Ecua­dors gif­ti­ges Gold

Für die per­fek­te Ba­na­ne neh­men ecua­do­ria­ni­sche Ar­bei­ter un­be­zahl­te Über­stun­den und Hun­ger­löh­ne in Kauf – und set­zen ih­re Ge­sund­heit aufs Spiel: Bei kei­ner an­de­ren Frucht der Welt ist der Ein­satz gif­ti­ger Che­mi­ka­li­en so stark ver­brei­tet.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON MARLIES KASTENHOFER

Schau­en Sie“, sagt Ed­dy Gua­lan und hält sein Smart­pho­ne in die Hö­he. Ein Vi­deo zeigt ein wei­ßes Pro­pel­ler­flug­zeug we­ni­ge Me­ter über sei­nen Kopf fe­gend. Ein paar Se­kun­den spä­ter wird der Pi­lot ei­ne La­dung Fun­gi­zi­de über der Ba­na­nen­plan­ta­ge ver­sprü­hen. Das to­xi­sche Ge­misch be­netzt dann nicht nur die Ba­na­nen­blät­ter, auch die Klei­der der Feld­ar­bei­ter, ih­re Haut und Haa­re wer­den von der Che­mi­ka­lie durch­tränkt. Das Gift ver­schont selbst Sied­lun­gen, Ge­wäs­ser, Vö­gel und Fische nicht, trägt der Wind es in die Um­ge­bung – und das ein Mal pro Wo­che. Mit zwölf be­gann Gua­lan auf ei­ner Plan­ta­ge in El Gu­abo, ei­nem Kan­ton im Süd­wes­ten Ecua­dors, zu ar­bei­ten. Ki­lo­me­ter über Ki­lo­me­ter reiht sich hier ei­ne Ba­na­nen­pflan­ze an die an­de­re.

13 Jah­re ar­bei­te­te der 29-Jäh­ri­ge als Fun­da­dor. Dann war es ihm ge­nug: Ta­gein, tag­aus stülp­te er grü­ne Plas­tik­sä­cke, im­prä­gniert mit In­sek­ti­zi­den, über die jun­gen Früch­te. Hand­schu­he, Mund­schutz und Kopf­be­de­ckung ge­währ­ten ihm die Ar­beit­ge­ber nur bei In­spek­tio­nen. Schwin­del­an­fäl­le und Übel­keit wa­ren die Fol­ge. Gua­lan ist kein Ein­zel­fall. In dem Ba­na­nen­be­zirk Ten­guel, we­ni­ge Ki­lo­me­ter nörd­lich von El Gu­abo, ist die Um­welt so stark ver­pes­tet, dass ei­ner von 15 Be­woh­nern an Krebs oder ei­ner Be­hin­de­rung lei­de, sa­gen ört­li­che Ärz­te. Für vie­le in der Re­gi­on ist die Ba­na­nen­pro­duk­ti­on die ein­zi­ge Ein­kom­mens­quel­le. Der Sek­tor schafft 300.000 Ar­beits­plät­ze, mehr als je­de an­de­re Bran­che in dem 16-Mil­lio­nen-Staat. Die meis­ten Pro­du­zen­ten sind Klein- und Mit­tel­be­trie­be, die an Rie­sen wie Do­le, Tes­co oder Chi­qui­ta lie­fern. Ecua­dor ist der welt­weit größ­te Ba­na­nen­ex­por­teur: Et­was mehr als je­de vier­te Ba­na­ne kommt aus dem Pa­zi­fik­staat. Die Frucht ist hin­ter Erd­öl das zweit­wich­tigs­te Ex­port­pro­dukt.

Auch Jor­ge Acos­ta ver­dien­te gut in dem Ge­schäft: 10.000 Dol­lar pro Mo­nat, 17 Jah­re lang – als Pi­lot für Pes­ti­zid­flug­zeu­ge. Drei Au­tos hat­te er da­mals, sagt der 56-Jäh­ri­ge. Ir­gend­wann spiel­te auch sein Kör­per nicht mehr mit. Schließ­lich brach­te er sein Herz­lei­den mit den Che­mi­ka­li­en in Ver­bin­dung. „Ich konn­te mei­nen Job nicht wei­ter­ma­chen, wenn er sol­che Kon­se­quen­zen für an­de­re be­deu­te­te.“45 Ki­lo Pes­ti­zi­de kom­men in ei­ner kon­ven­tio­nel­len Ba­na­nen­plan­ta­ge im Jahr auf ei­nen Hekt­ar – ein welt­wei­ter Re­kord. Sie sol­len tö­ten, was ein schnel­les Wachs­tum be­hin­dert: Pil­ze, Un­kraut, Un­ge­zie­fer. Zum Ein­satz kom­men Mit­tel wie Pa­raquat, Man­co­zeb oder Gly­pho­sat, die in der EU nicht zu­ge­las­sen sind oder als krebs­er­re­gend gel­ten. Der Des­sert­ba­na­nen­ex­port­schla­ger Ca­ven­dish ist zwar ro­bust ge­nug für ih­re Rei­se um den Glo­bus. Doch ihr welt­wei­ter Sie­ges­zug ließ rie­si­ge Mo­no­kul­tu­ren ent­ste­hen – und per­fek­te Brut­stät­ten für Schäd­lin­ge, die im­mer re­sis­ten­ter wer­den.

