Das Kla­ge­lied der Whist­leb­lo­wer

Ju­lia und Wi­ta­li Ste­pa­no­wa sind Whist­leb­lo­wer, sie ris­kier­ten ihr Le­ben, um ei­nen Skan­dal auf­zu­de­cken. Nur, der Dank des Sys­tems bleibt – wie in vie­len an­de­ren Fäl­len auch – zu­meist aus.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON JENS WEINREICH

Die schöns­te Ne­ben­sa­che der Welt soll Sport sein, heißt es. Doch manch­mal geht es um Le­ben und Tod. Zum Bei­spiel für Ju­lia Ste­pa­no­wa: Die Mit­tel­stre­cken­läu­fe­rin, de­ren Aus­sa­gen das Staats­do­ping­sys­tem in Russ­land ins Wan­ken ge­bracht ha­ben, hat mehr­fach er­klärt, ein At­ten­tat zu fürch­ten. „Wenn mir et­was pas­siert, mei­ner Fa­mi­lie, dann wisst ihr, dass das kein Zu­fall war und wer da­für ver­ant­wort­lich ist“, sag­te sie auf ei­ner Vi­deo­kon­fe­renz wäh­rend der Som­mer­spie­le in Rio de Janei­ro. Ste­pa­no­wa und ihr Mann ris­kier­ten Leib und Le­ben, sie sind vor zwei Jah­ren ins Aus­land ge­flüch­tet.

Ju­lia und Wi­ta­li Ste­pa­no­wa sind klas­si­sche Whist­leb­lo­wer, die mit Wis­sen, Do­ku­men­ten und Er­fah­run­gen mit­hel­fen, Skan­da­le auf­zu­de­cken. Im Hoch­leis­tungs­sport, der welt­weit von kri­mi­nel­len Ak­ti­vi­tä­ten ver­seucht ist, in dem Kor­rup­ti­on, Dro­gen­han­del, Geld­wä­sche und Do­ping an der Ta­ges­ord­nung sind, kann oh­ne die Mit­wir­kung von Whist­leb­lo­wern kaum ei­ne um­fas­sen­de Auf­klä­rung er­fol­gen. Es sind manch­mal die klei­nen Hin­wei­se, die In­ves­ti­ga­ti­vjour­na­lis­ten und Kri­mi­na­lis­ten wei­ter­brin­gen. Eher sel­ten sind es so spek­ta­ku­lä­re Fäl­le wie der von Ste­pa­no­wa. Sie müss­te je­de er­denk­li­che Hil­fe er­hal­ten, mit Prei­sen über­häuft wer­den. Die tra­gi­sche Wahr­heit aber ist: Whist­leb­lo­wer wie sie gel­ten als Ver­rä­ter und wer­den be­kämpft. Nur lee­re Ver­spre­chen. Ob­wohl olym­pi­sche Sport­ver­bän­de und das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee in­zwi­schen „Hot­li­nes“ein­ge­rich­tet ha­ben und in ih­rem Re­gel­werk je­nen, die et­wa über Do­ping-Netz­wer­ke au­s­pa­cken, Straf­min­de­run­gen ver­spre­chen, ge­schieht zu­meist gar nichts bis we­nig.

Der­lei Re­geln ver­kau­fen Sport­kon­zer­ne wie das IOC oder der Fuß­ball­welt­ver­band Fifa als ver­meint­li­ches Re­form­werk. In der Pra­xis sieht das an- ders aus. Das IOC hat Ste­pa­no­wa, die ih­re Do­ping­sper­re schon vor Jah­ren ab­ge­ses­sen hat­te, für ei­ne Teil­nah­me in Rio ge­sperrt. Je­ne Frau, die gi­gan­ti­schen Mut und Be­harr­lich­keit be­wies, um die Welt über Russ­lands Staats­do­ping auf­zu­klä­ren, wur­de vom IOC als ethisch un­ge­eig­net ge­sperrt, ob­wohl Wel­tan­ti­do­ping­agen­tur (Wada) und Leicht­ath­le­tik­ver­band (IAAF) ihr den Start ver­spra­chen; als Dank . . .

