Viel Lärm um nichts

Von Ce­ta-Kri­ti­kern wird das Frei­han­dels­ab­kom­men Nafta oft als Ne­ga­tiv­bei­spiel ge­nannt. Da­bei wur­den bei die­sem die eins­ti­gen Sor­gen kaum be­stä­tigt. Die Hoff­nun­gen aber auch nicht.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON JA­KOB ZIRM

Das Frei­han­dels­ab­kom­men Ce­ta zwi­schen der EU und Ka­na­da nahm am Frei­tag ei­ne wich­ti­ge Hür­de: In Bel­gi­en leg­te das wal­lo­ni­sche Re­gio­nal­par­la­ment zwar ein Ve­to ein. Doch in Ös­ter­reich ei­nig­te sich die SPÖ nach lan­gem Hin und Her auf ein „Ja“– nach­dem zu­vor von der EU in dem so­ge­nann­ten Bei­pack­zet­tel noch ein­mal klar­ge­stellt wor­den war, dass Ce­ta we­der ein Land da­zu ver­pflich­ten kann, sei­ne Was­ser­rech­te zu pri­va­ti­sie­ren, noch da­zu, Ar­beits- oder Um­welt­stan­dards zu ver­schlech­tern. Die be­son­ders hier­zu­lan­de zahl­reich ver­tre­te­nen Ce­ta-Kri­ti­ker wird das je­doch kaum be­sänf­ti­gen. Sie stüt­zen ih­re Ab­leh­nung ja eher auf Bauch­ge­füh­le denn auf har­te Fak­ten.

Da­her lohnt es sich, ei­nes der Ar­gu­men­te der Ce­ta-Kri­ti­ker nä­her an­zu­se­hen. Und zwar je­nes, dass ein Blick nach Nord­ame­ri­ka zei­ge, welch zer­stö­re­ri­sche Kraft Frei­han­dels­ab­kom­men in­ne­wohnt, weil dort Nafta seit 22 Jah­ren sein Un­we­sen trei­be. Das nord­ame­ri­ka­ni­sche Frei­han­dels­ab­kom­men trat am 1. Jän­ner 1994 in Kraft und re­du­zier­te ei­nen Groß­teil der Han­del­bar­rie­ren zwi­schen Ka­na­da, Me­xi­ko und den USA. Es gilt als Blau­pau­se für bi­la­te­ra­le bzw. re­gio­na­le Han­dels­ab­kom­men. Mehr Han­del. Da seit In­kraft­tre­ten mehr als zwei Jahr­zehn­te ver­gan­gen sind, gibt es auch ei­ne Un­men­ge an öko­no­mi­schen Stu­di­en zu den Aus­wir­kun­gen von Nafta. Ein Groß­teil da­von wur­de vom Con­gres­sio­nal Re­se­arch Ser­vice des US-Par­la­ments in ei­ner Me­ta­stu­die zu­sam­men­ge­fasst. Die Öko­no­men kom­men dem­nach in ei­ner Fra­ge zu ei­nem kla­ren Schluss: Nafta hat den Han­del in Nord­ame­ri­ka deut­lich be­schleu­nigt. So stei­ger­te sich das Han­dels­vo­lu­men der USA mit den bei­den an­de­ren Län­dern seit In­kraft­tre­ten von Nafta von einst 300 Mrd. Dol­lar pro Jahr auf zu­letzt knapp 1,2 Bil­lio­nen Dol­lar. Die­ser An­stieg war so­mit we­sent­lich stär­ker als je­ner beim US-Han­del mit der rest­li­chen Welt, so die Au­to­ren der Me­ta­stu­die.

Al­ler­dings gibt es hier ei­ne gro­ße Aus­nah­me: Chi­na. Da just in den 22 Jah­ren seit dem Ab­schluss von Nafta Chi­na sei­nen wirk­li­chen gro­ßen Sprung nach vorn mach­te und zur Werk­bank der Welt auf­stieg, ver­än­der­ten sich auch die glo­ba­len Han­dels­strö­me und die Wett­be­werbs­fä­hig­keit re­gio­na­ler In­dus­tri­en deut­lich. Es ge­be zu we­nig ge­naue Da­ten, um die­sen Ef­fekt aus der Be­schrei­bung der Fol­gen von Nafta her­aus­zu­rech­nen, schrei­ben die Öko­no­men.

Da­her sei es auch schwie­rig, die Aus­wir­kun­gen von Nafta auf Wachs­tum und Be­schäf­ti­gung ein­deu­tig zu be­schrei­ben. Das re­nom­mier­te Coun­cil on For­eign Af­fairs (CFR) kommt den­noch zu dem Schluss, dass Nafta auf die USA ei­nen po­si­ti­ven BIP-Ef­fekt von ei­nem hal­ben Pro­zent hat­te. Das ent­sprä­che rund 80 Mrd. Dol­lar. Auch in Me­xi­ko ha­be es dem­nach ei­nen kräf­ti­gen An­schub für die Wirt­schaft mit stei­gen­der Pro­duk­ti­vi­tät ge­ge­ben.