Seit 2007 setzt sich Acos­ta mit sei­ner Ge­werk­schaft, Astac, für die Rech­te der Ba­na­nen­pro­du­zen­ten ein. Sie zählt heu­te 800 Mit­glie­der, dar­un­ter Gua­lan. „Mein Ziel ist, den Bio­an­bau durch­zu­set­zen. Der ers­te Schritt aber ist der wich­tigs­te: die Be­din­gun­gen der Ar­bei­ter zu ver­bes­sern.“Vie­len Land­ar­bei­tern wer­den we­der Über­stun­den noch So­zi­al­ver­si­che­rung be­zahlt, sie ha­ben kei­nen Ur­laubs­an­spruch, die Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en ist üb­lich – und das zu Hun­ger­löh­nen. Je nach Tä­tig­keits­feld ver­die­nen sie 16 bis 35 US-Dol­lar am Tag. Nicht um­sonst setz­te Acos­ta vor den UN durch, die Plan­ta­gen­ar­beit als Skla­ve­rei an­zu­er­ken­nen. Die meis­ten Ar­bei­ter ha­ben je­doch Angst, ei­ner Ge-

Ton­nen

Bio­ba­na­nen ver­kauf­te Fairtra­de 2015 in Ös­ter­reich, ein Fünf­tel des Ge­samt­ver­kaufs.

Pro­zent

der welt­wei­ten Ba­na­nen­pro­duk­ti­on wird ex­por­tiert. Der Rest bleibt im In­land.

Mio. Ton­nen

Ba­na­nen pro­du­ziert Ecua­dor im Schnitt pro Jahr.

Mio. Men­schen

in Ecua­dor le­ben von der In­dus­trie rund um die tro­pi­sche Frucht. werk­schaft bei­zu­tre­ten: Wer auf­muckt, wird in ei­ner schwar­zen Lis­te ver­merkt oder gar mit dem Tod be­droht.

In die Re­gie­rung un­ter dem So­zia­lis­ten Ra­fa­el Cor­rea hat Acos­ta kein Ver­trau­en mehr. Er ha­be nichts zur Ver­rin­ge­rung der Pes­ti­zi­de ge­tan. In ih­rer jüngs­ten Of­fen­si­ve für die Klein­bau­ern för­dert sie Pes­ti­zids­prü­hun­gen aus dem Flug­zeug so­gar, um Ern­te­aus­fäl­le zu ver­hin­dern. Die Po­li­ti­ker in der Haupt­stadt, Qui­to, miss­trau­en Astac. Ein Re­gie­rungs­mit­glied be­zeich­ne­te Acos­ta als „Ver­rä­ter am ei­ge­nen Land“, als er sei­ne Ge­werk­schaft grün­de­te: Sei­ne Po­si­ti­on kön­ne dem Ba­na­nen­han­del scha­den. Zwar gibt es staat­lich vor­ge­schrie­be­ne So­zi­al- und Si­cher­heits­stan­dards, doch die Rea­li­tät sieht an­ders aus: Die Ba­na­nen­bos­se sind zu mäch­tig, die Kon­trol­leu­re kor­rupt. Bil­li­ger als Äp­fel. Das größ­te Pro­blem sei das un­ver­ant­wort­li­che Ver­hal­ten von Su­per­märk­ten und Kon­su­men­ten in den Top­ex­port­märk­ten USA und EU, meint Acos­ta. Die EU ist der größ­te Ba­na­nen­im­por­teur der Welt: Knapp je­de drit­te Ex­port­ba­na­ne lan­det hier. In Ös­ter­reich wird sie nur vom Ap­fel als be­lieb­tes­tem Obst ge­schla­gen. Je­der Ös­ter­rei­cher ver­schlingt im Schnitt pro Jahr zwölf Ki­lo Ba­na­nen. Die per­fek­te Frucht zum nied­rigst­mög­li­chen Preis, lau­tet die De­vi­se, mit der der Ein­zel­han­del sei­ne Kun­den lockt. Und sei­ne Macht wächst: In Ös­ter­reich et­wa kon­trol­lie­ren die Rie­sen Rewe, Spar und Ho­fer rund 85 Pro­zent des Han­dels.

