Fet­te Öle statt Syn­the­tik für die Haut

Shan­na Mir­nig woll­te kei­ne schäd­li­chen Wirk­stof­fe mehr an ih­re Haut las­sen – und stand ir­gend­wann in ei­nem lee­ren Bad. Aus der Not wur­de ein Ge­schäft: Heu­te mixt sie Cre­mes, Sei­fen und Sham­poo in ih­rer Na­tur­kos­me­tik-Ma­nu­fak­tur in Wi­en.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON CHRISTINE IMLINGER

An­ge­fan­gen hat die Ge­schich­te die­ser Ma­nu­fak­tur für Na­tur­kos­me­tik mit Haut­pro­ble­men und Hor­monschwan­kun­gen. Hau­t­un­rein­hei­ten, die man zu­erst ja mit der Pu­ber­tät er­klä­ren könn­te – Shan­na Mir­nig er­zählt, sie hat­te aber auch Jah­re spä­ter noch da­mit zu tun, „da wuss­te ich, es stimmt et­was nicht“. Mitt­ler­wei­le ist sie die­se Pro­ble­me los – was sie vor al­lem auf die Um­stel­lung in ih­rer Haut­pfle­ge auf Selbst­ge­mach­tes zu­rück­führt. Die­se selbst ge­misch­ten Kos­me­ti­ka, die mitt­ler­wei­le den Mar­ken­na­men Se­vie Skin­ca­re tra­gen, ver­kauft sie heu­te auch on­line oder im klei­nen Shop in der Wie­ner Burg­gas­se, wo die di­ver­sen Cre­mes, Sham­poos oder Deo­do­rants qua­si in ei­ner Hin­ter­zim­mer­ma­nu­fak­tur auch ent­ste­hen.

