»Samsungs Pro­blem ist die Fa­mi­lie«

Er ist ei­ner der letz­ten glo­bal agie­ren­den Misch­kon­zer­ne der Welt. Doch das Han­dy­de­sas­ter zeigt: Die Un­ter­neh­mens­struk­tur ist mitt­ler­wei­le schäd­lich für den Er­folg – weil ein mäch­ti­ger Fa­mi­li­en­clan nicht los­las­sen kann.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON FE­LIX LEE

In der Nacht zum 17. Mai 2014 leg­te Yeom Ho-Seok ei­nen Hau­fen Koh­le un­ter sein Au­to, zün­de­te ihn an, stieg ein und war­te­te, bis er in sei­nem bren­nen­den Wa­gen er­stick­te. Der da­mals 34-Jäh­ri­ge war Mit­ar­bei­ter von Samsung und Ge­werk­schafts­füh­rer der ko­rea­ni­schen Me­tall­ar­bei­ter­ge­werk­schaft. Was er mit dem Sui­zid be­zwe­cken woll­te? Er woll­te hö­he­re Löh­ne durch­drü­cken. „Ich kann es nicht mehr län­ger mit­an­se­hen, dass an­de­re sich auf­op­fern und lei­den“, hat­te Yeom in sei­nem Ab­schieds­brief ge­schrie­ben.

Als Kol­le­gen am nächs­ten Tag ei­ne To­ten­wa­che für Yeom ab­hal­ten woll­ten, grif­fen auf Bit­ten der Kon­zern­lei­tung 300 Po­li­zis­ten den Trau­er­zug an und raub­ten die Lei­che. Ge­gen den Wil­len der An­ge­hö­ri­gen lie­ßen die Be­hör­den Yeoms Leich­nam ein­äschern. Min­des­tens 25 der Trau­ern­den wur­den ver­haf­tet, dar­un­ter der Vor­sit­zen­de der Samsung-Be­triebs­grup­pe und sein Stell­ver­tre­ter.

Aus­ein­an­der­set­zun­gen wie die­se hat es in der fast 80-jäh­ri­gen Fir­men­ge­schich­te von Samsung im­mer wie­der ge­ge­ben. Der Um­gang im Kon­zern gilt als rau und au­to­ri­tär. Im kon­fu­zia­nisch ge­präg­ten Süd­ko­rea er­war­tet die Fir­men­lei­tung von den Be­schäf­tig­ten be­din­gungs­lo­sen Ge­hor­sam. Ver­han­del­te Lö­sun­gen bei Strei­tig­kei­ten gibt es kaum. Eher wer­de er sein Un­ter­neh­men schlie­ßen, als freie Ge­werk­schaf­ten zu ak­zep­tie­ren, sag­te Samsun­gG­rün­der Lee Byung-Chull schon in den Acht­zi­ger­jah­ren. Sein En­kel Lee Ja­eYong, der heu­te dem Kon­zern vor­steht, steht ihm in Ra­di­ka­li­tät kaum nach.

Samsungs Er­folgs­ge­schich­te lässt sich zum gu­ten Teil durch den pa­tri­ar- cha­li­schen Füh­rungs­stil der Grün­der­fa­mi­lie er­klä­ren. Schon als Lee 1937 sein ers­tes Le­bens­mit­tel­ge­schäft er­öff­ne­te, hat­te er Gro­ßes im Sinn. Er woll­te ein Un­ter­neh­men, das sich mit Ja­pans schon da­mals gro­ßen Kon­glo­me­ra­ten mes­sen konn­te. Mitsu­bi­shi war das ei­ne Vor­bild, was über­setzt „Drei Rau­ten“heißt, Mitsui das an­de­re, zu Deutsch „Drei Qu­el­len“. Al­so kam er auf den Na­men Samsung, ko­rea­nisch für „Drei Ster­ne“.

1969 grün­de­te Lee Samsung Elec­tro­nics, im An­ge­bot wa­ren Reis­ko­cher, Kühl­schrän­ke und Kli­ma­an­la­gen. Doch schon Mit­te der 1970er-Jah­re stieg Samsung mit der Über­nah­me von Ko­rea Se­mi­con­duc­tor in die Mi­kro­elek­tro­nik ein und ent­wi­ckel­te sich in den nächs­ten Jah­ren zum Her­stel­ler von Fern­seh­ge­rä­ten und an­de­rer Kon­sum­elek­tro­nik, der es selbst mit der ja­pa­ni­schen Kon­kur­renz auf­neh­men konn­te.

Nach dem Tod des Samsung-Grün­ders 1987 über­nahm sein Sohn Lee KuHee die Ge­schäf­te. Und die­ser mach­te Samsung noch grö­ßer und er­folg­rei­cher. Heu­te ist Samsung der welt­größ­te Smart­pho­ne-, Fern­seh­ge­rä­te- und Flash­chip-Her­stel­ler. Der Kon­zern be­tä­tigt sich in der Schwer­in­dus­trie, be­treibt Ban­ken, Ver­si­che­run­gen, Ho­tels, Su­per­märk­te und Ein­kaufs­zen­tren. Mit fast ei­ner hal­ben Mil­li­on Be­schäf­tig­ten ist die Samsung-Grup­pe ei­nes der größ­ten Un­ter­neh­men der Welt. Ge­lähm­ter Kon­zern. Doch nun brennt es bei Samsung. Und da­mit sind kei­nes­wegs nur die leicht ent­flamm­ba­ren Ak­kus des neu­en Tops­mart­pho­nes Ga­la­xy No­te 7 ge­meint. Der Pro­duk­ti­ons­stopp nach der ge­schei­ter­ten Rück­ruf­ak­ti­on von 2,5 Mil­lio­nen Ge­rä­ten wird Samsung fi­nan­zi­ell teu­er zu ste­hen kom­men. Auch der Ima­ge­scha­den ist groß. Der ge­schei­ter­te Ver­kauf des Tops­mart­pho­nes of­fen­bart aber noch ein ganz an­de­res Di­lem­ma. Kämp­fe mit der Grün­der­fa­mi­lie Lee läh­men den Kon­zern und ma­chen ihn mür­be.