Doch was ha­ben die Men­schen da­von ge­habt? Laut Kri­ti­kern nichts. Zwei In­dus­tri­en ste­hen meist im Mit­tel­punkt der Be­trach­tung: Die US-Au­to­in­dus­trie und die me­xi­ka­ni­sche Land­wirt­schaft. In ers­te­rer gin­gen laut CFR 320.00 Jobs seit 1994 ver­lo­ren, wäh­rend in Me­xi­ko 430.000 neue ge­schaf­fen wur­den. USGe­werk­schaf­ter se­hen Nafta da­her als Job­ver­nich­ter an. An­ders die Öko­no­men: Sie ar­gu­men­tie­ren, dass vie­le der nach Me­xi­ko aus­ge­la­ger­ten Jobs Zwi­schen­schrit­te in der Pro­duk­ti­on be­trä­fen, die End­pro­duk­ti­on aber wie­der in den USA er­fol­ge. In Sum­me sei die USAu­to­in­dus­trie so­mit wett­be­werbs­fä­hi­ger ge­gen­über asia­ti­schen Kon­kur­ren­ten ge­wor­den.

Aber auch in Me­xi­ko gin­gen Jobs ver­lo­ren – in der Land­wirt­schaft. Die Mais­bau­ern hät­ten ge­gen die in­dus­tria­li­sier­ten US-Far­mer kei­ne Chan­ce

Mil­lio­nen Dol­lar

be­trug das Han­dels­vo­lu­men der USA mit Ka­na­da und Me­xi­ko im Jahr 1994. Zu­letzt wa­ren es knapp 1,2 Bil­lio­nen.

tau­send Jobs

gin­gen in der US-Au­to­in­dus­trie seit dem Start von Nafta ver­lo­ren. Al­ler­dings wur­den in Me­xi­ko im sel­ben Zei­t­raum 430.000 neu ge­schaf­fen. ge­habt, wes­halb ei­ne gu­te Mil­li­on Men­schen das Da­sein als Bau­ern ha­be auf­ge­ben müs­sen, so die Kri­tik. Zum Teil stimmt das si­cher­lich. Ent­schei­dend für die Job­ver­lus­te dürf­ten je­doch die Land­re­for­men in Me­xi­ko in den spä­ten 1980er- und frü­hen 1990er-Jah­ren ge­we­sen sein, so die Öko­no­men.

In Sum­me kom­men die Stu­di­en zu dem Schluss, dass Nafta ein­zel­nen Sek­to­ren zwar deut­li­che Ve­rän­de­run­gen brach­te, je­doch die Zahl der durch den zu­sätz­li­chen Han­del ge­schaf­fe­nen Jobs leicht über­wiegt. „Die po­si­ti­ven Ef­fek­te des ver­mehr­ten Han­dels wer­den aber oft nicht wahr­ge­nom­men, weil die Nach­tei­le sich auf we­ni­ge Be­rei­che kon­zen­trie­ren“, heißt es beim CFR. Die Sor­gen wur­den so­mit nur kaum be­stä­tigt, die Hoff­nun­gen je­doch auch nicht. So sind et­wa die Ein­kom­mensun­gleich­ge­wich­te zwi­schen Me­xi­ko und den USA durch Nafta an­ders als er­war­tet nicht ge­rin­ger ge­wor­den.

Der par­al­le­le Auf­stieg Chi­nas macht es schwie­rig, die Ef­fek­te von Nafta zu iso­lie­ren.

Ent­eig­nung. Und was ist mit den Schieds­ge­rich­ten? Ka­na­da wird auf­grund von Nafta gern als das am häu­figs­ten ver­klag­te Land der Welt be­zeich­net. 150 Mio. Dol­lar ha­be der Staat seit 1994 vor­nehm­lich an US-Un­ter­neh­men zah­len müs­sen. Das stimmt, al­ler­dings stam­men 130 Mio. da­von aus ei­nem ein­zi­gen Fall, und zwar von je­nem des Zell­stoff­pro­du­zen­ten Abi­ti­bi-Bo­wa­ter.

Die Fir­ma schloss auf­grund von wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men am 4. De­zem­ber 2008 ein Werk in Neu­fund­land. Zwölf Ta­ge spä­ter be­schloss die Re­gio­nal­re­gie­rung von Neu­fund­land, sämt­li­che An­la­gen des Un­ter­neh­mens so­wie die Wald- und Was­ser­nut­zungs­rech­te (für die Strom­er­zeu­gung) oh­ne Ent­schä­di­gung zu ent­eig­nen. Zu­dem wur­de für Abi­ti­bi-Bo­wa­ter per Ge­setz der Gang zu re­gio­na­len Ge­rich­ten blo­ckiert. Der Kon­zern ver­such­te in der Fol­ge, auf dem Ver­hand­lungs­weg ei­ne Lö­sung zu fin­den. Als das nicht fruch­te­te, klag­te es Ka­na­da mit­tels Nafta-Schieds­ge­richt auf 500 Mio. Dol­lar Scha­den­er­satz. In ei­nem Ver­gleich ei­nig­te man sich auf die Zah­lung von 130 Mio. Dol­lar.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.