Zur Kos­me­tik­her­stel­le­rin ist Mir­nig, die die Fir­ma mit ih­rem Mann Ma­rio führt, qua­si durch die ei­ge­ne Not ge­wor­den. „Ich dach­te, ich kau­fe Na­tur­kos­me­tik und hoch­wer­ti­ge Pro­duk­te. Dann ha­be ich ir­gend­wann, vor fünf oder sechs Jah­ren, ei­ne Do­ku über Che­mie in Kos­me­tik ge­se­hen.“Nach ein­ge­hen­der Re­cher­che stu­dier­te sie schließ­lich die Rück­sei­ten sämt­li­cher Pro­duk­te zu Hau­se – und nach­dem sie al­les Be­denk­li­che weg­ge­schmis­sen hat­te, war das Bad leer. Öle mi­xen in der Kü­che. Wo­mit al­so nun die Haut wa­schen und pfle­gen? Ma­rio Mir­nig hat­te, er ist Shi­at­su­prak­ti­ker und Aro­ma­the­ra­peut, schon ein­mal ei­nen Kurs in Kos­me­tik­selbst­ma­chen ab­sol­viert, so ent­stand die Idee, die Pro­duk­te für den Ei­gen­be­darf selbst her­zu­stel­len. Aus Ölen oder She­abut­ter sind dann in der Kü­che mit dem Mi­xer ers­te Cre­mes ent­stan­den, „ich ha­be ge­se­hen, wie sich mei­ne ei­ge­ne fet­ti­ge Haut trotz der fet­ten Öle ver­bes­sert hat. Wir ha­ben Freun­den da­von er­zählt, die das aus­pro­bie­ren woll­ten, dann ha­ben wir die ers­ten Ma­schi­nen ge­kauft, und ir­gend­wie ist uns die­ses Ge­schäft in die Hän­de ge­fal­len“, er­zählt Shan­na Mir­nig. Zwi­schen der ers­ten Idee, Kos­me­tik pro­fes­sio­nell her­zu­stel­len, und der Er­öff­nung des Shops samt Ma­nu­fak­tur sind schließ­lich fast zwei Jah­re ver­gan­gen. 2011 wur­de der Se­vie-Shop er­öff­net – Se­vie ist üb­ri­gens ein Fan­ta­sie­na­me aus zwei Tei­len: Das fran­zö­si­sche Se­ve` steht für „Saft der Pflan­ze“, das „-vie“für Le­ben. Mir­nig hat ih­ren Job im Mar­ke­ting ei­ner gro­ßen Im­mo­bi­li­en­fir­ma auf­ge­ge­ben, ihr Mann ar­bei­tet ne­ben­bei als Shi­at­su­prak­ti­ker, eben­falls im Lo­kal in der Burg­gas­se, in ei­nem an­ge­schlos­se­nen Shi­ats­u­raum. In­fla­ti­on der grü­nen Kos­me­tik. Seit­her ent­wick­le sich das Ge­schäft auch sehr po­si­tiv – was fast auf der Hand liegt, an­ge­sichts des all­ge­gen­wär­ti­gen The­mas Bio, Ve­gan, Selbst­ma­chen, Müll­re­du­zie­ren und so wei­ter. Mir­nig greift die­se Trends auf, die lee­ren Tie­gel – sie sind, so weit es geht, aus Glas – kann man ins Ge­schäft zu­rück­brin­gen, dann wer­den sie wie­der­ver­wen­det. Bis vor Kur­zem hat sie auch Work­shops zum Selbst­ma­chen von Na­tur­kos­me­tik an­ge­bo­ten, das sieht Mir­nig aber mitt­ler­wei­le kri­tisch: Zu vie­le hät­ten an die­sen Work­shops teil­ge­nom­men, um dann, we­ni­ge Wo­chen spä­ter, selbst Ähn­li­ches an­zu­bie­ten, und hät­ten sich da­zu qua­si ih­res müh­sam an­ge­lern­ten Wis­sens be­dient. „Vie­le Jun­ge nen­nen sich heu­te nach ei­nem schnel­len Kurs grü­ner Kos­me­ti­ker oder grü­ner Kos­me­tik­päd­ago­ge, das heißt aber noch nicht, dass man sich mit Ver­kei­mung, mit Schim­mel oder den Haut­schä­den, die da ent­ste­hen kön­nen, aus­kennt“, sagt Mir­nig. Sie selbst be­tont, dass sie ei­ne mehr­stün­di­ge Prü­fung bei der In­nung ab­le­gen muss­te, um ihr Ge­wer­be an­mel­den zu kön­nen. Re­gu­la­ri­en feh­len. Über­haupt ist das Me­tier der Na­tur- oder na­tur­na­hen Kos­me­tik ei­nes, in dem viel Wild­wuchs und Ver­wir­rung herr­schen. Um­welt­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Glo­bal 2000 kri­ti­sie­ren im­mer wie­der, dass auch in Pro­duk­ten, die den An­schein na­tur­na­her Kos­me­tik er­we­cken, syn­the­ti­sche oder hor­mo­nell wirk­sa­me In­halts­stof­fe nach­ge­wie­sen wer­den. Die Viel­zahl an be­lie­bi­gen Öko­sie­geln macht es den Kun­den zu­dem nicht leich­ter, tat­säch­li­che Na­tur­kos­me­tik zu er­ken­nen (sie­he In­fo rechts un­ten).

Auch Mir­nig er­zählt von vie­len Kon­trol­len di­ver­ser In­stan­zen. Seit ei­ni­gen Wo­chen sind die Pro­duk­te nun als Bio­kos­me­tik nach dem ös­ter­rei­chi­schen Le­bens­mit­tel­buch zer­ti­fi­ziert – 95 Pro­zent al­ler In­halts­stof­fe müs­sen al­so bio und von zer­ti­fi­zier­ten Händ­lern stam­men. Ei­ni­ges, äthe­ri­sche Öle et­wa, ge­be es nicht in Bi­o­qua­li­tät.