Da­bei war Lee Ku-Hee schon ein­mal weg. 2008 muss­te er we­gen Un­treue, Steu­er­hin­ter­zie­hung und Kor­rup­ti­on sei­nen Chef­pos­ten ab­tre­ten. Doch auch da­für ist Samsung be­rüch­tigt: sei­ne gro­ße Nä­he zur Re­gie­rung. Dank ei­ner Begna­di­gung durch den da­ma­li­gen Prä­si­den­ten stand Lee zwei Jah­re spä­ter wie­der an der Spit­ze des Kon­zerns. 2014 er­litt er ei­nen Herz­in­farkt und ist seit­dem bett­läg­rig. Den Stab über­gab er aber an sei­nen Sohn Lee Jae-Yong. Die Chan­ce zur grund­le­gen­den Re­form war ver­ge­ben.

Das Pro­blem mit dem Lee-Clan: Wie schon der Grün­dungs­chef ha­ben auch sei­ne Nach­kom­men den Ruf, dass es ih­nen we­der um das Wohl der Ar­beit­neh­mer noch um das der Ak­tio­nä­re geht – son­dern al­lein dar­um, dass ih­re macht­be­ses­se­nen Mit­glie­der die Kon­trol­le über den weit­ver­zweig­ten Kon­zern be­hal­ten. Mit dem für Au­ßen­ste­hen­de kaum mehr durch­dring­ba­ren Netz von Toch­ter­ge­sell­schaf­ten wer­den in dem gi­gan­ti­schen Kon­glo­me­rat auch un­pro­fi­ta­ble Ge­schäfts­zwei­ge quer­fi­nan­ziert, wenn es ei­nem Fa­mi­li­en­mit­glied nützt.

„Das geht auf Kos­ten der Ef­fi­zi­enz. Die Krea­ti­vi­tät wird be­hin­dert“, kri­ti­siert Bru­ce Lee, Ge­schäfts­füh­rer von Ze­bra In­vest­ment Ma­nage­ment und Ver­tre­ter der Samsung-Ak­tio­nä­re. Das Sa­gen ha­be stets der Clan.

Samsung ist nicht der ein­zi­ge Groß­kon­zern in Süd­ko­rea, der sich

Grün­der Lee woll­te ein Un­ter­neh­men, das sich mit ja­pa­ni­schen mes­sen konn­te. Die Fa­mi­lie hat den Ruf, dass es ihr vor al­lem um die Kon­trol­le geht. In­zwi­schen er­wei­sen sich vie­le Rie­sen Süd­ko­reas als un­fle­xi­bel und lang­sam.

schwer­tut. Die Con­tai­ner-Ree­de­rei Han­jin ist plei­te, der Samsung-Kon­kur­rent LG schwä­chelt, die Dae­woo-Werft schreibt ho­he Ver­lus­te. Einst wa­ren die Kon­glo­me­ra­te das Rück­grat der süd­ko­rea­ni­schen Wirt­schaft, er­mög­lich­ten den Auf­stieg des Schwel­len­lan­des zum pro­spe­rie­ren­den Ti­ger­staat. In­zwi­schen er­wei­sen sich die Rie­sen als un­fle­xi­bel und lang­sam. Schon stel­len Ex­per­ten ge­ne­rell das süd­ko­rea­ni­sche Wirt­schafts­mo­dell in­fra­ge. „Nur we­ni­ge Un­ter­neh­men ma­chen noch Ge­winn“, sagt Kim Sang-Jo, Ökonom an der Hansung-Uni­ver­si­tät in Seoul. Er spricht von „Zom­bie-Kon­glo­me­ra­ten“, die nur auf­grund ih­rer schie­ren Grö­ße über­le­ben.

Samsung al­ler­dings hat bis­lang vor al­lem we­gen der un­ge­heu­ren Här­te, des Ehr­gei­zes und der Ag­gres­si­vi­tät der Be­sit­zer­fa­mi­lie über­lebt. Nicht we­ni­ge glau­ben, dass die Sor­ge des Ma­nage­ments, den enor­men An­sprü­chen der Lees nicht zu ge­nü­gen, die ei­gent­li­chen Aus­lö­ser des No­te-7-Skan­dals sind. Samsung soll­te mit neu­er Ak­ku­tech­no­lo­gie un­be­dingt schnel­ler her­aus­kom­men als der gro­ße Kon­kur­rent App­le. Wo­mög­lich hat al­lein die Angst vor der gna­den­lo­sen Ver­ach­tung der Fa­mi­lie Tech­ni­ker wie Ma­na­ger da­zu be­wo­gen, ein un­aus­ge­reif­tes Pro­dukt auf den Markt zu brin­gen. Zum Scha­den der Käu­fer. Am En­de auch zum Scha­den des Kon­zerns.

Jung Ui-Chel/EPA/ pic­tu­re­desk.com

Samsung-Vi­ze­prä­si­dent Lee Jae-Yong.

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