We­ni­ge Groß­kon­zer­ne ent­schei­den al­so, wel­che Pro­du­zen­ten Zu­gang zum eu­ro­päi­schen Markt er­hal­ten. Der Preis­druck auf die Ba­na­nen­pro­du­zen­ten ist enorm: Der Ein­zel­han­del be­herrscht im­mer grö­ße­re Tei­le der Wert­schöp­fungs­ket­te und kann da­mit sei­ne Preis­he­ge­mo­nie aus­bau­en. Hei­mi­sche Äp­fel kos­ten im EU-Schnitt um ein Vier­tel we­ni­ger als Ba­na­nen, ob­wohl sie Tau­sen­de Ki­lo­me­ter über den At­lan­tik ver­schifft wer­den. Ist der Groß­han­dels­preis für das gel­be Obst in Eu­ro­pa in zehn Jah­ren um ein Vier­tel ge­sun­ken, ist für die Pro­du­zen­ten nicht nur der Le­bens­un­ter­halt dra­ma­tisch an­ge­stie­gen. Kun­den for­dern im­mer hö­he­re Qua­li­täts-, Hy­gie­ne- und Um­welt­stan­dards. „Der ir­ra­tio­na­le Preis­kampf hat Aus­wir­kun­gen auf das Le­ben Tau­sen­der Ar­bei­ter. Er ist so schlimm wie Geld durch Dro­gen­han­del“, kri­ti­siert Acos­ta. „Kon­su­men­ten sind un­se­re wich­tigs­ten Ver­bün­de­ten. Sie kön­nen Druck auf Su­per­märk­te aus­üben.“

Per­fek­ti­on ist das obers­te Ge­bot: Bis die rei­fen Ba­na­nen im Markt lan­den, wer­den sie Dut­zen­den Kon­trol­len un­ter­zo­gen. „Es ist wich­tig, dass die Ba­na­ne völ­lig grün ist“, er­zählt Se­gun­do Can˜ar in­mit­ten sei­ner 4,5 Hekt­ar gro­ßen Fin­ca Mer­ce­des Va­nes­sa in El Gu­abo. Ein­mal pro Wo­che ern­tet er mit sei­nen elf Mit­ar­bei­tern, fast al­les Fa­mi­li­en­mit­glie­der, et­wa 210 18-Ki­lo-Bo­xen. Ei­ne Stau­de wächst acht bis zehn Mo­na­te, be­vor sie ge­fällt wird und die Früch­te grün ge­ern­tet wer­den. Um die Rei­fung zu stop­pen, wird das Obst bis zur An­kunft im Zi­el­land ge­kühlt. Die Scha­le dür­fe kei­ne Fle­cken ha­ben, selbst wenn die Män­gel den Ge­schmack nicht be­ein­flus­sen, sagt der 44-Jäh­ri­ge. Auch Früch­te mit drei statt vier Kan­ten sei­en Ta­bu. Die Aus­schuss­wa­re lässt er wei­ter zu Pü­ree ver­ar­bei­ten. Es lan­det in Scho­ko­ba­na­nen oder Frucht­säf­ten. Da­mit das Obst ma­kel­los an­kommt, wird es nach der Ern­te in gro­ßen Be­cken ge­wa­schen, mit 70 Li­tern Was­ser pro Kis­te. Can˜ar deu­tet auf ei­nen ei­ge­nen An­schluss in­mit­ten der Ba­na­nen­pflan­zen: „Ich ver­wen­de nur das bes­te Was­ser.“

