Das Heer der Sin­ne

Un­se­re Wahr­neh­mung kann zwar nicht al­les, was die vie­ler Tie­re kann, sie ist aber viel brei­ter, als uns be­wusst ist. Und sie ar­bei­tet auch tief im Kör­per.

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON JÜR­GEN LANGENBACH

Se­hen, hö­ren, schme­cken, rie­chen, tas­ten, bas­ta! Das sind un­se­re Sin­ne, fünf an der Zahl, so lernt es je­des Kind. Aber wenn wir im Stock­fins­te­ren mit der Spit­ze des Zei­ge­fin­gers die der Na­se be­rüh­ren wol­len, dann ge­lingt das oh­ne Pro­ble­me. So­fern wir nur sonst Herr un­se­rer Sin­ne sind, und nicht et­wa be­trun­ken: US-Ver­kehrs­po­li­zis­ten nut­zen das als ers­ten Test für ver­däch­ti­ge Au­to­len­ker, sie las­sen sie die Au­gen schlie­ßen und den Fin­ger zur Na­se füh­ren.

Er geht da­ne­ben. Aber wie trifft er im nüch­ter­nen Zu­stand? Die Pro­prio­zep­ti­on in­for­miert uns, das ist der Sinn, der die La­ge und Be­we­gung al­ler Kör­per­tei­le wahr­nimmt, wir mer­ken nichts da­von, es sei denn, dass die Ei­gen­emp­fin­dung – pro­pri­us re­ci­pe­re – ge­stört ist, kurz­fris­tig durch Dro­gen oder, sel­ten, auf Dau­er durch Krank­hei­ten: Ei­nes ih­rer Op­fer, Ian Wa­ter­man, er­litt 1971 mit 17 ei­ne vi­ra­le Dar­m­ent­zün­dung, das Im­mun­sys­tem re­agier­te falsch, der jun­ge Mann konn­te sich zwar noch be­we­gen, hat­te aber kei­ner­lei Kon­trol­le dar­über, ihm war, als schwe­be er in der Luft (The Sci­en­tist 1. 9.).

Oder Pa­ti­ent eins und zwei, der ei­ne halb­wüch­sig, der an­de­re ein Kind: Bei­de ha­ben ein Lei­den, das Kno­chen de­for­miert und Be­we­gun­gen schwer macht, beim Ge­hen wie beim At­men, beim Es­sen wie beim An­zie­hen. Sonst sind die bei­den nor­mal ent­wi­ckelt, sie wis­sen nur nicht, wo ih­re Kör­per­tei­le ge­ra­de sind, sie hel­fen sich mit den Au­gen. Wer­den die mit ei­ner Bin­de ver­schlos­sen, ver­feh­len auch sie die Na­sen­spit­ze. Das hat kein Po­li­zist ge­tes­tet, son­dern Cars­ten Böh­mann von der USGe­sund­heits­be­hör­de NIH (Be­thes­da), er hat auch ei­ne ers­te Spur ins Ge­nom ge­fun­den: Bei­de Pa­ti­en­ten ha­ben die glei­che Va­ri­an­te des Gens PIEZO2, es hat mit der Wahr­neh­mung von Be­rüh­rung zu tun (NEJM 23. 9.).

Aber wie das auf die Pro­prio­zep­ti­on wirkt, ist un­klar, vie­les an die­sem Sinn liegt im Dun­keln. Dass es ihn gibt, weiß die Me­di­zin zwar seit Ga­len (2. Jahr­hun­dert), sys­te­ma­tisch er­forscht wird er aber erst seit den 1970er-Jah­ren. Zu- nächst wand­te man die Auf­merk­sam­keit den Kan­di­da­ten zu, die ins Au­ge sprin­gen, den Ge­len­ken, in ih­ren Kno­chen such­te man Sen­so­ren. Dort sind sie aber nicht, sie sind in den Mus­keln, die ha­ben Sin­nes­or­ga­ne, die die Aus­deh­nung der ein­zel­nen Fa­sern mes­sen. Dar­aus wird dann auch die La­ge im Kör­per er­rech­net, Guy Good­win (Ox­ford) hat es ge­zeigt (Brain 95, S. 705). Sin­ne für je­de Le­bens­welt. Wir ha­ben al­so ei­nen sechs­ten Sinn, ei­nen sieb­ten auch – er sitzt im Ohr und de­tek­tiert die Schwer­kraft –, viel­leicht ei­nen ach­ten gar: Ma­gne­to­re­zep­ti­on. Joe Kir­sh­vink (MIT), der sie ein lan­ges Forscher­le­ben er­kun­det hat, an Bak­te­ri­en und Tie­ren, glaubt, sie ge­ra­de auch bei uns nach­ge­wie­sen zu ha­ben, im Selbst­ver­such (Sci­ence 352, S. 1509; „ Pres­se am Sonn­tag“, 3. 7. 2016). Mit die­sem Sinn ori­en­tie­ren sich Tie­re, die weit wan­dern – Zug­vö­gel, Mee­res­schild­krö­ten –, aber auch Rin­der und Hir­sche, sie rich­ten sich beim Äsen und Schla­fen nach Nor­den aus.

