Ma­schi­nen­raum

VOL­LE KRAFT VOR­AUS DURCH DIE TECHNIKWELT

Die Presse am Sonntag - - Spielzeug -

Frü­her war al­les ein­fa­cher. Schein­bar zu­min­dest. Ein Au­to war ein Au­to war ein Au­to – und es wur­de als greif­ba­re, fahr­ba­re, letzt­lich weit­hin leist­ba­re Ein­lö­sung des Fort­schritts- und Frei­heits­ver­spre­chens wahr­ge­nom­men. So­zia­ler Auf­stieg ma­te­ria­li­sier­te sich nicht nur, aber auch als mo­to­ri­sier­ter Hau­fen Blech. Ein Mer­ce­des galt als be­son­de­rer Aus­weis fi­nan­zi­el­ler und sons­ti­ger Po­tenz. Be­ken­nen­der­wei­se be­saß ich, es ist gar nicht so lang her, ei­nen Mer­ce­des-Benz der Bau­rei­he W123. Es war ei­ne 230er-Li­mou­si­ne in Lind­grün, die sich wie ein Do­n­au­schlepp­kahn fuhr und Ben­zin soff, als hät­te ihr Her­stel­ler nie et­was von der Öl­kri­se der Sieb­zi­ger­jah­re ge­hört. Der Ki­lo­me­ter­stand war er­staun­lich nied­rig, weil der Vor­be­sit­zer da­mit qua­si im­mer nur zum Jah­res­ser­vice in die Werk­statt roll­te, der Wa­gen sonst aber in der Ge­gend her­um­stand. Ein wirk­li­ches Old­ti­mer-Lieb­ha­ber-Ex­em­plar. Nach­hal­tig­keit pur. Ich ha­be es trotz­dem ver­kauft, mit Ge­winn – ich nen­ne nun mal kei­ne Dat­scha mit Rie­sen­tief­ga­ra­ge mein ei­gen. Auch weil bei je­dem Zwi­schen­stopp, vor al­lem auf dem Land, die Kauf­an­ge­bo­te mit An­mer­kun­gen wie „Ans der letzt’n guat’n Au­tos!“nur so durch das Vor­der­fens­ter schnei­ten. Was ist nun an­no 2016 ein gu­tes, ver­nünf­ti­ges Ve­hi­kel? Ei­nes, das un­se­ren im Ver­gleich zu je­ner Hoch­blü­te der Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung durch Tech­nik heu­te weit kri­ti­sche­ren Zeit­geist im Hin­ter­kopf hat, auf die Vor­zü­ge des mo­to­ri­sier­ten In­di­vi­du­al­ver­kehrs aber nicht ver­zich­ten mag. Im Som­mer fuhr ich al­so im Rah­men ei­ner klei­nen Te­st­rei­he ei­nen ak­tu­el­len Mer­ce­des: ei­ne E-Klas­se-Li­mou­si­ne. Ei­gent­lich woll­te ich das brand­neue Kom­bi-Mo­dell T (weil vor­der­grün­dig ge­räu­mi­ger und mit­hin ver­nünf­ti­ger), aber die E-Klas­se ist durch die Bank der Ur­me­ter lu­xu­riö­ser Ba­sis­fort­be­we­gung. Und sie re­prä­sen­tiert den Stand der Tech­nik. Dach­te ich zu­min­dest. Bis vor we­ni­gen Ta­gen. Sie ha­ben es auch ge­le­sen: Deutsch­land will ab 2030 kei­ne Au­tos mit Ben­zin- oder Die­sel­mo­to­ren mehr neu zu­las­sen. So­wohl SPD- als auch uni­ons­re­gier­te Bun­des­län­der be­für­wor­ten ein Ver­bot für nicht emis­si­ons­freie An­triebs­tech­no­lo­gi­en. Die Grü­nen sind so­wie­so d’ac­cord, nur die Ge­werk­schaf­ten (Ge­ne­ra­lar­gu­ment: Ar­beits­plät­ze!) und Mer­ce­des-Chef Zet­sche sind vor­erst da­ge­gen. Ös­ter­reich wird, egal, was Pro­vinz­po­li­ti­ker heu­te ver­kün­den, mit­zie­hen. Ich wer­de al­so mei­ne Ko­lum­ne zur E-Klas­se noch­mals über­den­ken. Un­ter dem strik­ten Im­pe­ra­tiv der Zu­kunfts­taug­lich­keit. Die Ge­gen­wart ist per­du!

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