Di­ens­te der Wie­ner Li­ni­en und Ex­per­te für Ver­kehrs­ge­schich­te. Sie steht näm­lich stell­ver­tre­tend für gleich zwei Phä­no­me­ne. Das ei­ne ist der Wan­del durch Mo­to­ri­sie­rung in den USA – das Au­to wur­de zu­neh­mend zum Sym­bol des mo­der­nen Ame­ri­ka. Das in den Vier­zi­ger­jah­ren noch gut aus­ge­bau­te Stra­ßen­bahn­netz in US-Städ­ten muss­te zu­guns­ten von Bus­sen wei­chen. Ge­brauch­te Zü­ge aus New York. Das zwei­te Phä­no­men ist der Mar­shall­plan, die ame­ri­ka­ni­sche Wie­der­auf­bau­hil­fe für das Nach­kriegs­eu­ro­pa. Mit Geld­mit­teln aus ge­nau die­sem Pro­gramm kauf­ten die Wie­ner Ver­kehrs­be­trie­be 45 Stück der vier­ach­si­gen Stra­ßen­bahn­groß­raum­trieb­wa­gen, die bis 1948 in New York un­ter­wegs ge­we­sen wa­ren. 10.000 Schil­ling kos­te­te ei­ne Gar­ni­tur da­mals. Sie wa­ren im Ver­gleich zum bis­he­ri­gen Fuhr­park mo­dern – un­ter an­de­rem ver­füg­ten sie über druck­luft­be­trie­be­ne Tü­ren und au­to­ma­tisch ein­klapp­ba­re Auf­stie­ge. Und die Sitz­leh­nen lie­ßen sich um­klap­pen, so­dass al­le sit­zen­den Fahr­gäs­te in Fahrt­rich­tung schau­en konn­ten. „Ein Ex­em­plar muss­te in Wi­en kom­plett zer­legt wer­den, da­mit man da­hin­ter­kam, wie die Tech­nik da­hin­ter aus­sieht“, er­zählt Hödl.

Es war ei­ne Zeit, in der Man­gel herrsch­te. Wi­en konn­te sich kei­ne neu­en Stra­ßen­bah­nen leis­ten, al­so setz­te man eben auf ge­brauch­te. Ein Sys­tem, das sich mitt­ler­wei­le um­ge­dreht hat. Wer et­wa heu­te in Krakau mit der Stra­ßen­bahn fährt, hat gu­te Chan­cen, in ei­ner al­ten Wie­ner Gar­ni­tur zu fah­ren. 2004 wur­den 76 Trieb­wa­gen der Ty­pe E1 an die pol­ni­sche Stadt ver­kauft, da­zu noch 66 Bei­wa­gen des Typs C3. Stra­ßen­bah­nen, die in Wi­en im Jahr 1967 in Be­trieb ge­nom­men wor­den sind – und von de­nen noch im­mer an die 80 Stück durch die Stadt fah­ren.

Den „Ame­ri­ka­ner“gibt es in frei­er Wild­bahn al­ler­dings nicht mehr zu se­hen. 1969 ver­kehr­te die letz­te Gar­ni­tur in Wi­en. Nur ein Ex­em­plar steht noch im Ver­kehrs­mu­se­um. „Die­ser Sitz­platz ist bei Be­darf Kriegs­be­schä­dig­ten oder Kör­per­be­hin­der­ten zu über­las­sen“ist auf ei­nem Schild im In­ne­ren zu le­sen. Ei­ne Bot­schaft, die heu­te be­fremd­lich an­mu­ten mag, die da­mals aber ei­nen rea­len Hin­ter­grund hat­te. So wie auch das Pla­kat ei­ner Bank, das über ei­nem Fens­ter hängt: 8,7 Pro­zent Zin­sen wer­den dort ver­spro­chen. Das muss tat­säch­lich schon ei­ni­ge Zeit her sein. Jün­ge­re wer­den auch mit man­chen Be­grif­fen nichts an­fan­gen kön­nen, die auf di­ver­sen Mo­del­len im Mu­se­um zu fin­den sind. „Schaff­ner­los“, zum Bei­spiel.

Man­che Zü­ge wa­ren einst mit je­weils vier Mit­ar­bei­tern un­ter­wegs: ei­nem Fah­rer und pro Wa­gen ei­nem Schaff­ner. Viel Per­so­nal, je­den­falls. Per­so­nal, das an an­de­rer Stel­le drin­gend be­nö­tigt wur­de. Denn in den 1960er-Jah­ren herrsch­te gro­ßer Man­gel an Ar­beits­kräf­ten – und so muss­te man eben mit we­ni­ger Schaff­nern aus­kom­men. Im­mer­hin, ganz ab­rupt ging die Um­stel­lung nicht. Vom ers­ten schaff­ner­lo­sen Bei­wa­gen, der am 1. De­zem­ber 1964 auf der Li­nie 43 fuhr, dau­er­te es 32 Jah­re, bis tat­säch­lich die Ära des Schaff­ners be­en­det war. Da moch­te Wolf­gang Am­bros 1978 schon mit dem Al­bum „Schaff­ner­los“das En­de ei­ner Ära her­bei­sin­gen, war es doch erst am 20. De­zem­ber 1996 so weit, als auf der Li­nie 46 tat­säch­lich die letz­te Stra­ßen­bahn mit Schaff­ner un­ter­wegs war. Tritt­brett­fah­rer. Mit den Schaff­nern ver­schwand auch ein Stück Au­to­ri­tät aus den Wag­gons. Je­mand, der nicht nur Fahr­schei­ne ver­kauf­te, son­dern auch dar­auf ach­te­te, dass Ru­he und Ord­nung herrsch­te. Wo­bei das selbst zu Zei­ten der Schaff­ner nicht im­mer ge­lang. Da gab es et­wa das Phä­no­men der Tritt­brett­fah­rer. „Vor al­lem nach Sport­ver­an­stal­tun­gen war es gän­gi­ge Pra­xis, dass man bei über­füll­ten Stra­ßen­bah­nen drau­ßen hän­gend mit­ge­fah­ren ist“, er­zählt Hödl. In Trau­ben hin­gen vor al­lem jun­ge Men­schen vor den Tü­ren. Es war ge­ra­de­zu ein Sport – und ei­ne Spar­maß­nah­me, denn der Schaff­ner muss­te erst ein­mal zu den Tritt­brett­fah­rern durch­kom­men.

Hier kommt wie­der ein Klas­si­ker im Fuhr­park der Wie­ner Li­ni­en ins Spiel. Die Ty­pe M, ei­ner der Mei­len­stei­ne in der Ge­schich­te der Wie­ner Stra­ßen­bahn. 1927 erst­mals in den Di­enst ge­stellt, präg­te der Holz­kas­ten-

We­gen des Man­gels an Ar­beits­kräf­ten muss­te man auf »Schaff­ner­los« um­stei­gen.

Cle­mens Fa­b­ry

Wie­ner-Li­ni­en-Ex­per­te Jo­hann Hödl und le­gen­dä­re Stra­ßen­bah­nen: links der Trieb­wa­gen Typ B, we­gen der pneu­ma­ti­schen Tü­ren Zi­scher ge­nannt.

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