War­um ist völ­lig rät­sel­haft, an­de­re Spe­zia­li­sie­run­gen fin­den leich­te­re Er­klä­run­gen in der Le­bens­welt und -wei­se: Fische et­wa müs­sen die Be­we­gung des Was­sers ken­nen und ih­re ei­ge­ne dar­in, sie tun es mit Här­chen, die längs über den Kör­per ge­reiht sind. Mit de­nen neh­men sie auch wahr, wie von ih­nen selbst be­weg­tes Was­ser re­flek­tiert wird, wenn es auf Hin­der­nis­se prallt. Es ist das glei­che Prin­zip wie das der Echo­lo­ka­ti­on, die Wa­le und Fle­der­mäu­se un­ab­hän­gig von­ein­an­der für ih­re dunk­len Wel­ten ent­wi­ckelt ha­ben.

Auch sonst wird ge­mes­sen, was sich mes­sen lässt: Haie ha­ben ei­nen Sinn für Elek­tri­zi­tät, Zit­ter­aa­le und Ro­chen ha­ben ihn gar zur Jagd­waf­fe aus­ge­baut. An­de­re Jä­ger ha­ben ein Ge­spür für Tem­pe­ra­tu­ren: Im Maul man­cher Schlan­gen sitzt ein Or­gan, das ver­rät, wo warm­blü­ti­ge Beu­te ist. Vam­pir-Fle­der­mäu­se, die mit Recht so hei­ßen, ha­ben auch ei­nes, in der Na­se, es lei­tet sie bei de­nen, de­nen sie Blut ab­zap­fen – Rin­dern et­wa – zu den er­gie­bigs­ten Ge­fä­ßen. Und so wei­ter: Noch ein Blut­sau­ger, der Mos­ki­to, ist dem CO2 in der Atem­luft hin­ter­her. Und mil­de­re ge­flü­gel­te Pla­ge­geis­ter kön­nen die Feuch­tig­keit der Luft mes­sen, man ver­mu­tet es schon lang, An­ders En­jin (Lund) hat den Sinn ge­ra­de an Frucht­flie­gen iden­ti­fi­ziert (Cur­rent Bio­lo­gy 26, S. 1352).

Da ste­hen wir ärm­lich da mit den fünf Sin­nen, de­rer wir uns be­wusst sind. Und selbst von ih­nen mer­ken wir oft nichts: Sie sind auch in Re­gio­nen tä­tig, von de­nen wir nichts ah­nen, in Blut­ge­fä­ßen et­wa. Die re­agie­ren auf Licht, das be­merk­te Gaut­am Sic­ca 2012 an der Johns Hop­kins Uni­ver­si­ty (Pnas 111, S. 17977). Dort hat­te man ei­ne neue Be­leuch­tung ein­ge­baut, die nur dann ak­tiv wird, wenn je­mand durch die Flu­re schrei­tet. Sic­ca tat es, mit prä­pa­rier­ten Blut­ge­fä­ßen in den Hän­den und Ap­pa­ra­tu­ren dar­an, die vie­ler­lei ma­ßen, auch den Blut­druck. Der sank, wenn das Licht an­ging, „Pho­tore­la­xa­ti­on“heißt das, man hat es schon 50 Jah­re frü­her be­merkt, aber den Kopf dar­über ge­schüt­telt, weil es im Kör­per ja kein Licht gibt – oder doch?

Was es durch­aus gibt, sind Ge­rü­che und Ge­schmä­cker – und Sen­so­ren al­ler­or­ten. Die für Ge­rü­che hel­fen et­wa Sper­mi­en auf dem Weg zu ih­rem Ziel, Hans Hatt (Bochum) ist es auf­ge­fal­len, er fand auch ei­nen syn­the­ti­schen Duft­stoff, auf den Sper­mi­en an­spre­chen – den von Mai­glöck­chen –, der Ori­gi­nal­duft von Ei­zel­len ist un­be­kannt (Sci­ence 299, S. 2054). Auch an­de­re Zel­len wan­dern, von Düf­ten ge­lei­tet, die der Haut fin­den so ra­scher zu Wun­den. Wel­cher Duft in der Rea­li­tät lockt – im La­bor ist es der von San­del­holz –, weiß man wie­der nicht, er könn­te der Me­di­zin hel­fen.

Das könn­ten auch Ge­schmacks­sen­so­ren, sie su­chen kei­ne Zie­le, son­dern wit­tern Ge­fahr. Das tun sie et­wa in den Atem­we­gen, in der Na­se ar­bei­ten gleich zwei im Ver­bund: Die ei­nen ach­ten auf Sü­ßes, dau­ernd. Ist da­von plötz­lich we­ni­ger in der Luft, kann das an Bak­te­ri­en lie­gen, die sich von Zu­cker näh­ren. Zur Klä­rung wer­den De­tek­to­ren für Bit­te­res ak­ti­viert, die er­schme­cken Bak­te­ri­en di­rekt und alar­mie­ren das Im­mun­sys­tem (Jour­nal of Cli­ni­cal In­ves­ti­ga­ti­on 124, S. 1393). Auch im Darm sit­zen Ge­schmacks­wäch­ter, dort ist bei Wa­ter­man et­was schief­ge­lau­fen, er lei­det heu­te noch: Ko­or­di­nier­te Be­we­gun­gen wie das He­ben ei­ner Kaf­fee­tas­se hat er müh­sam wie­der er­lernt, er braucht da­zu aber die Au­gen, im Dun­keln ist er hilf­los.

Un­ser sechs­ter Sinn in­for­miert uns über die La­ge und Be­we­gung der Kör­per­tei­le. Sper­mi­en fol­gen ei­nem Duft, Ge­schmacks­sen­so­ren in der Na­se wit­tern Bak­te­ri­en­gefahr.

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