Der Bana­ni­e­ro ist mit Ba­na­nen auf­ge­wach­sen, be­reits sein Groß­va­ter war Ba­na­nen­bau­er. Vor 17 Jah­ren schloss er sich der Fairtra­de-Ge­nos­sen­schaft Aso­gu­abo an, seit vier Jah­ren pro­du­ziert er zu­sätz­lich Bio­ba­na­nen. Er hält sich au­ßer an So­zi­al­stan­dards, wie fi­xe Ar­beits­zei­ten oder die Über­nah­me von Be­hand­lungs­kos­ten bei Ar­beits­ver­let­zun­gen, an Um­welt­kri­te­ri­en. „Ich woll­te, dass mei­ne Mit­ar­bei­ter ei­nen ge­sun­den Ar­beits­platz ha­ben“, er­klärt er. Lang­fris­tig sei der Um­stieg auch für den Bo­den bes­ser. Der Bio­an­bau kos­tet zwar mehr: Bio­mit­tel sind teu­rer als her­kömm­li­che Che­mi­ka­li­en; der Er­trag ei­ner Bio­ba­na­nen­stau­de ist ge­rin­ger. Doch Bio ga­ran­tie­re Sta­bi­li­tät, er­zählt Fa­bio­la Ra­mon,´ Prä­si­den­tin von Aso­gu­abo. Mehr als die Hälf­te des Lan­des der Ko­ope­ra­ti­ve mit 125 Klein­bau­ern ist bio­zer­ti­fi­ziert. Sie kön­nen mit ih­ren rund neun Dol­lar pro Kis­te rech­nen. „Im kon­ven­tio­nel­len An­bau aber ist nicht vor­her­seh­bar, wie viel ver­kauft wer­den wird.“

Be­son­de­rer Druck herr­sche zwi­schen Mai und Sep­tem­ber, wenn die Nach­fra­ge in Eu­ro­pa sin­ke. Statt für den staat­li­chen Min­dest­preis von 6,16 USDol­lar pro Kis­te müss­ten kon­ven­tio­nel­le Bau­ern ih­re Ern­te für ei­nen Bruch­teil ver­scher­beln. Ob­wohl sie im ver­gan­ge-

»Kon­su­men­ten sind un­se­re wich­tigs­ten Ver­bün­de­ten. Sie kön­nen Druck aus­üben.« »Der ir­ra­tio­na­le Preis­kampf hat Aus­wir­kun­gen auf das Le­ben Tau­sen­der Ar­bei­ter.« »Nach zwölf Ta­gen Ur­laub in Ös­ter­reich wird mir mei­ne Fin­ca be­reits ab­ge­hen.«

nen Jahr­zehnt stark an­ge­stie­gen ist, ist die Nach­fra­ge nach Fairtra­de-Bio­ba­na­nen in Eu­ro­pa zu ge­ring, um auch die rest­li­chen Fin­cas auf bio­lo­gi­schen An­bau um­stel­len zu kön­nen. Har­te Kon­kur­renz. Auch der Wett­streit mit den Haupt­kon­kur­ren­ten Pe­ru und Ko­lum­bi­en schlägt sich auf den Um­satz der Ko­ope­ra­ti­ve nie­der. Im­mer mehr Ba­na­nen­bau­ern stei­gen auf Fair­ta­deo­der Bio­an­bau um. Zu­gleich si­cher­ten sich die Nach­barn 2009 ei­nen Vor­teil: Sie stimm­ten ei­nem Frei­han­dels­ab­kom­men mit der EU zu, das die Im­port­zöl­le bis 2020 um mehr als die Hälf­te sen­ken soll. Cor­rea schmet­ter­te das Ab­kom­men ab. Er wer­de kei­nen De­al un­ter­zeich­nen, der die un­glei­che Be­zie­hung zwi­schen dem Bünd­nis und dem klei­nen Ecua­dor ver­schlim­me­re. „Ei­ne tö­rich­te Of­fen­heit kann ein Land in den Bank­rott trei­ben“, be­grün­de­te er. Heu­te sei es die höchs­te Prio­ri­tät, den Ver­trag bis Jah­res­en­de aus­zu­ver­han­deln, sagt Mar­co Ovie­do aus dem Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um. Die Re­gie­rung ha­be ro­te Li­ni­en ver­an­kert, die auf ei­ne gleich­be­rech­tig­te Ko­ope­ra­ti­on ziel­ten.

Trotz der har­ten Ar­beit ist Can˜ar zu­frie­den. Der Aka­de­mi­ker ist gern auf sei­ner Fin­ca. Je­den Tag, von früh bis spät werkt er hier. Als Land­wirt kann er sich kei­nen Ur­laub leis­ten. Wenn er im No­vem­ber zwölf Ta­ge nach Ös­ter­reich fährt, um sei­ne Ar­beit vor­zu­stel­len, wird es die längs­te Zeit sein, die er sei­ner Farm je­mals fern war. „Dann wird mir mei­ne Fin­ca ab­ge­hen.“

La­tam­pho­tos/Guil­ler­mo Gran­ja

Die 46-jäh­ri­ge Ce­lia Ma­ria San­chez ent­fernt Sä­cke für den In­sek­ten­schutz von den Ba­na­nen.

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