Wo­chen spä­ter, nach­dem die Ste­pa­nows öf­fent­lich ih­re Angst vor An­schlä­gen be­kun­det hat­ten, sag­te IOCPrä­si­dent Tho­mas Bach: „Wir sind nicht ver­ant­wort­lich für die Ge­fah­ren, de­nen Frau Ste­pa­no­wa aus­ge­setzt sein mag.“Gleich­zei­tig ver­brei­ten Bach und sei­ne Ver­bün­de­ten of­fen­bar auch Un­wahr­hei­ten. So be­haup­ten sie, die Rus­sin ha­be erst aus­ge­packt, nach­dem sie we­gen Do­pings ge­sperrt wur­de. Das stimmt nicht, die Ste­pa­nows ha­ben – nach­weis­lich – schon lan­ge vor­her den Kon­takt zur Wel­tan­ti­do­ping­agen­tur und da­mit zum IOC auf­ge­nom­men. Die Ste­pa­nows sa­gen: „Tho­mas Bach und das IOC ha­ben sich nie für uns in­ter­es­siert, sie ha­ben sich nie für die Hin­ter­grün­de in­ter­es­siert.“ Schwei­gen ist Gold. Ex-Rad­pro­fi Jörg Jak­sche, der vor ei­nem Jahr­zehnt ein um­fas­sen­des Do­ping­ge­ständ­nis ab­leg­te, mach­te ähn­li­che Er­fah­run­gen. Er er­in­ner­te sich kürz­lich im „Köl­ner Stadt-An­zei­ger“an ein Ge­spräch mit Tho­mas Bach, der ihm sag­te: „Al­so Herr Jak­sche, was Sie da er­zäh­len, das reicht mir nicht.“Des­halb, so Jak­sche, ha­be er ge­wusst, wie das im Fall Ste­pa­no­wa aus­ge­hen wür­de. „Es ist schwer, ge­gen so ein ein­ge­fah­re­nes Sys­tem an­zu­kämp­fen, in dem es an­de­re Spiel­re­geln gibt“, sagt Jak­sche. „Wenn ich da­mals mei­ne Klap­pe ge­hal­ten hät­te, so wie vie­le an­de­re, wä­re ich mit zwei Jah­ren Sper­re be­straft wor­den, aber ich hät­te nicht ge­gen die Ethik des Rad­sports ver­sto­ßen. Ich hät­te zu­rück­kom­men kön­nen, wie­der ein Ein­kom­men ge­habt. So ha­be ich al­les ver­lo­ren.“

Noch schlim­mer er­ging es dem Ar­gen­ti­ni­er Ma­rio Goi­j­man. Sein Schick­sal er­fuhr an die­sem Wo­che­n­en­de ei­ne tra­gi­sche Zu­spit­zung: Goi­j­man, der ent­hüll­te, wie Ru­ben´ Acos­ta, der ehe- ma­li­ge Prä­si­dent des Vol­ley­ball-Welt­ver­ban­des FIVB, min­des­tens 33 Mil­lio­nen Dol­lar ab­zweig­te, droht in sei­ner Ver­zweif­lung mit Selbst­mord. Ei­ner der wich­tigs­ten Whist­leb­lo­wer in der His­to­rie des Sports hat in sei­nem 15 Jah­re wäh­ren­den Kampf sei­ne Ge­sund­heit ge­op­fert, er hat Frau, Fa­mi­lie und sein Ver­mö­gen ver­lo­ren. Er hat al­les ris­kiert – und wur­de nur be­straft. Rui­niert, ge­äch­tet – al­lein. Kürz­lich muss­te Goi­j­man sein Haus ver­las­sen, es wird ver­stei­gert. Als Chef­or­ga­ni­sa­tor der Vol­ley­ball-WM 2002 in Ar­gen­ti­ni­en bürg­te er persönlich für das De­fi­zit von rund ei­ner Mil­li­on Dol­lar, wäh­rend sich Acos­ta be­rei­chert ha­ben soll. Goi­j­man ent­hüll­te fort­an das Sys­tem, aber Alt­schul­den und Ge­richts­kos­ten trie-

Sie müss­ten ei­gent­lich Prei­se er­hal­ten, ern­ten je­doch nur Un­dank. Sie sind nun Ver­rä­ter. Goi­j­man: »Ich bin am En­de, ma­che mei­nem Le­ben ein En­de – ich kann nicht mehr.«

ben ihn in den Ru­in. „Ich bin am En­de, ich ma­che mei­nem Le­ben ein En­de, ich kann nicht mehr“, schrieb er.

Auf Druck ei­ni­ger Me­dien­be­rich­te er­klär­te sich die neue FIVB-Füh­rung ver­gan­ge­ne Wo­che am Ran­de ei­nes Kon­gres­ses in Bu­e­nos Ai­res zu ei­nem Ge­spräch mit Goi­j­man be­reit. „Ich will kei­ne Be­loh­nung da­für, dass ich Whist­leb­lo­wer wur­de und ei­nen Skan­dal auf­ge­klärt ha­be“, sagt er, „ich möch­te nur kei­ne Schul­den mehr ha­ben, ein Le­ben füh­ren, das die­sen Be­griff ver­dient.“Die At­mo­sphä­re ist an­ge­spannt. Ver­gan­ge­nen Don­ners­tag schrieb FIVBGe­ne­ral­di­rek­tor Fa­bio Aze­ve­do ei­nen Brief, den Goi­j­man als Ab­sa­ge jeg­li­cher Hil­fe in­ter­pre­tier­te und mit wü­ten­den Atta­cken be­ant­wor­te­te. Doch Aze­ve­do woll­te of­fen­bar nur klar­ma­chen, dass die jet­zi­ge FIVB-Füh­rung nach so vie­len Jah­ren ju­ris­tisch nicht in der Pflicht sei, ihn zu un­ter­stüt­zen. Ju­ris­tisch nicht – mo­ra­lisch al­le­mal. Goi­j­man ent­schul­dig­te sich in­zwi­schen.

Die Dräh­te zwi­schen Lausanne, Haupt­sitz der FIVB, und Goi­j­man in Bu­e­nos Ai­res glü­hen. Al­les ist mög­lich. Es geht um ei­nen ehr­ba­ren Le­bens­abend. Oder ein schlim­mes En­de.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.