Pa­ra­be­ne, In­halts­stof­fe tie­ri­schen Ur­sprungs, che­mi­sche Duft­stof­fe oder Zu­ta­ten, die von gen­ma­ni­pu­lier­ten Bak­te­ri­en er­zeugt wer­den – Zi­tro­nen­säu­re, zum Bei­spiel – sei­en nun ta­bu. Auch die Kun­den wür­den da mitt­ler­wei­le ge­nau nach­fra­gen. Der Kun­den­kreis für Na­tur­kos­me­tik sei heu­te wei­ter ge­fasst als die bes­ser ver­die­nen­den 20- bis 40-Jäh­ri­gen im sieb­ten Be­zirk, die Mir­nig ur­sprüng­lich im Au­ge hat­te. „Mitt­ler­wei­le kom­men vie­le Frau­en um die 70 zu uns.“Mit der Kli­en­tel ist auch das An­ge­bot ge­wach­sen: Es gibt 45 Pro­duk­te, der Groß­teil für Frau­en oder Unisex-Ar­ti­kel, ei­ne ei­ge­ne Li­nie für Män­ner ist da­zu­ge­kom­men, auch für Hun­de gibt es nun Sham­poo – wäscht man den Hund da­mit, riecht er an­geb­lich nicht mehr. Ge­wöh­nungs­be­dürf­ti­ge Na­tur­kos­me­tik. Ver­kauft wird on­line, im Shop und über Han­dels­part­ner, Re­form­häu­ser in der Schweiz, in Nie­der­ös­ter­reich und Kärn­ten. An­fra­gen gro­ßer Han­dels­ket­ten ha­be es ge­ge­ben – aber da ist ei­ne Ko­ope­ra­ti­on bis­her an den stren­gen Ver­trags­be­din­gun­gen ge­schei­tert. Schließ­lich for­dern die Han­dels­ket­ten lan­ge Halt­bar­kei­ten. Kos­me­ti­ka müs­sen (vor Öff­nung) oft jah­re­lang halt­bar sein, „da kann man sich vor­stel­len, was drin­nen ist“, so Mir­nig. Sol­che Halt­bar­kei­ten schafft sie nicht, na­ti­ve Öle wer­den ran- zig, es sei denn, man er­setzt sie durch raf­fi­nier­te Pro­duk­te. Mitt­ler­wei­le er­rei­chen Se­vie-Pro­duk­te ei­ne Halt­bar­keit von zwölf Mo­na­ten ab Her­stel­lung, „wir emp­feh­len den Kun­den, ih­re Pro­duk­te in drei bis vier Mo­na­ten zu ver­brau­chen.“Trotz­dem ist Na­tur­kos­me­tik für vie­le ge­wöh­nungs­be­dürf­tig. Stellt man die Pfle­ge um, dau­ert es oft Wo­chen, bis sich Haut und Haa­re dar­an ge­wöh­nen. Bis da­hin fet­ten die Haa­re schnell, wer­den mit­un­ter strup­pig, die Haut re­agiert mit Un­rein­hei­ten. Mir­nig spricht von Ent­gif­tung: „Bei man­chen dau­ert es ei­nen Mo­nat, bei an­de­ren ist die Haut nach zwei Wo­chen gut, das kommt auch auf den Kon­sum von Al­ko­hol oder Kaf­fee an.“ Neu­er Stand­ort ge­sucht. Künf­tig will Mir­nig ihr Sor­ti­ment aus­bau­en – sie plant ei­ne Li­nie für Well­nes­s­an­bie­ter und Spas, spä­ter Pro­duk­te für Ba­bys. Zum Weih­nachts­ge­schäft soll ein ers­ter Mit­ar­bei­ter im Ver­kauf ein­ge­stellt wer­den, und das viel­leicht schon an ei­nem neu­en Stand­ort: Mir­nig will um­zie­hen, die klei­ne Ma­nu­fak­tur in der Burg­gas­se ist zu klein ge­wor­den – und die gür­tel­na­he La­ge nicht mehr ide­al. Stich­wort U6, der prä­sen­te Dro­gen­han­del. Lauf­kund­schaft ver­spricht sie sich eher in zen­tra­le­rer La­ge – und sucht nun vor al­lem im vier­ten Be­zirk.

Das Ge­schäft läuft gut – das wun­dert nicht an­ge­sichts des all­ge­gen­wär­ti­gen Öko­t­rends. Es sind längst nicht nur die Bes­ser­ver­die­ner im Sieb­ten, die nach Bi­o­qua­li­tät fra­gen.

Cle­mens Fa­b­ry

Shan­na Mir­nig im Ge­schäft in der Burg­gas­se.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.